Kultur ist wie Kuchen: wenn man die Zutaten ändert, funktioniert das Rezept nicht

Wir verstehen nicht, was passiert, wenn wir Kuchen backen. Sicher, ein Lebensmittelchemiker kann es uns erklären, doch Sie und ich wissen es nicht. Der Hobbybäcker muss die chemischen Vorgänge nicht verstehen. Wir haben ja Erfahrungswerte! Wenn wir Eier in den Teig tun, wird der Kuchen zusammenhalten. Wenn wir Hefe oder Backpulver in den Teig mischen, wird er aufgehen. Wenn wir eine Zutat vergessen oder von einer anderen zu viel nehmen, kollabiert der Kuchen oder wird zu salzig. Manchmal, seltener, passiert ein glücklicher Zufall, wie etwa wenn das Zimtglas in die Schüssel fällt, und dann haben wir etwas Neues herausgefunden, doch wild und zufällig Dinge zusammen zu mischen ist dennoch nicht ratsam. (Ich habe übrigens im Text »Die Zukunft Europas liegt im politischen Wettbewerb« die Metapher des Backens ebenfalls verwendet, für eine andere Aussage.)

Mit dem Betrieb einer Kultur ist es ähnlich wie mit dem Backen eines Kuchens. Über die Jahre haben wir im Westen fein austarierte Wege des Miteinanders entwickelt. Wir wissen, was funktioniert und wir wissen, was nicht funktioniert – uns ist allerdings nicht immer bewusst, wie und warum die vielen Zutaten einander beeinflussen.

Unsichtbare Kultur

Der Anthropologe und Ethnologe Edward T. Hall (1914 – 2009) stellt in seiner Arbeit eine Frage, deren Brisanz heute buchstäblich täglich deutlicher wird: Wie können verschiedene Kulturen miteinander kommunizieren?

In Büchern wie Beyond Culture erklärt Hall, dass es neben den sichtbaren Eigenschaften einer Kultur auch die unsichtbaren gibt.

Sichtbare Eigenschaften einer Kultur sind etwa die Sprache und die bildende Kunst, die Literatur, öffentliche Bräuche und traditionelle Speisen.

Unsichtbare Eigenschaften einer Kultur sind die »kleinen Dinge«, etwa Manieren und angenommene Machtverteilung, Verhältnis zu Eltern oder die Wahrnehmung von Zeit.

Diese Unterschiede sind nicht so esoterisch und geheimnisvoll, wie es scheinen mag. Beispiel: Falls Sie schon auf einige Lebensjahrzehnte zurückblicken können, schauen Sie doch heute einen Film, den Sie vor 20 oder mehr Jahren als super spannend und flott erzählend wahrgenommen haben. Wenn Sie auch heute noch Filme schauen, ist es gut möglich, dass Sie unangenehm überrascht sein werden, wie betulich Ihnen der Film von damals heute vorkommt. Auch unser eigenes Verhältnis zur Zeit ändert sich, innerhalb derselben Kultur.

Diese »unsichtbaren« Eigenschaften von Kultur mögen nur schwer sichtbar sein, doch ihre Auswirkungen können große Folgen haben – manche sehr positiv und manche sehr negativ.

In der Luftfahrt wird z.B. studiert, welchen Einfluss der kulturelle Hintergrund der Piloten auf die Flugsicherheit hat. (Der Wikipedia-Artikel »Impact of culture on aviation safety« bietet einen Einstieg samt Titel wissenschaftlicher Artikel dazu.)

Ein Punkt, dessen Diskussion in »linksgrüner« Debattenkultur schier unmöglich erscheint, ist die These, dass die Einstellungen zum Leben und seinem Wert nicht in allen Kulturen die gleichen sind. Individualistische und zudem säkulare Kulturen könnten einen Kultur-Förderpreis vergeben für Handlungen, für die man in anderen Kulturen hingerichtet wird. Wer von individualistischen Kulturen geprägt ist, für den könnte es unvorstellbar und damit ausgeschlossen sein, dass in einer kollektivistischen Kultur einzelne Menschen ihr Leben nicht aus blanker Not riskieren, sondern um dem Kollektiv möglicherweise einen Vorteil zu ergattern. Wenn Kulturen aufeinander treffen, die dem einzelnen Leben unterschiedlichen Wert zuschreiben (dazu könnte beitragen, dass eine davon ernsthaft ans Kollektiv und an ein Leben nach dem Tod glaubt), dann ist ja gar nichts anderes zu erwarten, als dass es scheppert.

Was hat welchen Einfluss?

