Das Glück in Zeiten der Unordnung

Sie sind nicht reif genug, die Trauben!“, so sagte der Fuchs, „nicht reif genug, nicht süß genug, und überhaupt sind so lächerliche Trauben nichts für mich, einen klugen, erhabenen Fuchs.“ – Seine Nase rümpfend über die Trauben, die er in Wahrheit gar nicht erreichen konnte, stolzierte der Fuchs davon, gedemütigt von seiner eigenen Unfähigkeit, zu erreichen, wonach es ihn sehnte.

Heutige Geistesarbeiter erinnern mich an jenen Fuchs aus Äsops Fabel. Die erste und wichtigste Frage, die man einem Intellektuellen stellen kann, und muss, ist doch die Frage nach dem Glück. Welche Frage sollte wichtiger sein? Welche Frage sollte es sein, für welche die Frage nach dem Glück aufgeschoben wird?

Die Bezahldenker des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts haben sich doppelt verlaufen, pragmatisch wie theoretisch.

Pragmatisch: Sie haben sich abhängig gemacht von Institutionen. „You gotta serve somebody“, singt Bob Dylan. Doch kann man einer Institution und den Menschen dienen? Ein anderer Zimmermann sagt: „Kein Knecht kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten.“ – Jene Zeilenschreiber dienen den hohen Herren von der Universität, den Drittmittelgebern, ihren Besitzern und Aufsichtsräten. Ihr zweiter Herr, der Leser, der Bürger und der einfache Mensch, das ist „der andere“, den sie schon lange verachten. Sie haben sich pragmatisch verlaufen.

Theoretisch: Sie haben es aufgegeben, nach dem wichtigsten aller Ziele zu suchen, dem Glück. Theologen sind teils wenig mehr als PR-Sprecher kirchlicher Wohlfahrtskonzerne, teils Witzfiguren mit Führerschein. Philosophen käuen blauäugig Kants komplizierte Banalitäten wieder oder sammeln die Krümeln vom Tisch der Neurobiologen auf. Ach, wo sind die Zeiten geblieben, als Kunst und Feuilleton noch zynisch irgendwas oder irgendwen „aufspießten“ (der nicht bloß die Opposition oder der strategische Gegner der Besitzer und Aufsichtsräte ist). Sie suchen nicht mal mehr nach der Mechanik des Glücks, und richten sich ein in Schutzbehauptungen, das Glück sei privat, es sei prinzipiell unentdeckbar oder es befinde sich doch offensichtlich unter ihrer Denkerwürde, sich mit so etwas Banalem wie dem Glück abzugeben. Sie haben sich theoretisch verlaufen.

Das Feuilleton mutiert vom brillianten Kommentar, geistreicher Analyse und spitzen Angriff selbst an guten Tagen zum Abwehrkampf auf zwei Fronten: Es gilt, die wirtschaftlichen Angriffe des Staatsfunks zu parieren, und es gilt, sich gegen die neue Kulturrevolution von Islamisten und Social Justice Warriors zu wehren. Wir schaffen nichts Neues, „wir schaffen das“ sowieso nicht. Wer mit beiden Händen kämpfen muss, der hat fürs Wichtige keine Hand mehr frei; das ist die einfache Mathematik der praktischen Möglichkeit.

Und wer erledigt die Arbeit, unser Denken vom Glück täglich in die neue Zeit zu bringen? Glück braucht Ordnung – doch was dieses Wort „Ordnung“ bedeutet und überhaupt bedeuten kann, das bedeutete für einen Fabrikarbeiter im neunzehnten Jahrhundert etwas anderes als für einen Wissensarbeiter heute, für einen fünfzigjährigen Tankstellenpächter in Amerikas Heartland ist Ordnung etwas anderes als für einen Jugendlichen in Tokyo. Ordnung ist Arbeit, Glück ist Arbeit. Glück ist keine angeborene Fähigkeit, im Gegenteil: die Evolution hat ein gewisses Interesse daran uns unglücklich zu halten. Der Mensch, will er glücklich sein, muss das Glück sich und seiner Welt abringen, jede Woche neu.

Unter den vielen Versuchen über die Jahrtausende, eine Skizze des Weges zum Glück zu zeichnen, haben mich zwei Ansätze überzeugt:

  1. Glück als Ordnung relevanter Strukturen (meine Formulierung, aber ähnlich bereits bei Aristoteles)
  2. Glück als Abfolge befriedigender Momente

Diese beiden Ansätze bedingen einander. Wer sein Leben in konzentrischen, einander stärkenden Kreisen anordnet, der wird viele Momente des Glücks erleben. Wer regelmäßig Glücksmomente erlebt, der hat erfolgreich an der Ordnung seiner Kreise gearbeitet. Es bleiben aber zwei verschiedene Dinge: Ordnung ist Ordnung und schöne Momente sind schöne Momente.

