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Das sind zwei verschiedene Kategorien!

Das sind zwei verschiedene Kategorien!

Mit einem Messer können Sie keine Suppe essen und mit einem Löffel kein Steak. Sollten Sie es versuchen, werden Sie wohl hungrig bleiben und vielleicht noch den Löffel verbiegen. Doch zur Not wäre es vorstellbar, dass sich mit einem scharfkantigen Löffel ein weiches Steak schneiden lässt. Löffel und Messer sind immerhin in derselben Kategorie, also etwa Bestecke oder Gegenstände.

Doch, was außer einem scharfkantigen Löffel, könnte noch ein Steak schneiden?

Eine Idee: Wie wäre es mit einer Menge?! Könnten wir unser Steak nicht auch mit einer Menge schneiden? Es gibt ja Schnittmengen, Mengen können einander schneiden, wieso dann nicht auch ein Steak?

An dieser Stelle könnten Sie einwenden: Ha, das Wort „schneiden“ bedeutet in den beiden Fällen etwas Verschiedenes! So wie „Bank“ mal ein Sitzgerät ist, mal ein Institut zur Geldverwaltung und mal eine Sanduntiefe im Meer – doch Sie lägen mit so einem Einwand falsch.

Schneiden bedeutet bei Steak und bei Mengen ungefähr dasselbe: ein Ding zerteilt ein anderes, schneiden ist zerteilen.

Was also ist der Fehler, wenn kein Gleichlaut (Homonym) vorliegt? Wo liegt der Fehler im Versuch, eine Menge mit einem Messer schneiden zu wollen – oder ein Steak mit einer Menge?

Es sind die Kategorien

Das Problem liegt nicht im Schneiden, das Problem liegt vielmehr in den Kategorien!

Mengen können nur Mengen schneiden, also: Abstrakta schneiden andere Abstrakta. Und Messer schneiden andere konkrete Dinge. Man kann nicht über Kategorien hinweg schneiden.

Das ist übrigens nicht selbstverständlich! Dinge können durchaus kategorieübergreifend in Beziehung treten. Zahlen etwa sind Abstrakta, und sie können konkrete Dinge wie abstrakte gleich gut zählen. Computer sind konkrete Dinge, aber sie können durchaus abstrakte Fakten festhalten, sie sind sogar explizit dafür gemacht! Das Schneiden allerdings können nur Gegenstände innerhalb derselben Kategorie anstellen.

Kategoriensalat

Der Philosoph Gilbert Ryle beschreibt in The Concept of Mind (1949, deutsch: Der Begriff des Geistes) eine ausgedachte Szene, die das Konzept des Kategorienfehlers beschreibt: Ein Besucher kommt nach Oxford oder Cambridge. Er geht zwischen den College-Gebäuden und der Bibliothek umher, und er fragt: „Aber wo ist die Universität?“

Im englischen Original:

A foreigner visiting Oxford or Cambridge for the first time is shown a number of colleges, libraries, playing fields, museums, scientific departments, and administrative offices. He then adds “but where is the university?”

Ryles Oxford-Besucher begeht einen Kategorienfehler. Er meint, eine Universität gehöre in die Kategorie Einheiten physischer Infrastruktur („units of physical infrastructure“) – dabei gehört eine Universität eher in die Kategorie Institute.

Wo ist die Universität?

Ryles „Kategorienfehler“ wendet sich eigentlich gegen den Descart’schen Dualismus, der die Welt in Geist und Materie aufteilt. Durch die Sortierung von Phänomenen in Kategorien (etwa die Forderung eines „Raums“ für den Geist) schafft Descartes, so Ryle, logische Probleme. Ich will hier ganz speziell den Begriff „Kategorienfehler“ herausgreifen.

Ich fürchte, dass solche Kategorienfehler, also das Vermischen von Gegenständen, die via Kategorie gar nicht zusammengehören, nicht nur den nach innen gewendeten Blick der Philosophen ereilen kann.

Erzählen wir die Geschichte von Ryles Oxford-Besucher weiter! Der Besucher wandelt umher, weiterhin stur Gebäude und Institutionen verwechselnd.

