Wie Gaffer beim Logikunfall

3. Oktober 2018, von Dushan Wegner; Bild von catrina farrell
Bei manchen Spiegel-Online-Texten frage ich mich: Kann das irgendein Mensch wirklich ernst meinen?!! – Ich fürchte, die ahnen durchaus, dass es emotional aufgeladener Bullshit ist, aber es »klickt gut«. Was meint ihr?
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Am 12. Februar 2018 fuhr auf der A5 ein LKW in ein Stauende. Vier Menschen starben. Es war ein tragisches Unglück, doch es blieb nicht dabei.

Autofahrer auf der Gegenfahrbahn wollten beim Vorbeifahren einen Blick auf die Unfallstelle erhaschen. Einige bremsten abrupt, so dass es zu einem »Gaffer-Unfall« kam:

Nach ersten Erkenntnissen waren in diesen Unfall sieben Fahrzeuge verwickelt, drei Menschen wurden verletzt. Zwei der drei Fahrstreifen waren blockiert. (derwesten.de, 12.2.2018)

Es ist kein einmaliges Problem! – Eine Auswahl via bild.de:

… wie dreist dann einige Gaffer waren, das verschlug auch den Polizisten die Sprache: Sie gingen ganz nah an den Wagen heran, um die Frau zu fotografieren, die gerade mit schwerem Gerät aus ihrem Auto befreit wurde. Hemmungslos knipsten die Gaffer mit ihren Smartphones! (bild.de, 11.8.2018)

Noch ein Unfall:

Die Autobahn war übersät mit Trümmerteilen – unter den acht Verletzten sind Kinder! (…) Keine Rettungsgasse, Gaffer fotografieren! – Die Rettungsgasse fehlte auf langen Abschnitten, Gaffer stiegen aus ihren Autos und liefen fotografierend und filmend über die Autobahn! (bild.de, 20.5.2017)

Eine weitere Meldung, die einen Extra-Hinweis enthält:

Polizisten und Sanitäter wollten am Dienstagabend in Duisburg-Hochfeld einen Unfall sichern und zwei Verletzte versorgen. Doch wieder einmal konnten die Einsatzkräfte nicht ordentlich arbeiten – weil 150 Gaffer sie belagerten! Ein für den Stadtteil nicht unübliches Phänomen … (bild.de, 21.2.2018)

Menschen, die derart eine Unfallstelle begutachten, sind unter Polizei und Journalisten nicht gerade beliebt. – »Wer stoppt die Gaffer? Sie glotzen, sie machen Selfies, sie behindern Rettungskräfte: Gaffer sind einfach die Pest!«, schreibt bild.de, 5.1.2018. – »Ist das denn nicht zu schaffen? Das zu lassen mit dem #Gaffen?«, schreibt die Polizei Mannheim (@PolizeiMannheim)

Born to read News

Wenn alle unisono »A!« brüllen, dann ist es stets eine interessante Idee, zu prüfen, ob »A!« wirklich stimmt.

Warum sehen Menschen denn hin, wenn ein Unfall passiert? In der Logik prüft man die Richtigkeit von Aussagen oft dadurch, dass man ihr Gegenteil annimmt und das dann widerlegt; davon wollen wir uns inspirieren lassen!

Stellen Sie sich einmal das gegenteilige Szenario vor! Stellen wir uns vor, es passiert ein schlimmer Unfall und keiner hält an, keiner schaut hin. Es muss ja nicht die Straße sein. Stellen wir uns vor, ein Mensch kippt in der Fußgängerzone um, und alle gehen einfach weiter. Wäre dann die öffentliche Kritik zufrieden? Nein, sicherlich nicht! Dann würde es heißen: »Wo bleibt euer Mitgefühl? Wo ist eure Menschlichkeit?«

Einen Unfall mit Verletzten betrachten zu wollen könnte als Akt der Empathie gedeutet werden. Ich bin als Betrachter schockiert darüber, was einem Menschen passiert ist. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn es mir passiert wäre. Wenn das Innere eines Mitmenschen nach außen gekehrt ist, sind wir bei aller Erschütterung auch fasziniert von der Frage, was einen Menschen zum Menschen macht. Und, nicht zuletzt: Indem wir den anderen Menschen verletzt am Boden liegen sehen, vergewissern wir uns selbst der Tatsache, dass wir noch leben: Better you than me.

