Wenn Nationen sich in den Arm schneiden

18. August 2018, von Dushan Wegner; Bild von eberhard grossgasteiger
Türkei und Deutschland schaden sich beide jeweils selbst, doch warum? Die Länder erinnern einen an Menschen, der sich selbst blutig schneidet, weil er innerlich zerrissen ist. Das Problem: Selbstverletzung schafft nur kurzfristig Erleichterung!
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Auf der einen Seite hat es gute publizistische Tradition, ganze Länder »auf die Couch« zu legen, sei es Amerika, Österreich oder Deutschland. Auf der anderen Seite gibt es Vergleiche, die sind ein Seiltanz. Sie sind treffend, sie bebildern mittels Analogie die Mechanik hinter gewissen Verhalten, aber sie sind nicht unproblematisch, denn sie grenzen ans »Politisch Unkorrekte«. Und doch: Das Verhalten von Menschengruppen, etwa Firmen oder Ländern, lässt sich gelegentlich vergleichen mit dem Verhalten von Menschen, die in ihrer Seele gewisse innere Kämpfe austragen.

Die These, als Beispiel, wonach Konzerne sich wie Psychopathen verhalten können, wurde unter anderem 2003 durch die Filmdokumentation »The Corporation« in die öffentliche Debatte gebracht. Dass Menschengruppen sich als Einheit anhand einer eigenen (aber Individuen durchaus ähnlichen) Psychologie verhalten, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Denkern wie Gustave Le Bon notiert. Diese poetisch angehauchte Gattung der Philosophie (oder soll es Soziologie sein?) geriet aus verständlichem Grund in Verruf, denn Hitler und die Nationalsozialisten haben die Psychologie von Gruppen nicht nur studiert – sondern auch mit tödlicher Konsequenz manipuliert. Mir scheint es aber gefährlich unlogisch, einen Denkansatz zu ignorieren, nur weil böse Menschen ihn »erfolgreich« eingesetzt haben – wir fahren ja weiterhin Volkswagen (wenn auch immer weniger die Diesel-Variante, aber aus anderen Gründen) und tragen Boss-Anzüge. (Boss stattete unter anderem die SA mit Uniformen aus, siehe welt.de, 23.9.2011. Heutige Polit-Schläger tragen andere Marken: »What to Wear to Smash the State«, nytimes.com, 29.11.2017.)

Mit Theorien und mit Denkansätzen ist es wie mit dem Messer: Man kann damit Brot schneiden und dann die Armen speisen – oder man kann in deutschen Supermärkten oder Fußgängerzonen auf Menschen einstechen. Nicht das Werkzeug, sondern, unter anderem, die von Absicht geleitete Handlung ist gut oder böse. Wir fragen, welche innere Psychologie eine Person zu dieser oder jener Handlung treibt – ob die Person ein Mensch ist oder eine Nation. Wir dürfen uns mindestens fragen, ob sich auch ganze Nationen nach diesem oder jenen Handlungsmuster verhalten.

Experten zu Rate ziehen

Ich kann mich erinnern, als Elli und ich einmal an der Kasse des Supermarktes standen. Die Kassiererin nannte den zu zahlenden Betrag. Ich hielt das Geld hin und die Kassierin griff danach. Ich sah, dass ihr Unterarm von Schnitten übersät war. Elli und ich packten unseren Einkauf in Tüten, und auf dem Weg zum Auto raunte ich Elli zu: »Hast du die Schnitte auf ihrem Arm gesehen? Meinst du, das war eine Katze oder hatte sie einen Unfall?«

Ich war naiv. Ich bin noch immer naiv, doch es ist einer der Vorteile des Älterwerdens, dass man an Wissen, Erfahrung und hoffentlich auch Weisheit dazugewinnt und zugleich Naivität ablegt. Heute weiß ich, dass es Menschen gibt, die sich Wunden in den eigenen Arm schneiden. Man nennt es »selbstverletzendes Verhalten«, auf Englisch »self-harm« und umgangssprachlich auch »cutten«.

Während durch die Selbstverletzung eine momentane Erleichterung erreicht wird (siehe z.B. spiegel.de, 1.9.2010), so tritt bei den Betroffenen über die Zeit hinweg ein Gewöhnungseffekt ein, was immer stärkere Verletzungen »notwendig« macht.

Solche Selbstverletzungen, sagen Psychologen, sind ein Ausdruck für ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper, also zu sich selbst, und der eigene Körper wird dann als nicht mit dem Bild des eigenen Körpers übereinstimmend wahrgenommen. Selbstverletzungen können Folge von Missbrauch oder Depressionen sein, von Demütigungen und schweren Traumata.

