Wie nennt man es, wenn sie alle gleich schalten?

5. Dezember 2018, von Dushan Wegner; Bild von Lakeisha Bennett
Linke sehen im Ausland (und bei der Opposition, klar) schnell »Gleichschaltung« – doch wenn man von dieser in Deutschland spricht, sind sie empört. Ist Deutschland das einzige Land, das metaphysisch nicht (mehr) zu Gleichschaltung fähig ist?
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Es lässt sich heute ein Spiel spielen: einem kritischen Geist fällt auf, dass Berliner Politiker und Meinungsmacher auffallend synchron denken. Wie nennt man das Denken eines Menschen auch? Richtig: Schalten. (Beispiel: »Der schaltet aber schnell!«)  – Und so könnte es einem auffallen, dass Berliner Meinungsmacher auffallend »gleich schalten« – und beim »gleich schalten« schreien die, welche gleich schalten, bald: »Du hast Gleichschaltung gesagt, damit vergleichst/verharmlost/diffamierst du …« – und schon in diesem Schrei sind jene unwissend, unehrlich oder zumindest unaufmerksam in eigener Sache.

Zum Begriff

»Gleichschaltung« stammt als Wort aus der Elektrotechnik und als politischer Begriff aus der Weimarer Republik, doch viele verbinden damit die Gleichschaltungs-Gesetze des NS-Regimes (31.3.1933, 7.4.1933). Das Ziel war eine »Willens- und Richtungsgleichheit« (Schmitz-Berning) des öffentlichen politischen Wirkens. Der Staat, die Parteien, alle Verbände, Vereine, Medien, Schulen et cetera wurden gezwungen (oder anders motiviert), in Wort und Schrift die Linie der Partei zu vertreten.

Nach dem Ende des Nazi-Reichs wurde der Begriff Gleichschaltung weiterhin verwendet.

Seit 1945 wird Gleichschaltung (gleichschalten, gleichgeschaltet) abwertend verwendet in der Bedeutung, »Unter Druck auf eine einheitliche Linie bringen«, »gleiches Denken und Handeln bewirken (oder erzwingen). – Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus , S. 280

Heute geht das Wort »Gleichschaltung« zum Beispiel für Vorgänge beim Nato-Partner Türkei leicht von der Zunge (»Gleichschaltung der türkischen Justiz«, welt.de, 2.10.2018), beim extra-kühl-befreundeten Nachbarn Polen (»Polens Justizreform ist ein Akt der Gleichschaltung«, welt.de, 2.7.2018) oder auch beim nicht-ganz-unwichtigen Handelspartner China (»Die größte Gleichschaltung seit Maos Zeiten«, welt.de, 23.4.2018), und für Venezuela erkannte und für Griechenland befürchtete man einst die »mediale Gleichschaltung« (welt.de, 11.2.2015). (Sie haben wahrscheinlich gemerkt: die Beispiele dieses Absatzes stammen aus nur einer Publikation und sie sticht darin gar nicht als besonders heraus.)

Wir können festhalten: wenn die Politik gewissen Druck auf Medien (bzw. Richter) ausübt, einheitlich in ihrem Sinne und gegen die Opposition zu berichten (bzw. zu urteilen), dann wird, ganz wie Schmitz-Berning schreibt, auch heute »Gleichschaltung« gesagt – außer …

Nur wenn Gleichschaltung, also das von oben geförderte Entstehen einer regierungsfreundlichen und oft die Opposition dämonisierenden Einheitsmeinung, von Regierungskritikern in Deutschland festgestellt wird, dann werden einige Medienvertreter (und ihre politischen Freunde) extra nervös, und die üblichen Leichtempörten (etwa: Posener in welt.de, 30.8.2017, aber auch schon 10.10.2007) wittern Verharmlosung: »Gleichschaltung ist, das weiß jeder, ein Nazi-Wort.« (welt.de, 28.8.2017 – es ist übrigens logisch falsch: einem Anderen eine Nazi-Technik vorzuwerfen macht einen zum Nazi?! Egal, in Bezug auf die Regierungskritiker fallen bei manchem Journalisten ein paar Logik-Kartenhäuschen zusammen.)

