27.2.2020

»Ich bin dann mal im Innenhof«

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Martin Kníže

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1991 wurde Karneval abgesagt, wegen Irakkrieg und Moral und so. 2020 aber, bei drohender Coronavirus-Epidemie, wurde fröhlich Karneval gefeiert! – Hat eine Pandemie nichts mit Moral zu tun?!
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Der Häuptling war alt geworden. Einst war er jung und stark gewesen, einst richtete er gerecht und entschied klug. Doch, es war Zeit, dass er seine Macht abgab — nur, wer sollte es ihm sagen? Man hörte hier und da ein Raunen im Stamm, ein Tratschen, eine Unzufriedenheit, und immerzu die Frage, wie es denn weitergehen sollte? Aus dem Raunen wurde Ärger, und ehe der alte Häuptling auch nur ahnte, was da geschah, war er abgesetzt und ein neuer, starker Häuptling eingesetzt.

Was war geschehen, dass der Stamm bewerkstelligte, wozu jedem Einzelnen der Mut fehlte? Ein Stamm ist doch nichts als eine Menge von Einzelnen — wessen Geist war es, der sich dem alten Häuptling entgegen setzte?

Es war der Geist der Masse. Es war derselbe Geist, der den Stamm einte, wenn der Nachbarstamm angriff, und sie wie eine Einheit, wie ein einziges, gefährliches Wesen kämpfen ließ. Es war derselbe Geist, der den Stamm einte, wenn ein Bär sie anzugreifen drohte, und der eben diesen Bären dann bewegte, sich fürs Erste wieder in den Wald zurück zu ziehen, als wäre nichts gewesen. Mit einem einzelnen Menschen, diesen nackten, nervösen Affen, mit dem nimmt es ein Bär so einfach auf wie mit Heidelbeeren oder Eichhörnchen, wenn er denn eines erwischt, aber mit einem ganzen Stamm, geeint und wehrhaft, das ist einem erfahrenen Bären zu riskant!

Eine fürchterliche und doch (in gewissen Momenten) äußerst nützliche Mechanik in unserer Seele lässt uns dann und wann zu Teilen einer Masse werden, eines Mobs, eines fürchterlichen Wesens, das weit stärker ist als der Einzelne, doch nicht notwendigerweise klüger – oder gar wohlwollender!

Neue Wörter lernen!

Im Essay »40 Jahre Zähneziehen: das vierte Kabinett Merkel« schrieb ich vor bald einem Jahr über Jens Spahn und seinen (noch) aktuellen Arbeitsplatz:

Die Gesunden wie Kranken haben Besseres verdient als einen Minister Jens Spahn, für den das Gesundheitsministerium eher seine persönliche Strafkolonie darstellt, und nicht Auftrag und Mission. (dushanwegner.com, 9.3.2018)

Wen eine Regierung aus Gründen der Parteien- oder Koalitionen-Innenpolitik mit einem guten Posten versorgen muss, den — so wird gelegentlich gemunkelt – schiebt man auf den Posten des Gesundheitsministers ab.

»Was hat ein Gesundheitsminister denn schon groß zu tun?«, so könnte einer denken. Die Ärzte tun, was sie können. Kassenpatienten hätten gern einen Service wie Privatversicherte, können/möchten/sollten aber dafür nicht wie jene zahlen (etwa für den Luxus, einen Arzt zu sehen, wenn sie krank sind – statt Monate später). Gesundheit ist wertvoller als alles andere, soll aber nicht soviel kosten. Pflegekräfte sollten mehr Respekt bekommen (werden sie aber nicht, denn sie sind zu einfach aus dem Ausland ersetzbar), dem Minister wird für alles Stress gemacht, niemand ist wirklich zufrieden, nicht genug Leute sind unzufrieden genug um zu rebellieren, und derart gehen die Dinge normalerweise ihren Gang — normalerweise.

Seit Anfang des Jahres hören wir vom Coronavirus (siehe dazu etwa »Nationen und Menschen sind unterschiedlich (und ja, das ist gut so)« vom 30.1.2020).

Vor einem Monat zeigte sich Gesundheitsminister Spahn im deutschen Staatsfunk »entspannt« und ließ sich zitieren: »Wir sind gut vorbereitet« (zdf.de, 27.1.2020). — Wenn Leute sich »entspannt« geben angesichts einer Krise, laufen sie natürlich Gefahr, später als »zu entspannt« dazustehen.

