Gedanken wie Skorpione

Der Skorpion stand am Ufer des Flusses, und er sagte zum Frosch: »Frosch, hilf mir ans andere Ufer! Nimm mich doch auf deinen Rücken und schwimm mit mir hinüber!«

Der Frosch war nicht dumm, und er sagte: »Ich kenne dich , Skorpion! Du wirst mich stechen und ich werde sterben.«

»Aber nein«, sagte der Skorpion, »warum sollte ich dich stechen? Wenn ich auf deinem Rücken schwimme, und dich dann steche, dann ertrinke auch ich!«

Das ist richtig, dachte der Frosch. »Ich denke«, sagte er, »du willst genauso nicht sterben wie ich nicht sterben möchte. Verzeih, dass ich einen Verdacht gegen dich hegte! Komm, steig auf meinen Rücken, Skorpion, und wir schwimmen gemeinsam ans andere Ufer!«

Der Skorpion stieg auf den Rücken des Frosches. In der Mitte des Flusses spürte der Frosch einen stechenden Schmerz und dann schwanden seine Kräfte, und er begriff, und er sagte: »Skorpion, du hast mich ja doch gestochen! Warum hast du das getan? Jetzt werden wir beide sterben!«

Der Skorpion sagte: »Was hast du erwartet, Frosch? Ich bin ein Skorpion.«

(Diese Geschichte existiert in mehreren Varianten, sie wird so ähnlich auch mit einer Schildkröte statt mit einem Frosch erzählt, siehe »The Scorpion and the Frog« bei der englischsprachigen Wikipedia.)

Der Mensch, der Gedanke

In Köln und anderen toleranten Städten kann man als Betreiber einer Gaststätte ganz einfach Applaus ernten und dann lobend in der Presse erwähnt werden, wenn man Aufkleber wie »Kein Bier für Nazis« an sein Schaufenster pappt. Da die NSDAP schon etwas länger abgeschafft ist, scheint die Feststellung banal, dass mit Nazi schlicht »Abweichler« oder »falsche Partei« gemeint wird, siehe auch mein Text: »Was ist ein Nazi?«

Wer oder was genau soll ausgeschlossen werden? Menschen. Und warum? Weil die Betreiber ihnen falsche Meinungen zuschreiben. Weil sie der falschen Partei angehören. Weil Gedanken nicht gemocht werden, werden Menschen ausgeschlossen. Es wird von der Presse positiv aufgenommen.

Wenn eine ähnliche Maßnahme etwa gegen eine Religion durchgeführt würde, etwa weil ihre Bücher und Mitglieder sich bei Gelegenheit antisemitisch äußern, wie wäre dann die Reaktion? Auch so positiv? Es wäre wahrscheinlich ein Fall für den Staatsanwalt – ob Angehörige jener hypothetischen Religion überhaupt Bier trinken oder nicht.

Manchmal wird zwischen einem Menschen und den Gedanken, für die er steht, unterschieden, und manchmal wird die Unterscheidung tunlichst vermieden. Warum eigentlich?

Wenn einer, den ich verteidigen möchte, etwas Böses sagt, dann wird zwischen dem Gedanken und dem Menschen sorgfältig unterschieden. Dieser Tage wirft sich halb Hollywood schützend vor den Regisseur James Gunn, der Ärger hat wegen seiner widerlichen Tweets, siehe z.B. tagesspiegel.de – und dabei ignorieren sie noch seine übelsten Aussagen. Es ist schon schräg: Eine ganze Reihe pädophiler Äußerungen eines Linken sind für Linke leicht verzeihlich, aber ein viele Jahre alter Macho-Spruch des US-Präsidenten, worin er die abwegige These aufstellte, dass einige Frauen angeblich auf reiche, prominente Männer stehen und sich deshalb anfassen lassen, stellt für dasselbe Hollywood die moralische Verfehlung des Jahrtausends dar. Man trennt, weise und verzeihend, zwischen dem (alten) Gedanken und dem (neuen) Menschen, wenn der Mensch ein Teil der eigenen Clique ist – und man sieht den Menschen als untrennbar und unverzeihlich mit seinen alten Gedanken verbunden, wenn (und: weil?) man den Betreffenden zu seinem Gegner auserkoren hat.

