17.6.2019

»Nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer«

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Jack Anstey
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Deutschland fürchtet den Blackout, lokale Stromausfälle sind bereits Alltag. Wie wollen Grüntivisten die TV-Studios betreiben, wenn es keinen Strom mehr gibt? Wie wollen sie bei Windstille den Öko-Sozialismus bewerben? Sie wirken getrieben – doch wohin?!
»Nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer«
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Zwischen dieser Welt und der Unterwelt fließt der Styx – so berichtet die Mythologie der antiken Griechen. Wenn ein Mensch stirbt, dann legt man ihm einen Obolus unter die Zunge, auf dass er Charon den Fährmann für die Überfahrt bezahle.

Stellen wir uns vor, dass eine Gruppe von Männern am Ufer des Styx steht, wartend, hinübergefahren zu werden, doch es geschieht nichts. Das ist das Bild, das der Dichter T.S. Eliot (1888–1965) im Gedicht The Hollow Men (»Die hohlen Männer«) beschreibt. Warum es den Männern nicht gelingt, hinübergefahren zu werden, das wissen wir nicht genau, doch die Beschaffenheit dieser Herren gibt uns Hinweise:

Wir sind die hohlen Männer
Die Ausgestopften
Aufeinandergestützt
Stroh im Schädel. Ach,
Unsere dürren Stimmen,
Leis und sinnlos
Wispern sie miteinander
Wie Wind im trockenen Gras
(Beginn des Gedichts »Die hohlen Männer« von T.S.Eliot, Übersetzung aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger)

Das Gedicht Die hohlen Männer erschien 1925. Es ist ein Gedicht der Dazwischenzeit zwischen zwei Weltkriegen, als man den Ersten Weltkrieg noch nicht den Ersten nannte, weil man den zweiten noch nicht kannte (sondern etwa in Großbritannien den Großen Krieg).

Weiter im Text:

Gestalt formlos, Schatten farblos,
Gelähmte Kraft, reglose Geste

Die hohlen Männer, die Ausgestopften – sie warten und sie wispern und sie schaffen es nicht hinüber ins »andere« Reich, und es bleibt ihnen wenig übrig, als miteinander zu flüstern, »wie Wind im trockenen Gras«.

In Argentinien und Uruguay

Im animierten Kurzfilm »Logorama« leben Werbemaskottchen wie das Michelin-Mänchen, das Haribo-Männchen oder der Mc-Donalds-Clown in einer Welt, in der alles, wirklich alles aus Markenlogos besteht. Die Dinge und die Menschen – und viele, wirklich viele Autos – sind allesamt durch Markenlogos ersetzt. (Man kann die Animation auf Vimeo online sehen.)

Heutige Nachrichten wirken auf mich in surrealer Weise immer wieder wie jeweils auf etwas Größeres verweisend – jede Nachricht paradigmatisch, wie eine Marke, jede Nachricht ein Zeichen ihrer Zeit – dieser, unserer Zeit.

Südamerika wurde am Sonntag zum Opfer eines großflächigen Stromausfalls; fast das vollständige Argentinien, sowie Teile von Brasilien, Uruguay und Paraguay waren ohne Strom.

Eine Augenzeugin wird zitiert:

„Es ist sehr merkwürdig, so massiv war es noch nie“, sagte die junge Frau. (Augenzeugin des Stromausfalls vom 16.6.2019 in Südamerika, zitiert in welt.de, 17.6.2019)

»Es ist sehr merkwürdig« – ein Satz, der sich heute mancher Meldung voranstellen ließe. Dass der Strom in Argentinien und Uruguay ausfiel, das wäre ja ärgerlich genug; etwas furchteinflößend ist die Tatsache, dass Experten (aktuell) nicht wissen, warum er ausfiel. Man hört erste Theorien, doch sie klingen vom »Hackerangriff« bis zu »Spannungsproblemen« (siehe merkur.de, 17.6.2019) wie wohlklingende Umschreibungen von »keine Ahnung«.

Dort ein Kurzschluss

Deutschland kriecht voran auf dem Weg zu einer digitalen Gesellschaft, im Vergleich sind manche Staaten im Osten Europas deutlich schneller (in Berlin wartet man gefühlte Menschenalter auf Dinge, die man anderswo online erledigt; andere Länder, andere Prioritäten), aber auch ein Kriechtempo ist ein Tempo. Mit Hilfe amerikanischer und asiatischer Konzerne wird die Gesellschaft dann doch digital(er).

Ein großflächiger Stromausfall in der digitalen Gesellschaft, das wäre wie wenn man einem Kreuzfahrtschiff auf offenem Meer alles Wasser unterm Kiel abließe.