Das große Problem für Laien im Gespräch mit Betroffenen ist der »Krankheitsgewinn«: Menschen, die sich selbst verletzen, könnten die davon ausgelöste Zuwendung als positiv empfinden – es ist ja verständlich – was die Betroffenen dann motivieren könnte, sich weiter selbst zu verletzen. Auch hier gilt, dass man einen Experten zu Rate ziehen sollte.

Die Ohren abfrieren lassen

Nicht nur einzelne Menschen, auch ganze Staaten können Phasen durchmachen, in denen sie sich selbst schaden.

Aus der Türkei hören wir, dass Erdogan-Fans aus Protest gegen die USA ihre iPhones mit dem Hammer zertrümmern und Coca Cola in die Toilette schütten. Teilweise rufen sie beim Zertrümmern ihrer teuren Telefone »Allahu Akbar«. Ein Metzger zerhackt Dollar-Noten, gegen den starken Dollar (er erinnert an Xerxes, der das Meer auspeitschen ließ).

Zitat eines kleinen Jungen und Erdogan-Fans:

»Ich protestiere, weil der Dollar-Kurs gestiegen ist und kippe diese Cola in die Toilette und mache unsere Toilette damit sauber.«
bild.de, 17.8.2018

Der Inhalt dieser Proteste ist ein Handelsstreit zwischen Erdogan und Trump. Es ist kein Geheimnis, dass Trump sich in Sachen Handelsbedingungen mit der ganzen Welt anlegt, mit China, mit der EU und eben auch mit der Türkei. Das Ergebnis sind regelmäßig neue Deals, die entgegen aller Vorabklagen doch für alle Seiten verdaubar sind, und – vor allem – mit denen sich Trump wohlfühlt. Bei diesem Konflikt ist allerdings der offizielle Auslöser, dass der US-Pastor Andrew Brunson seit Oktober 2016 wegen Spionagevorwürfen im türkischen Gefängnis sitzt (siehe z.B. zeit.de, 17.8.2018) und Trump ihn mit Hilfe von Strafzöllen freibekommen möchte.

Erdogan ruft zum Boykott von US-Produkten auf, und während sie ihre teuren Smartphones zertrümmern, muss ich an eine tschechische Redensart denken, die übersetzt ungefähr lautet: »… das ist wie sich den Eltern zum Trotz die Ohren abfrieren zu lassen.«

Die türkische Lira bewegt sich stetig abwärts und Moody‘s hat nun die Bewertung der Kreditwürdigkeit der Türkei auf »negativ« gesenkt (siehe z.B. welt.de, 18.8.2018).

Welchen Weg wählt Erdogan, um Schaden vom Land abzuwenden? Er ruft die Türken auf, von ihnen selbst bezahlte Produkte zu zerstören. Ich wage die Prognose: Wenn die erste Empörung vorbei ist, werden die meisten dieser Leuten dieselben Produkte gleich nochmal kaufen. Man protestiert gegen die USA, indem man US-Produkte doppelt kauft. Oder, wie die Tschechen sagen würden, den Eltern (in diesem Fall: dem Nato-Partner USA) zum Trotz lässt man sich die Ohren abfrieren.

Die Türkei ist ja nicht das einzige Land, dass sich selbst aktiv schadet. Wir haben oft davon gesprochen, und es ist zu befürchten, dass wir noch oft darüber sprechen werden: Auch Deutschland schneidet sich selbst, aktiv und sehenden Auges – und im Effekt buchstäblich mit Messern. Frankreich und Schweden handhaben es so ähnlich. Manche sagen, dass auch die USA sich mit Kriegen wie denen in Vietnam und Irak selbst »ins Fleisch geschnitten« haben.

Länder, die sich selbst verletzten, so wie die Türkei und Deutschland es derzeit zu tun scheinen, haben Gründe an der Oberfläche und Gründe innen drin – so wie die Menschen, die Ähnliches tun.

Ich wage die These, dass die Gründe für selbstverletztendes Verhalten bei Menschen und bei Nationen ähnlich sind. Der Mensch kommt mit dem Blick auf sich selbst nicht klar (oder irrt darin erheblich) – die Nation auch nicht.

Die Türkei wird vom Bosporus in zwei Kontinente geteilt, Europa und Asien. Das ist ein bekannter Topos. Die heutige Türkei ist auch zerrissen zwischen dem modernen Säkularismus in der Tradition Atatürks und dem weltweit steigenden Einfluss des konservativen Islam. Wie »Demokratiekritiker« aller Zeiten nutzt Erdogan die Religion zur Einigung und Mobilisierung seiner Zielgruppe – das »Allahu Akbar«, das beim Zertrümmern des iPhones gerufen wird, ist kein Zufall.

Es scheint, dass die Türken wie die Deutschen beide derzeit nicht aus sich selbst heraus 100% wissen, wer sie sind. Erdogan und die AKP bieten den Türken die Religion und klassischen Antiamerikanismus zur Identifikation an (Hinweis: Die Türkei ist noch immer Natopartner!) – und zu viele Türken nehmen es an.

