19.2.2020

Das Ende der Wahrheit, wie wir sie kannten

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Bild von Anne Nygård

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»Krebsgeschwür«, »giftiger Abschaum«, »Gesindel« – es wurde von CDU-Leuten gesagt. Linke aber verbreiten Fake-News über Höcke – und es ist absurd: Man »belegt«, einer sei Faschist, indem man behauptet, er habe sich ähnlich wie CDU-Leute geäußert.
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Es ist schon ein hartes Leben, das Wile E. Coyote führen muss. Immerzu hat er Hunger. Immerzu hat er Pech. Immerzu entwischt ihm dieser doofe Vogel »Road Runner«. Der Vogel kann gar nicht fliegen, und doch macht er den Kojoten immer und immer wieder mit Hilfe der vermaledeiten Schwerkraft fertig.

Das Konzept zu den animierten Cartoons »Road Runner und Wile E. Coyote« stammt aus den »guten alten Tagen« des gezeichneten Spaßes, und es ist ein Teil der Looney-Tunes-Serie. Wile E. Coyote und der Road Runner kamen um 1950 ins bunte Leben, und mittlerweile, sie laufen noch immer durch Amerikas Canyons und Wüsten, über Brücken und Felder, mittlerweile tun sie es sogar im polierten 3D-Look (feiner Zusammenschnitt auf YouTube), und noch immer wirken sie erfrischend gesetzlos, insbesondere im Hinblick auf die Gesetze der Physik, und hier besonders das der Schwerkraft.

Wenn Wile E. Coyote über eine Klippe läuft, geschieht es nicht selten, dass er eine gute Zeit einfach in der Luft weiter läuft, und erst wenn er erschrocken »merkt«, dass ihn keine Klippe mehr trägt, stürzt er nach einem großzügigen Schreckensmoment dramatisch ab. (Für Filmkenner: TV Tropes nennt dieses Stilmittel »Gravity Is a Harsh Mistress«.)

Ach, wäre es nicht aufregend, wenn wir auch im realen Leben einfach weiter laufen könnten? (Oder, wenn wir schon bei Wunsch-Physik sind: Wenn man wirklich via »double jump«, wie in Computerspielen, mitten im Sprung einfach »noch mal« springen könnte, sich von nichts als Luft und Willen neu abstoßend!)

Nun, am Ende gewinnt immer die Realität, und im Fall solcher Fälle ist die Realität eben die Schwerkraft!

Das klitzekleine Problem

Vor einigen Wochen war die »Berliner Zeitung« selbst in den Nachrichten, als sie von einem reichen Ehepaar gekauft wurde, dessen männlicher Teil einst »Inoffizieller Mitarbeiter« der Stasi war (welt.de, 15.11.2019).

(Randnotiz: Einige Bürger fragen sich, wie weit die Macht ehemaliger Stasi-Leute heute noch reicht. Manche denken dann etwa an die unheimliche Macht der ehemaligen Stasi-Zuarbeiterin Anetta Kahane – dazu siehe auch achgut.com, 16.7.2016: »Der Kampf gegen rechts lohnt sich: Die Amadeu-Antonio-Bank«.)

In jener Zeitung mit dem Ex-Stasi-Geschäftsführer stand nun diese Woche die Schlagzeile »Björn Höcke ruft zum Umsturz auf« (berliner-zeitung.de, 19.2.2020).

Schnell sprangen prominente Staatsfunker und Politiker auf diese Behauptung auf und teilten sie. Aktuell wurde der Link auf Facebook über 31 Tausend mal geteilt.

Als Beispiel die für ihre, äh, »Haltung« preisgekrönte ZDF-Prominente Dunja Hayali:

»Der Mann redet ernsthaft von Demokratie und Menschenwürde 🙄 und nennt dann Bürger, „verwirrte Geister, hemmungslos irre, völlig verrückt und geistig gestört“.
(@dunjahayali, 17.2.2020/ archiviert)

Jeder Erstsemester-Student, der so mies recherchieren würde wie mancher Journalist heutzutage, müsste das Seminar wiederholen (zumindest in den Fächern und bei den Professoren, die ich kenne – bei dem, was es ist, worin auch immer Politiker von von der Leyen über zu Guttenberg bis zur leider nicht adligen Giffey promovieren, scheint dies eventuell anders zu sein, siehe auch Wikipedia: »Liste deutscher Dissertationen mit Plagiaten«).