Die allabendlichen Grünen-Festspiele im besten deutschen Fernsehen aller Zeiten, thematisieren eher seltener, wie nah Deutschland schon mehrfach in den letzten Jahren an größeren Blackouts vorbeischrammte – auch die Blackouts, die es schon bereits gab, würden das Narrativ eher stören. (Randnotiz: Wieviel Strom verbraucht eigentlich so ein TV-Studio und wie viel davon ist ökologisch korrekt aus Vogelhäckslern gewonnen?) – Man findet die Meldungen eher bei freien Medien, wie, beispielsweise, »Schon mal den Blackout üben« von Dirk Maxeiner (achgut.com, 4.6.2018) oder die Blackout-Serie von Manfred Haferburg (Teil 1: achgut.com, 20.2.2019).

Diese Meldungen wirken wie begehbare Symbole und lebendige Metaphern, ähnlich wie die »lebendigen« Logos im Logorama-Kurzfilm. Landesweite Blackouts auf fernen Kontinenten. Immer wieder der Beinahe-Blackout in Deutschland (als Beispiel, rp-online.de, 27.2.2017: »Zu wenig Wind und Sonne – Deutsches Stromnetz schrammt am Blackout vorbei« ) – und immer wieder die »kleinen«, tatsächlichen Blackouts. Die Berliner Zeitung etwa hat eine eigene Themen-Seite nur zum Schlagwort »Stromausfall«, bz-berlin.de/thema/stromausfall, dort lesen wir vom 30-Stunden Blackout in Köpenick, von 3000 Haushalten ohne Strom in Marzahn, und so weiter.

Wenn man die Ursachen dieser Stromausfälle herausfindet, sind es meist Banalitäten, alte Infrastruktur oder simple menschliche Fehler, welche dazu führten, hier ein unachtsamer Baggerfahrer, dort ein Kurzschluss. Das »rot-rot-grüne« Berlin ist ja sowieso eine begehbare Metapher und Vorschau für die Zukunft Deutschlands unter der Herrschaft der Grüne-ARD-ZDF-Koalition – und die Stromausfälle sind wiederum ein Pars-pro-Toto (das Teil als Symbol des Ganzen) der Zukunftsmetapher.

Oft wird ja geklagt

Die Stromausfälle und Beinahe-Blackouts sind nicht die einzigen Meldungen, die sich als Symbol oder Mahnbilder für unsere heutige Geisteshaltung und unsere mögliche morgige Realität anbieten.

Aus Sachsen hören wir die Klagen von Richtern, die das Gefühl haben, »für den Papierkorb« zu arbeiten (welt.de, 15.6.2019). Oft wird ja gejammert, auch von mir, die Urteile deutscher Richter fühlten sich zu »lasch« an, doch selbst wenn sie konkrete Urteile aussprechen, werden diese oft nicht umgesetzt. Diejenigen, welche Ordnung ins Chaos und Recht ins Unrecht bringen wollen und sollen, haben das Gefühl, »für den Papierkorb« zu arbeiten. Auch diese Meldung steht sinnbildlich für den Zustand Deutschlands.

Der Münchener SPD-Bürgermeister Dieter Reiter (dem Gerichte schon mal Nachhilfe zu Rechtsstaat und Demokratie geben müssen, siehe etwa »Ganz kleines Tennis – SPD versucht es mit Tricks«), hatte einige Monate vor den Kommunalwahlen eine extra populistische Idee: Jugendliche unter 18 Jahren dürfen heuer kostenlos in Freibäder (siehe etwa br.de, 13.4.2019). In der gutmenschlichen Lala-Realität, wo alle Menschen hilfreich, edel und wohlerzogen sind, da mag das funktionieren – in der echten Realität funktioniert das nicht so gut. In Münchener Freibädern trafen sich »Aggressive Jungmänner-Horden, oft mit Migrations-Hintergrund« (bild.de, 15.6.2019). – Auch diese Meldung symptomatisch für das Verhältnis gutmenschlichen Wahns und seiner realen Folgen.

Kommt Deutschland endlich zur Vernunft? Was sagen die Zeichen? Nun: Zwölf deutsche Städte haben sich zu »sicheren Häfen« erklärt (welt.de, 15.6.2019) – wenn afrikanische Schlepper einfach nur deutsche Meldungen herumschicken müssen, um ihr Geschäft zu verzehnfachen, stimmt vielleicht etwas nicht – und es ist zugleich symbolisch.

Das große Luftanhalten

Das linksgrüne Deutschland ist ein Land, das sich selbst überhöht und zur gleichen Zeit sich selbst verachtet, ein Land, das seine Möglichkeiten überschätzt und zugleich seine Ressourcen für Unsinn vergeudet.

Deutschland ist ein getriebenes Land, doch wohin wird es getrieben?

Unsere Meinungseliten, also jene, welche ihre Meinung und Weltsicht in die Wohnzimmer, Schulzimmer und so in die Köpfe des Volkes pumpen, erinnern mich an die »hohlen Männer« des Gedichtes von T.S. Eliot.

Wir sind die hohlen Männer
Die Ausgestopften
Aufeinandergestützt
Stroh im Schädel.
(Beginn des Gedichts »Die hohlen Männer« von T.S.Eliot, Übersetzung von H.M. Enzensberger)

Die getriebenen Antreiber von Berlin wirken wie jemand, der dringend über den Fluss will, oder auch nicht, sowieso aber nicht hinüberkann – und man weiß als Betrachter nicht so recht, wohin es ist, dass die Bestellten-und-nicht-Abgeholten gelangen wollen.

