Kein Mensch ist Abschaum

13. August 2017, von Elisabeth Wegner; Bild von Becca Tarter
Alle paar Wochen beschließen irgendwelche Hass-Profis, ihren Follower-Mob auf mich loszulassen und mich mit Hetze und rassistischen Beleidigungen zu überziehen. Elli hat diesen Text als Reaktion auf einen dieser Shitstorms geschrieben, mehr ist dazu nicht zu sagen.
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Wie einige vielleicht mitbekommen haben, brach am späten Samstagabend ein „Shitstorm“ über meinen Mann herein, nachdem zunächst Stefan Niggemeier und später Shahak Shapira als Reaktion auf das Attentat in Charlottesville meinten, das Wichtigste sei nun wohl, Tweets meines Mannes zu verdrehen und damit ihre Follower auf ihn zu hetzen.

Kein Mensch ist Abschaum

Ich will hier gar nicht darauf eingehen, ob Dushans Tweet sagte, was Niggemeier unterstellte oder implizierte.

Im Laufe des folgenden unerfreulichen und unhöflichen Austauschs bezeichnete Shapira, der mit diversen medienwirksamen Aktionen gegen Hassrede im Internet angegangen ist, meinen Mann als „Abschaum“ und blieb selbst nach kurzem Nachdenken und Zur-Kenntnisnehmen der Dudendefinition bei der Wortwahl.

Unter anderem nahm er Bezug auf folgenden Tweet von Dushan:

Kein Mensch ist Abschaum

Ich stimme diesem Tweet meines Mannes weder inhaltlich noch der Form nach zu. Inhaltlich nicht, denn schuldig an einem Verbrechen ist der Verbrecher. Der Form nach nicht, denn ich halte nichts davon, Menschen in Schubladen zu stecken oder sie in ihren selbstgewählten Schubladen einzuschließen. Abwertend verwendete Begriffe wie „Gutmenschen“ bringen keine Debatte weiter. Nichtsdestotrotz hat Dushan Wegner weder in diesem noch in irgendeinem seiner anderen Tweets jemals ein Gegenüber entmenschlicht. (Update: Dushan hat inzwischen einen ganzen langen Text dazu geschrieben. Der Titel ist „Die Schuld der Gutmenschen“.)

Der Kern des kritisierten Tweets ist, dass durch das Ignorieren einer bestehenden Gefahr diese nicht abgewendet werden kann. Als Beispiel möchte ich hier meine Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingskindern erwähnen. Es wäre naiv und ja, gefährlich, zu glauben, das erlebte Leid, die Hilflosigkeit und Wut löse sich von selbst in Wohlgefallen auf. Es braucht spezielle Schulungen und Fortbildungen für Betreuer, Erzieher und Lehrer, um mit traumatisierten Kindern zu arbeiten. Sie einfach in Klassen zu pferchen, ohne die Infrastruktur zu schaffen, ist verantwortungslos. Das Problem absichtlich zu ignorieren, was Dushan den „Gutmenschen“ (seine Sprache) vorwirft, ist schlicht gefährlich.

Man kann dem Tweet zustimmen oder ihn meinetwegen auch inhaltlich kritisieren, aber: Kein Mensch ist Abschaum. Es gibt dumme, bornierte und engstirnige Menschen. Es gibt bis zur Unkenntlichkeit radikalisierte Menschen. Es gibt gewalttätige und gefährliche Menschen und es gibt Menschen, die anderer Meinung sind als ich. Sie alle sind Menschen. Sie alle haben, egal was sie getan haben, das Recht auf einen fairen Prozess.

Bei mir, lieber Leser, bist du Mensch und wirst es immer sein. Egal was du sagst oder tust. Mensch, mit allen Rechten und Pflichten, mit der gesamten Verantwortung, die das Menschsein mit sich bringt.

Was bei mir bleibt von diesem nächtlichen Shitstorm ist natürlich Traurigkeit, aber auch eine erneute Schärfung der eigenen Ansprüche. Ich werde weiterhin jeden Diskussionspartner respektvoll behandeln, zum Wohle der Debatte auf ad-hominem-Argumente oder Abwertung verzichten, und versuchen, den Kern der Unstimmigkeit freizulegen und wenn möglich zu überwinden.

Nach wie vor bin ich der Meinung, jeder sollte sagen dürfen, was ihm durch den Kopf geht. Auch wenn es beleidigend, gefährlich oder entwürdigend ist. Aber er muss es nicht. Und wenn jemand in meinem Beisein einen anderen mit Worten verletzt, sei es online oder im realen Leben, werde ich mein Bestes geben, um dem Verletzten beizustehen, wie ich es auch bisher getan habe.

Gleichermaßen sollte sich jeder fragen, bevor er den Mund aufmacht oder in die Tasten haut, ob er mit seiner Äußerung die Welt besser macht, Brücken baut oder einreißt, kurz die Gesellschaft in ihrer Menschlichkeit weiterbringt.

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