Emanzipiert euch!

25. August 2018, von Dushan Wegner; Bild von Brooke Lark
Angst und Unsicherheit übernehmen nach und nach den Alltag der Bürger. Deutschland braucht eine neue Emanzipation, einen Weg zurück, heraus aus der Angst. Wann, wenn nicht jetzt?! Emanzipiert euch!!
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Ich empfehle jedem öffentlichen Redner, zumindest eine Zeit lang Gesangsunterricht zu nehmen. Ernsthaft! Öffentliches Reden hat, wenn es gut sein soll, auch mit der Kontrolle seines Atems zu tun, und die lernt man im Gesangsunterricht. Es gibt einen Grund, warum so viele Schauspieler so gut singen können! (Link: YouTube-Video mit 70 singenden Schauspielern)

Auch ich habe Gesangsunterricht genommen. Und dann war da noch etwas: Treue Leser wissen, dass ich einige Jahre lang Theologie studierte und im christlichen Gemeindeleben eingebunden war. Ich habe manchmal in Gottesdiensten gesungen. Manchmal bekannte Lieder, manchmal selbstgeschriebene. Ich weiß nicht, wo die Noten sind. Tempi passati. Was bleibt, sind die Erinnerungen, und eine davon möchte ich Ihnen erzählen, wenn Sie mögen.

Einmal kam ein damaliger Studienkollege auf mich zu, und er hatte eine Idee. Während ich ein paar Akkorde auf dem Klavier spielen und Songs aus »Das Ding« begleiten kann, war dieser Kollege ein Universalgenie auf jedem Instrument, das er in die Hand nahm – beziehungsweise, wie im Fall der Orgel, auch unter die Füße. Dieser Kollege fungierte (auch) als Organist in einer recht konservativ fühlenden Gemeinde. Wir hatten in der Vergangenheit gejammed. Er hatte Lust, diese Gemeinde ein wenig zu beleben, und er schlug vor, dass wir beim nächsten Gottesdienst den Spiritual »Go down, Moses« vortragen. Er am Klavier, ich singend am Mikrofon.

Ich stimmte natürlich zu! Wir stimmten uns ab, beim Proben stimmten wir uns ein, und dann, im Gottesdienst, stimmten wir »Go Down, Moses« an. Er spielte Klavier. Er spielte laut und er betonte den Viervierteltakt und er brachte jazzige Variationen hinein, wilde Harmonien, die das Großer-Gott-wir-loben-Dich-gewohnte-Ohr in Aufruhr versetzten – und ich gab meinen besten Bariton.

Als wir nun den Song vortrugen, sah man unten in der Gemeinde ganz schön viele versteinerte Gesichter, doch einige lächelten auch. Es gab aber auch die Empore, und dort saßen die Jugendlichen der Gemeinde (ja, es gab sie), und sie waren angetan, und als wir fertig waren, passierte der eigentliche Skandal: Die Jugendlichen auf der Empore applaudierten! Mitten im Gottesdienst! Wie konservativ war die Gemeinde? Es war das erste Mal gewesen, in ihrer gesamten Geschichte, dass innerhalb des regulären Gottesdienstes applaudiert worden war – so konservativ war die Gemeinde!

Go Down, Moses

Kunst hat immer mehr als eine Bedeutung, sonst ist sie Kitsch. Go Down, Moses ist gewiss kein Kitsch. Das Lied berichtet von der Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Knechtschaft (2. Mose 8 bis 13).

Der Refrain spricht Moses an, den Anführer der Israeliten. Es spricht ihm Mut zu:

Go down, Moses
Way down in Egypt’s land
Tell old Pharaoh
Let my people go

Wir singen und hören das Lied heute, doch wir hören es als Lied der schwarzen Sklaven Amerikas. Es gibt auch heute noch Sklaverei, doch wer den Begriff »Sklave« hört, der denkt zuerst an die Sklaven, die auf nordamerikanischen Tabak- und Baumwollplantagen ihre Lebenszeit abschufteten. Wir denken an Filme wie 12 Years a Slave oder meinetwegen Django Unchained. (Unser Bild der Welt ist von Hollywood geprägt, auch unser Bild der Sklaverei. Darüber, wer heute noch Sklaven hält, spricht man weniger gern.)

