IS-Kämpfer: »Ungläubige, wir hassen euch, und jetzt holt uns wieder ab!«

21. Februar 2019, von Dushan Wegner; Bild von Frederik Löwer
Soll man IS-Schergen zurückholen, die »Ungläubige« zu töten such(t)en? Einerseits: Es bleiben jemandes Söhne und Töchter. Andererseits: Sind ihre Opfer denn nicht ebenso Menschen mit allen Rechten, im Zweifelsfall sogar mit MEHR davon?!
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Einst, in klügeren Zeiten, gab der Handwerksmeister seinen Beruf und seinen Betrieb an seine Kinder weiter. Mit dem Beruf kam die Erfahrung. Mit der Erfahrung kam das Werkzeug.

Was ist es, das ich als Schreiber meinen Kindern weitergeben werde? Meine Tastatur? Mein Computer wird es nicht sein. – Nein. Es sind einige Denkregeln, die ich mit- und weiterzugeben hoffe. Anders als Hammer und Amboss kann ich Denkregeln schon jetzt weitergeben! Und, sogar: Schon heute kann ich ein paar Denkregeln mit Ihnen allen teilen!

Eine Denkregel, die ich in diesem Geist wiederhole und immer wieder nachziehe, lautet: Wenn eine Aussage und ihr Gegenteil beide sinnvoll klingen, hat man meist das Problem nicht verstanden.

Wenn wir über einem Problem grübeln, und meinen, eine Lösung gefunden zu haben, kann es passieren, dass jemand das Gegenteil behauptet und auch das irgendwie sinnvoll erscheint. – Das ist der Moment, an dem man komplett neu und komplett anders an das Thema herangehen sollte! Lösen wir überhaupt das eigentliche Problem?

Mal ist es wilde Rockmusik, mal …

Jede Zeit hat ihre Moden. Mal sind es Hosen mit Schlag, mal ist es wilde Rockmusik.

Die meisten Moden verblassen früher oder später, doch manche Moden haben Konsequenzen. Es gibt Leute, die lassen sich das Gesicht einer E-Mail-löschenden Politikerin tätowieren (washingtonpost.com) oder das Bild eines New Yorker Milliardärs mit Fönfrisur (vice.com) – solche Moden wieder abzulegen ist nicht so trivial wie ein Tamagotchi sterben zu lassen oder einen Rubik Würfel endgültig aufzugeben, aber man lernt dann doch, mit ihnen zu leben (oder eben mit den Laser-Narben der Tattoo-Entfernung).

Vor einigen Jahren kam im Westen in gewissen Kreisen die Mode auf, sich fanatischen Mördern anzuschließen, dem sogenannten »Islamischen Staat«, und nun finden einige der Beteiligten es langweilig, umherzuziehen und Andersdenkende zu ermorden. Sie würden gern in den Westen zurückziehen, wo man zwar Andersdenkende nur in ihrer Existenz vernichtet und gelegentlich via Antifa zusammenschlagen lässt, dafür aber nicht in Höhlen (oder kurdischen Gefängnissen) leben muss.

Ernsthaft aber: Wie soll der Westen mit fanatisierten Bürgern umgehen, die etwa nach Syrien reisten, sich dort ideologisch motivierten Mörderbanden anschlossen, einige Jahre später das dann doch doof finden (oder schlicht gefangen genommen wurden), und jetzt wieder zurück in die Obhut der Ungläubigen wollen?