Das klitzekleine Problem an dem von Frau Hayali geteilten Artikel und der Kommentierung: Beides ist falsch – oder zumindest so nicht richtig.

Bereits die von der ZDF-Dame verteilte Schlagzeile verkauft eine maximal negative Interpretation als Fakt. Höcke ruft nicht zum Umsturz auf. Das Zitat, das die Dame vom ZDF verbreitet, lautet anders und im tatsächlichen Kontext wird eindeutig etwas Gesagtes als »völlig irre« bezeichnet. (jungefreiheit.de, 18.2.2020)

Was Frau Hayali und die vielen weiteren Multiplikatoren hier verbreiten, ist eine Unwahrheit, wie man leicht prüfen könnte (siehe YouTube mit Kontext ab ca. 18:12) – wir sind überrascht und geschockt, dass sie es offenbar nicht tat (nein, wir sind nicht wirklich geschockt, nur etwas sarkastisch).

»Ich kenne ihn nicht«

Im Text »Das ZDF und die Lügenlawine« (es fällt mir auf, wie häufig ZDF-Leute im Kontext von Unwahrheit auftauchen) erörterte ich das philosophische Dilemma, ob man lügen dürfe, wenn man dadurch einen Schaden abwendet.

Das klassische Dilemma lautet: Es ist schlecht, zu lügen. Es ist schlecht, dazu beizutragen, dass einem Menschen ein Leid zugefügt wird. Wenn du also einen daheim beherbergst, der zu Unrecht verfolgt wird, und der Verfolger klopft an und fragt, ob jener bei dir daheim sei: Lügst du oder lieferst du den Verfolgten aus? (Ein Advokat könnte es vielleicht mit »Ich kenne ihn nicht« versuchen, denn wer kennt einen anderen Menschen schon wirklich?)

Da ich jedem Menschen zugestehen will, dass sie/er versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, kann ich mir das Verhalten von denen, die leicht überprüfbare Unwahrheiten über Höcke oder andere Abweichler verbreiten, nur damit erklären, dass sie glauben sich in einer Verfolger-an-der-Tür-Situation zu befinden. (Andererseits müssen wir gerade für Profis feststellen, dass das Verbreiten negativer Meldungen über die Opposition, unabhängig vom Wahrheitsgehalt, gerade für Journalisten denkmöglich von beruflichem Vorteil sein könnte.)

Via Staatsfunk und Propaganda wird den Bürgern eingeredet, dass X das ultimative Böse sei. Aus dieser Moralpanik wird es gefühlt legitim, Unwahrheiten über den Bösen zu verbreiten, wenn diese ihm nur schaden. Journalisten und Politiker sehen sich gerechtfertigt, Lügen zu erfinden und zu verbreiten. (Und, parallel dazu: Antifa-Schläger sehen sich gerechtfertigt, den politischen Gegner zu bedrohen.)

Dies aber ist der deutsche Moralpanik-Zirkel: Die Lügen über den politischen Gegner, die sich eventuell moralisch gerechtfertigt anfühlen, tragen dazu bei, noch härtere Lügen zu rechtfertigen, welche wiederum das moralische Gefühl bekräftigen, dass im Kampf gegen den Bösen jedes Mittel gerechtfertigt sei.

Kein Ausschlussgrund – im Gegenteil!

Es ist kaum noch mehr als eine ironische Randnotiz, dass eben jene, die sich Unwahrheiten über die Opposition ausdenken, vergleichbare Dinge real praktizieren.

