Ich habe keine Angst mehr (20. Dez. 2016)

20. Dezember 2018, von Dushan Wegner; Bild von Caleb Woods
Diesen Text schrieb ich am frühen Morgen des 20. Dezember 2016, dem Tag nach dem Attentat am Breitscheidplatz. Er ist für mich noch immer eine Prüfung: Stimmt es noch, dass ich »keine Angst mehr« habe?
Ich habe keine Angst mehr (20. Dez. 2016)
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Dieser Text erschien zuerst am 20. Dezember 2016, am Morgen nach dem Attentat am Breitscheidplatz bei Tichys Einblick.

In Berlin wurden gestern zwölf Menschen brutal ermordet. Sie wollten mit Freunden noch schnell auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken. Vielleicht ein Geschenk kaufen. Oder gar einen Flirt mit der neuen Kollegin wagen?

Dann kam der Mann im LKW und tötete sie. Diese zwölf Menschen kehren heute nicht zurück zu ihren Familien. Sie werden bald eingeäschert oder begraben. Irgendwo in Berlin sitzen jetzt andere Menschen und weinen um sie. Dutzende Schwerverletzte liegen im Krankenhaus. Kann man es »Glück« nennen, was sie hatten? Ihr Leben wird nie wieder dasselbe sein, selbst wenn sie vollständig genesen – was wir ihnen so sehr wünschen!

Das »Verbrechen« dieser Menschen war, den Montagabend genießen zu wollen. Im Moment sein. Mensch sein. Das war alles. Dann kam der Mörder.

Es gibt verschiedene Arten, mit dem Unfassbaren umzugehen. Einige werden sprachlos, andere trauern laut. Einige sind wütend auf »die da oben«. Religiöse Menschen hadern mit Gott. Politische Menschen hadern mit der Regierung. Alles legitim, alles menschlich.

Und dann gibt es noch eine ganz besondere Art der Reaktion. Manche sind so von Ideologie zerfressen, dass sie an der Tat nicht die Toten stören, sondern der »politische Nutzen« für den Gegner.

Ich will es in aller Deutlichkeit sagen: Wenn Menschen aus dem Leben gerissen werden, es aber jemandes größte Sorge ist, dass diese Brutalität einer Partei »nutzen« könnte, dann bringt jener alles mit, was es braucht, ein Psychopath genannt zu werden. Er setzt Ideologie, Parteipolitik und Sprachregelungen vor Menschenleben und Menschlichkeit.

Lassen Sie uns heute endgültig das Joch der Sprach- und Gedankenkontrolleure abschütteln. Deren Zeit ist abgelaufen, sie haben verhindert, dass wir wichtige Fragen stellen und ehrlich Antworten suchen. Dass wir es zu lange versäumt haben, wird uns noch lange viel kosten.

Ich habe Fragen. Zum Beispiel: Was bedeutet es praktisch, dass hunderttausende Menschen aus den gefährlichsten Regionen des Planeten ohne Sicherheits-Überprüfung nach Deutschland kamen? Wir kontrollieren die Einfuhr von Hundefutter nach Schadstoffen, aber verzichten auf Identifizierung bei Reisenden aus Gegenden, in denen der Terror wohnt. Angeblich, weil es “diskriminiert” und verdächtigt. Doch diese Sprachformeln unterdrücken eine simple Wahrheit: Dass Kontrolle gelegentlich hilfreich ist. Warum gibt es eigentlich keine Terroranschläge in Tschechien oder Polen? Was bedeutet es für mich, wenn mein Gegenüber mich als »Ungläubigen« betrachtet? Wessen Idee war das alles?

Liebe Gesinnungspolizisten und Sprachkontrolleure, ich habe keine Angst mehr vor Ihnen. Wenn ich sie je hatte, heute ist sie fort. Sie können mich beschimpfen. Ich weiß, ich weiß: Wer 2 und 2 zusammenrechnet und bei 4 ankommt, der ist für Sie ein »Populist«, ein »Hetzer«, von mir aus ein »Außerirdischer« – wen kümmert’s, was Sie sagen? Ihre Worte bedeuten nichts mehr. Alle Ihre Prognosen waren falsch. Sie wissen nicht, was Sie reden.

Sie wollen Ihre Ideologie aufrechterhalten. Ich will mein Leben in Frieden leben, meine Kinder aufwachsen sehen, und das in Harmonie mit allen anderen Menschen auf diesem Planeten. Ja, ich will Sicherheit und Ordnung. Mein Leben ist mir wichtiger als Ihr Weltbild. Wenn ich je Angst vor Ihren Sprachkontrollen und Denkverboten hatte, das ist vorbei. Ich habe keine Angst mehr.

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