Israelkritik

Nehmen wir an, ein Arbeits-Kollege hackt immer nur auf Ihnen herum. Sie sind kein besonders schlechter Mitarbeiter. Im Gegenteil! In Ihrer Abteilung sind Sie einer der anständigsten, erfolgreich sowieso. Dieser eine Kollege aber kritisiert immer nur Sie. Er tut es laut. Er tut es öffentlich, täglich und leidenschaftlich.

Sie bringen dieses merkwürdige Verhalten zur Sprache. Der Kollege tut ganz erstaunt und macht gleich Ihre eigene Frage Ihnen selbst zum Vorwurf. Man darf doch mal korrigieren! Was haben Sie denn zu verstecken, dass Sie nicht kritisiert werden wollen? Sie aber fragen sich, ob alle bekloppt geworden sind.

So ungefähr ist die Situation mit Israelkritik. Es gibt ein Land im Nahen Osten. Es ist die einzige Demokratie in der Umgebung. Die Gründung des Landes war auch eine Reaktion auf den Holocaust. Obwohl es explizit ein jüdisches Land ist, sind 17 Mitglieder des demokratisch gewählten Parlaments Araber, darunter Muslime und Drusen. Die umliegenden Länder erlebten und erleben derzeit einen jüdischen Exodus, sprich: Flucht – oder das Land strebt sogar eine „Judenfreiheit“ explizit an.

Dieses Land aber wird besonders häufig und laut kritisiert. Allein im Jahr 2016 hat laut UN Watch die UN-Generalversammlung ganze 20 Resolutionen gegen Israel erlassen, teilweise eingebracht von Menschenrechts-Vorreitern wie Saudi Arabien. Der Rest der Welt war in ganzen 6 Fällen kritikwürdig.

Die Israelkritikfrage ist also in Wirklichkeit mehrere Fragen. Inspiriert vom 3-D-Test für Antisemitismus, würde ich für Deutschland mindestens diese Fragen formulieren:

  1. Darf man Israel kritisieren? – Antwort: Ja, „man“ darf. So wie man Arbeitskollegen kritisieren „darf“, siehe oben. – Die Fragen sind eher folgende:
  2. Kann der Kritiker begründen, wieso er gerade Israel kritisiert?
  3. Werden an übrige Länder der Region jeweils dieselben Maßstäbe angelegt?
  4. Wenn 2. oder 3. mit „Nein“ beantwortet werden: Kann es sein, dass die „Israelkritik“ in Wahrheit simpler Judenhass in dünnem Polit-Kleidchen ist?

In der Vergangenheit passierte es immer wieder, dass Fälle von Israelkritik bei näherem Hinschauen eher wie intellektualisierender Antisemitismus erschienen. Henryk Broder schreibt oft darüber.

Neu ist ein umgekehrtes Phänomen: Handlungen, die prima facie nach schlichtem Antisemitismus aussehen, werden zu Israelkritik umgelabelt und so, buchstäblich, „freigesprochen“. Jüngst wurde der Brandanschlag dreier Herren auf die Synagoge in Wuppertal vom Richter als „Israelkritik“ zum politischen Statement gelabelt. Da braucht es keine Fragenkataloge. Es hat sich etwas verschoben in Deutschland.

 

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4 Gedanken zu “Israelkritik

  1. i.a.R. blanker Antisemitismus, oft gepaart mit der Weigerung, Israel ein Recht auf Selbstverteidigung zuzugestehen.

  2. Ausdruck eines Doppelstandards gegenüber einem souveränen Staat.

    Es gibt weder USA-Kritik, noch Russlandkritik oder Deutschlandkritik. Auch nicht Türkeikritik, Irankritik, Saudi-Arabienkritik.

    Niemand kommt üblicherweise auf die Idee einen anderen Staat in seiner Gesamtheit zu kritisieren – weil es eine Anmaßung wäre.
    Im Fall Israel ist das etwas anderes da seine schiere Existenz von mehreren Ländern in Frage gestellt wird.
    Nicht nur verbal, im Fall des Iran wird Israel mit Terror und Krieg bekämpft. Es befindet sich mit mehreren Ländern in einem Kriegszustand seit es kurz nach seiner Gründung von diesen angegriffen wurde um es vollständig zu vernichten.

    Israelkritik ist nicht die Kritik an bestimmten politischen Entscheidungen.
    Sie ist von einer Netanjahu-Kritik zu unterscheiden.
    Sie ist Teil der Diskussion in wie weit Israel existieren darf oder nicht.

    Sie ist Teil einer Diskussion die eröffnet wurde, als Israel sich gründete.
    Wofür ihm seine arabischen Nachbarn eine Erlaubnis verwehrten, die er nicht zu seiner Gründung benötigte. Die aber dennoch erfolgreich genug seine Legitimität in Frage stellt.

    Israelkritik gibt vor die Legitimität des Staates Israel nicht in Frage zu stellen, meint aber als Gegenleistung für dieses generöse Zugeständnis den Staat Israel in seiner Gesamtheit als Mündel ansehen zu dürfen, das nur durch die Gnade seines Vormunds existieren darf.
    Deshalb gibt es Israelkritik und nicht Eritreakritik.

    Israelkritik ist nicht per se antisemitisch, aber viele Israekritiker sind es. Sie ist ein besseres Versteck für Antisemiten als der Antizionismus.
    Ihr Paternalismus gegenüber Israel leistet diese Aufgabe.

    • Israelkritik i.S. der derzeitigen Verwendung ist für mich sehr wohl Kritik der aktuellen – insbesondere der Siedlungspolitik – Israels. Dabei ist mir die Problematik israelischen Selbstverteidigungsrechts vollauf bewusst, den Begriff der „heiligen Stätten“ der Juden, auf welche sich die Siedlungspolitik z.T. (auch) richtet, sehe ich dagegen als problematisch.
      Eine pauschale „Israelkritik“ (die mutmaßlich den Staat Israel insgesamt infrage stelle) gibt es nur bei Antisemiten und ist daher „Bullshit“.

      • Eine Kritik der Siedlungspolitik kann nur eine Kritik an der derzeitigen Regierungspolitik sein. Denn die Regierung verantwortet diese Politik. Und kein Israeli außerhalb der Exekutive und Legislative des Staates Israel. Israel als Kritikpunkt bezieht sich aber auf alle Israelis. Die können in ihrer Gesamtheit für gar nichts verantwortlich gemacht werden, weil es keine Kollektivverantwortlichkeit gibt. Somit läuft die sogenannte Israelkritik auf eben diese unzulässige Kollektivschuld hinaus, die dem Antisemitismus in diesem Punkt wesensgleich ist.
        Wer die Siedlungspolitik kritisieren will, soll sie als Kritik an der derselben, der Regierung oder der Legislative bezeichnen und nicht als dieses Konstrukt der „Israelkritik“, welches nur für dieses eine Land existiert.

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