18.11.2019

Wenn alle von der Brücke springen, springst du auch?

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Isabelle Deutsch
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1931 wurde ein Büchlein veröffentlicht: »Hundert Autoren gegen Einstein« – gegen die Relativität. Nun, es wurde nicht richtiger, weil 100 es sagten. Egal wie laut sie heute »Wir sind mehr!« brüllen, sie liegen falsch. Am Ende gewinnt immer die Realität.
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»Aber Mama«, sagt das Kind, »die anderen haben es doch auch getan!« – Die Mutter fragt zurück, und sie hält ihre Antwort für klug, und wir haben es alle schon einmal gehört: »Na, wenn alle anderen von der Brücke springen, springst du dann hinterher?«

Jahre später fällt dem Kind ein – oder es wird ihm verraten – was es hätte antworten können, ein esprit d’escalier des Erzogenwerdens: »Wenn es brennt, und alle vor dem Feuer fliehen, und wenn die Leute sich durch einen Sprung ins Wasser vor den Flammen retten wollen, dann werde ich doch nicht stehen bleiben und verbrennen!« – Ja, manchmal kann es klug sein, der Masse und Menge zu folgen und sogar von der Brücke zu springen (gelegentlich als »Weisheit der Vielen« verkauft) … doch manchmal, das lehrt die Geschichte, manchmal ganz gewiss nicht.

1931 wurde ein Büchlein veröffentlicht mit dem Titel »Hundert Autoren gegen Einstein«, die seine Relativitätstheorie widerlegen und zurückweisen wollten – der Legende (und meiner Erinnerung an diese) nach soll Einstein geantwortet haben: »Warum hundert? Wenn ich falsch liegen sollte, dann würde doch einer genügen?«

Ja, selbstverständlich erinnert es daran, wenn vom deutschen Staatsfunk behauptet wird, »11.000 Wissenschaftler« hätten »vor einem “Weiter So” beim #Klimawandel« gewarnt« (@tagesschau, 6.11.2019) – sciencefiles.org, 6.11.2019 hat es schnell zerpflückt – viele Medien verbreiteten dennoch die »Nachricht«, und recht wenige der »Journalisten« fragten nach, was man von einer Liste zu halten hat, die »Prof Mickey Mouse« und »Albus Dumbledore« als »Klimawissenschaftler« listet (und mittlerweile offline ist). Eine Behauptung wird nicht richtiger, weil hundert oder tausend oder elftausend es sagten. Es gilt ja nicht nur fürs Klima, es gilt auch und besonders für die Moral. Egal wie laut sie heute »Wir sind mehr!« brüllen, ihr Weltbild ist auf Lügen gebaut. Am Ende gewinnt immer die Realität.

»Wir sind mehr« muss nicht einmal stimmen, um psychologisch wirksam zu sein (wenn man nicht nachweisen kann, in der Mehrheit zu sein, behauptet man eben, für die »schweigende Mehrheit« zu sprechen, siehe auch Abschnitte zum Populismus in Talking Points). Für gefährlich viele Menschen genügt bereits das Gefühl, sich in der Mehrheit zu befinden, um dadurch ihre Fakten und ihre Moral bestätigt zu sehen. – Wo wir aber von Moral reden…

Last time I testified

Eine Empörung, eine Moraldebatte und ein Skandal sind begrifflich natürlich nicht dasselbe, doch wo sich heute eines davon findet, da finden sich zuverlässig auch die beiden anderen.