Die Vision, die T.S. Eliot entwirft, hätte fröhlicher sein können:

Dies ist das tote Land
Dies ist das Kaktusland
Hier sind aufgerichtet
Die steinernen Bilder, zu denen
Betet die Hand eines Toten, darüber
Funkelt ein verblassender Stern.
(aus: »Die hohlen Männer« von T.S.Eliot, Übersetzung aus dem Englischen von H.M. Enzensberger)

Die hohlen Männer mit Stroh im Kopf, haben sie das tote Land geschafft? Ist das Kaktusland ihr Werk? Noch funkelt ein Stern darüber, doch er verblasst, derweil die hohlen Männer am Ufer stehen, und etwas wollen, wahrscheinlich hinüber wollen, als Getriebene, die vergaßen oder nie wussten, wohin es ist, dass sie getrieben sind.

»Die hohlen Männer« endet mit einigen der berühmtesten Gedichtzeilen aller Zeiten (meine Übersetzung):

Dies ist, wie die Welt endet
Dies ist, wie die Welt endet
Dies ist, wie die Welt endet
Nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer

Im Original:

This is the way the world ends
This is the way the world ends
This is the way the world ends
Not with a bang but a whimper.

Letztens schrieb ich den Text »Wenn der Staat darum bettelt, dass man die Gesetze einhalten möge«. Wir hören heute von Richtern, die das Gefühl haben, »für den Papierkorb« zu arbeiten. Wir erleben Stromausfälle und hören vom großen Luftanhalten der Verantwortlichen, wenn wieder mal ein Blackout droht. Was früher ein Stück Freiheit und Sommer war, das Freibad, wird heute zum Treffpunkt migrantischer Schläger – den Eliten ist es egal, die haben große Gärten, vielleicht sogar mit Swimmingpool – es sind die »kleinen Leute«, welche den Preis des gutmenschlichen Wahns bezahlen, es sind die Schwächsten, deren Leben gefährlicher und weniger frei wird.

Nein, die Welt wird nicht untergehen. Andere Länder sind weit klüger, weit weniger wahnhaft unterwegs als Deutschland (siehe dazu zum Beispiel »Künstliche Intelligenz und Mäusespeck«). Die Zukunft geht weiter, womöglich aber anderswo.

Deutschland hat unter der linksgrünen Merkel-Kanzlerschaft international viel Autorität verloren. Wenn Sie im Ausland mit Menschen sprechen, die sich nichts (mehr) von Deutschland erhoffen, fallen Worte, die aufzuschreiben unhöflich wäre. In Deutschland wird derweil ein postnational bis postdemokratisch klingender Erlöser hochstilisiert, der unschuldige Journalistinnen selbst mit den Löchern in seinen Socken zu erotischen Zeilen bewegt (zeit.de, 4.6.2019).

Eine Kerze

Deutschland als ernstzunehmende wirtschaftliche Macht wird nicht mit einem »Knall« enden, sondern mit vielen kleinen Peinlichkeiten, mit vielen kleinen Messerstichen – metaphorisch wie buchstäblich.

Ein linksgrünes Land ist kein ernstzunehmendes Land – es wird wirtschaftlich aufgefressen werden von Ländern, deren kollektiver Denkhorizont über die nächste Empörungsmode hinausreicht. Deutschland hat in Europa manche Rolle ausprobiert. Deutschlands nächste Rolle in Europa ist die des Klassenclowns, dem immerzu das geerbte Geld aus den Taschen fällt – bis nichts vom Erbe mehr da ist und plötzlich keiner mehr zuschauen will.

Mächte enden nicht immer mit einem Knall, häufiger enden sie mit Gewimmer. »Das haben wir so nicht gewollt«, und »es hätte geklappt, wären nicht die bösen Rechtspopulisten gewesen«, so wird das Gewimmer Deutschlands sein.

Wir sind die hohlen Männer, die Ausgestopften, aufeinandergestützt mit Stroh im Schädel. Ach …

Der Getriebene ist nicht frei, und dass er sein Getriebensein zur Moral erklärt, macht die Unfreiheit ärger, nicht leichter. Hütet euch vor den hohlen Männern mit Stroh im Schädel! Werdet nicht selbst zu hohlen Männern, getrieben und selbst im Getriebenwerden erfolglos.

Stromausfälle plagen Berlin, einige faktisch, andere metaphorisch. Es könnte eine gute Idee sein, sich vorzubereiten!

Schafft euch Vorräte (lest und lernt!), studiert die Fluchtpläne in eurem Haus, und, nicht zuletzt kauft Kerzen! Wenn ihr aber Vorräte angelegt habt und Fluchtpläne studiert habt, und wenn ihr genug Kerzen gebunkert habt, dann zündet eine der Kerzen für mich an. Es kann ja nicht schaden, ein Lichtlein leuchten zu lassen, schon bevor es dunkel wird.

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