Die Herrschaften in den teureren Wohnungen

14. August 2018, von Dushan Wegner; Bild von Carl Cerstrand
Die Einen sitzen warm in ihren Büros und finden sich moralisch. Die Anderen debattieren und kritisieren, ganz theoretisch. Doch was ist mit den Unsichtbaren, die durch die Ritzen fallen und das Pech hatten, nicht zu einer der richtigen Gruppen zu gehören?
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Sei doch fröhlich! Stell dich nicht so an! Sieh es positiv! Und, natürlich: Du schaffst das!

Wir kennen diese Sprüche. Wir können sie nicht mehr hören, und doch sagen wir sie. Helfen diese Sprüche eigentlich? Und, wenn sie helfen, wem helfen sie mehr – dem, der sie hört, oder dem, der sie sagt?

Mich haben diese Sprüche immer irritiert. Man kann einem Menschen doch nicht anordnen, fröhlich zu sein, oder? Wie soll man positiv sehen, was negativ ist? Man kann ja auch einem Hungrigen nicht befehlen, keinen Hunger mehr zu haben, selbst wenn es immer wieder versucht wird, derzeit etwa in Nord-Korea oder Venezuela.

»Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht«, hieß es einst nach verlorener Schlacht. Heute heißt es, Hoffnung sei die erste Bürgerpflicht – und Sorge sei Verrat an der heiligen Mission.

Jedes Leben geht seine eigenen Pfade. Ich spreche und schreibe mit meinen Lesern. Ich höre, was Sie sagen. Keine zwei Pfade sind gleich, und doch verlaufen manche Pfade nebeneinander, kreuzen einander und kommen bei Gelegenheit an ähnlichem Ziel an.

Erlauben Sie mir bitte, einige Passagen aus einem Leserbrief zu zitieren. Es ist ein Fragment. Viele Mails, die ich bekomme, sind deutlich länger und ich lese jede einzelne. Die Leserin spricht von Hoffnung, und von ihrem Leben. Ich lege Ihnen diese Zeilen (nach Absprache mit der Leserin, selbstverständlich) vor, weil sie mich nachdenken ließen: Wie kann der Mensch, der heute Pech hatte oder Fehler gemacht hat, und der dann eben nicht zu denen gehört, dem die ganze Aufmerksamkeit von Staat und Medien gehört, noch Hoffnung finden? Wo findet sich Hoffnung für den, der durch die Raster fällt, weil er zu »normal« und zu leise ist?

Aus einem Brief

Ich möchte mich einfach bedanken, dafür, dass Ihre Texte mir, auch wenn sie sehr deutlich düstere Phänomene beschreiben, mir immer Hoffnung geben. So seltsam das klingt. Man kann das Grauen, wenn sich alles, was man für selbstverständlich gehalten hat, auflöst – Rechtsstaat, unabhängige Presse, Zurechnungsfähigkeit der Mitmenschen – noch in Worte fassen und einordnen. Das ist viel, das ist ein Anfang. Das gibt Hoffnung.

Ich bin, ziemlich zeitgleich zum »freundlichen Gesicht«, das dieser Staat unbedingt zeigen wollte, beinahe obdachlos geworden. Nach Jahrzehnten der Einzahlungen in sämtliche Sozialkassen. Kein Neuankömmling durfte obdachlos werden. Ich bin im Winter zu Fuß zur Arbeit gelaufen, nun gut, nur von Neukölln nach Kreuzberg. Man könnte sagen: Ich hätte hinschmeißen sollen. Wollte ich nicht. War purer Gnatz, der Zorn eines 5jährigen: Nein! Und derweil alle so: »Was tust du für Flüchtlinge?«

Die Herrschaften in den teureren Wohnungen sind, das muss man ihnen lassen, zu jedem Opfer für die »Schutzsuchenden« bereit. Solange die anderen die Opfer werden.

Manche dieser Formulierungen hätte ich selbst so nicht gewählt, es ist ein Zitat, doch wir spüren alle den Schmerz über die Ungerechtigkeit. Dies und Ähnliches passiert täglich und in ganz Deutschland. Doch die Menschen, denen es passiert, die haben nicht selten ein Leben lang in die Kassen des Staates gezahlt, haben aber dennoch keine Lobby, keine teilweise aus dem Ausland finanzierten NGOs, keine Freunde beim Staatsfunk. Die Meinungsmacher und Propagandisten machen ja keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die Gestrauchelten, die Ängstlichen, die Besorgten.

Zwei Kontinente, viele Länder, keine Heimat

Menschen schreiben mir immer wieder, dass es Ihnen Hoffnung gibt, zu lesen, dass es auch anderen Menschen geht wie Ihnen.

