Lache, wenn du dich nicht zu weinen traust

10. Februar 2019, von Dushan Wegner; Bild von Kenny Luo
Frau von der Leyen lässt sich beraten, Grüne gehen auf Weltreise, Spahn beantragt 5 Millionen, um herauszufinden, wie es Frauen nach einer Abtreibung geht. Soll man über all das weinen? Frei nach einem deutschen Barden: Nein, zum Weinen reicht es nicht…
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Ich bitte Sie, liebe Leser, schon jetzt um Gnade und um Nachsicht, und zwar im Voraus, hoffentlich viele Jahre und Jahrzehnte im Voraus!

Im Alter, wenn die letzte Krippe näher als die erste steht, wenn man die Kinder in die Welt entließ und wenn man, ganz überraschend, seine längst gegangenen Eltern neu vermisst, dann, im Alter, ist es zu erwarten, dass sogar gestandene Zyniker nach höherer Macht zu suchen beginnen, nach Einem, der dem Müden über den Kopf streichelt, und sagt: Es wird alles gut, wenn du nur jetzt noch brav bist! – Doch, wo soll man eine solche Macht suchen, wenn man den Schlüssel zum Glauben verlor, oder wenn der Glaube schlicht nicht befriedigend wäre, wenn man die Zuneigung von oben schon jetzt und hier und ganz manifest erfahren wollte?

Es soll Männer geben, die ein Leben lang den Starken gaben, ihre wütende Faust im gerechten Zorn gegen die Obrigkeit schüttelten; doch dann, wenn sie alt und älter werden, mit den Altersbeschwerden, mit dem körperlichen Bedarf nach teureren Brillen (als Beispiel) und dem seelischen Bedarf nach teureren Uhren (als Beispiel), mit den neuen Bedürfnissen erwacht gelegentlich in den Alternden eine neue Freude, und diese neue Freude könnte deren öffentliches Bild stärker verzerren als selbst ein Schlaganfall oder der Gang an Krücken es könnten: Im Alter geschieht es, dass Männer die wohlmeinende Anerkennung durch die Obrigkeit zu suchen scheinen, und ich schließe nicht aus, dass es auch mir passieren könnte – des Menschen Seele ist ein dunkler Abgrund.

Lachen!

Herbert Grönemeyer sagt heute Meinungen zur Politik, und für die Meinungen, die er sagt, erhält er viel Applaus von Journalisten, von Politikern und wohl auch von Bürgern, die gern gehorsam sind.

Wenn ich sein Interview im Bayerischen Rundfunk zur Flüchtlingsdebatte (siehe br.de) richtig verstehe, dann findet der Multimillionär die Pegida-Bewegung nicht so gut. Er sagt Sätze wie »ich bin genauso Bürger von, äh, aus diesem Land wie alle anderen auch« und »Künstler sind immer dafür da, für Dinge auch zu trommeln« (bitte prüfen Sie selbst, ob ich die Fragmente jeweils richtig transkribiert habe).

Über Flüchtlinge weiß Herr Grönemeyer zu berichten, manche Ängste seien »dummes Zeug, weil die Menschen, wie damals auch die Gastarbeiter, die helfen unserem Lebensstandard. Die sitzen ja nicht nur auf der Bank rum, die wollen arbeiten«, »insofern sichern die unseren Lebensstandard …« – und so fort.

Ich will es gar nicht viel weiter kommentieren, zu groß ist mein Respekt vor seiner Lebensleistung. Die Lieder, die Grönemeyer uns gab, sie sind groß, sie sind Hymnen – was kümmert mich da sein Geschwätz von heute? (Er ist ja nicht der einzige Große, über dessen späte Mächteschmeichelei man lieber schweigen will, um die Freude am Werk nicht zu verlieren, siehe etwa spiegel.de, 30.10.2016 zu Westernhagen.)

Ich ahne ja, warum

Eine unserer liebsten Grönemeyer-Hymnen trägt den Titel »Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht«; mancher von uns hat sie an verschiedenen Stationen seines Lebens vor sich hingesungen. – »Tausend Haare in der Suppe und dein Löffel hat ein Loch«, so beginnt sie, und dann, später: »bist du innerlich längst ausgewandert – lache, wenn’s nicht zum Weinen reicht.«

Als ich heute die Nachrichten las, konnte ich nicht umhin, anzustimmen: Lache, wenn es nicht … – Nebenbei: Ein Witz aus der damaligen Tschechoslowakei:

Hast du gehört? Der KP-Generalsekretär sammelt Witze über sich. Er mag die Witze sehr gern, und die Leute, die sie erzählten, die sammelt er deshalb gleich mit.

