Die Angst der Linken vorm Gegenargument

6. November 2018, von Dushan Wegner; Collage: der Autor, aus Fotos von Ricardo Gomez Angel und Eugenio Mazzone
Eine Spiegel-Autorin weigert sich, in einer Buchhandlung aufzutreten, weil da Bücher verkauft werden, die offenkundig linke Ideen in Frage stellen. Was sagt es über Linke (und linke Ideologie) aus, wenn sie panische Angst vorm Gegenargument haben?
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Es hatte über sechs Jahrzehnte gedauert. 1784 erhielt Joseph Bramah das Patent für das nach ihm benannte Bramah-Schloss. Er eröffnete ein Geschäft in London auf der berühmten Piccadilly-Straße. Im Schaufenster hing jahrelang das Challenge Lock (etwa: Herausforderungs-Schloss) und wer das Schloss knacken würde, dem wurden 200 Guineen versprochen (britische Goldmünzen).

Erst 1851 gelang es dem Schloss-Verkäufer Alfred Charles Hobbs, das Bramah-Schloss zu knacken. Es hört sich wie eine Hollywood-Geschichte aus besseren Tagen an: Hobbs erhielt auch tatsächlich die 200 Guineen und gründete damit eine eigene Schlossfirma, in London, obwohl er Amerikaner war. 1862 bekam er aber wohl Heimweh, verkaufte seine Firma und kehrte nach Amerika zurück.

Engagierte Schurken

Hobbs war nicht nur ein echtes Talent im Knacken von Schlössern ohne sie zu beschädigen (»Lockpicking«), er publizierte seine Ergebnisse auch, und das brachte ihm nicht nur Bewunderung ein. Man warf Hobbs vor, in Publikationen wie »Locks and Safes: The Construction of Locks« (derzeit 437 Euro bei Amazon oder gratis online bei Google Books) erklärte er allen, die es wissen wollten, wie Schlösser funktionieren – und wie sie zu knacken sind.

Als Hobbs gefragt wurde, ob er mit seinen Publikationen nicht den Verbrechern zuarbeite, soll Hobbs erklärt haben (meine Übersetzung): »Die Schurken sind sehr engagiert, und sie wissen bereits viel mehr als wir ihnen beibringen können.« (Quelle z.B. nytimes.com)

Das Prinzip hinter Hobbs‘ Offenlegungen nennt man heute: »There is no security through obscurity.« – frei übersetzt: Es steckt keine Sicherheit in Unklarheit (oder: Obskurität, Unverständlichkeit, Dunkelheit).

Es bedeutet: Ein System, dessen Sicherheit vor allem auf dem Unwissen der Öffentlichkeit über seine Mechanik beruht, ist eben nicht wirklich sicher. Dasselbe Prinzip wird heute, Jahrhunderte später, in der Entwicklung sicherer Software-Verschlüsselung verwendet. Verschlüsselungs-Softwares (Lifehacker.com listet eine interessante Auswahl) sind häufig Open Source, das heißt (unter anderem), dass jeder die innere Mechanik ihres Codes einsehen und überprüfen kann.

Im ersten Moment kann Transparenz und Offenheit natürlich Schwachstellen offenlegen, doch genau dadurch wird auch die Sicherheit deutlich verbessert. Hobbs‘ Offenlegungen zwangen die Schlosshersteller, ihre Technik zu verbessern. Wenn Software-Code offengelegt wird (und er irgendwen interessiert), werden findige Geister schnell seine Schwachstellen finden – und die Programmierer werden (hoffentlich) seine Schwachstellen schließen. In Obskurität ist höchstens ein ganz klein wenig Sicherheit, viel mehr Sicherheit liegt langfristig in Offenheit – aber immer nur wenn sie mit dem Willen verbunden ist, offengelegte Schwächen anzuerkennen, um sie dann schnell und gründlich zu reparieren!

Böse Bücher

Vor einiger Zeit strich Der Spiegel ein Buch aus seiner bekannten Bestsellerliste. Finis Germania aus dem Antaios-Verlag. Wie es in Deutschland schon einmal Mode war, schlossen sich schnell Buchhändler dem Boykott an, nach Internet-Berichten zum Beispiel einige Filialen der Thalia-Kette und viele kleinere Buchhändler. Wer in Deutschland in eine gewöhnliche Buchhandlung geht, der erwartet gar nicht mehr, eine repräsentative Auswahl der sich in Büchern manifestierenden Debattenlage vorzufinden. Sicher, viele Buchhandlungen haben einige Bücher der »bösen Rechten« ausliegen, doch es sind meist nur einige der Bestseller, die via Internet bekannt wurden.