Was Trump fordert – was Trump tut

Trumps »America First« ist ehrlich und erfrischend, auch in dieser Sache. Vor einigen Tagen wurde Deutschland von Trump aufgefordert, seine IS-Kämpfer zurückzunehmen (siehe etwa welt.de, 17.2.2019). Nur kurz darauf machte Trump im Fall der einst amerikanischen IS-Freundin Hoda Muthana unmissverständlich klar, dass sie nicht zurück in die USA einreisen darf (siehe etwa tagesspiegel.de, 20.2.2019). Es ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, wenn man wie Merkel und Weltgenesunglinke meint, die eigenen Regeln müssten (oder könnten) für die ganze Welt gelten, oder das Aussprechen von Regeln hätte dieselbe Bedeutung, wenn man es in Bezug auf sich selbst und in Bezug auf andere tut. – Man kann sagen: Anders als bei vielen US-Linken und manchen deutschen Eliten sind Trumps Relevante Strukturen klar geordnet, das ist sein wichtiges Erfolgsrezept.

Auch Großbritannien ringt mit der Frage, wie man mit jenen umgeht, die einst auswanderten und es zu ihrer Aufgabe erklärten, den Westen zu zerstören. (Bei sun.co.uk, 20.1.2019 können wir etwa das Video des Moments sehen, als eine »IS-Braut« erfährt, dass sie ausgebürgert wurde.)

Wie also soll Deutschland mit »Deutschen« umgehen, die maximal nachdrücklich gemacht haben, den Westen und seine »Ungläubigen« zu hassen? Rentner leben in Armut, Schulen werden zu Krisengebieten, Wohnungen fehlen – aber Deutschland soll sich krummmachen, um Islamisten hereinzuholen?

Es ist wenig überraschend, dass die Grünen die Lösung anstreben, die Deutschland am meisten schaden wird – sie wollen die IS-Schergen natürlich zurückholen (siehe etwa tagesschau.de, 18.2.2019). – Laut Terrorexperten kann es bis zu 1 Million Euro pro IS-Fan kosten, diesen zu observieren, ihn via Sozialprogramm zu unterhalten et cetera (zeit.de, 20.2.2019 – der Autor sagt de facto: IS-Schergen einzufliegen wird Sicherheitsbehörden an die Grenzen der Belastbarkeit führen, aber aus ideologischen Gründen ist er dennoch dafür). – Deutschland steuert auf Klippen zu, die Bürger werden in Angst leben, das Geld der Steuerzahler wird verschwendet für Ausgaben und Entwicklungen, die das Land schlechter und schwächer machen, aber Hauptsache ist doch, dass Berliner Moralisten mit dem Horizont einer Kaffeetasse sich dabei moralisch gut fühlen.

Als Drohszenario wird gelegentlich zitiert, wenn Deutschland die aus Deutschland stammenden Deutschlandhasser nicht wieder aufnimmt, dann werden sie eben freigelassen, und eben so zurückkommen. Mit anderen Worten: Deutschland soll seine Feinde einfliegen und dann ein Leben lang versorgen, weil man sich weigert, seine Grenzen zu beschützen, wie es sich für einen funktionierenden Staat gehört? Ein gefährlicher Fehler wird gewiss nicht gelöst, indem man einen noch gefährlicheren Fehler draufsattelt. Wenn Deutschland sich unbedingt für Deutschlandhasser mit deutschem Pass verantwortlich fühlt, wird es nicht um ein »Deutsches Guantanamo« herumkommen; ich bin sicher, dass die ARD das mit dem richtigen »Framing« den Bürgern verkaufen kann.

Es ist wie so oft: Die CSU macht laute Töne und die SPD versucht laut CSU, gesetzliche Lösungen zu verzögern (spiegel.de, 19.2.2019), und der Zyniker ahnt, was passieren wird: Die Fanatiker werden einreisen, als geläutert verkauft werden, die »Rechten« werden dagegen sein und beschimpft werden, und dann wird passieren, wovon die »Guten« sagen werden, dass das keiner hat kommen sehen.

Wenn es meine Kinder wären

Ich grübele über der Frage: Was ist denn die richtige Lösung? Wie soll man mit Deutschen umgehen, deren Hass auf Deutschland sich nicht mit Nie-wieder-Deutschland-Demos und ökologisch motivierter Deindustrialisierung begnügt?

Ich sehe die »IS-Bräute«, und ich stelle mir zwei hypothetische Fragen.