Es ist dem Menschen angeboren, ein Unglück betrachten zu wollen. Ein Stamm, der die Verletzung seiner Angehörigen ignoriert hätte, der nicht die Ursachen und Folgen studiert hätte, der hätte weniger lange überlebt, als einer, den Unglück zugleich maximal abstieß und anzog.

Erziehung

Der Mensch ist nicht von Natur aus dafür vorbereitet, in der westlichen (Stadt-) Gesellschaft zu leben. Damit »das Ganze« funktioniert, müssen wir von klein auf erzogen werden, unsere angeborenen Gelüste und Neigungen zu unterdrücken.

Wenn ein Säugling seine Notdurft verrichten will, erledigt er das sofort, wo auch immer es ihn gerade überkommt; dafür sind Windeln da. In Indien wird derzeit mit Filmen, Apps und anderen klassischen Propaganda-Mitteln versucht, die Bevölkerung zum Benutzen von Toiletten zu animieren (siehe z.B. nytimes.com, 3.9.2017). Es ist dem Menschen nicht angeboren, seine Därme zurückzuhalten, bis er eine saubere Toilette vorfindet; er muss es erst lernen.

Wenn ein Kind sich über ein anderes Kind ärgert, dann wird es probieren, seinem Ärger durch Schubsen oder Schlagen etwas Luft zu machen. Kinder müssen erst lernen, mit Ärger auf eine Weise umzugehen, die beim Mitkind nicht zu Brüchen und Blutergüssen führt. In Deutschland wird ein spannendes »historisch einzigartiges Experiment« durchgeführt, um herauszufinden, was passiert, wenn man Menschen, denen die physische Aggressivität weitgehend abtrainiert wurde, jungen Männern ausliefert, denen eben das nicht abtrainiert wurde. (Der Begriff »Experiment« stammt im Kontext von Immigration von Herrn Yasha Mounk, er sagte es etwa in Tagesthemen, 20.2.2018, ab 0:24:45 – Notiz: beide vorausgehende Propaganda-Stückchen jener Sendung sind auf fast unterhaltsame Art plump und selbst ein Fall für historische Archive – er sagte es aber bereits im Spiegel 40/2015.) – Es ist dem Menschen nicht angeboren, Konflikte gewaltlos auszutragen, er muss es erst erlernen – und wird nur in einer Gesellschaft überleben, in der es (praktisch) allen anderen ebenfalls antrainiert wurde.

Ebenso gilt: Wenn ein Mensch sieht, dass ein anderer einen schlimmen Unfall hatte, dann will er hinschauen. Er will genau berichten können, was dort geschah (was mit Handyfotos sehr gut geht). Evolutionär gesehen ergibt das ja auch Sinn: Wenn eine Gefahrenstelle einen Stammesgenossen das Leben gekostet hat, will man den Überlebenden sehr genau davon berichten, damit diese die Gefahr in Zukunft vermeiden können.

Ja, wir empfinden Lust daran, einen schlimmen Unfall zu sehen (oder die Nachricht davon zu lesen). Es gilt die Faustregel: Woran wir Lust empfinden, ob Sex, Fressen oder Gaffen, hat uns die Evolution eingepflanzt, weil es unser Überleben sicherte – solange wir in der Savanne lebten. Das Zusammenleben in der Stadt- und Technologie-Gesellschaft läuft nach teilweise deutlich anderen Regeln als das Zusammenleben in der Savanne, deshalb muss der Mensch lernen, seine angeborenen Triebe zu kontrollieren. Wir müssen erst umerzogen werden, einen Unfall, sobald die Rettungskräfte vor Ort sind, mit eiserner Disziplin aus unserem aktiven Bewusstsein auszublenden.

Jemand hat im Internet

Schon lange vor dem Internet haben Menschen prickelnde Lust daran empfunden, logische Fehler zu korrigieren. Wenn man die Korrektur strukturiert und elaboriert angeht, kann man es »Philospohie« nennen. Schon Aristoteles behandelt im Abschnitt »Über die sophistischen Widerlegungen« (gratis online bei zeno.org) die logischen Fehlschlüsse seiner Argumentgegner. Weniger strukturiert, wenn auch mitunter nicht weniger weinselig ging es zu allen Zeiten in Kneipen und Kaschemmen zu, wo Menschen lautstark über die Weltlage diskutierten, und wehe, man entdeckte eine Schwäche im gegnerischen Argument!