Wir singen »Go Down, Moses« und wir denken uns in die schwarzen Sklaven hinein, die gegen ihre Sklavenhalter aufbegehrten, gegen den Ku Klux Klan und die Democrats, die Partei der Sklaverei (und bis heute die Partei der geistigen Unfreiheit).

Wir singen »Go Down, Moses« aus einem weiteren Grund. Wir singen es, weil auch wir uns danach sehnen, unseren eigenen Zwängen zu entkommen.

Wie so oft heutzutage

Ich spreche und schreibe jeden Tag mit Bürgern. In den letzten Jahren werden die Klagen über zwei Unfreiheiten täglich lauter, täglich verzweifelter.

Wer sich nicht bewegt, sagt man, der spürt seine Fesseln nicht. Die linksgrünen Eliten und ihre Kanzlerin haben den Bürgern zwei Arten von Einschränkung, zwei Arten von Fesseln angelegt, und diese Fesseln werden täglich fester gezogen.

Beide Arten von Fesseln haben mit Angst zu tun. Die Angst, seinem Leben wie es vor Merkel war, nachzugehen. Und: Die Angst davor, über seine Angst zu reden.

Eine Leserin schreibt über das Erlebnis ihrer Tochter, und mit ihrer Erlaubnis zitiere ich Passagen daraus:

Meine Tochter, 26, hübsch, schlank, war im Open Air Kino. Angesichts der derzeit herrschenden Temperaturen trug sie Shorts. Eigentlich war ausgemacht, dass ihre Freundin sie mit dem Auto nach Hause fahren sollte, aber der Film hatte länger gedauert als gedacht, deren Babysitter harrte auf Ablösung. Und was ist schon dabei, in einer Kleinstadt mit <25.000 EW abends um 22:12 zwei Stationen mit der Straßenbahn zu fahren?

Die Leserin berichtet weiter. Die Tochter stieg in die Straßenbahn ein, und in der Bahn waren, bis auf einen Türken, ausschließlich »junge Männer«.

Für die Dinge, die dann passierten, gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten. Die Gutmensch-Interpretation kinderloser Eliten, die sicher in Limousinen und SUVs zu Redaktionskonferenzen oder Solar-Investoren-Meetings fahren – und die realistische Interpretation, von Bürgern, die den Folgen linksgrünen Wahns und Deutschlandhasses ohne Bodyguards und Knautschzone ausgeliefert sind.

Die Leserin berichtet, dass ihre Tochter sofort von einem »jungen Mann« angesprochen wurde: »Hello, Lady!«

Sie hatte nur zwei Haltestellen zu fahren. Sie steckte sich die Kopfhörer in die Ohren, und schaute demonstrativ aus dem Fenster. Dann »Du bist allein« und »Du hast schönes Tattoo«.

Wie soll sich eine 26-Jährige in dieser Situation verhalten? Wie fühlt sie sich? Was soll man tun, wenn man weiß, was in der deutschen Realität jenseits der Tagesschau-Traumwelt wirklich passiert?

Wie so oft heutzutage gibt es auch hier zwei Antworten: die gutmenschliche und die realistische.

Gutmenschen halten bekanntlich mehrere Sets an Moral-Regeln parat. Für sich pflegen sie das eine Set, für Weiße und weiße Männer das zweite – und für junge Männer aus vormodernen Kulturen das dritte. Wenn in der gutmenschlichen Künstlersiedlung die Flüchtlinge einziehen sollen, dann findet man gute Gründe, warum es einen nicht betreffen soll (siehe auch: »Aus Gutmenschen, die es selbst betrifft, werden schnell Bösmenschen«). Für weiße Männer, welche die europäische Kultur wesentlich geformt haben, gilt ein weiteres, besonders hartes Set, innerhalb dessen sie nichts richtig tun können (siehe auch: »Wir könnten so viel klüger sein!«). Und dann gibt es das dritte Set, für junge Männer aus vormodernen Kulturkreisen, an denen Gutmenschen ihren Edler-Wilder-Rassismus ausleben können – bis hin zur impliziten Aufforderung, sein Leben zu opfern im Dienst für fremde Kulturkreise (siehe auch: »Gutmenschen riskieren das Leben anderer Leute«).