Er fragt: „Wo ist die Universität?“

Man antwortet ihm: „Hier ist sie!“

Er aber sieht keine Universität, kein Oxford-College, er sieht nur Gebäude. Man könnte sagen: Er sieht die Universität vor lauter Gebäuden nicht. Unser Besucher wird unglücklich. Er fühlt sich verloren. „Die Universität muss hier doch irgendwo sein!“, brüllt er die verschreckten Studenten an, „warum zeigt sie mir denn keiner!“ – Erst wird er depressiv, dann wird er aggressiv, dann fordert er einen „safe space“ und wenn jemand ihn auf seinen Kategorienfehler hinweisen will, prügelt er diesen als „Nazi“ nieder.

Wer sich verloren fühlt, auch weil er nicht begreift, was um ihn herum passiert, der kann es mit der Angst bekommen. Und wer es mit der Angst bekommt, der schlägt bald um sich, mit Worten und mit Fäusten.

Der Debattengegner

Ich liebe ja die Debatte und ich versuche, auch mit der „Gegenseite“ zu debattieren. Jede Debatte hat eine „Gegenseite“! Doch, in der gegenwärtigen Debattenlage fällt die Debatte oft schwer.

Ja, ich rede öfter von „Links“, doch ebenso wie „Rechts“ und inzwischen „Nazi“ hat auch „Links“ seinen politischen Gehalt weitgehend verloren. Linke wollten mal die Stimme des Arbeiters und einfachen Menschen sein. Heute verachten sie den einfachen Menschen offen, machen sich über ihn als „besorgten Bürger“ und „Modernierungsverlierer“ lustig. Einige „Linke“ treten offen als Lobbyisten amerikanischer Milliardäre auf, einige werden von der EU-Kommission finanziert, andere verdienen absurdes Geld beim Fernsehen oder aus Propaganda-Fördertöpfen des Familienministeriums. Mit „Links“ als Vertretung des „kleinen Mannes“ hat das genau gar nichts zu tun. „Oh Wei“, so werden sie später sagen, „man hätte schärfer hinschauen sollen, als sogenannte ‚Antifaschisten‘ mit Gewalt gegen regierungskritische Demonstranten vorgingen.“ – In Berlin hatten letzte Woche manche Demo-Beobachter das Gefühl, dass die Berliner Polizei sich auf die Seite der Demokratiegegner schlug und prinzipiell eher wenig Lust hatte, das Recht auf friedliche Demonstration durchzusetzen, wenn die Demonstration die „falsche“ Meinung hat. Es steht nicht gut um die Debatte.

Mit wem also diskutieren? „Links“ ist keine politische Richtung mehr. Wenn Links noch bedeutete, mit Herz und Verstand die Angelegenheiten des kleinen Mannes in den Mittelpunkt zu stellen, wäre ich mit Herz und Seele links. Nein. „Links“ bedeutet heute wenig mehr als: Gehirn aus, Deutschland hassen, Steuer- und Fördergelder abgreifen, und es sich besser nicht mit irgendwelchen Diktaturen verscherzen – man muss ja an die berufliche Zukunft denken.

Seien wir doch ehrlich! Ich habe längst keine Zeit mehr, oder Lust, um den linken Brei herumzureden. Nein, ich bin nicht im heutigen Sinne „links“, denn links zu sein bedeutet heute, Gehirn und Gewissen auszuschalten. In der heutigen Bedeutung des Wortes „links“ sind Linke mein Gegner.

Und doch bleibt die Frage, noch will ich sie nicht aufgeben: Wie argumentiert man mit jemandem, für den der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ nicht gilt? Wie will man jemanden überzeugen, für den der Gebrauch des Verstands „rechtspopulistisch“ und der Andersdenkende durchs Anderssein schon ein „Nazi“ ist?

Haben die Angst, durchschaut zu werden?

Man könnte mutlos werden, doch es gibt durchaus einen Grund zur Hoffnung. Die bezahlten Meinungsmacher fürchten den Widerspruch, und ihre Angst scheint groß. Die Tagesschau unter Kai Gniffke und der selbsternannte „Faktenfinder“ unter Patrick Gensing etwa wirken inzwischen wie ein heißlaufendes Gewinde. Wenn Metall nicht mehr in Metall greift, wenn die Zähne der einheitlichen Haltung an der unbarmherzigen Realität abgeschliffen sind, dann bringt es wenig, schneller und schneller zu drehen, das Metall wird nur heißer und heißer werden, rotglühend, bis es zusammenschmilzt und ganz wertlos wird – doch genau daran scheinen diese Herren zu arbeiten. Es sind makaber-amüsante Zeiten, wo Hauptstadtjournalisten auf Twitter immer häufiger klingen, als seien sie nah am Nervenkollaps – oder auch mal in Euphorie geraten über den Erfolg ihrer Lieblinge. Merken sie es denn wirklich nicht?