Wenn man versuchen wollte, die Logik linker Meinungsmacher zusammenzubringen, dann ist Deutschland heute das einzige Land auf dem Planeten, in dem es keine Gleichschaltung geben kann – man sollte aber nicht unbedacht versuchen, linke Logik zusammenzubringen, eher wird es Ihnen gelingen, Ihrem eigenen Ellbogen einen Kuss zu geben. (Ein Teil von Ihnen, liebe Leser, versucht an dieser Stelle sicherlich, den eigenen Ellbogen zu küssen, einfach um es auszuprobieren, was der Wegner da schreibt – ich wünsche Ihnen und anschließend Ihrem Orthopäden guten Erfolg!)

Fakten, Fakten, Fakten

Bringen wir Fakten in die Empörung – mit Fakten macht man sich heute schon des »Rechtspopulismus« verdächtig, aber das werden wir nun ertragen. Ein Fakt, den die Schnellempörten nicht wissen: Goebbels selbst mochte Gleichschaltung nicht unbedingt – und um zu verstehen, was »nicht unbedingt« bedeutet, muss man zunächst wissen, dass er zwischen der äußeren Gleichschaltung und der inneren Umstellung unterschied, also der Gleichschaltung auch im Geiste.

Der nachhaltig denkende Demagoge bevorzugt die innere Gleichschaltung (also: wenn etwa Kunstschaffende tatsächlich gleich schalten) gegenüber der äußeren (wenn sie nur so tun, als würden sie gleich schalten).

Man ist eben gleichgeschaltet. Wie viel schöner aber wäre es, wenn man nicht nach äußerlicher Gleichschaltung strebte, im Innern aber bleibt, der man ist, sondern umgekehrt sich innerlich die Grundhaltung der NS. zu eigen machte. (aus: Der Deutsche Student, 4. April 1936, S. 177, zitiert nach Schmitz-Berning)

Ja, man hatte geradezu Angst vor Bürgern, die »nur« äußerlich gleichgeschaltet waren:

Wir wollen aber keine gleichgeschalteten Kriecher, die darauf warten, in der Stunde der Gefahr dem Reich den Dolchstoß zu versetzen. (aus: Frankfurter Zeitung, 26.8.1933, zitiert nach Schmitz-Berning)

Die äußere, erzwungene Gleichschaltung war nur Anfang und Mininimum. Das Ziel und Ideal von Gleichschaltung, Propaganda und Mobilisierung aller Gesellschaftsteile war die innere Gleichschaltung, »die große Aufgabe der geistigen Gleichschaltung des Volkes mit dem Wollen der Regierung« (Goebbels 4.7.1933, nach Schmitz-Berning, S. 279). Als Metapher: Es ist gut, wenn alle in die gleiche Richtung laufen, es ist weit besser, wenn alle auch in die gleiche Richtung laufen wollen – die äußere Gleichschaltung ist nützlich, die innere Gleichschaltung ist weit nützlicher und dazu noch nachhaltig.

Wir doch nicht, oder doch?

Befreien wir uns einmal von der rätselhaften linken Teilblindheit, wonach es heute aus metaphysischen Gründen in allen Ländern der Welt eine Gleichschaltung geben kann – außer im linken Deutschland. Es gilt zu prüfen: Gibt es etwas, das an Gleichschaltung erinnert, im heutigen, linksgrün geprägten Deutschland?

Wir wollen präzise reden und denken – wir sind ja weder Journalisten noch Politiker! – also lassen Sie uns präziser formulieren, was die Frage überhaupt bedeutet – zum Beispiel als erste Teilfrage: Gibt es in Deutschland einen von der Regierung beförderten Druck, das öffentliche Wollen auf eine Linie mit dem Wollen der Regierung zu bringen? (Zur Erinnerung, weil es in Zeiten globalismuskompatibler Postdemokratie in Vergessenheit geraten könnte: Demokratisch korrekt wäre es, wenn der Wille des Volkes den Willen der Regierung bestimmt, nicht anders herum!)

Dass es diesen Druck gibt, das ist nun wirklich dokumentiert, man denke an von blanker Propaganda nicht zu unterscheidende Maßnahmen »gegen Rechts« (mit »rechts« sind Positionen gemeint, welche selbst Merkel einst vertrat, siehe aber auch z.B. Flexibel demokratisch) und die Dämonisierung und Quasi-Kriminalisierung kritischer Meinung, welche in orwellscher Manier zu »Hass« umetikettiert wird (siehe z.B. Ich hasse euren Hass – und euren Gegen-Hass!), das noch immer von Juristen kritisierte »Netzwerkdurchsetzungsgesetz«, aber auch Experimente wie die Nudging-Taskforce direkt im Kanzleramt .