Man könnte an jedem beliebigen Tag das brennende Gebäude der Tagesnachrichten durchschreiten und man würde immer wieder auf einen Anlass zur Empörung stoßen, auf den Auslöser einer notwendigen Moraldebatte und einen Skandal zugleich – selbst wenn dieser »nur« darin bestehen sollte, dass es kein Skandal ist. Früher las man in den Zeitungen von Jugendlichen, die bei »Jugend forscht« oder »Jugend musiziert« gewannen, heute liest man eben von minderjährigen Mädchen, die von »jungen Männern« vergewaltigt werden (aktuell etwa tz.de, 17.11.2019). Die Gewinner gibt es bestimmt auch noch, doch es fällt dem Fühlenden schwer, sich zu konzentrieren. Man könnte andere Nachrichten zitieren, etwa die täglichen Meldungen von der Art »Attacke in Frankfurt – Bande prügelt Mann an Konstablerwache in Klinik« (bild.de, 17.11.2019). Wir könnten den Kopf schütteln über Politiker, die alles in ihrer Macht stehende zu tun scheinen, Deutschland und seinen Bürgern im Namen der Moral zu schaden, etwa wenn sie ernsthaft anordnen, dass Polizei bei Abschiebungen die »Nachtruhe« würdigen muss (bz.de, 14.11.2019). Ja, das könnte man alles verzeichnen, doch das Bild vom Tage wäre nicht vollständig, wenn man nicht zumindest anreißen würde, dass und wie die Grünen im Kontext ihres jüngsten Parteitages beschlossen haben, via Kommission ihren »Wissenschaftsbegriff« zu finden (tagesspiegel.de, 15.11.2019) – die Herrschaften, welche uns versichern, Wissenschaftler von Mickey Mouse bis Dumbledore würden den nahenden Weltuntergang prophezeien, und auf solche Wissenschaft müsse man doch hören, dieselben Leute debattieren noch, ob es »Wissenschaft« sei, Hundekot in kleinen Zuckerkügelchen einzunehmen. (Wie blöd müssen deine linken Positionen sein, wenn sie sogar bento.de zu blöd zu sein scheinen?!)

All diese Nachrichten könnte man zitieren, diese Moraldebatte sollte man durchaus führen, und ja, es sollte alles zusammen und einzeln ein Skandal sein – doch erlauben Sie mir, eine Meldung aus den USA heranzuziehen, die uns beim Schärfen des Blickes helfen kann.

Am 23. Oktober 2019 sagte Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress aus. Man stellte ihm Fragen von denen einige nicht unqualifiziert waren. Zuckerberg sagte eine bemerkenswerte Passage:

Last time I testified before Congress, I talked about taking a broader view of our responsibility, and that includes making sure our services are used for good and preventing harm.
(Mark Zuckerberg, transkribiert von
rev.com, 23.10.2019)

Zuckerberg spricht von der »Verantwortung«, sicherzustellen, dass seine Angebote fürs »Gute« verwendet werden, und dafür, »Schaden« (oder: »Leid«, »Unglück«) abzuwenden.

Es sind gefühlige Worte. Wer würde wagen, da zu widersprechen? In der Passage zuvor spricht Zuckerberg von einer neuen Weltwährung, die Facebook einführen könnte, in der Passage danach von seinem Einsatz gegen Diskriminierung. Für das Gute und gegen das Schlechte, da müssen doch alle nicken – und dass die Leute da nicken statt aufzuspringen und nachzuhaken, das ist das Grundproblem aller dieser Meldungen.

Wenn man sich verfahren hat

Eine einfache Frage: Werden dieselben Handlungen in China »gut« genannt, die man in den USA »gut« nennt? Wer bestimmt das »absolut weltweit Gute«? Im Iran mag man vielleicht ähnliche Werte gut finden wie in Berlin-Kreuzberg, etwa wenn es um die Darstellung von Frauen in der Werbung geht (siehe etwa den Essay »Islamisierung«), doch selbst die ähnliche Mentalität von Gottesherrschaft und Gutmenschentum kann Bruchstellen entwickeln, siehe etwa »Islam is right about women« (was an der Widersprüchlichkeit gutmenschlicher »gefühlter Wahrheit« liegt, wahrlich nicht am Islam).

Testen Sie es an den großen und wichtigen Nachrichten der letzten Jahre, die Ihnen aus Ihrem Gedächtnis einfallen – ich bin sicher, dass der Großteil dieser Nachrichten davon getriggert wurde, dass an irgendeinem Punkt ein moralischer Konsens behauptet und dann umgesetzt wurde, der nicht oder nicht genug hinterfragt worden war.

Unsere Probleme werden heute größer, nicht kleiner. Wenn man sich verfahren hat, dann ist es wenig sinnvoll, auch noch aufs Gaspedal zu treten, ob hinterm Gaspedal ein Dieselmotor mit Abgaswerten aus dem Märchenbuch steckt – oder ein Elektromotor mit Rohstoffen aus Kinderarbeit.

Unsere Probleme werden heute größer, und nicht kleiner, weil die breite Mehrheit der Menschen es noch immer nicht hinterfragt, wenn ihnen Staatsfunk und Haltungsjournalisten mit Autorität, Geschwätzigkeit oder Drohungen vorgeben, was sie für gut und was für böse halten sollen.