It’s the Handlung, stupid!

Ich will versuchen, zu ordnen, wie ich zum Anderen und seinen Gedanken stehe – und warum es oft (auch mir!) von Zeit zu Zeit schwer fällt, den Menschen und seinen Gedanken zu trennen.

Es gibt zwei (Haupt-) Gründe, warum man den Gedanken eines anderen Menschen fürchten könnte:

  1. Der fremde Gedanke könnte unser Weltbild in Frage stellen und uns dadurch Unwohlsein und Verunsicherung bereiten.
  2. Der fremde Gedanke könnte Menschen zu Handlungen motivieren, durch welche relevante Strukturen geschwächt werden (sprich: der Gedanke könnte zu Handlungen führen, die moralisch schlecht oder aus anderem Grund nicht wünschenswert sind).

Warum fürchten Linke so sehr die Gedanken derer, die sie als »Nazis« titulieren? Linke werden meist den zweiten Grund angeben, nämlich dass jene Gedanken zu Handlungen führen könnten, welche eindeutig böse sind, weil sie sich etwa gewalttätig gegen Minderheiten und Fremde richten. Doch, wenn dem so wäre, warum fürchten sie nicht ähnlich üble Gedanken, wenn diese von Mitgliedern fremder Kulturen geäußert werden – und täglich ausgeübt werden? Warum wird es von Linken als »Rassismus« gebrandmarkt, einen Menschen auch nur nach seiner Herkunft zu fragen, aber möglichst ignoriert (oder sogar dafür Verständnis geäußert), wenn Teile gewisser Gruppen sich offen antisemitisch zeigen und Juden wieder aus Europa auswandern?

Ich fürchte, dass »Grund 2« oft nur vorgeschoben ist. In Wahrheit fürchtet man sich davor, dass diese angeblich »rechtspopulistischen« Gedanken das linke Weltbild erschüttern. (Etwa den, wonach alle Menschen auf diesem Planeten im Herzen friedfertig und gut sind – außer diejenigen, die das Land, in dem man lebt, aufgebaut haben. Nein, es ergibt keinen Sinn, ich tue nur mein Bestes, korrekt zu referieren; ich erfinde es nicht.)

Anders herum haben Konservative keine Angst, dass linke Weltbilder ihr eigenes erschüttern. Vielleicht ist das ein Grund, warum Linke es geschafft haben, ihr inkohärentes, emotional durchwirktes Weltbild in Medien und Schulen zu etablieren: Konservative haben sie viel zu lange nicht ernst genommen. Weil das linksgrüne Weltbild offensichtlich inkohärent und in der Pubertät steckengeblieben ist, haben Konservative und Liberale sich davon nicht bedroht gefühlt – das eigene Weltbild wurde ja nicht davon in Frage gestellt. Man übersah den zweiten Grund, ein Weltbild zu fürchten: wenn es zu gefährlichen Handlungen führen kann.

Es ist derzeit eine reale Option, dass das freiheitliche, aufgeklärte Europa als solches für immer verloren ist, und zwar aus demselben Grund, aus welchem die Gedanken, die dazu führten, von argumentgeleiteten Menschen ignoriert oder bloß belächelt wurden! Weil das linksgrüne Weltbild inkohärent ist (z.B. maximale Intoleranz im Zeichen der Toleranz importieren), wurde es von Konservativen und Liberalen zu lange zu wenig ernst genommen (keine Bedrohung nach Grund 1) – und weil es inkohärent ist, könnte es das freiheitliche, aufgeklärte Europa bereits irreparabel beschädigt haben (Bedrohung nach Grund 2).

Gibt es Skorpion-Gedanken?

Karl Popper hat uns vor dem »Toleranz-Paradoxon« gewarnt: Toleranz gegenüber der Intoleranz gibt dieser gefährlich viel Raum, sich auszubreiten. Deshalb darf eine Gesellschaft, wenn sie tolerant bleiben will, die Intoleranz nicht tolerieren.

Gibt es »Skorpion-Gedanken«? Gibt es Gedanken, die andere Gedanken kapern – und dann alle ihre Träger umbringen?

