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Alles, was falsch läuft in der Islam-Debatte

Alles, was falsch läuft in der Islam-Debatte

In diesem Text geht es nicht um Miriam Hollstein, auch wenn er sich an ihren Tweets entlanghangelt. Es geht darum, was in der Islam-Debatte falsch läuft. Niemand von uns hat immer alle Argumente paratliegen, niemand von uns trifft mit jedem Argument ins Schwarze. Ich nehme es Frau Hollstein auch nicht übel, dass sie mich „nicht satisfaktionsfähig“ findet und sich recht schräg auf die Bibel beruft, gegen mich. Sie ist bei der Bild am Sonntag, ich bin kritischer Blogger. Mit mir können Sie es ja machen, ich bin härtere Angriffe gewohnt. Ich verfasse wahrlich nicht zu jedem Kritiker einen eigenen Text.

Hier geht es um etwas anderes. Hier geht es um die Aussagen selbst.

Frau Hollstein hat sich zum Thema Islam und zur „Gehört der Islam zu Deutschland?“-Debatte geäußert. Ihre Argumente sind aus einem einzigen Grund hervorhebenswert: Es ist ihr gelungen, einen repräsentativen Querschnitt der größten Denkfehler zum Thema Islam als ihre Meinung darzulegen, innerhalb von Minuten.

Diese besondere Leistung sollte – finde ich – dokumentiert und gewürdigt werden.

Das heimelige Gefühl

Die Ausführungen der Bild-am-Sonntag-Redakteurin beginnen mit einem Satz, der ein wohlbekanntes Multikulti-Feeling auf den Punkt bringt:

Bei Seehofers Satz fällt mir unsere türkische Kioskbesitzerin ein. Sie war das Herz unseres Kiezes, trug bei, dass er HEIMAT war. #Islam
@HollsteinM, 18.3.2018

Ich kenne dieses Gefühl auch! Ich bin in den Straßen Kölns großgeworden. Das Köln meiner Kindheit war ein Köln, in dem Türken ein völlig selbstverständlicher Teil waren. Ein Köln ohne Türken wäre buchstäblich nicht mein Köln gewesen.

Doch, mit Verlaub, zur Debatte nach der Demokratiefähigkeit einer bestimmten Philosophie auf eine Kioskbesitzerin zu verweisen, die wahrscheinlich in ihre Religion hineingeboren wurde und einfach nur zuerst Mensch ist, ist geradezu kindisch. Man würde die Schultern zucken, wenn es nicht bis heute das Debatten-Niveau wäre, das man zum Beispiel bei den Grünen findet. Islam findet in dieser Debattenlage nur als Mit-oder-ohne-Scharf-und-Zwiebel-Dönerverkäufer statt, nicht als patriarchalische Gesellschaftsordnung mit missionarischem Anspruch.

Mensch und Philosophie

Im Text „Islam, Deutschland und Zu-etwas-gehören“ habe ich versucht, die Verwendung des Begriffs Islam zu präzisieren, um der Debatte wenigstens eine theoretische Aussicht auf Erfolg zu geben.

Es ist Unsinn, so zu tun, als ob man Muslime akzeptieren würde, aber ihre Religion nicht
@HollsteinM, 18.3.2018

Warum eigentlich? Es gibt ca. 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt, mit denen ich nicht vollständig übereinstimme, also alle, ausdrücklich mich selbst einschließend. (Ich bin noch immer nicht sicher, ob ich mit dem Atheisten in mir übereinstimme.) Jeder Mensch auf diesem Planeten vertritt irgendeine Position, die ich als falsch oder mindestens potentiell falsch betrachte. Ein Protestant etwa kann den Papst für den Antichristen halten und dennoch heutzutage seinen katholischen Nachbarn akzeptieren.

Die Toleranz ist ein Begriff der Aufklärung und beinhaltet gerade das weitherzige Akzeptieren eines Menschen, dessen Überzeugungen man gerade nicht teilt.

Scientologen glauben an Ufos und Aliens, ich akzeptiere jeden einzelnen davon als Mitmenschen aber ihre Religion nicht. Einige Zeitgenossen glauben an 999 Geschlechter, ich akzeptiere auch sie als Mitmenschen. Atheisten sollten verlangen dürfen, von gläubigen Mitmenschen akzeptiert zu werden. Zu behaupten, um einen Menschen (als Mit-Menschen) zu akzeptieren, müsse ich auch seine Überzeugung akzeptieren, ist anti-aufklärerisch (und grob populistisch dazu).

Welcher Islam?

Ich akzeptiere jede Form von Religion, die unsere Werte und unser GG respektiert. Das tut der liberal ausgelegte Islam
@HollsteinM, 18.3.2018

Rein formal betrachtet hat Frau Hollstein nicht gesagt, aber aller Lebenserfahrung nach eben doch – wohl aus Versehen! – impliziert, dass sie den konservativen Islam nicht akzeptiert.

Wie viel Prozent der Muslime würden sich, wenn sie sich entscheiden müssten, zu einem konservativen Islam bekennen – und wie würde man das abfragen? Wir können davon ausgehen, dass die ehemalige Islambeauftragte der SPD im Bundestag weiß, wovon sie spricht, wenn sie im Deutschlandfunk sagt:

Die liberalen Muslime sind leider eine kleine Minderheit und diese Minderheit muss größer werden.
Lale Akgün

In Abgrenzung zur Erzählung vom liberalen Islam betont etwa auch Aiman Mazyek, „dass das reale muslimische Leben in den Moscheegemeinden stattfinde und nicht in den Feuilletons großer Zeitungen“ (zitiert nach islam.de). Die Gründerin einer liberalen Moschee in Deutschland braucht Polizeischutz.