Anhalten, Situation prüfen

»Wenn alle Kinder von der Brücke springen«, so fragt die Mutter, »springst du dann auch?« – Das Kind sollte antworten, wenn es bereits weise wäre, und nicht kindisch: »Wenn viele Menschen etwas Gefährliches tun, dann könnte man klugerweise die Gründe prüfen, warum sie es tun. Vielleicht haben sie einen guten Grund – vielleicht haben sie aber keinen, zumindest keinen den sie durchdacht haben, dann sollte man es eben nicht tun.«

Ich bin der Überzeugung, dass unsere größten gesellschaftlichen Probleme heute dadurch entstehen, dass die Mehrheit sich nicht im Klaren darüber ist, wie sie zu ihrer ethischen Meinung kam – und also nicht prüfen kann, ob in nur ein wenig anderem Licht sie eine vollständig andere ethische Meinungen haben könnte. (Beispiel: Nach dem Fukushima-Unglück beschloss Merkel-Deutschland hysterisch, dass es moralisch geboten sei, aus der Atomenergie auszusteigen – laut statista.de, 9.8.2019 plant China aktuell 43 neue Atomreaktoren, Russland 24, Indien 14, Ägypten 4, die USA 3, und die Tschechen gleich nebenan immerhin 2 – bei Wikipedia findet sich eine Liste der Kernkraftwerke in Europa. Hätte man etwas nachgedacht, hätte man sich fragen können, wieviel ethischen oder irgendeinen sonstigen Wert es langfristig haben kann, sich selbst ins Bein zu schießen und sich selbst zu verkrüppeln, während die Konkurrenten kurz anhalten, die Situation prüfen, und dann größtenteils doch weiterlaufen.)

Nicht mehr tiefer in den Schlamm

Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, meine Mitmenschen dafür zu begeistern, die Entstehung ihrer ethischen Meinungen zu untersuchen – sprich: wie Relevante Strukturen ihre ethischen Meinungen formen.

Unsere großen Probleme sind eigentlich Denkprobleme. Eine alte Beraterweisheit besagt, dass man Probleme nicht mit der gleichen Denkweise überwinden kann, mit der man in eben diese Probleme hinein geriet. Hier passt diese Denkweise nur mit etwas Anpassung, dann aber sehr genau: Wir werden nicht durch »Fühlen statt Denken« aus Problemen heraus kommen, in die wir durch zu viel spontanes Gefühl und zu wenig nachhaltiges Nachdenken erst hinein geraten sind.

Wir haben uns mit einer emotionalen Denkweise in gefährliches und schwieriges Gelände manövriert. Hat Deutschland eine Zukunft? Haben wir eine Zukunft? Es kommt darauf an, ob es uns gelingt, an irgendeinem Punkt nicht mehr tiefer in den Schlamm des als »Haltung« verkleideten so hysterischen wie feigen Duckmäusertums zu waten, sondern auf die gefährlich weiche Oberfläche des linksgrünen Morast die Bretter der Vernunft zu legen, uns vorsichtig hinaufzuziehen, und dann genug Mitbürger mitzunehmen.

»Wenn alle von der Brücke springen…«, fragt die Mutter, und wir können heute ganz konkret uns und unserem Nachbarn die Frage stellen: »Wenn alle immer tiefer in den Sumpf gutmenschlicher Illusionen waten, wirst du hinterherlaufen?«

Liebe Leser, Sie kennen ja meinen Aufruf: Ordne deine Kreise! – Manche von Ihnen schreiben mir, dass Sie ihn praktisch verstehen. Sie geben Ihr Bestes, Ihre Familie zu sichern und das Wohl Ihrer relevanten Strukturen über den Tag hinaus zu bedenken. Jedoch, vergessen wir nicht: Die äußere Ordnung setzt innere Ordnung voraus.

»Ordne deine Kreise« bedeutet auch und zuerst: Werde dir dessen bewusst, wie deine moralischen Meinungen entstehen, lass dich nicht verführen, lass dich nicht dazu manipulieren, dir selbst, deinen Lieben oder deinem Land zu schaden.

Ich schrieb einmal: »Deutschland, ordne deine Kreise – oder andere werden sie für dich ordnen!«, denn es gilt nach wie vor, und es gilt nicht minder für den Einzelnen: Ordne deine Kreise – sonst werden es andere für dich tun!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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