Wo liegen die Kompetenzen des Politikwissenschaftlers (Fernuni Hagen) Jens Spahn? Als in einer TV-Talkshow (siehe welt.de, 31.1.2020) Herrn Spahn ein Mediziner darlegt, wie die Situation tatsächlich ist, blafft Spahn den Fachmann mit politisch korrektem Bullshit an: »Entschuldigen Sie mal, das sind ja erst mal keine Patienten, die da kommen, sondern Bürgerinnen und Bürger!«

Einen Monat später spricht derselbe Gesundheitsminister vom »Beginn einer Coronavirus-Epidemie« (sueddeutsche.de, 27.2.2020). Aus Krankenhäusern hört man indes — unter der Hand und anekdotisch natürlich, man hört ja einiges — dass da zu wenige Schutzmasken sind, dass man nicht weiß, wohin man die Tests schicken soll, dass Ratlosigkeit herrscht.

Wir lernen heute ein neues Wort, nämlich »Pandemie«, was laut Duden eine »sich weit ausbreitende, ganze Landstriche, Länder erfassende Seuche« ist, eine »Epidemie großen Ausmaßes«.

1991, als der Irakkrieg ausbrach, hatte man aus moralisch-emotionalen Gründen bei uns in Köln und anderswo den Rosenmontags-Zug abgesagt (siehe etwa rundschau-online.de, 5.3.2011). 2020, im Angesicht einer drohenden Pandemie, hat man es nicht für nötig angesehen, Karnevals-Veranstaltungen abzusagen, wo Hunderte und Tausende von Menschen in Kontakt treten, dabei manche Körperflüssigkeit austauschen, oft in Form von Speichel, nicht immer nur tröpfchenweise durch die Luft fliegend.

Nun, dies ist Deutschland — wir sagen Karneval wegen Moral ab, nicht aber wegen einer drohenden Pandemie. Derzeit werden etwa 300 (!) Besucher einer Karnevalsveranstaltung gesucht. Der Grund: »Ein infiziertes Ehepaar hatte eine „unendliche Vielzahl von Kontakten“ – unter anderem auf einer Karnevalveranstaltung. Behörden suchen die Besucher unter Hochdruck (welt.de, 27.2.2020)«. Hunderte Menschen wurden bereits unter Quarantäne gestellt (siehe welt.de, 27.2.2020, gegen Mittag).

Der Geist der Masse

Es ist dem Menschen angeboren, als Teil der Masse seinen Charakter zu wechseln, gewissermaßen zu einem anderen Menschen zu werden — und daran Lust zu empfinden!

Das veränderte Verhalten des Menschen in der Masse ist ein wichtiges Mittel der Mächtigen, das Volk zu kontrollieren — und es ist zugleich Anlass zur Furcht und einer der Gründe, warum die Mächtigen so wenig schlafen. (Über die Konsequenzen des Schlafmangels von Politikern wurde etwa im Kontext der »Griechenlandkrise« diskutiert, siehe etwa theguardian.com, 14.7.2015.)

Der einzelne Mensch macht sich Gedanken und bedenkt seine eigenen »relevanten Strukturen«. Wenn der Mensch sich als Teil der Masse empfindet, nimmt er auch persönliche Risiken weniger deutlich wahr. Der Mensch, der zum Teil der Masse wurde, sieht sich zu Handlungen im Sinne der Masse verpflichtet — und gibt zugleich der Masse die (moralische) Verantwortung für seine Taten, nicht sich selbst.

Regimes, Propaganda oder einzelne Meinungsmacher können versuchen, das Verhalten der Menschen in ihrem Sinne zu beeinflussen, indem sie den Menschen einreden, zuerst Teil einer Masse zu sein, mit Slogans wie »Wir sind mehr« und Schlachtrufen wie »Da liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat« (siehe etwa »Die Forderung nach Diktatur findet wieder einen Markt«). Gleichzeitig fürchten alle Mächtigen das Verhalten von Menschen, die zum Mob werden und sich gegen die Herrscher wenden.

Die Politik setzt den Geist der Masse ein — und fürchtet ihn zugleich.

