Was erklärt die 17% der AfD? Die Ungerechtigkeit.

Wissen Sie noch, wie es war, als Sie zum ersten Mal den Alchimisten von Paolo Coelho lasen? Erinnern Sie sich daran, als Sie Ihre Lektüre unterbrachen und in die Ferne schauten? Dann erzählten Sie Ihrem Freund oder Ihrer Freundin davon.

Teil 1 von 2: Übers Glück

Viele von uns haben den Alchimisten gelesen, als wir noch junge Menschen waren. Die Gesellschaft und oft auch das Elternhaus lehrten uns, »vernünftig« zu sein, doch dieses fernweh-romantische Büchlein weckte in uns den Wunsch, unseren »Traum zu verwirklichen« – was auch immer das bedeuten mochte.

Haben Sie Ihren Traum von damals verwirklicht? Leben Sie heute Ihren Traum von vor 10, 20 oder 50 Jahren?

Sie müssen sich nicht schlecht fühlen, wenn Sie heimlich (oder nicht-heimlich) an dieser Stelle eher Nein als Ja sagen wollen. Wer sich diese Frage mit 15, 20 oder 25 stellt, der kann sie eigentlich gar nicht beantworten. (Es gibt genialische Ausnahmen, doch schon aus statistischen Gründen ist davon auszugehen, dass weder Sie noch ich diese Ausnahmen darstellen.)

Wer seinen »Traum« verwirklichen möchte, der muss zuerst wissen, was sein Traum ist. – Was aber bedeutet das?!

Die Frage nach dem individuellen Lebenstraum verdient es, genauer formuliert zu werden. Verwirklichung ist zu wichtig, als dass wir sie den Schwaflern und Handwinkern überlassen dürften.

Der »Lebenstraum« den es zu verwirklichen gilt, ist schlicht der Wunsch, eines Tages das »Glück« zu finden – und »Glück« ist die Zufriedenheit über die persönliche Anordnung der relevanten Strukturen. (Leitspruch: Ordne deine Kreise!)

Der Spruch »Folge deinem Traum!« ließe sich präziser formulieren: »Tue das, was notwendig ist, damit du eines Tages zufrieden sein kannst darüber, wie du das, was dir wichtig ist, um dich angeordnet hast.«

Mit 15, 20 oder 25 Jahren weiß man zu wenig über die Welt und über die eigene Rolle darin, als dass man sinnvoll und letztverbindlich sagen könnte, welche Strukturen einem eines Tages wichtig sein werden. Ein 20-Jähriger kann sich nicht in einen 50- oder 70-Jährigen hineindenken, und das ist okay so! Der 20-Jährige hat andere Aufgaben in der Welt als der 70-Jährige.

Ich rate meinen Kindern nicht, in jungen Jahren ihrem Traum zu folgen. Ich leite meine Kinder dazu an, viel über die Welt zu lernen, sich einige Sprachen anzueignen und ansonsten nützliche Fähigkeiten zu erwerben. Wenn sie eines Tages mit etwas Erfahrungs-Fundament wissen, was ihr Traum ist, sollen sie die Möglichkeit haben, diesen Traum umzusetzen; bis dahin sollen sie lernen, spielen und Kind sein.

Ich selbst habe erst mit etwa 30 Jahren geahnt, was mein Traum sein könnte, meine »Ordnung der Kreise«. Heute, mit 44, stehe ich Morgen für Morgen auf (wenn ich nicht gerade durch die Welt fliege, wie letzte Woche) und tue das, was ich tun möchte: Ich schreibe über die reale Welt – und versuche, sie in der Beschreibung von der Lügenwelt der Meinungsmacher zu trennen. Ich suche nach Wegen, ganz persönlich mit dem Irrsinn klarzukommen, und dann teile ich mit Ihnen, was ich gefunden habe. Und ich treffe Vorhersagen, darüber, was passieren wird. Diese Arbeit, neben meiner Rolle als Familienvater, ist mein Glück. Ihr Glück wird ein anderes sein als meines, aber immer eines, das sich als »Ordnung der Kreise« darstellen lässt.