Lache, wenn du dich nicht zu weinen traust.

Alles Profis

Frau von der Leyen ist gewiss ein echter Profi (oder heißt es Profin? Profise? – Profitierende wohl nicht, oder?), und weder Laie noch Laiin. Die Zeitung, welcher ich heute den Slogan geben würde »dahinter steckt immer ein eingeschüchterter Kopf«, diese Zeitung fragt heute etwas, und sie fragt schüchtern: »Rechneten von der Leyens Berater doppelt ab?« (faz.net, 10.2.2019) – Wir ahnen ja, warum Zeitungen manchmal ein Fragezeichen setzen. Soll ich mich nun aufregen? Soll ich weinen? – Ich lache. Die Kluft zwischen den Priestern und Profis da oben und uns Leyen, pardon: Laien hier unten, sie lässt mich lachen, auch und ganz besonders weil’s nicht zum Weinen reicht.

Große Fahrt

Kann man Steinewerfen als »Kreuzzug gegen die Macht« bezeichnen? Es würde gut passen, um eine kleine Klammer um das Leben eines stolzen Mannes zu schließen, von dem die Bild titelt: »Ex-Außenminister Joschka Fischer – Gratis-Kreuzfahrt für Talk-Auftritt« (bild.de, 9.2.2019). – Zu kritischen Informationen dazu, wieviel Schadstoffe durch Kreuzfahrtschiffe ausgestoßen werden, empfiehlt sich etwa zeit.de, 30.8.2017.

Ja, es passt, so einiges passt.

Keine Wählergruppe fliegt so viel mit dem Flugzeug wie die Wähler der Grünen – und keine Wählergruppe ist so sehr gegen das Fliegen (spiegel.de, 12.11.2014).

Das Geschäft mit der jungen Schwedin Greta Thunberg hat wohl zu sprudeln begonnen; wir lesen Berichte, wonach die Agentur »We don’t have time« inzwischen etwa 1 Million US-Dollar einnahm durch neu ausgegebene Anteile, dabei mit Gretas Namen werbend (wenn ich z.B. thegwpf.com, 9.2.2019 und taz.de, 10.2.2019 richtig verstehe, siehe aber auch z.B. @ARD_Stockholm, 10.2.2019). Die Zeitspanne von »die bösen Hetzer hetzen gegen unsere kindliche Öko-Prophetin!« zu »oh, äh, ja, also« war sogar für heutige Verhältnisse extra kompakt.

Auch in Deutschland inszeniert man unbedarft glucksende Mädchen unterschiedlicher Altersgruppen als Öko-Prinzessinnen, auf dass der Mädchencharme gar nicht erst die Gefahr aufkommen lässt, von den fröhlichen Damen etwas zweifellos Populistisches und Sexistisches wie Fachwissen zu fordern – und als wäre es Teil der Aufnahmebedingung in die Kreise der Öko-Aktivisten, fallen die Öko-Girls immer wieder mit ihren ganz besonders CO2-produzierenden Reisegewohnheiten auf, sei es Bayerns Chefgrüne und Fernurlauberin Katharina Schulze (achgut.com, 7.2.2019) oder die bei wirmoderieren.com buchbare Luisa »Not the German Greta« Neubauer – hier bei arte.tv, 7.7.2019, ndr.de, 3.12.2018 und hier bei Dunja »Haltung« Hayali, zdf.de, 6.2.2019 – auch sie scheint eine Freundin des Langstreckenflugs zu sein – auf Twitter findet sich zum Hashtag #langstreckenluisa manche Meinung dazu, ihren Instagram-Account mit vielen Fotos ihrer Weltreisen hat sie inzwischen dichtgemacht.

Es ist eine Heuchelei, dieses billige Business mit dem Umweltaktivismus, früher hätten wir es »‘ne schnelle Mark machen« geschimpft, wir hätten gelacht und wären weitergezogen, doch heute fühlt sich sogar der Generalsekretär der CDU bewegt, zu all dem Quatsch auch Stellung zu beziehen (@PaulZiemiak, 9.2.2019).

