Wer vom Framing redet, will nur den Fakten ausweichen

9. Juli 2018, von Dushan Wegner; Bild von JJ Ying
In letzter Zeit wird »Framing« verteufelt, als sei es ein Geheimtrick der »Bösen«. Unsinn! Schon Jesus hat geframet, JFK sowieso. »Asyltourismus« bringt eine reale Schieflage auf den Punkt. Das Problem geht nicht weg, wenn wir das Wort verbieten!
Wer vom Framing redet, will nur den Fakten ausweichen

In Berlin ist seit einigen Jahren ein altes politisches Wort aufs Neue modern. Ein englisches Wort. Es ist ein Wort, das über Sprache spricht – ein Meta-Wort also. Es ist: Framing.

»Frame« ist Englisch für Rahmen. »Framing« stellt einen Sachverhalt in einen nützlichen Zusammenhang. Framing deutet. Framing ist zum Beispiel Glas halb voll vs. Glas halb leer; das Glas samt seines Inhalts wird mal so und mal so gedeutet.

Das Konzept Framing stammt aus den 1970ern und wurde parallel in der Linguistik, der Psychologie, aber auch der Politikwissenschaft benutzt. Informatiker verwenden Framing innerhalb der Wissensdarstellung bei Künstlicher Intelligenz.

(Nebenbei: Künstliche »Intelligenz« ist ein etwas irreführender Begriff. »KI« möchte eher menschliche Intuition nachbilden, also das zielgerichtete Handeln bei unvollständiger Information. Ein Mensch erkennt Gesichter »intuitiv« und er weiß »intuitiv«, welche visuellen und akustischen Daten etwa im Straßenverkehr er verarbeiten muss und welche er »wegwerfen« darf – der Computer muss es erst mühsam erlernen.)

Wir benutzen nonstop »Rahmen« zur Deutung der Welt. Man kann nicht nicht framen. Wenn ein Mann zwei Finger hochhält, dann kann es in der Kneipe bedeuten, dass er damit zwei weitere Getränke bestellt. Es kann je nach Kontext und Stellung des Arms auch bedeuten, dass er sich für einen Gewinner hält, dass er sich Frieden wünscht – oder dass er sein Gegenüber wüst beleidigen will.

In den letzten Tagen wurde das Stichwort »Framing« neu in die öffentliche Debatte gehoben. In Begriffen wie »Asyltourismus« oder »Flüchtlingswelle« wird Framing gesehen.

Lassen Sie es mich gleich sagen: Ich halte die Framing-Debatte, so wie sie geführt wird, für populistisch und manipulativ. Ich will Ihnen die Argumente vorlegen.

So funktioniert es

Framing (in der Politik) bedeutet schlicht, dass man für einen Sachverhalt einen Begriff verwendet, welcher einen Aspekt betont, der einem besonders am Herzen oder auf der Leber liegt.

Es ist recht einfach, Framing zu knacken und dann zu widerlegen, wenn man die richtigen Fragen stellt!

Alle öffentlichen politischen (und ethischen!) Debatten drehen sich um drei Fragen:

  1. Welche Strukturen sind betroffen?
  2. Wie werden sie verändert?
  3. Welche davon empfinde ich als relevant?

Framing komprimiert die Antworten auf diese drei Fragen in einen einzigen Begriff.

Betrachten wir zwei Beispiele!

Herdprämie

»Herdprämie« ist ein Framingwort für eine Sozialleistung an Familien, die für die Erziehung ihrer zwei- und dreijährigen Kinder keine öffentlichen Angebote nutzen.

In der Denkwelt gewisser Kreise ist es schmachvoll für eine Frau, wenn sie das Essen für ihre Familie zubereitet, statt dem Kapital zur Verfügung zu stehen. Zudem betrachtet man es misstrauisch, wenn Eltern ihre Kinder selbst erziehen und ihnen die eigenen Werte vermitteln wollen. Der SPD-Politiker Olaf Scholz sprach explizit von der »Lufthoheit über den Kinderbetten« (siehe z.B. welt.de, 10.11.2002). Eltern werden zu Zeugern und Finanzierern degradiert, Partei und Staat sollen die Kinder das Denken lehren. Die Herdprämie motiviert Mütter in deren Weltbild zu falschem, entwürdigendem Daheimbleiben.

Sie haben es natürlich gemerkt: Auch ich habe im letzten Absatz »geframet«. Ein »Progressiver« hätte auch sagen können: Die Herdprämie übt Druck auf Mütter aus, ihre Selbstverwirklichung hintan zu stellen und kettet sie durch die sanfte Brutalität des Geldes buchstäblich an den Herd.