Multikulturelle Kompetenz (für Realisten) bedeutet heute auch, zu wissen, dass selbst ein Lächeln gefährlich missverstanden werden kann (siehe auch So viel zu Merkels »freundlichem Gesicht). Was für den einen ein Zeichen selbstverständlicher Freundlichkeit ist, kann der andere als Unterwerfung und Zeichen von Verfügbarkeit deuten – und der Versuch, das zu korrigieren, gilt dann als demütigende, ehrverletzende Zurückweisung (siehe auch »Seid’s ihr völlig deppert?!«) – im Austausch mit der ein oder anderen Kultur ist es eine ungünstige Idee, eine Verletzung des männlichen Ehrgefühls zu riskieren.

Wechselt den Waggon

Die Tochter, berichtet die Leserin, wechselte den Waggon. Mit Bauchweh kam sie nach Hause. Ein Gutmensch könnte ihr Bauchweh als »rassistisch« einordnen. Es war doch nichts »passiert«! Eine Anmache, etwas Angstmache, gefühlte Hilflosigkeit, stell dich nicht so an! Aufdringlichkeit ist nur von weißen Männern ein Problem, und da kann bereits das Aufhalten der Tür als Sexismus, ein Blick oder das Erklären von Sachverhalten als Sexismus oder Schlimmeres gedeutet werden – in allen anderen Fällen ist das Reden darüber die eigentliche Gefahr. In der Tagesschau-Netzfeminismus-Welt ergibt es Sinn, in der Realität nicht.

Nächstes Mal wird sie sich züchtiger bekleiden. Sie wird versuchen, möglichst einen Mann dabei zu haben, einen Begleiter, wie es in den Gegenden, aus denen jene jungen Männer kommen, nicht selten Pflicht und Usus ist. Sie wird versuchen, nicht mehr allein mit der Bahn zu fahren, oder gar nicht mehr mit der Bahn, besser mit einem Auto.

Ob Elektro-Autos, Öko-Tofu-Burger oder Mobilität ohne Anmache – Multikulti muss man sich leisten können. Der Wahn der Gutmenschen legt die Gesellschaft in Fesseln, die täglich tiefer schneiden. Es beginnt mit den Kindern in den Schulen, den Frauen in Parks und Straßenbahnen, und es betrifft nach und nach alle, deren Leben in der realen Realität außerhalb linksgrüner Refugien stattfindet.

Ordnungsregel und Verstoß

Wir waren als Gesellschaft schon weiter! Wir hatten Emanzipation, Gleichberechtigung und sexuelle Revolution. Wir hatten den guten alten Knigge und wir hatten, ja, die Ritterlichkeit!

Emanzipation stammt vom Lateinische emancipatio. Dem Ursprung nach trennt sich das Wort »e-man-cipatio« auf, von den latenischen Bestanteilen e (aus), manus (Hand) und capere (nehmen).

Sich (oder jemand anderen) zu emanzipieren bedeutet wörtlich, ihn aus jemandes Hand zu nehmen. Schon im antiken Rom stand Emanzipation für die Freilassung von Sklaven, aber auch für die Entlassung des Sohnes aus dem Machtanspruch des Vaters.

Emanzipation seit der Neuzeit für die Befreiung von Gruppen aus Fremdbestimmung und Unmündigkeit. Die Jüdische Emanzipation etwa steht für den Weg der europäischen Juden aus ihrer Rolle als diskriminierte Minderheit heraus, um gleichberechtigter Teil der Mehrheitsgesellschaft zu werden. Mit der Emanzipationsproklamation erklärte die Lincoln-Regierung die Abschaffung der Sklaverei. Die Forderungen nach Frauenwahlrecht waren Emanzipations-Bewegungen, die in direkter Linie zur bis heute geltenden Forderung nach Gleichberechtigung von Frau und Mann (Art. 3 GG) gelten.