Teil 2 von 2: Übers Vorhersagen

Eine andere Idee, die mich tief prägte – und viele andere Menschen ebenso, das ist mir bewusst – war Karl Poppers Konzept der Falsifikation. Ein Wissenschaftler beobachtet Phänomene der Welt. Der Wissenschaftler stellt Thesen darüber auf, wie die Welt funktioniert. Der Wissenschaftler trifft Vorhersagen darüber, wie die Welt funktionieren wird. Einer der Indikatoren für die Qualität von Thesen und Theorien ist die Qualität der Vorhersagen. Wenn Vorhersagen, die auf einer Theorie basieren, regelmäßig richtige Ergebnisse liefern, dann spricht das für die Theorie. Es beweist sie nicht, denn anders als mathematische Sätze werden wissenschaftliche Thesen nie bewiesen – doch sie können durch Fakten widerlegt werden; das ist die Falsifikation.

Ich versuche, das poppersche Prinzip der Falsifikation für meine eigene öffentliche Denkarbeit anzuwenden. Ich habe eine Theorie und ich treffe Vorhersagen.

Ein Grund, warum ich es als nah an der Beleidigung ansehe, wenn mich jemand, selbst in bester Absicht, als »Journalist« bezeichnet, ist der Mangel an Falsifikation unter heutigen Journalisten.

Journalisten stellen Behauptungen auf und treffen Vorhersagen, doch sie bauen nicht auf Theorien und Thesen auf, sondern auf der politisch korrekten Tagesparole und der Redaktionslinie. Ein Wissenschaftler, der so schlampig arbeiten und so miserable Vorhersagen treffen würde, wie heutige Journalisten es mehrheitlich tun, würde ausgelacht und aus dem Labor gejagt werden. Ein Arzt, der so eine miese Vorhersagequote und so wenig Theorie aufweisen würde wie viele der heutigen Journalisten, der würde verhaftet werden – und niemand würde protestieren. Für die Akten: Die meisten Journalisten, die 2015 noch moralbesoffen ins Wir-schaffen-das! einstimmten, sind nach wie vor in Amt und Würden, sie machen noch immer Meinung, sie werden noch immer gedruckt und gesendet – und ihre neuen Vorhersagen basieren noch immer auf wenig mehr außer Tagesstimmung und Redaktionslinie.

An der Börse gilt die Weisheit, man solle kaufen, wenn »Blut auf der Straße liegt«. Man kann es auch »kontrazyklisch« nennen: Wenn alle in Panik verkaufen, kannst du überlegen zu kaufen – und wenn andersherum alle euphorisch kaufen, kannst du überlegen wieder zu verkaufen. (Anders herum gilt auch die Weisheit, man solle nicht in ein fallendes Messer greifen. Es gibt wohl für alles eine Regel – und für das Gegenteil auch.)

In der Analyse und Vorhersage halte ich mich an eine ähnliche Regel: Wenn alle euphorisch sind, oder depressiv, dann trete ich erst einmal einen Schritt zurück und analysiere, welche Strukturen den Beteiligten wirklich relevant sind – über den Tag und die momentane Aufregung hinaus.

Während des Wahlkampfs zu den letzten US-Wahlen habe ich darüber geschrieben, wie Trump die Seele der Amerikaner bedient. Der Text war erst angeregt worden von einem großen Medium, und wurde dann abgelehnt mit der Begründung, es sei schon genug über Trump gesagt worden. Ein Jahr später erschien er dann doch: Trump ist in deinem Kopf. – Während des Wahlkampfs hielt ich Vorträge, in denen ich darauf hinwies, wie Trump mit der amerikanischen Kultur verknüpft ist und wie er konsequent Talking Points anwendet. Einen Tag vor der US-Wahl 2016 erklärte ich, warum ich Trump wählen würde. Meine Vorhersage war, dass es auch für manche Amerikaner einen guten Grund geben würde, es zu tun.