Wir haben die Berichte von den letzten beiden Buchmessen gelesen, und wie versucht wurde, gegen Abweichler zu agitieren (siehe z.B. faz.net, 15.10.2017) und sie nächstes Jahr dann ins Messe-Abseits zu schieben (siehe z.B. faz.net, 11.10.2018); es klingt wie eine Vorstufe zum totalen Verbot, wie ein letzter Warnschuss – und soll wohl auch so klingen.

Letzte Woche berichtete mir eine Leserin von ihrem Erlebnis in einer Buchhandlung, die ich selbst kenne. Ich möchte die Buchhandlung hier nicht nennen, da ich sie als Opfer sehe, nicht als Täter. Laut der Leserin wollte sie gerade einen netten Roman kaufen, da stürmt eine junge Dame an den Schalter und schimpfte, warum die Buchhandlung denn »rechtsradikale Bücher« führe. Die Verkäuferin war verdutzt. Es ging um das Buch »Destabilisierung Deutschlands« aus dem Kopp-Verlag, berichtet die Leserin; es wurde gleich aus der Auslage genommen und stattdessen das neue Buch eines angesagten Grünen Machos in die Auslage gelegt.

Linksgrüne ähneln immer mehr politischen Zombies, wie Automatons auf der Suche nach Hirn, roboterhaft linke Phrasen nachplappernd, und sie werden nicht ruhen, bis sie auch das letzte Hirn gefressen und den letzten Freidenker in einen der ihren verwandelt haben.

Denkende Linke, es gibt sie

In »Wie Gaffer beim Logikunfall« habe ich die Arbeit der Spiegel-Autorin Margarete Stokowski vorgestellt und ihre Texte als »Fluss aus netzfeministischem Hassvokabular ohne Hand, Fuß und einigem anderen« beschrieben. Ähnlich wie die Texte einer Mely Kiyak bei der Zeit oder einer Sibel Schick bei der TAZ wird von den jeweiligen Redaktionen die gesellschaftliche Beißhemmung gegenüber einer a) Frau mit b) Migrationshintergrund ausgenutzt. Es wird (oft) trivialer Unsinn geschrieben, ein Potpourri aus den vertrockneten Blütenblättchen linksfeministischer Bitterkeit, ohne alle Reflektion oder irgendeine erkennbare Argumentstruktur, was zwar die Debatte insgesamt in die Gosse zieht, doch als toxische Weiblichkeit durchaus Klicks einbringt.

Die vom Spiegel als Klickmarke aufgebaute Stokowski sollte jüngst in einer Münchner Buchhandlung eine Lesung geben (sie veröffentlicht bei Rowohlt). Als Stokowski erfuhr, dass es in einer sich selbst als »linksliberale« bezeichnenden Buchhandlung auch ein Regal mit für anständige Linke »verbotenen« Büchern gibt, weigerte sie sich, dort aufzutreten. Fürchten Linke, »beschmutzt« zu werden von Gedanken, die sich auch nur als Druckwerk in ihrer körperlichen Nähe befinden? Ist Papier »verflucht«, wenn darauf ein Gedanke notiert ist, der gar nicht erst in linke Schablonen passen will? (Sie können sich selbst in die Details einlesen: Statement der Buchhandlung ist bei Facebook, Statement der Feministin ist bei Rowohlt und das darauf wieder reagierende Interview mit dem Buchhändler bei der Süddeutschen ist besonders lesenswert! Es gibt tatsächlich noch denkende Linke, wie selten sie auch sind, und einer davon ist Buchhändler in München.)

Das Problem

Es fiel sogar überzeugten Linken als etwas wacklig argumentiert auf, als die vom Staat mit vielen Millionen verwöhnte Stiftung der Ex-Stasi Kahane zwar »gegen Rechts« agitierte, stets thesenstark und wortmutig, auf der Buchmesse 2017 dann aber offensichtlich zu feige war, sich der offenen Debatte zu stellen.

Erlauben Sie mir eine neue Theorie zur linken Angst vor nicht-linken Argumenten: Linke versuchen, ihre Argumente via »Obscurity« abzusichern.

Wenn Linken wirklich daran gelegen wäre, ihr Weltbild auf Argumenten aufzubauen, die 1. die Realität adäquat abbilden und 2. im Diskurs getestet und geschärft wurden, dann würden sie sich nicht so panisch vor Gegenargumenten fürchten.