Ein prototypischer Dialog zwischen einem Linken und einem Abweichler:

– Linker: »Du Faschist, Nazi, Ratte, Gesindel, Krebsgeschwür, du trägst Mitschuld an Millionen Toten!«
– Abweichler: »Das ist irre, was du sagst – davon mal abgesehen, dass ihr selbst es wart, welche die Menschen gefoltert und erschossen haben – ich dagegen führe die Werte der CDU weiter, die Merkel noch 2002 selbst hochzuhalten behauptete und heute mit Füßen tritt, und deshalb will ich Merkel abwählen.« (Im Fall von Höcke mit einer Extra-Schippe Pathos, kein Zweifel.)
– Linker: »Du nennst Menschen ›irre‹! Du rufst zum Umsturz auf! Hau ab, du geisteskranker Nazi

Stellen wir uns einmal vor, Höcke hätte Merkel »eine kranke Frau« genannt, »zerfressen von Hass und Dummheit«, nur um nachzuschieben, Merkel und die CDU seien »giftiger Abschaum«. Hat er nicht. Es war ein CDU-Mann, der so etwas sagte, allerdings über seinen politischen Gegner, Herrn Gauland und die AfD (@wanderwitz, 11.11.2018/archiviert), und derart widerlicher undemokratischer und menschenfeindlicher Hass ist in der CDU kein Ausschlussgrund – im Gegenteil! Im Text »Warum Höcke gewinnt – Politik für Anfänger (und solche, die sich so benehmen)« haben wir notiert, dass er auf den Posten eines Mannes gehoben wurde, den die Kanzlerin zum Rücktritt zwang, nachdem er nach einer demokratischen Wahl gratuliert hatte.

Mit anderen Worten: Journalisten verbreiten, dass Höcke getan haben soll, was Medienleute sowie Politiker tatsächlich tun – und ihre eigenen Erfindungen dienen ihnen als Beleg für die absolute Bosheit des Beschuldigten. Es ist das Ende der Wahrheit, wie wir sie kannten. Gegen die Logik des »Kampfes gegen Rechts« waren die Hexenprozesse ein strahlendes Fest der intellektuellen Redlichkeit. (Gelegentlich erleben wir als »Verteidigung« einer solchen Lüge: »Es wäre denen doch zuzutrauen!« – Die Frage nach dem Grund dieser »Zutraubarkeit« und dann der Hinweis auf die Zirkularität führen meist zu den üblichen Reaktionen, sprich: Beschimpfungen und dem Versuch, den Hinweisgeber mundtot zu machen.)

Zigtausende mit ihr

Die ehrliche, vernünftige Debatte ist unser bester Versuch als Menschen gemeinsam zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, die ein Einzelner allein nicht gewonnen hätte. Die Demokratie ist unser bester Versuch, nach dem Prinzip der Debatte eine Staatsform zu bilden, die nicht von der Willkür und Einsicht einzelner Privilegierter abhängt, sondern die ein gemeinsames Klügerwerden und zugleich etwas Gerechtigkeit sichert.

Eine Debatte setzt gewisse Vereinbarungen voraus, um eine Debatte genannt werden zu können. Wenn Worte nichts mehr gelten (siehe auch »Freundlichkeit ist Faschismus – willkommen in der bizarren Gegenteilwelt«), wenn es denen, welche die Debatte gestalten, zumindest für den politischen Gegner egal zu sein scheint, ob Behauptungen wahr oder unwahr sind, wenn das Beharren auf Logik, Vernunft und der Bedeutung von Begriffen einen schnell in die Position des geächteten Außenseiters bringt, dann ist keine Debatte möglich. Indem Leute wie Frau Hayali (und Zigtausende mit ihr) nachprüfbare Unwahrheiten über den politischen Gegner verbreiten, beschädigen sie die öffentliche Debatte in ihrem Fundament – und damit die Demokratie selbst. (Es gilt auch weiterhin: »Hass, Heuchelei und ›Haltung‹ – der Staatsfunk muss weg!«)

Der Zustand der deutschen Demokratie erinnert an die Cartoon-Figur Wile E. Coyote, die über die Klippe lief, aber es noch nicht gemerkt hat. Andere sagen, es erinnere an den Mann, der aus dem zehnten Stock springt, ein Stockwerk nach dem anderen passiert, und beim zweiten Stock angekommen erklärt: »So weit, so gut!« – So oder so: Die Lage hat mit Schwerkraft zu tun, mit der Realität, die am Ende immer gewinnt. Gegen die Schwerkraft hilft wenig (außer vielleicht Sport und Gemüse), zumindest solange man auf der Erde verweilt, aber ein solides Fundament hilft immerhin dabei, sich mit der Schwerkraft zu arrangieren – und genau das sprengen Staatsfunk und Propaganda uns weg.