Wie können wir Frau Holsteins Aussage also deuten? Wirklich so, dass sie konservativen Islam ablehnt? Dass wenn sie vom Islam redet, sie eigentlich nur den Liberalen meint, also den einer Minderheit?

Mir scheint, dass in dieser Aussage eine unfreiwillige Selbstoffenbarung passierte: Wenn der Tralala-Gehorsamstrupp von Islam spricht, redet er von einem Phantasie-Gebilde.

Ich habe darüber im Text „Einer der wichtigsten Sätze überhaupt: Das sind zwei verschiedene Kategorien!“ gesprochen. Hier wird Wunschbild und Realität verwechselt. Frau Hollsteins Aussage ist Politische Korrektheit in unfreiwillig durchsichtiger Reinform: Die Beschreibung eines realen Zustands soll empört und überheblich durch die Beschreibung eines praktisch nicht vorhandenen Idealzustandes ersetzt werden. Der Realität ist es aber herzlich egal, welche Idealbegriffe man sich für sie zurechtbiegt.

Aber die Bibel!

Man kann sich darauf verlassen: Wenn Politiker oder Journalisten die Bibel zitieren, wird es schräg bis unfreiwillig komisch. Es wird auch in diesem Fall nicht besser:

Stecken Sie Ihre Nase mal in die Bibel! Sie werden überrascht sein, was da für furchtbare Dinge drin stehen.
@HollsteinM, 18.3.2018

Auch hier werden zwei Dinge und Begriffe vermischt. (Wie auch an anderer Stelle, wo sie Bibeltexte, an die sich kaum jemand hält, Korantexten gegenüberstellt, die durchaus Anwendung finden.) Hinter dieser Argumentation steht eine implizite These: Muslime im Allgemeinen haben dasselbe Verhältnis zum Koran wie Christen im Allgemeinen zur Bibel haben – eine These, die noch ihrer Unterfütterung harrt.

Das wilde Vermischen von Fakten und Phrasen zieht sich (als praktisch einziger) Faden durch die Argumentation.

Ein Leser wendet auf obige Aussagen ein: „ich habe noch keine Scheiterhaufen entdeckt, aber täglich Messerattacken und Ehrenmorde usw. usw.!“ (@kiwi12345600), woraufhin Hollstein antwortet: „Hexenverbrennung? Inquisition? Alles aus der Bibel abgeleitet. Tja“ (@HollsteinM)

Ähnlich wie weiter oben, als Hollstein aus Versehen zu sagen schien, konservativen Islam nicht zu akzeptieren, sind auch hier Implikationen enthalten, die sie im Schlagwortgewitter nicht bedacht hatte: Sie hat quasi angedeutet, Messerattacken in Deutschlands Straßen seien aus dem Koran abzuleiten, was wohl auch der phobste Islamophobe so nicht phobieren würde. Sie hat die Realität modernen Islams mit dem dunklen Mittelalter verglichen – allerdings ein Mittelalter mit Internet, Atomwaffen und LKWs. Man möchte ausrufen: Das kann ja noch lustig werden! (Man könnte auch hier einwenden, dass die Herleitung der Hexenverbrennung von wenig Fachkenntnis zeugt – wie gesagt: Journalisten und Bibel…)

Ich sehe aber ein weiteres, praktisches, und vielleicht entscheidendes Problem solcher Argumentation: Es ist nicht nur keinerlei Reflexionstiefe erkennbar, sondern auch kein Wille zum Verstehen des Anderen.

Was es braucht

Die Debatte rund um den Islam braucht Vieles, etwa Ehrlichkeit, Fachwissen und Präzisierung von Begriffen – was sie aber ganz gewiss nicht braucht, sind schnippische Sprüchlein auf dem Niveau von Zwölfjährigen.

Mir geht es nicht um eine konkrete Journalistin. Es geht um das Phänomen insgesamt. Hollstein schreibt für die Bild am Sonntag, also ein wichtiges Standbein des Schröderschen Bild-Bams-Glotze-Trios. Hollstein tritt immer wieder im GEZ-Fernsehen als Expertin für dies und jenes auf. Und doch tut sie im Fall der Islam-Debatte so, als ob hier selbst die einfachsten Grundregeln sachgerechten Denkens nicht zu Anwendung kommen müssten.

Das Problem ist nicht die konkrete Journalistin. Das Problem ist nicht einmal die öffentliche Persona Hollstein.

Das Problem ist eine Berliner Medienszene, in der solche Argumente produziert und auch nur mittelfristig ernst genommen werden können.

Sie haben die Argumente von Hollstein gelesen. Sie können selbst urteilen, ob es Sinn macht, dagegen zu argumentieren. Wenn Sie „Hier gibt es nichts zu trollen. Bitte weitergehen!“ (@HollsteinM) nicht als Argument verstehen, könnten Ihnen an einem solchem Vorhaben dann doch Zweifel kommen.

Ich werde auch weiterhin unsere Begriffe und Argumentationen analysieren, etwa zum Thema Islam oder zu Politischen Richtungen. Gleichzeitig suche ich nach Gründen, sich der Resignation zu verweigern. Es braucht Argumente und Durchhaltevermögen.

Je verschwommener die Haltungsjournalisten werden, um so präziser müssen wir werden. Je wütender die Ideologen werden, um so ruhiger wollen wir werden. Ich weiß nicht, ob sich am Ende die Vernunft durchsetzen wird, doch immerhin werden wir dabei schlauer!

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