Eine ganze Armee von NGOs widmet sich der Aufgabe, Gegenargumente zu linken Glaubenssätzen in der öffentlichen Debatte gar nicht erst zuzulassen. Linke Vereine wie die Amadeu Antonio Stiftung und der Börsenverein des deutschen Buchhandels versuchen auf verschiedene Weisen, Kritik an linkem Dogma ganz zu unterbinden oder zumindest buchstäblich an den Rand von Debatte und Geschehen abzuschieben.

Durch ihre Absage einer Lesung in der Nähe abweichlerischer Gedanken übt die vom Spiegel gehypte Linksaktivistin einen nicht-wirklich-sanften ökonomischen Druck auf Buchhandlungen aus (man nennt es heute »Zeichen setzen«): Wer mitspielen will im großen linksgrünen Medienbusiness, muss Abweichler aus der großen Debatte aussortieren.

Linke versuchen sich im argumentativen Gegenstück zur Security-through-Obscurity: »Wenn wir gar nicht erst Gegenargumente hören, wenn sie nicht einmal in unserer Nähe auf Papier stehen dürfen, dann können wir weiter so tun, als seien unsere eigenen Ansichten sicher, kohärent und richtig.«

Des Gegenstandes würdig

Zukunft und Überleben des europäischen Westens ist alles andere als sicher. Länder wie China sind Konkurrenten und Investoren, aber nicht Feinde. Russland spielt mit Europa wie ein Kind mit dem Hund des Nachbarn und südlich von Europa sieht man im Norden vor allem einen großen Geldautomaten, dessen Geheimnummern derzeit als UN-Migrationspakt ganz offiziell veröffentlicht werden.

Europas gefährlichster Gegner ist der eigene linke Irrsinn, die linken Thesen, der moralverbrämte Suizidalismus.

In der Einleitung zu Locks and Safes schrieb Hobbs:

»Wenn ein gesicherter Raum, Gold und Silber enthaltend, Banknoten und Dokumente, Bücher und Papiere – wenn solch ein Raum notwendigerweise vorm Eindringen gesichert wird, dann wird es nicht minder notwendig, dass der Schutzschild nicht weniger seines Namens würdig ist, verlässlich und zuverlässig.« (Locks and Safes, S. 2, meine Übersetzung)

Die Zukunft der Gesellschaft und aller westlichen Errungenschaften, ist sie nicht wichtiger und wertvoller als Gold und Silber?

Europa formt seine Zukunft auch und wesentlich nach linken Thesen und Hoffnungen – es ist hochgefährlich, dass es Linken effektiv gelingt, die Hinterfragung ihrer Thesen zu verhindern.

Die Situation in Europa ist: Alles, wofür Linke stehen, erweist sich täglich neu als tödlich falsch – doch Linken gelingt es durch Populismus und gewiefte Propagandapolitik, die Überprüfung ihrer Thesen zu verhindern.

Nachdem Hobbs veröffentlichte, wie Schlösser funktionieren und welche Schwächen sie haben, wurden Schlösser industrieübergreifend besser.

Die Bücher, vor denen sich Linke fürchten, überprüfen die Thesen der Linken; die Linke fürchtet sich vor kritischen Büchern, wie ein Schlosshersteller sich vor dem Schlossüberprüfer fürchtet, vor allem wenn tägliche Einbrüche nahelegen, dass mit den Schlössern irgendetwas grundlegend nicht stimmt.

Versöhnung auf dem Königsplatz

Ich mag nicht, wenn Autoren und Buchhändler sich zerstreiten. Ich würde mir wünschen, dass die Spiegelschreiberin und der Buchhändler sich verstehen, doch einer von beiden wird nachgeben müssen.

Vielleicht gibt ja Frau S. nach und beschäftigt sich selbst mit den Gegenthesen zu ihren Gefühlen. Aus aller Erfahrung habe ich Zweifel, dass dies passieren wird – du wirst keinen Spiegel-Kolumnisten vom Nachdenken überzeugen, wenn seine Klicks davon abhängen, es nicht zu tun.

Nach der bekannten Regel, wonach der Klügere nachgibt, sehe ich eben ein Nachgeben seitens des Buchhändlers voraus. Ich schlage vor, dass sich Frau S. und der Buchhändler treffen, und ein »Zeichen setzen«, gegen den »Hass«. Zum Beispiel auf dem Münchner Königsplatz. Es ist nur eine halbe Stunde zu Fuß, doch natürlich etwas mehr, wenn man verbotene Bücher und brennende Fackeln mit sich trägt.

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