Essays

Ich hasse euren Hass – und euren Gegen-Hass!

Ich hasse euren Hass – und euren Gegen-Hass!

Gäbe es ein elftes Gebot, eines, das die jeweils amtierende Regierung auszugeben hätte, so wäre es heute zweifelsfrei: Du sollst nicht hassen!

Den kundigen und klugen Lesern, also meinen Lesern sowieso, ist die ganze Chose wohlbekannt. Für alle an neu Hinzugestiegenen jedoch, zuerst ein Herzliches Willkommen!, und dann noch gern eine kurze Zusammenfassung: Seit Jahren nun finanziert die Regierung eine Kampagne gegen vermeintlichen „Hass“, und manche Kritiker, wie ich, fühlen sich an ein Orwellsches Werkzeug zur Gedankenkontrolle erinnert.

Und doch!

Ich bin kein Journalist, ich will nicht Politik machen. Ich will verstehen und was ich verstanden habe mit ihnen teilen! Gerade also weil der Hass naturgemäß ein dermaßen leichtenzündliches Thema ist, will ich mein Bestes geben, auch dem Hass zunächst ganz neutral zu begegnen

Dann, nach einem virtuellen Moment des neutralen Innehaltens, so kurz – aber hoffentlich nicht so gelogen! – wie das Innehalten der Autoräder am Stoppschild, das ja in Wahrheit kaum jemand als nur der Fahrschüler und der allzu Trödelige wirklich einhalten, so kurz in etwa will ich dem Hass „neutral“ begegnen – um dann und jetzt gleich festzustellen, dass das ja so nicht funktionieren wird, dass dem Hass neutral zu begegnen gar nicht geht, doch immerhin ist jetzt der Hass als Thema im Raum, wie eine schrägstehende Statue, oder ein banales, aber grelles Gemälde, über das man reden muss, und ich frage: Was meint ihr da oben eigentlich, wenn ihr vom Hass redet?

Der Duden, das Philosophie-Handbuch der armen Leute, definiert Hass als heftige Abneigung; starkes Gefühl der Ablehnung und Feindschaft gegenüber einer Person, Gruppe oder Einrichtung.

Wenn nun die Regierung vom Hass spricht, was kann sie damit meinen? Fahren die eine Kampagne gegen ein Gefühl? Eine Kampagne des extrafleißigen Familienministeriums behauptet ja bis heute: „Hass ist keine Meinung.“ – Mit diesem Spruch unterm Banner des „NoHateSpeech“ ziehen sie in den sprachmoralischen Hygienekrieg, und „Hass“ scheint in ihrem neupuritanistischem Gefühlsgefängnis alles, buchstäblich alles zu sein, was einem ins Kleinkrämertum passt, von unbequemen Fakten (die das eigene Weltbild gefährden) bis hin zu Unhöflichkeiten (beim politischen Gegner). Als sie Kinder waren, hielten sie sich die Ohren zu und sangen Lalala!; heute, als große Kinder, schreien sie: Hatespeech, du Nazi! – Wie genau man ein Gefühl verbieten kann und was am Satz „ich hasse Nazis“ keine Meinung sein soll, beides bleibt unbeantwortet.

Wieder mal die Engländer

In Großbritannien sind sie dem deutschen Traum von der totalen Hassbeseitigung ein paar Schritte voraus.

Der britische Metropolitan Police Service hat auf seiner Website eine Beschreibung von „Hassverbrechen“ veröffentlicht, die Folgendes enthält:

If someone does something that isn’t a criminal offence but the victim, or anyone else, believes it was motivated by prejudice or hate, we would class this as a ‘hate incident’. Though what the perpetrator has done may not be against the law, their reasons for doing it are. This means it may be possible to charge them with an offence.
Übersetzung: Wenn jemand etwas tut, das keine Straftat ist, aber das Opfer oder jemand anderes glaubt, dass es durch Vorurteile oder Hass motiviert ist, würden wir dies als ‚Hassvorfall’ einstufen. Obwohl das, was der Täter getan hat, nicht gegen das Gesetz verstößt, können seine Gründe dafür dies tun. Dies bedeutet, dass es möglich sein könnte, ihn für eine Straftat zu belangen.
met.police.uk

Das muss man sich auf der liberalen Zunge zergehen lassen: Wenn du etwas tust, von dem irgendwer auch nur behauptet, dass es von „bösen“ Gründen motiviert ist, kann die Polizei es als mögliche Straftat behandeln. In London gehen sie über das bereits gruselige Konzept des Gedankenverbrechens hinaus und verfolgen bereits das vermutete Gedankenverbrechen – Orwell war ein Optimist. Es erinnert an die Precogs in Philip K. Dicks Minority Report.