Die erste Frage: Wie würde ich fühlen, wenn es meine Tochter wäre, die zur IS-Schergin geworden ist? – Würde ich dann ebenso kalt sagen, sie solle halt bleiben wo sie ist? Einmal für IS entschieden, für immer verloren? Würde ich ihr Kind – meinen Enkel – eben dem Schicksal hingeben, wo auch immer es ist? Ich bin nicht sicher.

Die zweite Frage: Wie würde ich fühlen, wenn es meine Kinder wären, die Opfer von IS-Schergen wurden? – Würde ich dann wie so ein Gutmensch dafür plädieren, die Täter zurück in den Schoß des Westens zu holen? Mit welchem moralischen Recht soll ein Staat jene erst zurückholen und später – seien wir realistisch – ein Leben lang durchfüttern, die den Staat hassen und vernichten wollen? (Und das alles, während die eigenen Väter und Mütter in Armut leben?)

Beides scheint richtig, und beides scheint falsch. Sitzenlassen? Zurückholen?

Was ist passiert?

Erinnern wir uns an die Denkregel: Wenn eine Aussage und ihr Gegenteil beide richtig sein könnten, haben wir das Problem nicht verstanden. Das gilt für Aussagen in der Sache und ebenso für Aussagen über Moral!

Es erscheint falsch, deutsche Bürger im Ausland hängen zu lassen, egal welche Verbrechen sie begangen haben – es bleiben jemandes Söhne oder Töchter.

Es erscheint nicht minder falsch und noch dazu hoch gefährlich, jenen auszuhelfen, die erklärt haben uns »Ungläubige« zu hassen, die uns nicht einmal als vollwertige Menschen betrachten, und die uns umbringen könnten, wenn wir sie wieder ins Land holen.

Was also tun? – Ich will versuchen, das Problem zu verstehen! Egal, was Deutschland und der Westen tun, es sind verschiedene relevante Strukturen betroffen und eine davon wird immer leiden. Die weit spannendere Frage als die nach der Rückholung ist, wie es dazu kommen konnte, und wie man es in Zukunft verhindert!

Was ist passiert in der Phase zwischen der Geburt der IS-Fans und ihrem Anschluss an die Mörderbande? In welchem Kontext haben die Jugendlichen die fanatische Ideologie kennengelernt? Wonach haben sie gesucht, was Deutschland und/oder der Westen ihnen nicht gab?

Verschiedene Projekte haben versucht, zusammenzustellen, woher die IS-Kämpfer in Syrien und Irak kommen (siehe etwa rferl.org), aufgeschlüsselt nach IS-Kämpfer pro Millionen Einwohner des Herkunftlandes scheinen es im Westen wieder einmal die »toleranten« Staaten mit »Willkommenskultur« zu sein, die auffallen: Belgien, Schweden et cetera.

Welche ethischen Konzepte und welches Wertesystem bekamen die jungen Menschen vermittelt, bevor sie der IS-Ideologie verfielen? Provokant gefragt: Wenn jemand die »IS-Bräute« im Geiste von »Multikulti« gelehrt hatte, alle Kulturen seien »gleich gut« (außer der westlichen, die sei von »alten weißen Männern« und daher inhärent unmoralisch), trägt derjenige nicht eine Mitschuld an ihrem Abrutschen?

Ich halte wenig davon, sich in einem Dilemma einfach so auf eine Seite zu schlagen. Das mögen Radikalpopulisten wie die Grünen machen, doch es macht die Welt schlechter und die Debatte dümmer. Zugleich halte ich wenig von Handwedlern, deshalb will ich Ihnen mein Fazit vorlegen, und mein Fazit hat zwei Teile.

Jemandes Kind

Jede Lösung des IS-Kämpfer-Dilemmas wird eine relevante Struktur beschädigen. Aber: Zu den moralischen Fundamenten des Rechtsstaats zählt, dass der Mensch für seine Entscheidungen verantwortlich ist, und der Staat nicht gezwungen ist, sein Fortbestehen zu riskieren, um den Einzelnen vor den Konsequenzen seiner Fehler zu schützen.