Eine genauere Zusammenfassung:

1. Betroffene Strukturen: Familienleben bzw. Berufswahl der Frau

2. Veränderung: Durch diese Sozialleistung wird – sagen die Kritiker, welche den Begriff »Herdprämie« benutzen – konkreter Druck auf Frauen ausgeübt, ihre Karrierepläne aufzugeben und daheim zu bleiben.

3. Relevanz: Die Kritiker (welche »Herdprämie« sagen), empfinden die berufliche Selbstverwirklichung als besonders relevant – die Befürworter, welche zum Beispiel »Betreuungsgeld« sagen, empfinden das Familienleben und die enge Bindung des Kleinkindes zu seiner Mutter als besonders relevant.

Asyltourismus

Ein von linken Meinungsmachern derzeit viel kritisierter Begriff ist »Asyltourismus« – z.B. spiegel.de, 7.7.2018. (Es gilt, natürlich: Dass sie den Begriff kritisieren, zeigt, dass er trifft.)

»Asyl« ist kurz für »Asylrecht«, also für ein rechtliches Konzept, der Verfolgten zusichert, aufgenommen zu werden. Wer Asyl im Sinne des Asylrechts erhält, der ist per Definition in Not und hat keine andere Wahl.

»Tourismus« impliziert, dass Menschen sich freiwillig auf eine Reise begeben, die eigentlich unnötig war.

Das Wort »Asyltourismus« ist in sich ein Widerspruch – und das Wort will auch ein Widerspruch sein.

Das Wort »Tourismus« will ausdrücken, dass Menschen sich auf die Reise begeben, um nicht nur Asyl vor Verfolgung zu finden, sondern es auch in einem Land zu tun, wo Sozialleistungen vorteilhafter sind als anderswo – sprich: Deutschland. In einem anderen Kontext verwendete die TAZ das Wort schon 2012 (sie sprach vom »staatlich erzwungenen Asyl-Tourismus«). Schäuble-Schwiegersohn Strobl sprach sich 2016 gegen »Asyltourismus« im heutigen Sinn aus (siehe swp.de, 11.11.2016). Es war allerdings die CSU im Vorwahlkampf zur bayerischen Landtagswahl 2018, die Asyltourismus zum De-Facto-Wahlkampfwort erhob.

Wieder, eine Zusammenfassung zum Framingwort »Asyltourismus«:

1. Betroffene Strukturen: Asylrecht und Deutschlands Sozialsystem

2. Veränderung: Durch die freie Wahl des Asyllandes wird das Asylrecht ausgehöhlt, da es nicht mehr direkt dem Schutz vor Verfolgung dient, sondern de facto eine »unbürokratische« Art der Immigration darstellt – dadurch wiederum werden das deutsche Sozialsystem und in mancher Wahrnehmung auch die deutsche innere Sicherheit gefährdet.

3. Relevanz: Das deutsche Asylrecht wird vom deutschen Steuerzahler finanziert. Er hat daraus »nur« einen moralischen Vorteil, zunächst keinen praktischen. Wenn das Asylrecht als extra-einfacher Immigrationsweg missbraucht wird, kommt sich der Bürger ausgenutzt vor. Zu dieser moralischen Nullrechnung kommt natürlich hinzu, dass die unkontrollierte Einwanderung die bekannten Risiken mit sich bringt.

Markus Söder stellt die illustrierende Frage: »Ein Großteil der Bürger fragt sich außerdem: Wieso soll jemand, der einen Asylantrag in Spanien gestellt hat, sein Verfahren in Deutschland betreiben?« (siehe welt.de, 8.7.2018)

Die Kritiker des Begriffes »Asyltourismus« wollen, dass man den bürokratischen und bislang unbekannten Begriff »sekundäre Migration« verwendet.

Eine Verteidigung des Framing

Framing ist nicht Lüge. Man sollte die beiden nicht verwechseln.

Das Wort »Flüchtlingswelle« ist Framing. »Welle« betont den Aspekt, dass plötzlich viel mehr Flüchtlinge kommen, und dass viele Bürger sich davon überfordert fühlen.

Das Wort »Flüchtling« allerdings – so wie es 2015-2018 verwendet wurde und teilweise noch immer wird – ist eine Lüge. Nein, nicht alle Migranten waren »Flüchtlinge« – und doch wurde es für alle Grenzgänger verwendet. Besonders spannend wurde es, wenn »Flüchtlinge« einmal Verbrechen begingen und plötzlich »Migranten« oder »Asylbewerber« genannt wurden – oder einfach nur »Männer«. Die genaueste Beschreibung wäre, wenn man es sachlich formulieren wollte »illegale Einwanderer« oder »Asylbewerber« – aber das würden genau diejenigen, die auf dem Bürokratenwort »sekundäre Migration« bestehen, nicht mögen.