Man könnte nun diskutieren, inwieweit die Flirts von Parteien und Journalisten mit den offen gewalttätigen Anti-Oppositions-Schlägern der Antifa eine Erweiterung jenes von Steuergeld finanzierten moralischen Drucks darstellen, so dass es in die Richtung einer versuchten Teil-Gleichschaltung via Einschüchterung geht (siehe z.B. Kölner AfD-Parteitag 2017), doch der moralische Druck allein genügt schon, um mindestens eine Variante der Gleichschaltung in ganz Deutschland auszumachen: Wer es wagt, die Politik der offenen Grenzen in Frage zu stellen oder die konkreten Folgen vor Ort zu thematisieren – oder gar Mitglied der falschen Partei zu sein – dem wird das öffentliche Leben auf vielen wichtigen Ebenen schwer gemacht. In Kolumnen bekannter Zeitungen wird diskutiert, wie Lehrer mit dem falschen Parteibuch entlassen werden können (siehe z.B. spiegel.de, 27.3.2018, bild.de, 4.11.2016), bereits eingestellte Lehrer mit dem falschen Parteibuch müssen sich gegenüber ihren Vorgesetzten rechtfertigen (siehe z.B. welt.de, 19.7.2016). Und so weiter, und so fort. Man hört von Bürgern, die solvent aber mit der »falschen« politischen Einstellung unterwegs sind, denen ihre Bank über Nacht ohne offizielle Angabe von Gründen die Konten kündigte. Ende 2017 bestätigte das Amtsgericht Göttingen die Kündigung eines Mietvertrags, wohl weil der Mieter als AfD-Mitglied eine »erhöhte Gefährdungslage« mit sich bringe (siehe anwalt.de). Unternehmer schreiben mir, dass sie ihre nicht-linke Einstellung geheimhalten müssen, weil sie fürchten, ansonsten von diversen Auftragsvergaben ausgeschlossen zu werden. Polizisten, Krankenschwestern und immer wieder Lehrer berichten von den Zuständen, wie es wirklich an Schulen aussieht, doch die allerwenigsten von ihnen sind die »Helden«, die sich in der Bild-Zeitung offenbaren – viele halten lieber den Mund, da sie den Job brauchen, sie leiden still und hoffen auf ein Wunder – oder die Frühverrentung.

Was bedeutet also »Gleichschaltung«? In der Debatte mit Journalisten kann die Bedeutung und erlaubte Anwendung von »Gleichschaltung« je nach Notwendigkeit und Tageszeit chargieren. Es scheint laut Linken/Journalisten statthaft zu sein, etwa bei Autos eine »ästhetische Gleichschaltung« auszumachen (stern.de, 8.6.2018), und im Kontext von Trump (zeit.de, 1.12.2016), Österreich und Ungarn sowieso (sueddeutsche.de, 25.9.2018). Der Gebrauch von »Gleichschaltung« auf westliche Demokratien könnte orwellscher kaum sein: Meinungsmacher, die immer alle »gleich schalten«, beschimpfen jene, die von linker Einheitsmeinung abzuweichen wagen. Die einzigen, auf die man unter der Drohung wilder Du-Verharmloser-Beschimpfung keinen Gleichschaltungs-Vorwurf anwenden darf, sind die (kulturellen, funktionalen und gelegentlich auch biologischen) Enkel der Gleichgeschalteten von damals, also die deutschen Meinungsmacher von heute, die alle wieder auffällig gleich schalten. Es gilt ja nach Tucholsky derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht, und entsprechend gilt derjenige, der eine innere Gleichschaltung beklagt, für näher an der Gleichschaltung als jene, deren Meinungen auffällig gleich schalten.

Fazit

Wenn man also fragte, ob es Gleichschaltung auch heute gibt, dann müssten mehrere Rückfragen gestellt werden: Meinen Sie einen vom Staat beförderten Druck zur Einheitsmeinung? Darf die Frage auch für Deutschland mit »ja« beantwortet werden, oder darf sie das nur für andere Staaten und Deutschland vor 1945?