Die Grünen derweil? In Umfragen erreichen sie immer wieder Höchstwerte, jetzt etwa in Bayern (welt.de, 9.1.2019). Bullshit sells. – Sollen wir weinen? Nein. Dazu reicht es nicht – lachen wir!

Etc. pp.

Und sonst so? Der Herr Gesundheitsminister Spahn hat jetzt 5 Millionen Euro beantragt und genehmigt bekommen, um zu erforschen, wie es Frauen nach so einer Abtreibung geht. (spiegel.de, 10.2.2019) – Na, wie wird es ihnen gehen? Sie haben etwas aus der Welt gebracht, was Monate später einen Namen getragen hätte, über das man »meine Tochter« oder »mein Sohn« hätte sagen können; es geht den Frauen dreckig und sie werden ihr Leben lang dran zu beißen haben – um das zu erforschen werden 5 Millionen ausgegeben; das Weinen will kaum noch gelingen, doch auch das Lachen wird bitter.

Ach, ja: EU. – Die EU hat derzeit nicht das allerstrahlendste Image, und sie fährt eine merkwürdige Strategie, irrlichternd auftretendes Personal als Gipfelkreuze auf die Brüsseler Gebirgskette zu stellen. EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger bezeichnete jüngst den stellvertretenden italienischen Ministerpräsidenten Matteo Salvini als einen »Drecksack vom Feinsten« (mainpost.de, 5./9.2.2019) – das wird die wankelmütigen Herzen gewiss für den Brüsseler Apparat gewinnen.

Nein, weinen muss hier nicht sein, über solches Benehmen darf man lachen – nur pass auf, dass sie dich nicht fürs Weinen oder fürs Lachen einen Drecksack nennen!

Nur einen Tritt

»Du tust jedem jeden Gefallen, bist bescheiden und bemüht«, sang Grönemeyer im Lied vom Lachen und vom Weinen, »du wirst benutzt von allen, erntest kein Danke, nur einen Tritt.« – Was für eine Ironie! Der Herr, der heute in den medialen Kampf gegen Verängstigte zieht, hat in früheren Jahren aufs I-Pünktchen genau beschrieben, was die heute Gehassten und Geschmähten empfinden. Das neue Westfernsehen fragte jüngst, ob alte CDU-Positionen plötzlich ein Fall für den Verfassungsschutz seien (nzz.ch, 1.2.2019). Man fragt sich schon, wie es kommt, dass Künstler gefühlt einst für jene sangen, gegen die sie heute anreden.

Witze – vertun wir uns da nicht – können gefährlich sein. Merkel lächelt ihr freundliches Gesicht in die Welt hinein, und »wer über das Lächeln lacht, sich als Staatsfeind verdächtig macht – schwarze Listen rotieren«, »langsam wird’s lächerlich« – so sang Grönemeyer 1986 auf dem Album Sprünge – heute würde man ihn dafür einen Verschwörungstheoretiker, Rechten oder Populisten nennen, und ins GEZ-TV käme er damit gewiss nicht. Auch für andere Lieder würden ihn manche seiner heutigen Zujubler geradezu vierteilen – »Männer kriegen keine Kinder«? Hatespeech!! – »Sein Kopf stützt sich auf sein Doppelkinn seit wann zieht’s dich zu Fetten hin?« – Ach, lassen wir das. – Es wirkt wie eine große Ironie, das alles, sicherlich, doch zum Weinen reicht es heute gerade nicht – lachen wir!

Vom Pult geweht

Sollte ich, geschätzte Leser, in den Abendstunden meines Schaffens im Trog journalistisch-politischer Einheitsmeinung nach Liebe-von-Oben wühlen, dann bitte ich Sie schon jetzt um etwas Gnade und um viel Nachsicht. Es ist ja nicht das ganze Konzert schlecht gewesen, bloß weil der Wind dem Dirigenten bei den letzten Takten die Partitur vom Pult wehte.

Nein, lassen Sie uns nicht weinen, nicht dann und nicht heute, lassen Sie uns lachen – zum Lachen muss es doch noch reichen!

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