Halten die das wirklich für Journalismus?

Spiegel Online schreibt über Äußerungen der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder. Sie ist der #MeToo-Welle gegenüber eher kritisch eingestellt. Der Artikel berichtet ihre Positionen.

„Ich denke, in der Diskussion wird zu viel vermischt: Krasse Fälle der Vergewaltigung oder der körperlichen Annäherung werden in einen Topf geworfen mit anzüglichen Bemerkungen. Das finde ich unangemessen. Man muss das trennen“, sagte die 40-Jährige.
spiegel.de, 11.2.2018

Und dann schließt der Text, indem im letzten Absatz der zitierten Person flapsig de facto widersprochen wird.

#MeToo ist bisher nicht dafür bekannt, Wortmeldungen zu verbieten. Weil Menschen angesichts ihres Geschlechts oder ihres Aussehens in einer Sachdebatte häufig kleingemacht werden, indem andere sie auf Äußerlichkeiten reduzieren, weil Menschen Opfer von Übergriffen werden, weil sie unterdrückt werden, ist #MeToo entstanden. Für derartige Fehlverhalten soll sensibilisiert werden.
spiegel.de, 11.2.2018

Man könnte in die Debatte einsteigen. „Ist nicht dafür bekannt“ ist extrem schwammig. Bei wem nicht bekannt? Hat sie auch nur eine Sekunde über den Gebrauch des Wortes „sensibilisieren“ nachgedacht, und ob es „journalistisch“ ist, dieses Aktivisten-Wort zu übernehmen? – Eben. Und so weiter.

Nein, der Artikel ist nicht als Kommentar gekennzeichnet, ich musste zweimal nachschauen. Der Schluss widerspricht einfach direkt der Darstellung von Frau Schröder, und meint, das sei ein journalistischen Kriterien genügender Bericht. Quasi: Der (konservative) Politiker sagt dieses – und hier ist meine plumpe, emotionale Darstellung davon, warum seine Bewertung komplett falsch ist. Das ist, was wir Journalismus nennen.

Als Autoren-Kürzel steht „yes“ drunter, was laut Spiegel-Impressum für Yasmin El-Sharif steht (Twitter: @YESharif).

Meine ehrliche Frage ist: Meint Frau El-Sharif wirklich, dass so etwas insgesamt ein Bericht ist? Hält sie es wirklich für Journalismus? Merkt sie nicht, dass sie insgesamt bewertet statt zu berichten, dass sie PR-Talking-Points von Empörungs-Profis übernimmt, dass es Aktivismus ist, was sie da treibt?

Die Autorin ist übrigens keine Praktikantin aus dem Berliner Empörungsmilieu, keine linke Krachfeministin mit Clickbait-Kolumne. Sie ist die Leiterin des Spiegel Wirtschaftsressorts.

Ich meine: Wir sollten für derartige journalistische Fehlleistungen sensibilisieren.

Nachtrag: Twitterer @R____B____ hat mich an diesen Vortrag von David Kriesel erinnert, der passt ziemlich perfekt dazu:

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Den Essay »Halten die das wirklich für Journalismus?« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/halten-die-das-wirklich-fuer-journalismus/

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