Im Text „Mensch vs. Gehorsam“ stelle ich die These auf, dass der Graben heute nicht zwischen Links und Rechts verläuft, sondern zwischen Menschen, die einfach nur leben wollen und ihre Moral immer vom Menschen her denken, und jenen, die anderen den Gehorsam aufzwingen möchten. Solche Regelungen sind geradezu eine Einladung an Totalitäre, „ungehorsame“ Mitbürger anzuschwärzen.

Wer darf was?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Anti-Hass-Kampf wie ein Schutzschild aufgestellt wird, um selbst aus der Deckung heraus anzugreifen. Initiativen wie „NoHateSpeech“ und das verfassungsproblematische „NetzDG“ werden wie Schutzschilde in der Römischen Kampfformation aufgestellt. Versteckt vor bösen Worten hinterm No-HateSpeech-Geplärr feuern sie Salven des Hasses auf alle, die sie für Feinde halten, und rufen „Bätschi“, wenn die Worte aus der Gegenrichtung fliegen und sich doch bloß in den Spießen der Zensoren verfangen.

An die Hass-Entgleisungen von SPD-Politikern wie Stegner oder Lauterbach hat man sich ja fast gewöhnt. Als die SPD-Politikerin Eva Högl (bekannt für ihr fröhliches Lachen, während Martin Schulz über Terroropfer sprach) Abtreibungsgegner als ‚widerliche „Lebensschützer*innen“‘ beschimpfte, hatte dies aber dann doch eine ganz eigene Qualität und klang mehr nach Todeskult als nach demokratischem Miteinander. Ausgerechnet die Partei, die absurde Mengen an Steuergeldern in Propaganda „gegen Hass“ pumpt, die das Zensurgesetz „NetzDG“ einbrachte und Kritik erst zu „Hass“ umdeklariert und dann via „Hass ist keine Meinung“ aus dem Diskurs herausnehmen will, wirft wie kaum eine andere Gruppe mit offenem Hass um sich.

Wenn jedoch beim Hass gegen Abweichler auch die letzte Hemmung fallen soll, erklärt man es für Satire. (Dazu übrigens mein Text: „Dürfte Satire einen Menschen töten?“) – Alle paar Wochen werde ich vom demnächst beim ZDF auftretenden Satiriker Shapira zitiert und im Anschluss bekomme ich Hass seiner Fans ab, bis hin zur Morddrohung. Die ZDF-HeuteShow etwa beschreibt Wähler der Opposition als krank und von Ungeziefer befallen. Und in der Logik der NDR-Witzemacher entspricht die Forderung, auch unangenehme Fakten zu benennen („politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“) der Einladung, als „Nazischlampe“ beschimpft zu werden. Was darf der Staatsfunk? Wenn es gegen Abweichler geht, alles.

Ich habe den Hass satt

Es macht einen Unterschied, ob ein einzelner Schreiber wie Akif Pirinçci (ebenfalls bei den Freien Denkern), Kämpfer gegen Dummheit und Lebenslügen, das phantasievolle Fluchen zur Teil seiner Kunst erhebt, oder ob steuerfinanzierte Politiker und via Gesetz bezahlte Journalisten sich hinter Anti-Hatespeech-Gesetzen und Zensur verstecken, um von da aus den Abweichlern und Oppositionellen die vom Grundgesetz zugesicherte Menschenwürde streitig zu machen.

Ich habe den Hass der Guten so satt. Und den Gegen-Hass der Bösen. Und den Gegen-gegen-Hass. Die staatliche Einmischung in diesen Kindergarten, den habe ich am allersattesten! So richtig übel aber wird es, wenn sich via Gesetz bezahlte Hasser hinter „NoHateSpeech“ verstecken und von da aus einfache Bürger übelst angreifen.

Leonard, sprich!

Je weniger Argumente für die offizielle Linie (die „Haltung“) sprechen, um so aggressiver werden Politiker, Journalisten und staatsnahe „Comedians“ gegen Abweichler und Kritiker auftreten.

Ich halte nichts von einem Wettkampf des Hasses. Ich hielte es auch gar nicht für notwendig! Es ist ja nicht so, dass der Hass von SPD-Politikern den Umfragewerten der SPD sonderlich nützen würde. Gerade im populistischen Gekreische auf allen Kanälen hat das treffende Sachargument einen Wert durch seine Alleinstellung. Doch, jenseits der mangelnden Notwendigkeit, würde ein Wettrüsten des Hasses sich sehr schnell gegen uns selbst wenden. Hass zerfrisst den Menschen, ob er bezahlt oder unbezahlt ist.

Eine der Weisheiten, die ich mir im Verlauf der Jahre selbst wiederhole (und vorspiele), stammt aus dem Lied You have loved enough von Leonard Cohen:

When hatred with his package comes, you forbid delivery.
– Leonard Cohen, You have loved enough

Wenn der Hass mit seiner Lieferung ankommt, verbiete ihm die Zustellung!

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