Wenn ein Mensch in einem Anfall von Irrsinn beschließt, sich die Hand abzuhacken, dann kann der Staat anschließend versuchen, ihm die Hand wieder anzunähen – doch würden wir den Staat kaum verpflichten, die Gesundheit und das Leben anderer Bürger zu gefährden oder gar zu opfern, um demjenigen, der sich selbst ohne Grund die Hand abhackte, diese wieder anzunähen.

In Deutschland wurden in den letzten Jahren schlimme Fehler begangen, aus »Angst vor Bildern«; man sollte es nicht wiederholen. Ja, die IS-Kämpfer sind jemandes Söhne und Töchter, doch sind es diejenigen, deren Leben die IS-Kämpfer gefährdet haben und in Zukunft gefährden werden/könnten, denn nicht ebenso jemandes Kind?

(Philosophische Frage: Ist es moralisch zu rechtfertigen, dass ein Bürger, dem durch Terror oder importierte Gewalt das Kind getötet wurde, weiterhin Steuern zahlt und die teure Vollversorgung der Mörder seines Kindes finanziert?)

Wenn der Rechtsstaat sich entscheiden muss zwischen dem Wohl der Verbrecher und dem Wohl der Unbescholtenen, muss er sich für das Wohl der Unbescholtenen entscheiden, sonst werden alle ihren Glauben an das Recht verlieren.

Sozialstunden

Das Dilemma der IS-Rückkehrer wird sich auflösen. Keine Lösung wird problemlos gut sein. Klüger und gerechter wäre es, die IS-Schergen dort zu lassen wo sie sind, also geht der Zyniker in mir davon aus, dass sie mit Riesenaufwand zurückgeholt werden, zu zehn Sozialstunden verdonnert, mit einer neuen Wohnung und bedingungslosem Einkommen für den Rest ihres Lebens versorgt werden – verzeihen Sie bitte meine Bitterkeit, doch wie falsch liege ich?

Eine andere Frage wiegt noch mehr: Wenn junge Menschen beschließen, dass es für sie die richtige Berufswahl ist, sich den IS-Mördern anzuschließen, was ist zuvor in der Gesellschaft, in den Schulen und Familien schiefgelaufen?

Junge Menschen sehnen sich nach Werten und tragfähigen Lebenskonzepten. »Multikulti« und linke Konzepte von »Toleranz« sind in der Praxis ein großes Werte-Vakuum. Kann es sein, dass linker Selbsthass mit dazu beiträgt, Menschen in die Arme mörderischer, archaisch inspirierter Ideologien zu treiben?

Wir Wertewesen

Jeder Mensch trägt die Verantwortung für seine Taten, das gilt auch für die Westler, die sich gegen den Westen wenden. Jenseits von der Verantwortung kennen wir auch eine weniger scharf greifbare, aber nicht minder wichtige Schuld, und wie bei den Messermorden und Anschlägen (siehe auch »Die Schuld der Gutmenschen«), sehe ich eine Mitschuld am Schicksal der westlichen IS-Schergen, welche Kinder in einem suizidalen Werte-Vakuum aufwachsen lassen.

Der Mensch ist ein Wertewesen, er sehnt sich nach Werten, nach relevanten Strukturen, die sich richtig anfühlen. Die eine Denkregel ist, dass wenn zwei Gegensätze beide richtig erscheinen, wir das Problem wohl nicht begriffen haben. Eine ganz allgemeine Lebensregel aber könnte lauten: Denke nach und finde heraus, was dir wichtig ist, was deine relevanten Strukturen sind – so schwierig oder so einfach es auch sein mag, etwas Besseres als verlorene Seelen in dunklen Höhlen sollte der Westen doch anzubieten haben!

Guter Text?

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