Randnotiz: Unter der Schlagzeile »Diese Krise trifft Deutschland an seiner empfindlichsten Stelle« schreibt welt.de, 19.2.2020 von der »Gravitationskraft der Rezession«. Es scheint, dass ich nicht der einzige Schreiber heute bin, der an Schwerkraft denkt. Beim Ausdruck »Krise« aber melde ich Zweifel an. »Krise« impliziert, dass es fast-wie-von-selbst besser werden wird. Wenn du dir ein Knie stößt, hast du eine »Krise«, bis das Knie wieder heilt. Wenn du es dir abschneidest, ist das Bein weg, das ist eher »Amputation« oder, allgemeiner formuliert, »Zerstörung«.

Das Geschrei, das wir vom Abgrund her hören – ist es der gezeichnete Koyote oder sind es unsere eigenen Stimmen, die unser heutiges Ich aus der Zukunft warnen?

Sind wir der gezeichnete Koyote?

Wie der Koyote im Cartoon hat Deutschland sich gefährlich weit über den Rand der Klippe hinaus gewagt. Der Schwung aus früheren Zeiten half uns, ganz wie in der realen Physik, erstaunlich weit zu gelangen, doch die täglichen Meldungen über mögliche und sichere Entlassungen (aktuell etwa bild.de, 19.2.2020: »10.000 Jobs in Gefahr«) wirken wie eine Parabel auf das, was sich nicht in Zahlen fassen lässt, wie etwas den Zustand der Debatte und damit der Demokratie.

Deutschland ist noch immer eine Wirtschaftsnation, auch wenn man sich fragt, für welchen Teilbegriff linke Politiker und Journalisten mehr Verachtung haben, für »Wirtschaft« oder für »Nation«. Eine Wirtschaftsnation und Wile E. Coyote unterscheiden sich in mindestens zwei Eigenschaften: Erstens erwacht die Comic-Figur immer wieder neu zum Leben; egal wie tief sie fällt, sie stirbt nicht, bleibt nicht einmal auf Dauer beschädigt. Zweitens aber unterscheidet die Cartoon-Figur von der Nation, dass der gezeichnete Kojote keinen eigenen Willen hat, er tut immer nur das, was der Zeichner und die Autoren bestimmen, er ist ja von diesen ausgedacht. Eine Nation dagegen kann einen eigenen Willen haben. Eine Nation kann es sich, kurz nach dem Sprung – aber nicht zu lange danach! – doch noch überlegen, umzudrehen und die Klippe wieder hoch zu klettern.

Die Unruhe, die wir im Land spüren, ist die Nervosität ob der Ahnung, dass wir über die Klippe hinaus sind und bereits in der Luft laufen.

Wir spüren aber auch Kampfgeist und Entschlossenheit. Mutige Bürger sammeln ihren Mut und widersprechen linken Lügen. Mutige Bürger nehmen Hass und Schmähung auf sich, die es einem einbringt, linken Lügen zu widersprechen. Mutige Bürger nehmen in Kauf, den sozialen und wirtschaftlichen Preis zu zahlen, den derjenige zahlt, der sich der linken Selbstzerstörung in den Weg stellt.

Sind wir der gezeichnete Koyote, der ohne eigenen Willen in den Abgrund läuft? Wenn es nach dem Willen der »Nie wieder Deutschland!«-Fraktion ginge, wären wir das. Wenn wir den Staatsfunk weiter gewähren lassen, werden wir das sein.

Es gibt ihn ja, den Willen und Mut im Land, auch jetzt, noch in der Luft, im einsetzenden Fall, umzudrehen und wieder an der Klippe hochzuklettern.

Uns bleibt zu hoffen, dass der Wille laut und stark genug ist, gegen Selbsthass und Staatsfunk zu bestehen. Nein, nicht »zu hoffen«, jedenfalls nicht »nur«.

Uns bleibt der Auftrag, alles zu geben, damit der Kojote sich besinnt, damit er sich doch noch an der Klippe festhält und wieder hinauf klettert.

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