Zwischen 1958 und 1961 starben in China zwischen 15 Millionen (offizielle Zahl) und 43 Millionen (Experten-Schätzung) Chinesen an Hunger. Die »Große Chinesische Hungersnot« war unter anderem die Folge von radikalen planerischen Maßnahmen der kommunistischen Zentralregierung. Zu den verheerenden Ideen gehörte unter anderem, Setzlinge drei mal so dicht zu pflanzen wie üblich um so neue Produktionsziele zu erreichen – und zwar aus ideologischen Gründen! Man übernahm die pseudowissenschaftliche Idee, dass gleiche Pflanzen einander unterstützen müssten statt sich die Nährstoffe zu rauben. In den entsprechenden Feldern blieben die Erträge teilweise ganz aus. Dieser »Lyssenkoismus« war nicht der einzige Fehler, der zur großen Hungersnot führte. Insgesamt sind diese »Drei bitteren Jahre« ein Beleg dafür, dass wenn Ideologie gegen Realität steht, immer die Realität gewinnt – und oft Menschen sterben.

Niemand weiß in allen Details und Verästelungen, welche Aspekte einer Kultur wie wirken. Im GEZ-TV redete man jüngst von einem »Experiment«, innerhalb dessen Deutschlands Demokratie umgeschnitten wird (siehe z.B. achgut.com, 21.2.2018). Das Problem dieses Experiments ist, dass keiner der »Experten« weiß, was seine Handlungen bewirken – doch aus Erfahrung weiß man, dass Menschen sterben, wenn die Großkopferten experimentieren.

Der Westen allgemein und Europa im Speziellen hatten einen Zustand erreicht, der Menschen aus der ganzen Welt motiviert, nach Europa kommen zu wollen. Die Sicherheit und der Wohlstand Europas sind untrennbar mit seiner Kultur und Geschichte verbunden. Aus Gründen, die ich nicht verstehe, versuchen nun diverse Akteure mit propagandistischer Gewalt und nicht immer ganz demokratischem Furor, diese Stabilität aufzubrechen. Sie führen einen Clash of Cultures herbei. Sie ändern die Mischung des Kuchens radikal. Sie sehen ja bereits, dass es nicht funktioniert, doch etwas treibt sie, weiterzumachen.

Ich weiß nicht, was Leute wie Merkel, Juncker oder die Leute bei ARD und ZDF treibt. Ich weiß aber, dass es schon jetzt nicht funktioniert. Diese Leute haben keine Ahnung davon, welche Zutaten dazu führten, dass es Deutschland und Europa gut ging – und es scheint, dass es ihnen egal ist.

Warum ich von Religion rede

Die gläubigen Christen unter meinen Lesern sind manchmal missmutig, wenn ich die Abwesenheit eines Gottes als selbstverständlich annehme. Ja, ich glaube, dass der Geist ein Effekt der Moleküle im Gehirn ist, und nach dem Tod ist es vorbei, und alles, was bleibt, ist das Gute wie das Böse, das wir bewirkt haben. (Manchen Menschen ist es beschert, dass ihr Geschaffenes über den Tod hinaus wirkt.)

Die Atheisten unter meinen Lesern sind manchmal missmutig, weil ich die Bibel zitiere und wesentliche Teile meines Denkens von der Bibel und einigen anderen heiligen Schriften (z.B. Dhammapada!) herleite. Christentum, Judentum und die von der Aufklärung wiederentdeckte griechische Philosophie prägten, wer wir sind. (Asiatische Philosophien setzen spätestens im 20. Jahrhundert, doch eigentlich schon im Buddhismus des Achtzehnten Jahrhunderts wichtige Akzente, Stichwort: Schopenhauer.) Europäische Kultur ohne Christentum definieren zu wollen, das erinnert doch sehr an jemanden, der keine Kraftwerke zu brauchen meint, weil sein Strom aus der Steckdose kommt.

Das Paradox der Kultur

Ich halte es für gefährlich, an einer funktionierenden gesellschaftlichen Konstellation zu »experimentieren«. Was funktioniert, funktioniert aus einem Grund – was nicht funktioniert, ebenfalls.

Großkopferte in Politik, Redaktionen und außerdemokratischen NGOs versuchen derzeit, im »Kuchen Europa« die Zutaten auszutauschen. Das Problem ist, dass selbst wenn diese Leute nicht so offensichtlich beschränkt und ideologisch blind wären, wie sie es sind, es niemanden gibt, der vorhersehen könnte, wozu der Austausch von Kulturbestandteilen führen wird.

Die Unterschiede zwischen Kulturen mögen banal und klein wirken und doch erhebliche Auswirkungen haben, ein »kultureller Schmetterlingseffekt« gewissermaßen. Denken Sie etwa an eine von vielen scheinbaren Kleinigkeiten, konkret die Rolle des Augenkontakts. In verschiedenen Kulturen hat es verschiedene Bedeutung, einem Menschen in die Augen zu schauen. Wenn Kulturen aufeinandertreffen, kann selbst ein »falscher« Augenkontakt einen Menschen ins Krankenhaus bringen.