Es scheint, dass die Deutschen nicht wissen, wer sie sind – wer sie sein dürfen. Merkel und die linksgrüne Meinungselite bieten ihnen Selbsthass und seit Trump ebenfalls Antiamerikanismus zur Identifikation an.

Wahrlich nicht alle, aber doch eine Reihe von Türken nehmen social-media-öffentlich Erdogans Aufruf an, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Wahrlich nicht alle, aber doch eine Reihe von Deutschen (und die Mehrheit der Journalisten) nehmen Merkels Aufruf an, sich hochmoralisch ins eigene Fleisch zu schneiden.

Fragen als Stöcke

Des Menschen Seele ist eine dunkle Schachtel. Die Philosophen und Psychologen nutzen Fragen als Stöcke und sie stochern im Dunkeln; so wollen sie herausfinden, wie der Spielstand im Kampf zwischen den Engeln und Dämonen unserer Seele aktuell lautet.

Die Seelen der Völker sind etwas offener als die Seelen des Menschen, doch auch sie können verletzt werden. Nationen können in der Seele zerrissen sein. Die Türkei scheint zerrissen zu sein zwischen Moderne und Tradition, zwischen säkularem Fortschritt, traditioneller Religion – und Erdogans unbedingtem Machtwillen. Deutschland ist zerrissen zwischen Schuld und Hoffnung, zwischen Vernunft, Emotion – und Merkels zähem Machtwillen. Beide Länder scheinen sich nicht ganz sicher zu sein, wer sie sind, und so wirkt ihr Verhalten an manchen Tagen ähnlich auto-aggressiv, wie ein Mensch, der, von Traumata und innerer Zerrissenheit gequält, die Klinge zur Hand nimmt und seine Haut ritzt, bis die roten Narben die Haut seines Arms vom Ellbogen bis zum Handgelenk bedecken.

Ein Therapeut wird wahrscheinlich einem Selbstverletzer nicht sagen, dass sein auslösendes Leiden »nicht so schlimm« sei, er wird ihm wohl auch nicht sagen, dass andere Menschen es schlimmer haben, und es wäre komplett kontraproduktiv, zu leugnen, dass es diese Spannungen überhaupt gibt – natürlich gibt es sie! Und es bringt wahrscheinlich nichts, zu sagen: »Hör auf, du tust dir weh!« – Sich weh zu tun ist der Zweck der Maßnahme.

Nicht unbesoffen

Wenn ein Mensch sich selbst verletzt, könnte ein guter Psychotherapeut ihn dahin führen (wollen), dass er die auslösenden Spannungen anders bewältigt.

Ja, ich kann verstehen, dass Deutschland in Spannung lebt zwischen Schuld und Selbstbewahrung, zwischen Gesinnung und Verantwortung. Es führt nirgends hin, wenn Deutschland sich selbst verletzt, wenn es seinen alten Wunden neue hinzufügt. Vielleicht sollte Deutschland mal »auf die Couch«.

Das deutsche Trauma wird nicht weniger werden, wenn das Land sich weiter selbst verletzt, so wie Weitersaufen nicht unbesoffen macht, außer man landet im Krankenhaus und die Ärzte nüchtern einen aus, so wie das Auto nicht langsamer wird, wenn man Gas gibt, außer irgendwann, plötzlich, wenn man in den Baum kracht und alles stehen bleibt.

Deutschland hat damals Leid verursacht und in Folge selbst Leid erlebt. Es wäre nicht »normal«, wenn es ohne Traumata herausgekommen wäre. Doch es führt genau nirgends hin, wenn das Land sich weiter ins eigene Fleisch schneidet – oder buchstäblich schneiden lässt.

Ja, Deutschland muss Verantwortung übernehmen, doch alle Verantwortung beginnt, wenn sie nachhaltig sein soll, mit der Verantwortung für sich selbst, für die eigene Sicherheit, die eigene Freiheit, den eigenen Rechtsstaat, das eigene Sozialwesen und die eigene Demokratie – das gilt für die Deutschen wie für die Türken.

Es hat gewiss seinen Nutzen, sich mal »auf die Couch« zu legen, nur ist schwer, einen Menschen oder ein Land zu diesem Schritt zu überzeugen, wenn er/es selbst noch nicht so weit ist. Vielleicht sollten wir zuerst das Land in den Arm nehmen, ihm einfühlsam die Messer aus der Hand nehmen, und ihm dann leise, aber eindringlich sagen: »Ich verstehe, liebes Land, dass Du zerrissen bist. Doch, glaube mir, es wird nicht besser werden, wenn du dir weiter selbst weh tust.«

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