Nehmen wir folgende zwei fiktive Gedanken, die jeweils von verschiedenen Menschen gedacht werden:

  1. Ich will Fremde willkommen heißen.
  2. Ich will Fremde töten.

Was passiert, wenn Träger jeweils eines dieser Gedanken aufeinander treffen?

Und kehrte nach England zurück

Am 4. April 2014 meldete die BBC, dass das Schiff HMS Enterprise immerhin 110 von ca. 200 bis 400 Briten aus Libyen aufsammeln und nach Malta bringen konnte (bbc.co.uk, 4.4.2014).

Jetzt melden britische Medien (z.B. theguardian.com, 31.7.2018), dass unter den Geretteten von damals sich auch Salman Abedi befand. Er war es, der beim Terroranschlag in Manchester am 22. Mai 2017 während eines Popkonzerts eine Bombe zündete, woraufhin 23 Menschen starben (inklusive ihm selbst) und 512 verletzt wurden; das jüngste Todesopfer war ein 8-jähriges Kind.

Die trockene Formulierung bei Wikipedia zu den Hintergründen des Täters:

Der Täter wurde 1994 in Manchester als Sohn einer libyschen Familie geboren. Die Familie war 1991 aus Libyen geflüchtet, weil der Vater dort eine islamistische Revolte gegen Machthaber Gaddafi unterstützt hatte. Der Vater kehrte 2011 nach Libyen zurück, um sich am Bürgerkrieg in Libyen zu beteiligen. Seine Söhne sollen sich während der Schulferien zum Vater begeben haben, um ihn im Krieg zu unterstützen. Der Vater blieb nach dem Krieg in Libyen, die Söhne besuchten ihn mehrmals. Salman Abedi verließ am 17. Mai 2017 Libyen zum letzten Mal und kehrte nach England zurück.
Wikipedia, 31.7.2018

Der Westen ist dieser Familie mehrfach mit dem begegnet, was Merkel »ein freundliches Gesicht« nennt.

Die Gedanken, mit denen dieser Familie begegnet wurde, waren: Wir heißen euch willkommen, alle Menschen samt ihrer Gedanken sind wertvoll, seid willkommen!

Die Gedanken des Sohnes waren, je nachdem, wer sie deutet und berichtet, dass er sich nach Kontakten mit dem IS an den Briten rächen wollte für den Tod eines Freundes, oder dass er sich für die militärischen Handlungen der Amerikaner weltweit rächen wollte – oder was man eben so sagt, wenn man den Westen hasst, wenn man mit dem IS abhängt und »Ungläubige« töten möchte, doch wahrscheinlich nur eine Projektionsfläche für seinen Selbsthass und seine innere Zerrissenheit sucht. (siehe z.B. zeit.de, 26.5.2017)

Es hat nichts mit der Haarfarbe des Mannes zu tun und nichts mit dem Melaningehalt seiner Haut. Er hat getötet, weil ihm Gedanken eingepflanzt wurden, die zu eben solchen Handlung führten.

Wir analysieren und kritisieren unsere eigenen (westlichen) Gedanken bis in die allerfeinste Haarspitze. Wir prüfen das klitzekleinste Adjektiv bis in die zehnte Nachkommastelle, ob es bei ungünstigem Lichteinfall nicht irgendwen irgendwie beleidigen könnte. Okay, von mir aus! Jedoch: Wenn wir tatsächlich ein friedliches Zusammenleben erreichen wollen, national wie global, dann werden wir nicht umhin kommen, ähnlich hohe Ansprüche auch an jene Gedanken anzulegen, die ihren Ursprung in (früher) fremden Kulturen haben.

Ich habe nichts gegen Skorpione, es sind faszinierende Wesen. Ich habe auch nichts dagegen, durch meine Gedanken selbst ein Frosch zu sein, dick, grün und laut quakend, wie Frösche eben so sind. Ich würde nur gern vermeiden, gestochen zu werden und mitten im Fluss abzusaufen.

Ich frage Sie: Gibt es Gedanken, die wie Skorpione sind? Und, wenn ja, wie gehen wir damit um?

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