Vor einigen Tagen hat der AfD-Politiker Gauland seinen »Vogelschiss«-Kommentar hingelegt. Große Aufregung! War er diesmal zu weit gegangen?! Schon 2016 hatte der Deutschlandfunk geschrieben, die AfD schade sich mit ihren Tabubrüchen selbst (deutschlandfunkkultur.de, 7.6.2016). Leser schrieben mir, nach dieser letzten Entgleisung könnten sie nicht mal mehr erwägen, die AfD zu wählen. Auch freie Denker wie Ulli Kulke bei der Achse des Guten meinten: »Diese Sätze von AfD-Chef Alexander Gauland könnten den Anfang vom Ende des Höhenflugs seiner Partei einläuten« (achgut.com, 3.6.2018). Sogar im FAZ-Interview mit dem AfD-Politiker Witt kam der Gedanke hoch, Gauland habe der Partei geschadet (faz.net, 4.6.2018).

Im Text »Wer die AfD schwächen will, muss Merkel abwählen« schrieb ich daraufhin:

»Es wird spekuliert, ob Gaulands Spruch und dessen mediale Ausbreitung die Wahlchancen der AfD verringern werden. – Nein, wird er nicht.«

Er hat nicht geschadet, nicht in Zahlen nachweisbar.

In der gestrigen Emnid-Umfrage ist die AfD mit der SPD gleichgezogen. Beide sind sie nun auf 17%. (siehe bild.de, 8.7.2018)

Julian Reichelt hat recht, wenn er u.a. kommentiert: »Nach diesem Ergebnis trifft der Begriff „Große Koalition“ genauso auf CDU/AfD wie auf CDU/SPD zu.« (@jreichelt, 7.7.2018)

Meine Vorhersage bleibt: Deutschland wird so lange in parteipolitischem Aufruhr bleiben, bis die Politik es den Bürgern wieder erlaubt, ihre »Kreise zu ordnen«.

2016 mahnte ich: »Sagt die Wahrheit, sonst tun es die Populisten«. Die Mahnung steht. Ich lese den Text nun wieder und stelle erschrocken fest, dass ich ihn heute praktisch genauso schreiben würde, inklusive der Beispiele aus der deutschen Politik.

Die Bürger sehnen sich nach der Ordnung ihrer Angelegenheiten, und zur Ordnung gehören Grenzen. Die Bürger sehnen sich nach Freiheit, und Freiheit bedeutet zuerst, selbstbestimmt Verantwortung übernehmen zu dürfen für seine Stadt und sein Land. Die Bürger sehnen sich nach Heimat, und Heimat bedeutet eben auch, dass man eine in Sprache, Politik und Kultur verankerte Geschichte teilt.

Ich sage voraus: Der politische Boden Deutschlands wird beben und bröckeln, bis Merkel abgesetzt ist und Politik sich endlich wieder an den Amtseid hält und der Rechtsstaat in allen Teilen Deutschlands durchgesetzt wird.

Wer sind die 17%, die heute die AfD wählen würden? Es sind Menschen, die das Gefühl haben, dass die Politik der Bundesregierung zutiefst ungerecht ist. Das ist auch der Grund, warum bei den letzten Wahlen so viele Wähler von der SPD zur AfD abgewandert sind: Die SPD war einst die Partei der Gerechtigkeit, heute ist sie ein weltfremder Streithaufen, der mit flatternder EU-Fahne das Land, das die Geschäfte des SPD-Konzerns finanziert, ungerecht macht.

»Sei fleißig und halte dich an die Regeln, dann wird es dir und deinen Kindern gut gehen!«, so war einst das deutsche Versprechen. Merkel und die SPD haben dieses Versprechen gebrochen und brechen es täglich neu, angefeuert von den Grünen im Bundestag und in den staatsnahen Sendeanstalten.