Wir wissen nicht, was alles dazu beigetragen hat, dass es dem Westen gut ging. Laut Wittgenstein ist bekanntlich die Sprache die Grenze unserer (mit dem Wissen zu ergreifenden) Welt und für das Definieren der »unsichtbaren« Teile unserer Kultur fehlen uns die Worte.

Der erwähnte Edward T. Hall beginnt das Kapitel »Hidden Culture« des Buches Beyond Culture so (S. 57, meine Übersetzung aus dem Englischen):

Das Paradox der Kultur ist, dass Sprache, das am häufigsten zur Beschreibung von Kultur verwendete System, von Natur aus nur schlecht für diese schwierige Aufgabe geeignet ist. Sie ist zu linear, nicht verständlich genug, zu langsam, zu beschränkt, zu eingezwängt, zu unnatürlich, zu sehr ein Produkt ihrer eigenen Evolution, und zu künstlich. Das bedeutet, dass der Autor jederzeit sich der Grenzen bewusst sein muss, welche die Sprache ihm auferlegt.
Edward T. Hall, Beyond Culture, Kap. 4

Was Hall über Sprache sagt, lässt sich übers Denken insgesamt sagen. Unsere Sprache und unser Denken sind schlicht nicht dafür geschaffen worden, Kulturen als Ganzes samt aller Implikationen zu erfassen. Unsere Augen sehen nur einen Bruchteil des Lichtspektrums, unsere Ohren hören auch nicht alles, was hörbar wäre und für einige bedrohliche, aber eben neuzeitliche Phänomene wie Mikrowellen oder Radioaktivität haben wir überhaupt keinen direkten Sinn (wir merken eher die Folgen, und das manchmal erst, wenn es zu spät ist).

Wir verstehen nicht, was die Zutaten unserer Kultur alles bewirken – wir kennen sie ja überhaupt nicht alle! Doch wir wissen, dass die Zutaten zu Ergebnissen führten, die immerhin so attraktiv waren, dass Millionen von Menschen auch von genau diesem Kuchen abhaben wollen.

Die Politik von Berlin, Brüssel und NGOs hat zwei große Denkfehler.

Um in der Metapher zu bleiben, hier gleich die Widerlegung der beiden großen Denkfehler:

  1. Nein, der Kuchen ist nicht groß genug. Die Zahl der Menschen in extremer Armut weltweit beträgt derzeit laut UNO etwa 836 Millionen. Nein, es ist nicht möglich, dass jeder einzelne Deutsche mind. 10 Menschen mit ernährt und alle auf das aktuelle Level der Bundesrepublik hebt. Man wird auswählen müssen, wem man wie nach welchen Kriterien hilft. Das super-zynische Auswahlkriterium der Berliner Moral-Schickeria lautet derzeit: Deutschland hilft dem, der genug Geld und Energie hat, einen Schlepper zu bezahlen, damit dieser einen zum NGO-Schiff bringt.
  2. Wenn Menschen aus gescheiterten Ländern nach Europa kommen und wegen »Toleranz« ihren alten Kuchen nach alten Rezepten genauso wieder backen, wird auch der neue Kuchen kollabieren. Die Metapher mag niedlich klingen, doch wir reden von Bildungsferne, Gewalt und patriarchalen Systemen, die mit westlichen Werten nicht zu vereinen sind.

Der Unterschied zwischen Kuchen und Kultur: Wenn der Kuchen misslingt, schimpft man und backt eben einen neuen. Wenn Kulturen scheitern, sterben Menschen und Kinder werden auf Generationen hin benachteiligt.

Es ist okay, wenn verschiedene Nationen sich nach verschiedenen Rezepten organisieren – es macht die Welt interessant! Es ist okay, wenn Leute verschiedene Kuchen backen. Es wird nicht funktionieren, wenn Menschen in ein anderes Land kommen, dort vom Kuchen abhaben möchten – aber das eigene, gescheiterte Rezept im neuen Land durchsetzen wollen. Wir bleiben in der Metapher: Es ist okay, wenn neue Bürger neue Geschmacksrichtungen ins Rezept bringen, aber doch nur solange, wie es dem bewährten und bestehenden Grundrezept (und Grundgesetz) nicht widerspricht! Neue Zutaten sind prinzipiell interessant, aber man muss sie vorsichtig und in kleiner Dosis probieren!

Integration bedeutet, einem Neubürger so ehrlich wie klar zu sagen: Das Rezept deines Landes hat sich nicht bewährt, sonst wärst du jetzt nicht hier. Schön, dass du hier bist, doch wenn du vom Kuchen abhaben willst, musst du auch mithelfen, neuen Kuchen zu backen – du darfst gern deine Geschmacksrichtung einbringen, doch die Grundlage unseres Zusammenlebens bleibt unser Rezept.

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