In der Savanne war es gelegentlich von Vorteil, wenn der Stamm sich zur geschlossenen Masse vereinte, um einen Häuptling abzusetzen, wenn dessen Zeit als brauchbarer Häuptling ihre Grenzen erreicht und überschritten hatte (und um das ohne Gewalt geschehen zu lassen, wurde die Demokratie erfunden, deren Idee ja derzeit in Deutschland von Merkel und ihren Helfern beschädigt wird). Es ist durchaus verständlich — aus deren Perspektive — wenn alle Mächtigen aller Zeiten die Masse so sehr brauchen wie sie ihre Wut fürchten.

Als wohlwollende Erklärungen, warum der Karneval 2020 nicht abgesagt wurde, könnte zählen, dass man keine Panik auslösen wollte. Man könnte allerdings auch vermuten, weniger wohlwollend, dass die herrschende Klasse seit Jahren nur noch reagierend handelt — und dass alle Hinweise auf mögliche problematische Entwicklungen als »rechts« und damit tabu gelten (siehe auch »Seid Lernende, nicht Gehorsame!«).

Deutschland hat ein (neues) Massenproblem. Bislang war es ein psychologisch-politisches — und jetzt wird es zu einem gesundheitlichen.

Alle unserer angeborenen menschlichen Eigenschaften sind für ein Leben in der Savanne optimiert, als Teil eines Stammes vor zehntausenden von Jahren — und nicht wenige unserer sozialen und sonstigen globalen Probleme hängen damit zusammen, dass angeborene Eigenschaften sich mit neuer Technologie auf eine neue Weise ausleben lassen, die sich gegen uns richtet.

Menschen weltweit kämpfen mit Übergewicht, und der Grund ist einfach: In der Savanne ergab es Sinn, dass Menschen so viel Kohlenhydrate wie irgend möglich zu sich nehmen, und um die ausreichende Einnahme von Zucker zu sichern, war es von Vorteil, dass Menschen echte Glücksgefühle dabei empfanden, ähnlich wie bei der Fortpflanzung — oder eben beim Aufgehen in der Masse.

Heute eben nicht mehr

Es hat gute Tradition, Ideen mit Viren zu vergleichen, schließlich sind Viren fast reine Information (siehe auch »Nationen — Quarantäne-Stationen für Politik-Ideen«). Die Masse beschleunigt die Verbreitung von beidem, von Idee und von Viren.

In der Savanne war es von Vorteil, wenn Menschen in der größtmöglichen Gruppe aufgingen — nur war es in der Savanne schlicht nicht möglich, dass eine »Masse« mehr als einige Hundert Menschen groß wird, ähnlich wie es damals beim Zucker natürliche Grenzen gab, die es heute eben nicht mehr gibt — in verschiedener Bedeutung des Wortes »Grenzen«.

Motto des Tages

Wer am Leib gesund bleiben will, der muss seine natürliche Lust am Zucker mit Willenskraft in Grenzen halten — es hilft, sich selbst sein eigenes Essen zuzubereiten.

Wer an der Seele gesund bleiben will, der muss seine natürliche Lust an der Masse mit Willenskraft in Grenzen halten — es hilft, sich selbst seine eigenen Gedanken zu machen.

Spätestens wenn Deutschland und der Welt eine Pandemie droht, ist es für die Seele und den Körper gleichermaßen wichtig, sich der Masse nur mit Vorsicht auszusetzen, nicht ihr Teil sein wollen, ja, sich ihnen zur rechten Zeit zu entziehen. Wohl dem, der einen Innenhof hat, in den er sich zurückziehen kann, im übertragenen wie auch im praktischen Sinne.

Wenn sich ganze Viren und halbe Wahrheiten verbreiten, wenn die Masse zu ihrer größten eigenen Gefahr wird, dann darf man der Masse schon mal selbstbewusst entgegnen: »Ich bin dann mal im Innenhof!« (Und weil es ein gutes Motto für diese Tage ist, darf ich Ihnen das als neues T-Shirt vorlegen!)

»Weiterschreiben, Wegner!«

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»Ich bin dann mal im Innenhof« – In wilden Zeiten wie diesen kann es ein Zeichen von Klugheit sein, sich auch mal zurück zu ziehen!

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