Der Politikwissenschaftler Florian Hartleb (Stipendiat der CDU- und CSU-nahen Stiftungen, Auftritte u.a. in ARD und ZDF, Kommentare z.B. in ZEIT, Berater u.a. für Bertelsmann-Stiftung), schrieb 2015: »Der Untergang der Partei ist eingeleitet – trotz der Zuspitzung der Griechenland-Krise, einer einzigartigen Gelegenheit für Protest«, und im Intro desselben Artikels steht: »Der Untergang der AfD scheint nur noch eine Frage der Zeit.« (n-tv.de, 9.7.2015)

Die 17% der AfD sind »nur« die Menschen, die Ungerechtigkeit spüren und sich von der AfD vertreten fühlen – die Zahl derer, die das Land als ungerecht empfinden, ist wahrscheinlich höher.

Wer aus dem Haus tritt, für welches er Jahrzehnte malochte und sparte, und statt spielender Kinder nun gelangweilte Gangs trifft, der fühlt, dass er alles verloren hat, wofür er arbeitete, und es wurde ihm von Merkel samt ihrer Propagandisten in den Hauptstadtredaktionen geraubt. Man muss es nicht einmal selbst erleben – Empathie mit den Mitmenschen in deutschen Spannungsgebieten genügt. Jan Fleischhauer schreibt treffend: »Vielleicht wollen sie es in Dresden einfach nicht so weit kommen lassen, wie es in Frankfurt, Stuttgart oder München bereits gekommen ist. Um sich vor der Atomkraft zu ängstigen, braucht man ja auch kein Kernkraftwerk vor der eigenen Nase.« (spiegel.de, 5.7.2018)

Gefährlich viele Berliner Meinungsmacher haben noch immer nicht begriffen, wie brennend die Sorge und das Ungerechtigkeitsgefühl in Teilen der Bevölkerung bereits sind. Es wird ärger werden. Die Lehre aus dem CDU-CSU-Streit ist doch: Es kann und wird nicht besser werden – solange Merkel an der Macht ist. Merkels Lösungen sind Manipulation und Ablenkung. Was für eine Zukunft soll das haben?

Es macht mich glücklich, dass ich heute nachdenken und vorhersagen kann – es macht mich unglücklich, was ich voraussagen muss. Es bleibt dabei, ja, es wird dringender: Solange Merkel und die SPD weiter daran arbeiten, Deutschland täglich ungerechter zu machen, so lange wird sich die politische Tektonik weiter verschieben. Wenn Merkel nicht bald zurücktritt und ihre wahnsinnige Politik gestoppt wird, werden einige politische Kräfte (wieder) erstarken, gegen die ist die AfD – inklusive Höcke und Gauland – ein linksgrüner Häkelverein.

Merkels Politik ist schreiend ungerecht, und Ungerechtigkeit kann ein Land zerreißen. Der Schaden, den Merkel für Deutschland und Europa angerichtet hat, ist schon jetzt irreparabel; heute geht es nur noch darum, wie schlimm es wird.

Die Stimmen, die »Merkel muss weg!« rufen, werden täglich lauter und täglich mehr. Aber sie sind nicht laut und nicht zahlreich genug. Die CSU ist – zu niemandes Überraschung – wieder vor Merkel eingeknickt. Wenn der Druck groß genug ist, wird die CSU vielleicht noch einen Anlauf vor den Landtagswahlen im Oktober 2018 wagen. Und dann noch einen. Nicht nur der Einzelne, auch das Land insgesamt hat ein Recht, sich wieder und wieder an seinem Glück zu versuchen.

Es gibt ja Zeichen der Hoffnung! Ich denke heute an den syrischen Unternehmer, der mutig »Merkel muss weg« auf seiner Fabrikhalle hisst. (thueringer-allgemeine.de, 6.7.2018)

In diesem Sinne: Seid vorsichtig, seid klug, lebt euren Traum vom Glück – und, vor allem, seid mutig!

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Den Essay »Was erklärt die 17% der AfD? Die Ungerechtigkeit.« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/glueck-und-ungerechtigkeit/

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