Das Gegenstück zum Glück ist natürlich das Unglück. – „Selbst wenn du in die Lage gerätst, die ganze Welt belügen zu müssen“, sagte mir einer meiner Lehrer, „belüge niemals, niemals dich selbst.“ – Es gibt eine Reihe von Liedern, die mich durchs Leben begleitet haben, doch ein bestimmtes Lied zitiere ich wieder und wieder, weil die Zeilen sich mir als Mahnung fürs Leben eingebrannt haben. Es ist „Istanbul“ von BAP, und der Refrain, vom Kölschen ins Deutsche übersetzt, geht so:

Bist du jetzt da, wo du hinwolltest,
der, der du sein wolltest?
Macht dich dein Ausverkauf
womöglich sogar stolz?
Wem hast du deine Seele verkauft
und was gab es dafür?
Belüg doch wen du willst,
erzähl es bloss nicht mir.

Das Tier hat seine Ordnung. Der Mensch muss seine Ordnung schaffen. (Wenn man darüber nachdenkt, ist der moderne, gezüchtete Haushund ein gruseliges Mischwesen: In seinen Genen ist er noch Wolf, doch glücklich wird er nur als Teil der Menschenordnung. Der gezüchtete Haushund, dieses menschgeschaffene Mängelwesen, stellt die Grenze zwischen Mensch und Tier noch mehr in Frage als die Menschenaffen, die ohne menschliche Ordnung wahrscheinlich besser dran wären als mit.)

Der Mensch schafft sich sein Glück und er muss sich sein Glück schaffen, es kommt ihm nicht natürlich. Er muss daran arbeiten, möglichst gemeinsam; notwendige gemeinsame Arbeit braucht aber eine Richtung, und für diese Richtungsfindung gibt es einen Namen: Politik.

Die sogenannten „68er“ gehen nach einem erfolgreichen „Marsch durch die Institutionen“ nun nach und nach in Rente. Auf die 68er folgt eine Generation merkwürdiger Nichtdenker und „Social Media Aktivisten“, deren innere Vorgänge sich in getriggerten Reizreflexen erschöpfen. Als hätte es die Aufklärung und die sexuelle Revolution nie gegeben, reichen sie Islamisten die Hand und lassen unanständige Gedichte auslöschen und allzu freizügige Kunst abhängen. Sie verbieten die schönen Momente, die schönen Anblicke, ja Bewundern und Wundern selbst sind ihnen verdächtig. Wie will einer glücklich werden, der das Schöne fürchtet und die Ordnung verachtet? Ja, selbst der wichtigste aller relevanten Kreise, die Familie, ist ihnen höchst suspekt. Erst als es darum ging, unbegrenzt und unkontrolliert Menschen einwandern zu lassen, also bestehende Ordnung durch etwas anderes zu ersetzen, entdeckten sie die Vater-Mutter-Kind(er)-Familie wieder.

Wenn der Mensch nicht nach Glück strebt, wonach strebt er dann? Anders als manche „Nudging“- und Nanny-Politiker halte ich es sehr nachdrücklich nicht für die Aufgabe der Politik, den Bürger glücklich zu machen. Es ginge ja auch gar nicht! Glück muss immer erarbeitet werden. Wie Freiheit immer die selbst getroffene Entscheidung braucht, so braucht Glück auch die selbst geordnete Ordnung. Es ist klug, den Bürgern ein verbrieftes Recht zu geben, nach ihrem Glück zu streben („pursuit of happiness“) – es wäre ideologisch und diktatorisch, dem Bürger auch vorzuschreiben, was und wie denn dieses Glück sein soll. Es ist frustrierend und erreicht sein Gegenteil, dem Bürger das Glück frei Sozialwohnung liefern zu wollen.

Ich verweigere mich den Intellektuellen, die das Glück verspotten, wie der Fuchs die Trauben, die seinen kurzen Beinen zu hoch hängen. Nur weil diese Schreiber von der traurigen Gestalt sich verlaufen haben, praktisch wie theoretisch, müssen wir noch lange nicht hinterherlaufen, und tun, als sei das Glück ohnehin nie das Ziel gewesen. Ich verweigere mich den Linken, die Unordnung schaffen und sich selbst belügen.

Glück braucht Ordnung. Glück braucht Schönheit. Glück beginnt mit der Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber.

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