Der lustvolle Drang, (vermeintlich) logische Fehler zu korrigieren, hat im Internet ganz neues Futter erhalten! Ein Internet-Cartoon von Randall Munroe beschreibt diesen Dialog:

»Kommst du ins Bett?«

»Ich kann nicht, das hier ist wichtig!«

»Was?«

»Jemand hat im Internet etwas Falsches gesagt.«

(xkcd.com/386)

Post-Meta-Multi-Ideologisch

Eigentlich ist die Lust an der Korrektur von logischen Fehlern eine edle menschliche Eigenschaft, die uns voranbringen könnte. Das wissenschaftliche Prinzip der »Peer Review« etwa basiert darauf: ein Wissenschaftler untersucht einen Gegenstand und stellt Thesen auf, seine Kollegen (und Konkurrenten!) untersuchen seine Arbeit und seine Thesen auf methodische und andere Fehler.

Die menschliche Lust an der Fehlerkorrektur ist für traditionelle Ideologien ohne Zweifel eine Bedrohung. Ideologiebasierte Machtsysteme setzen zwingend voraus, dass bestimmte Thesen und Moralregeln unhinterfragbar akzeptiert werden; dafür installieren sie Zensur-Systeme, welche »verbotene« Gedanken aus dem Rahmen allgemein akzeptabler Meinung heraushalten (sollen). In Kuweit wird dieser Tage neu versucht (nytimes.com, 1.10.2018), missliebige Filme und Bücher zu zensieren, von Disneys Arielle die Meerjungfrau (Grund: sie trägt einen Bikini) bis hin zu Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel Garcia Marquez (Grund: in einer Szene sieht eine Frau ihren Mann nackt). Ob (wie in Berlin) ein Gedicht ausgelöscht wird, die öffentliche Darstellung des weiblichen Körpers verboten wird (ebenfalls Berlin), ein Mitarbeiter für das Zitieren wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Unterschiede der Geschlechter gekündigt wird (Kalifornien) – Ideologien setzen anti-intellektuellen, anti-neugierigen Gehorsam voraus, und der fürchtet wenig mehr als das neugierige Hinterfragen der eigenen Rollen im großen Schauspiel der Menschheit. Der Ideologe, ob Mullah oder Netzfeministin, gibt dir vor, was deine Rolle zu sein hat, und wenn du die vorgeschriebene Rolle hinterfragst, will und wird er dich vernichten.

Der Kapitalismus ist seit jeher post-, meta- und multi-ideologisch. Der Kapitalismus lässt die Ideologien hinter sich; er ist das, was du treibst, nachdem (»post«) du feststellst, dass die anderen Ansätze nicht funktionieren. Im Kapitalismus lässt sich trefflich über (»meta«) Ideologien reden; die Auswahl an kapitalistischem Che-Guevara-Gedöns bei Amazon ist weit gefächert. Der Kapitalismus kann verschiedenen, untereinander inkompatiblen Ideologien eine Heimat bieten, der Kommunist und der Islamist kaufen bei demselben Discounter.

Während die Ideologie von der menschlichen Lust an der Korrektur bedroht ist, hat der Kapitalismus – selbstverständlich – auch diese Lust vereinnahmt.

Monetisierung des Denkfehlers

Unter den Tricks für erfolgreiches »Internetten« ist einer besonders simpel: Bau absichtlich einen Fehler ein! – Ob du auf Facebook oder Twitter postest, bei einem einfachen Fähler fühlen sich Menschen motiviert, dich zu korrigieren; sie schenken dir Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist eine Grundwährung des Internet.

Ich wage die These, dass Firmen wie Der Spiegel die Lust an der Fehlerkorrektur (bewusst oder unbewusst) monetisieren, indem sie nicht nur Nachrichten, sondern offensichtlichen Blödsinn posten.

Nehmen Sie etwa eine beliebige Kolumne der Spiegel-Autorin Stokowski – etwa die Einleitung zum aktuellen Text:

Männer vom Schlag eines Brett Kavanaugh dürften vom Aussterben bedroht sein. Bei seiner Anhörung konnte man beobachten, wie das Patriarchat vor dem Verschwinden noch einmal wild um sich schlägt. (spiegel.de, 2.10.2018)

Der Text geht so weiter, ein Fluss aus netzfeministischem Hassvokabular ohne Hand, Fuß und einigem anderen. Es kann unmöglich von einem denkenden Menschen ernst gemeint sein oder auch nur humoristisch – würde man meinen.