Die ersten Fragen sind: Gibt es heute in Deutschland eine äußere Gleichschaltung? Auch da ist die Antwort: Es kommt darauf an, was mit Wort und Begriff gemeint ist. Wenn Sie mit einem Linken diskutieren, für den »Gleichschaltung« nur für etwas stehen kann, was »die anderen« (»Nazis«) machen, denn wenn es »die Guten« treiben, ist dasselbe Verhalten eher »Haltung«, »Zivilcourage« (und nicht Einschüchterung), et cetera, dann ergibt sich auch die übrige Diskussion. Würden Sie von der Regierung mindestens via Polit-PR unterstützten moralischen Druck auf Lehrer etc. als »Gleichschaltung« betrachten? Würden Sie es »Gleichschaltung« nennen, wenn es mit psychologischen Tricks und »weicher« Gewalt funktioniert? (Ich muss Leute nicht einsperren, wenn es genügt, sie lächerlich zu machen und in der Existenz zu ruinieren.) – All das wäre zu diskutieren, doch noch spannender als die konkreten Methoden scheint mir die Frage, ob und inwieweit es eine innere Gleichschaltung gibt.

Wenn man die Äußerungen von Leitmedien, Meinungsmachern und sogar den von staatsnahen Medien unterstützten Künstlern studiert, dazu den Meinungs-Druck in Schulen, Behörden und mit dem Staat verbundenen Unternehmen, dazu den synchronen Druck zur Einheitsmeinung in Theater, Museen und sogar Fußballvereinen, dann kann man durchaus eine »innere Gleichschaltung« feststellen, und für diese gibt es sogar ein eigenes Wort, dass ebenfalls schon Goebbels einsetzte: Haltung. Von mir aus können Sie es nennen, wie Sie wollen, wenn Parteien zu Demonstrationen für »gleich Schaltende« aufruft, die schon im Titel »gleichschaltig« klingen, wie »Wir sind mehr!« und »ungeteilt«! Sie können es hundert mal »Haltung« nennen, wir wissen, wie es riecht, wenn Grundschüler im Geist und Slogan dieser Demos fast schon auf Regierungslinie eingeschworen werden – googlen Sie einfach selbst nach »wir sind mehr« und »Grundschule«, und erschrecken Sie! (Und wenn Sie gegen Indoktrination und Gesinnungsschnüffelei schon im Kindergarten sind, können Sie diese Petition von Sciencefiles für sich prüfen.)

Ob man es Haltung oder Gleichschaltung oder sonstwie nennt, die Fakten hinter den Buchstaben ändern sich nicht, wenn man diese Buchstaben verbietet und jene befiehlt. Ja, ich denke, dass wir offensichtlich heute soziale Effekte erleben, die man als eine neue innere Gleichschaltung deuten könnte – und dass Berliner Meinungsmacher auffallend gleich schalten, das haben schon wahrlich genug Denker und Autoren festgestellt.

Die Frage scheint mir weniger, wie man die innere Gleichschaltung nennt – wenn die es »Haltung« nennen wollen, können die es tun, wir wissen ja alle, worum es wirklich geht. Für mich ist die nächste, drängendere Frage: Wie entgehe ich dieser angeblichen Haltung, wie verhindere ich, selbst innerlich unfrei zu werden? Und, wichtig: Wie gehe ich mit Menschen um, die der Haltung verfallen sind?

Es hat etwas von einem Spiel, dieses »Gleichschaltung machen nur die anderen« – die Folgen der Haltungssklaverei sind weniger verspielt. Immer mehr Menschen suchen nach Strategien, selbst und mit ihrer Familie zu entkommen, bevor Haltungshelden das Land endgültig vor die Klippen manövriert haben.

Was ist das Gegenteil von Haltung, von Mitläufertum und innerer Gleichschaltung? Nur tote Fische schwimmen bekanntlich mit dem Strom, nur Mitläufer laufen mit, wenn die Partei zum Marsch trommelt.

Es ist einfach gesagt, doch es ist Arbeit und es braucht Mut: Wenn sie im Land alle gleich schalten, wenn sie Haltung annehmen und gegen die Abweichler brüllen, dann sei du der Mutige, ja, dann sei du der mit dem Haltungsschaden!

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