Die Propaganda tut, als wäre alles in Ordnung, doch Menschen in den Brennpunkten sehen, dass eben nicht alles in Ordnung ist. Wer vom Schicksal geschlagen wird und das Pech hat, nicht in eine der von Linken präferierten Klassen zu fallen, der kann durch alle Raster fallen, der wird zu Fuß durch den Schnee zur Arbeit gehen, bei der Essenausgabe für arme Leute mit jungen Männern konkurrieren und im Alter wohl Flaschen sammeln müssen. Wo ist Hoffnung für den, den die Gesellschaft verachtet und der Staat vergessen hat? Wie kann einer, der den Staat nur noch als die große Zitronenpresse erlebt, Hoffnung auf ein besseres Morgen haben?

Wir wissen, dass Merkels Politik gefährlich ist – und gefährlich ungerecht. Die Frage ist, wie wir Hoffnung finden! Während ich diese Zeilen schreibe, laufen in den Nachrichten nebenbei Meldungen aus Hamburg, aus Schweden, von anderswo – ach, wissen Sie noch, damals, als jede dieser Meldungen uns geschockt hatte?

Mit Glück eine Arbeitsstelle

Was braucht es denn, um Hoffnung zu haben? Was sagt man dem Bürger, der nicht in schicken Speckgürteln wohnt, der sein Leben lang in die Sozialkassen einzahlte, und dann allein gelassen wird? Wenn die eigenen Bürger den Staat vor allem als Strafenden und Kassierenden erleben, die Fremden aber einen Geldautomaten ohne Geheimzahl sehen, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Leute wütend werden.

Die letzte Gemeinschaft des Einsamen ist die Gewissheit, dass andere auf ähnliche Weise einsam sind.

Nein, es gibt keine »Heimaten«. Ja, ich weiß, dass in Büchern und Vorträgen immer wieder davon gesprochen wird, doch in Büchern wird auch von Geistern, Dämonen und der Liebe ohne Tränen gesprochen. Nein. Eine Heimat oder keine Heimat. Man hat eine einzige Heimat oder man ist sein Leben lang auf der Suche nach einer Heimat, alles andere ist Sehnsucht.

Doch, auch wer keine Heimat mehr hat, der kann noch immer ein Zuhause haben. Eine Wohnung. Eine Kneipe. Mit Glück eine Arbeitsstelle. Wer seine Heimat verloren hat, der kann noch immer ein Zuhause aufbauen, das eines Tages seinen Kindern eine Heimat werden wird. Doch, wenn selbst das Zuhause zum Provisorium wird, zum Zuhause auf Abruf, dann beginnt das letzte Fundament des Staates zu zerbröseln.

Die Tür ist klein und fern

Wenn wir schon das christliche Abendland sind, warum nicht mal aus der Bibel zitieren?

»Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen«
– 1. Korinther 13:13

Alle drei dieser Tugenden haben die Eigenschaft, auf den ersten Blick nicht dem unmittelbaren Willen unterworfen zu sein. Man kann sich selbst befehlen, ein Glas Wasser zu trinken oder auf einen Berg zu steigen, doch kann man sich selbst befehlen, Glaube, Hoffnung oder Liebe zu empfinden? – Nun, reden wir über die Hoffnung.

Hoffnung ist nicht Gewissheit. Ich bin mir gewiss, dass ich heute im Supermarkt einen Karton gute Milch und ein knuspriges Brot kaufen kann und werde. Ich hoffe, dass ich es in einem Jahr und in einem Jahrzehnt noch immer kann.

Gewissheit und Hoffnung wissen beide, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, wie es ausgehen kann. Die Gewissheit kennt den Weg dahin, und traut sich zu, ihn zu gehen. Auch die Hoffnung weiß, dass es mehr als einen Ausgang gibt, doch sie weiß noch nicht, wie man dorthin gelangt, doch der Hoffende traut sich zu, rechtzeitig den Weg noch zu finden.

Was bräuchte es, um heute Hoffnung zu haben? Zwei Dinge: Wir müssten wissen, wo Deutschland und Europa hinwollen. Welche Möglichkeiten gibt es denn für den Weg Deutschlands, den Weg Europas? Gibt es einen guten Ausgang, einen der nicht bedeutet, dass die Tage des Westens gezählt sind? Und zweitens: Wie gelangen wir dahin? Welchen Ausweg gibt es für Europa? Welcher Löffel ist groß genug, diese Suppe auszulöffeln?

Es bräuchte eine neue Aufklärung, eine geistige Rebellion gegen linksgrünen Wahn. Können wir mit unseren Argumenten, unseren Blogs und den Berichten von den Betroffenen gegen NGOs und Propaganda bestehen? Die Tür ist klein und fern, und der Weg dorthin ist alles andere als klar. Haben wir Hoffnung? Immerhin haben wir die Gemeinschaft, und das ist nicht nichts – vielleicht stimmt es ja wirklich und wir sollten positiv bleiben!

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