Es geht um Trumps Kandidaten für das Oberste Gericht der USA. Brett Kavanaugh wurde ohne Beleg öffentlich demontiert, mit dem üblichen Trick der amerikanischen Linken: plötzlich aufgetauchte Behauptung über angebliche sexuelle Übergriffe, die Jahrzehnte in die Vergangenheit reichen. Inzwischen hat der Ex-Freund die Beschuldigerin öffentlich in Frage gestellt. – Wenn wir jetzt in die Argumentation einsteigen, sitzen wir dem Trick der Linken auf: aus allen Rohren etwa Schmutz werfen, den Gegner damit beschäftigt halten, ihn wieder abzukratzen, und zugleich hoffen, dass irgendwas hängen bleibt.

Indem wir, auch ich (siehe vorheriger Absatz) dem eigentlich sinnvollen Drang nachgeben, Fehler zu korrigieren und Unsinn richtigzustellen, gehen wir dem Spiegel und Stokowski auf den Leim.

Zwei Dinge sind an solchen Texten erschreckend. – Erstens: Solange die Autorin nur genug netzfeministische Parolen wie billigen Käse über das intellektuelle Schnittgras streut, wird es Leute geben, die das Überbackene essen und ihr jubelnd zustimmen. – Und zweitens: Solange es klickt, so scheint es, ist es Medienmarken wie dem Spiegel wirklich, komplett, vollständig egal, ob das Veröffentlichte irgendeinen Redlichkeitstest besteht.

Neue Zivilisationstechnik

Von den Texten mancher Netzfeministin geht eine ähnliche Faszination aus wie von einem brutalen Autounfall: Man gruselt sich und schaut doch hin.

Die Klickverkäufer der Medienkonzerne sind keine Debatten-Moralisten. Im James-Bond-Film »Der Morgen stirbt nie« will ein Medienmogul einen Krieg provozieren, um seine Auflage zu steigern. Indem der Spiegel solche »provokante« Grütze online stellt, sorgt er zweifelsohne für Klickzahlen – und mit jedem Klick zieht er das Niveau der gesellschaftlichen Debatte tiefer in den Dreck.

Es braucht antrainierte Selbstdisziplin, bei Unfällen nicht zu starren, sobald Rettungskräfte vor Ort sind. Wir sollten uns angewöhnen, mit ähnlicher Selbstdisziplin wegzuschauen, wenn Klickdreck-Texte uns mit hanebüchenen Behauptungen provozieren wollen.

Vorschlag: Wenn Sie einen Text gelesen haben, schauen Sie ehrlich in sich selbst. Fragen Sie sich: »Hat mich dieser Text schlauer gemacht? Hat er mir geholfen, über mich nachzudenken und Worte für etwas zu finden, wofür ich Worte suchte? Oder war der Text saudoof und provoziert mich, die offensichtliche Dummheit des Textes mit meinen Gegenargumenten zu reparieren?«

Wenn Autoren wieder und wieder bei Ihnen die »So ein Blödsinn!«-Reaktion triggern, können Sie überlegen, vorsichtig zu prüfen, ob das nicht vielleicht deren Masche ist, Klicks zu generieren. Es gibt einen Unterschied zwischen Gegenargumenten und provokativer Dummheit. Das eine bringt neue Fakten und Perspektiven ins Spiel, das andere ersetzt meist einfach Argumente durch Emotionswallungen.

Es gibt Texte, da versucht ein Autor, gemeinsam mit dem Leser einen Argumentweg abzuschreiten – und es gibt Texte, da will man Sie durch steile Dummheit zum Hinschauen, Aufregen und Klicken manipulieren.

Prüfen Sie jeden Text und jeden Autor – natürlich auch diesen! Haben Sie das Gefühl, dass ich durch steile wie emotionale Thesen versuche, Sie zum Aufgeregtsein zu provozieren? Dann sollten Sie mich nicht lesen! Oder haben Sie den Eindruck, dass ich mit Ihnen einen Argumentweg abgeschritten bin? Dann würde es mich sehr freuen, mit Ihnen auch morgen ein neues Stück unseres gemeinsamen Weges zu gehen!

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