Menschenrecht auf Langeweile

Ich möchte nicht von Außerirdischen gejagt werden und ich möchte kein Gangstersyndikat von innen sprengen. Ich habe kein Bedürfnis, im Auftrag Ihrer Majestät mit dem Motorrad über Istanbuls Dächer zu fahren. Ich werde durchaus zufrieden sein, wenn mich ein Leben lang weder Vögel noch Zombies attackieren.

Aufregung ist reizvoll in Filmen und Büchern. Im realen Leben – das gebe ich gerne zu – versuche ich solche Aufregung zu vermeiden. Dauernde Aufregung im richtigen Leben macht dumm – Man kommt weder zum Lesen noch zum Denken.

Sehr langweilig?!

Jüngst ließ sich eine Politikerin zitieren, ohne eine bestimmte Religion wäre es »sehr langweilig«, wenn »wir es nur mit uns zu tun hätten«. (Ja, genau die, die Sie vermuten.)

Einmal abgesehen vom merkwürdigen »wir« (wen meint sie?!): Es war die wohl schlechteste Werbung für eine Religion oder Kultur, die ich je gehört habe. Ich wünsche mir von einer Religion neue Einsichten über die Welt und mich, ich wünsche mir Rituale, die mich in Harmonie mit dem großen Ganzen bringen, ich bin interessiert an Ansätzen, wie ich das Leid überwinden kann. Von außen betrachtet ist das alles sehr »langweilig«.

Ich will aber auch keine Aufregung! – Ich will keine Aufregung beim Autofahren. Ich will keine Aufregung beim Arzt und ich will keine Aufregung in der Schule bei der Elternsprechstunde. Ganz besonders will ich keine Aufregung von Religionen.

Aufregung selbst wählen

Lassen Sie mich genauer werden: Ich will keine Aufregung, die ich nicht selbst gewählt hätte.

Wenn ich surfen gehe und dabei ein paar Schlucke von der Welle nehme, ist das eine Aufregung, die ich selbst gewählt habe. – Wenn Sie mich allerdings gegen meinen Willen ins Wasser werfen, dann werde ich mich wehren!

Es gibt gute Aufregung und es gibt schlechte Aufregung. Eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe über die Dünen ist gute Aufregung. Eine Nachtwanderung allein am Kölner Ebertplatz ist schlechte Aufregung.

Rüttle meine Kreise nicht

Es gäbe sogar gute Gründe, gelangweilt sein zu wollen! Zum Beispiel: Langeweile macht kreativ! Das zeigt die Wissenschaft. – Ich sollte es aber nicht begründen müssen!

Ich finde, Langeweile ist ein Menschenrecht. Ich habe das Recht darauf, ein »langweiliges« Leben zu führen. Was Langeweile angeht, bin ich Menschenrechtsaktivist.

Langeweile macht klug. Eine Politik, die allen Ernstes weniger Langeweile fordert, ist dumm.

In diesem Sinne: Ich wünsche uns allen ein »langweiliges« Leben.


Wie ich denke

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