Sie sind verheddert und verloren in den klebrigen Spinnenfäden der Haltung, in der sie eigentlich den Bürger fangen sollten und wollten. Sie schlagen um sich und verheddern sich doch nur mehr.

Die Propagandisten werden nervös, und ihre Nervosität gibt uns Hoffnung.

Argumente sind nicht die stärkste mögliche Waffe (das sind noch immer TV und tatsächliche Waffen, mit deren Hilfe man GEZ-Verweigerer oder Gedankenverbrecher verhaftet), aber Argumente sind unsere stärkste Waffe. Die Nervosität der Meinungsmännlein zeigt doch, dass unsere Waffen noch immer und immer mehr wirken. Die richtige Reaktion auf erste Erfolge muss nun sein, das Schwert weiter zu schärfen! Argumente sind unsere Waffen, also schärfen wir unsere Argumente – zum Beispiel indem wir die Unterscheidung von Kategorien üben!

Ebenen des Menschseins

Der Mensch denkt, fühlt und handelt in verschiedenen Ebenen, die man auch „Kategorien“ nennen könnte.

Eine mögliche Auswahl:

  1. Ursache und Wirkung
  2. Subjektives Erleben
  3. Emotionen wie Trauer, Hass, Wut, Freude, Schmerz, Euphorie
  4. Ethische Bewertung: Gut und Böse
  5. Faktenlage: Was der Fall ist (ungeachtet des Blickwinkels)
  6. Intention: Absicht, Motivation, Zwangslage
  7. präwissenschaftliche Abstrakta: Gott, Seele, Sinn

Wenn wir von Ursache und Wirkung reden, dann reden wir von einer anderen Kategorie von Zusammenhängen, als wenn wir von Gut und Böse reden, und selbst das ist wieder etwas anderes als Gott oder Sinn.

Meine Liste ist weder eindeutig noch vollständig, die Kategorisierung der Dinge muss immer wieder neu festgestellt und Trennlinien müssen immer wieder neu verhandelt werden. Dinge zu kategorisieren ist der Beginn der Wissenschaft – Dinge zusammenzuwerfen ist der Anfang des Unsinns.

Kategorienfehlerzettel

Bei mancher linker Argumentation könnte man „Kategorienfehler“ auf einen Zettel schreiben und statt dauernd zu widersprechen diesen Zettel einfach immer wieder hochhalten – so oft lässt sich dieser Denkfehler vorfinden.

Das ganze Gutmenschentum basiert auf einer Vermischung der Ebenen Gefühl und Ethik – bei gleichzeitiger Ausblendung der Ebene Ursache und Wirkung. Gutmenschen setzen „fühlt sich im Moment gut an“ mit „ist ethisch gut“ gleich – ein simpler Fehler mit komplizierten Folgen.

Besonders Journalisten höherer Gehaltsklassen setzen ihr subjektives Erleben mit der Realität gleich. Weil es in ihrer Welt keine tägliche Gewalt und keine dauerpräsente Gefahr gibt, sprich: weil sie in ihrer Limousine sicher von Tiefgarage zu Tiefgarage kommen, schließen sie daraus, dass „besorgte“ Bürger nur Lügner und „Nazis“ sein können.

Sozialisten und Kommunisten vermischen die Ebenen Wunschvorstellung und Ursache und Wirkung. Dieser Kategorienfehler führte zu unvorstellbarem Leid und über hundert Millionen Toten.

Gender-Aktivisten haben sich davon überzeugt, dass die Ebenen Faktenlage und Ursache und Wirkung von der Ebene subjektives Erleben überwunden werden können: Wenn ich mich als Frau oder Mann wahrnehme, sagen sie, bin ich auch Frau und Mann.