Die zwei Fesseln

Es ist höchste Zeit für eine neue Emanzipation!

Deutschland bekommt zwei Arten von Fesseln angelegt. In einer Gegend nach der anderen wird es gefährlich, am Abend allein nach draußen zu gehen, zum Joggen, zum Einkaufen oder schlicht zum Bahnfahren. Angst ist eine Fessel. Wer sich nicht bewegt – oder sich nur im Gutmenschen-Luxusauto herumbewegt – der spürt seine Fesseln nicht, doch wer leben will, wie er früher frei lebte, der merkt schnell, dass die Fesseln täglich enger werden.

Die andere Fessel ist diese permanente Angst, auszusprechen, was man tatsächlich erlebt und tatsächlich denkt. Ich höre und lese jeden einzelnen Tag die Sorgen und Berichte von Leserinnen und Lesern. Jedes Leben ist verschieden, doch die Sorgen haben Muster: »Herr Muster, ich habe X erlebt, und ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kindern, doch ich traue mich nicht, öffentlich darüber zu sprechen, denn dann würde ich als Rechter dastehen.« (Tipp für Linksgrüne: Wenn ihr den Menschen solche Angst macht, über ihre Sorgen zu reden, müsst ihr auch das Wahlgeheimnis aufheben und die Auszählungen besser »organisieren«, sonst nutzen die Besorgten am Ende gar den Wahlzettel als Sorgenventil!)

Es braucht eine neue Emanzipation, ein neues Herausgehen aus der linksgrün verschuldeten Unmündigkeit.

»No more shall they in bondage toil«, heißt es im letzten Vers von Go Down, Moses – sie, das Volk, sollen nicht mehr in Knechtschaft schuften.

Angst kann den Menschen knechten, und sie knechtet Deutschland schon jetzt. Wer Merkel wählt, wer linksgrünen Wahn gewähren lässt, der wählt die Knechtschaft, die Unfreiheit, die Angst und die kontinuierliche Einschränkung des Lebensalltags.

Wir brauchen eine neue Emanzipation. Es ist an der Zeit, dem Nachbarn, dem Kollegen und dem Freund zuzurufen: Befreie Dich! Zuerst mache dich frei von der Angst, zu sagen, was ist. Und dann wähle Politiker in deine Regierung, denen du zutraust, die Ursachen deiner Angst rechtsstaatlich und wirksam anzugehen (ob sie singen können oder nicht).

Ich verstehe, dass Menschen gewisse Angst empfinden, auszusprechen, was ihnen wirklich auf der Seele brennt, wenn das, was ihnen Sorge bereitet, den vom Staatsfunk propagierten »erlaubten« Gefühlen widerspricht. Doch, wie mein Gesangs-Auftritt im konservativen Gottesdienst damals bewies: Man ahnt nicht, wo und wieviel Zustimmung man ernten kann, wenn man erst einmal etwas Mut aufbringt!

Es liegt an euch

Nachdem die Israeliten es geschafft hatten, sich aus der Knechtschaft Ägyptens zu befreien, kamen sie keineswegs direkt ins Gelobte Land! Bevor sie einziehen durften ins Land, wo Wein und Hummus fließen, mussten die Israeliten zunächst vierzig Jahre lang durch die Wüste ziehen.

Nach Merkel und nach dem linksgrünen Wahn wird es eine neue Wanderung zurück brauchen, eine deutsche wie europäische Kraftanstrengung, um die Schäden zu beseitigen. Werden vierzig Jahre für diesen Weg genügen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Reise wird staubig und hart; nicht alle werden ankommen.

Alles Ding hat seine Zeit, und jetzt ist die Zeit für eine neue Emanzipation: Emanzipieren wir uns aus der Knechtschaft, weg von der Herrschaft der Angst! Es ist nicht gut, wie es ist, und es muss nicht immer so sein. Es liegt an euch: Emanzipiert euch!

Guter Text?

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