Framing ist ein völlig natürlicher Teil der Debatte. Wer eine Botschaft hat, der wird sie immer in einem Rahmen unterbringen. »Liebe deinen Nächsten!«, sagte Jesus, als er den Menschen, der uns im Alltag begegnet, zum »Nächsten« umdeutete. Roosevelts »Wir haben nichts zu fürchten außer die Furcht selbst« ist eine Umdeutung, ein Reframing der Rolle von Furcht und unserer Beziehung zu ihr. »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst«, sagte Kennedy – eine Umdeutung, ein Reframing. Wir ermuntern sogar privat einander und uns selbst, indem wir schwierige Situationen umdeuten: »Jedes Ende ist auch ein Neubeginn!«, »Es ist kein Problem sondern eine Herausforderung!«, und: »Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es geschah!«

Alle politischen und ethischen Debatten handeln von relevanten Strukturen und ihrer Veränderung. Via Framing bringen wir auf den Punkt, welche Strukturen und welche Veränderungen wir als besonders relevant ansehen, als hoffnungsvoll oder als bedrohlich.

Framing ist nicht Lügen. Durch Lügen wie das Wort »Flüchtlinge« wurde das Vertrauen in Politik und Presse nachhaltig beschädigt.

Ich halte sehr viel von offener Debatte darüber, welche Werte einem wichtig sind, worauf man hofft und was man fürchtet. Deshalb haben Framing-Begriffe wie »Herdprämie«, »Flüchtlingswelle«, »Willkommenskultur« oder »Asyltourismus« ihre Berechtigung. Sie zeigen an, was einem wichtig ist oder was man fürchtet, und wenn das ausgesprochen ist, kann man darüber sprechen und nach einem gemeinsamen Weg suchen.

Die Framing-Debatte

Framing ist Teil der Debatte. Grüne und Linke sind Meister darin, doch konservative Kräfte holen allmählich auf. (Liberales Framing bleibt weiterhin holprig.)

Ich halte nichts, aber auch gar nichts von linken Versuchen, Framing zu dämonisieren. Es ist ein weiterer Versuch, Konservative zum Verstummen zu bringen. Linke »framen« ja selbst munter weiter – teilweise während sie übers Framing reden. Die Framing-Debatte ist selbst eine perfide Form von Framing.

Die Framing-Debatte ist populistisch: Kommunikation ist dann doch komplexer als ein paar Deutungsrahmen. Es gibt weitere Gründe, warum sich das Argument des Gegners durchsetzt – zuvorderst vielleicht, dass er einfach in der Sache Recht hat!

Die Framing-Debatte ist manipulativ: Wer über die Tatsache diskutiert, dass der Gegner einen Deutungsrahmen anwendet, der vermeidet die Debatte in der Sache.

Es ist kein Zufall, dass es stramm Linke sind, die derzeit mit Framing-Verschwörungstheorien durch die Medien ziehen. Wer dem Gegner »Framing« vorwirft, der immunisiert sich gegen dessen Argumente. Es gibt eine ganze Reihe von Schlagworten, mit denen man in den letzten Jahren die eigene argumentative Unterlegenheit vor sich selbst kaschieren will; zu »Hatespeech«, »Populismus« etc. kommt jetzt eben auch noch das wiederentdeckte »Framing« hinzu. (Geschäftsidee: Ein Kartendeck, aus dem man bei Argumentnot zufällig eine Karte zieht und dann dem Gegner ein »Gegenargument« wie »Du weißer CIS-Mann!« oder »Das ist Framing!« an den Kopf wirft – verkauft im Vorteilspack mit Homöopathie-Tropfen und Schutzamulett!)

Ich gestehe allen meinen Argumentgegnern ihre Framingbegriffe zu, solange sie keine Lügen sind. Ich frame selbst, wenn ich zum Beispiel »Merkelkrise« oder »Vogelhäcksler« sage. Framing bringt Problemlagen auf den Punkt. Wir sollten uns mehr Framing trauen! Was ist uns wichtig – und wie kann man es in einem Begriff auf den Punkt bringen?

Wenn jene Leute uns allerdings mit dem Framing-Vorwurf kommen, dann können wir uns zurücklehnen und erst einmal fragen: »Interessant! Welche Debatte möchtest du verhindern?«

Um es extra-frei nach Gandhi zu sagen: Erst lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, dann werfen sie dir Framing vor – und dann hast du gewonnen.

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