Maas und die Anti-HateSpeech-Bewegung verwechselte persönliche Präferenz mit objektiv Feststellbarem, und heraus kam ein Gesetz von solch historischer Dämlichkeit, dass selbst die linke Washington Post inzwischen Kritik daran abdruckt.

Man könnte Kapitel und Bücher mit linken Kategorienfehlern füllen. Links sein bedeutet heute, Kategorien zu verwechseln. Der Linke ist nicht grundsätzlich dumm, er hat nur sehr viel Pech beim Kategorien-Unterscheiden. Fast jedes Mal, wenn Linke mit einer Idee oder einem Argument ankommen, über das außerhalb ihrer Filterblase der Kopf geschüttelt wird, liegt ein Kategorienfehler vor.

Linken Argumenten zu begegnen bedeutet, einen guten Teil der Zeit, Kategorienfehler aufzuzeigen. Es ist nicht immer spannend, deren Fehler sind ja beständig die gleichen. Sie können aber dabei Musik laufen lassen:

Es wird schon weitergehen, geh einfach mit. Die Welt bleibt niemals stehen, was auch geschieht. Manchmal mußt Du die Lage heiter sehen. Dann wird es irgendwie schon weitergehen.
Karel GottGenug aber der böhmischen Heiterkeit, des Lachens, der Knödel und der Musik! Die wirren Linken freuen sich schon darüber, dass wir ihre Klötzchen und Kategorien sortieren werden!

Gefangene ihrer Unordnung

Der Kategorienverwechsler hat sich in einem Knäuel gefangen, und solange er verdrängt, nicht nur falsch zu liegen, sondern das Problem gar nicht verstanden zu haben, wird er daraus nicht entkommen. Wenn es ihm aber doch gelingt, mit seinem Traum ausreichend viele Menschen anzustecken, dass er durch sie an die Macht gelangt, wird es im besten Fall lächerlich, im allzu häufigen Fall aber gefährlich. Beim Versuch, einen Denkfehler zum Funktionieren zu bekommen, ist die Frage nur, ob erst die Wirtschaft oder erst die Menschenrechte den Bach runtergehen. Freiheit braucht Vernunft und Klugheit. Kategorienfehler führen zu Armut und Elend.

Ich glaube nicht, dass es möglich oder ratsam wäre, die Verknoteten aus ihren eigenen Knoten befreien zu wollen. Im Gegenteil. Sind die es nicht, die anderen vorschreiben wollen, wie zu denken sei? Werde nicht deinem Gegner gleich! Vielleicht bin ich ja der sich irrende Irre, nicht die. – Auf der anderen Seite gäbe es durchaus Gründe, Linken zumindest anzubieten, ihren Kategoriensalat zu sortieren. Individuen, aber auch Gruppen und Bewegungen, die sich in eigenen Denkfehlern verlaufen haben, wirken häufig verloren und hilflos. Sie schlagen, kratzen und beißen um sich, wie eine Katze, die ihr Bein im Dornbusch verhakt hat und allein nicht freikommt. Schauen Sie doch die linken Vordenker an! Sind diese Menschen – vom Einkommen abgesehen – beneidenswert? Möchten Sie Martin Schulz sein? Sigmar Gabriel? Andrea Nahles? Ralf Stegner? Eine dieser Hashtag-Aktivistinnen? Ich nicht. (Gerd Schröder, mit Zigarre, Brioni-Anzug und ungefärbten Haaren – das war noch ein Soze mit Freude am Linkssein!)

Ich will auch weiterhin beides versuchen: Manchmal schlage ich mit der argumentativen Spitzhacke hinein – und manchmal versuche ich, geduldig den Kategorienfehlerzettel hochzuhalten.

Vor allem aber will ich uns ermutigen, selbst immer wieder zu sagen, zum Kollegen, zum Nachbarn: Ey, du bringst da etwas durcheinander! Sich „gut anzufühlen“ und „ethisch gut“ zu sein sind zwei verschiedene Dinge! Was ich mir wünsche und was real ist, das sind zwei Kategorien! Empfindung und Fakten, auch das sind zwei verschiedene Ebenen.

Wenn die Welt etwas derzeit überhaupt nicht braucht, dann ist das noch mehr Durcheinander. Lassen Sie uns die Kategorienknäuel entwirren, jeden Tag einen weiteren Faden!

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