21.5.2019

»Vieles an euren Guten macht mir Ekel«

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Stijn te Strake
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Ich höre die Verlautbarungen grüner Teletubbies, und ich finde es eklig. Und doch: Die Dummheit wird nicht weniger, wenn wir uns angeekelt zurückziehen! Deshalb: Geht wählen!!
»Vieles an euren Guten macht mir Ekel«
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Ich habe Betonsäcke geschleppt beim Häuserbau, und andere Häuser habe ich mit dem Presslufthammer abzureißen geholfen. Ich kann mich an den Geruch zu fegender Tiefgaragen erinnern und an den Geruch des Lötkolbens in der Fabrik, einen Sommer lang. Ein bestimmter Geruch aber sticht bis heute bevor, einer ist anders als die anderen Gerüche meiner Arbeiten, ganz anders.

Ich war etwa neunzehn Jahre alt, als ich den Job bekam, in einer industriellen Großküche nach Schichtende den Fleischwolf mit dem Hochdruckreiniger sauberzumachen. Ich will Ihnen die Details ersparen, und er wäre auch in Worten schwer zu erfassen, dieser Gestank aus den Resten des Fleisches, die viele Stunden zuvor durch die Maschinen gepresst worden waren.

Füllwörter und Verzögerungslaute

Es ist nun etwa ein halbes Jahrzehnt her, und doch erinnern wir uns an die Video-Aufnahmen der »grünen Teletubbies« (Zitat »Extra 3«) aus dem EU-Parlament. Die grünen EU-Rundumversorgten »Terry, Jan und Ska« präsentieren ihre Eindrücke aus dem Brüsseler Schlaraffenland, ihre Präsentation bleibt auf dem intellektuellen Level von Kleinkindern (sogar der Staatsfunk veralberte sie, siehe YouTube, via ›extra 3‹).

Viele Bürger fanden das »lustig« oder gar »liebenswert«, und das mag legitim sein, denn Humor ist ja eine Verarbeitung des Schmerzes ob der Lücke zwischen Begriffsanspruch und Realität; doch, wenn der Schmerz zu groß ist, etwa bei Krebs oder Krieg, dann fällt einem das Lachen schwer, und so kann auch ich hier nicht lachen: Im Angesicht der perfid-populistischen Appelle der Grünen an die Dummheit empfinde ich nicht so sehr Belustigung, und gewiss nicht an erster Stelle, sondern zuerst gewissen Ekel gegenüber dem Auftritt und seiner Dreistheit.

Am 19. Mai 2019 trat dieselbe Grüne in der ARD-Talkshow »Anne Will« auf, und sie setzte an (im Online-Video bei daserste.ndr.de, etwa ab Minute 43) zu einem Monolog unzusammenhängender Stichworte aus der linksgrünen Krabbelkiste (»der rechte Nationalismus«, »deswegen ist es wichtig, dass wir am Sonntag alle gemeinsam entscheiden, wie die Zukunft Europas aussieht«), lose verklebt mit Füllwörtern (»ja schon«) und Verzögerungslauten (»äh«).

Am Anfang der Sendung hatte der AfD-Vertreter noch der Moderatorin vorgerechnet, wie sehr auch sie selbst ihre Gästeauswahl zugunsten der Grünen gewichtet hatte, und vielleicht war es eine späte Folge dieses Vorwurfs, dass Anne Will selbst den inkohärenten Monolog des grünen »Teletubbies« quittierte mit:

Frau Keller, ganz ehrlich, wenn ich es zusammenfasse, was Sie sagen, dann habe ich das Gefühl, Sie wissen nicht, was Sie tun. (Anne Will zur Grünen EU-Kandidatin, am 19.5.2019, daserste.ndr.de, etwa bei 45:50)

Als die Grüne sich verteidigte, sie wisse sehr wohl, was sie wolle (»dass wir Dinge lösen«), musste auch ich lachen.

Der Ball lag auf dem Elfmeter-Punkt, und die Anhänger der AfD waren angetan, wenn ich deren Reaktionen richtig deute, als ihr Kandidat kurz darauf auch »verwandelte«:

(Es) ist immer das richtige Mittel, Frau Keller lange reden zu lassen, weil das ist gut für uns. (Jörg Meuthen, AfD, bei Anne Will, 19.5.2019, daserste.ndr.de, etwa bei 46:20)

Ja, es kann belustigend sein, Grüne reden zu lassen – aber immer nur so lange, bis sie tatsächlich an die Macht kommen.

Kopfrechnen und Grübelei

Wir erleben heute einen »asymmetrischen Ekel«. Wer lange genug Staatsfunk schaut, wo schon mal Andersdenkende mit »Ratten« verglichen werden, empfindet bald echten, körperlichen Ekel gegenüber Oppositionellen und Abweichlern. (Die sozialen Medien sind voll mit entsprechenden Bekundungen der Propagandaopfer, ich erspare mir, der Ästhetik halber, die Verlinkung – der Ekel hat sogar sein eigenes Emoji: »🤮«) – Martin Luther sagte einst: »Die Welt hat nicht einen solchen Ekel an mir, als mein Ekel an dieser Welt ist», und so mag heute mancher einstimmen, dem die sogenannten »Guten« mit Ekel begegnen, doch unser Ekel richtet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen Dummheit, gegen Verantwortungslosigkeit und Zukunftsblindheit.

Mein Ekel ist ein Ekel im Angesicht von selbstgewählter Dummheit, von aggressivem Nichtdenken, von geistiger Gleichschaltung. Die eklige Dummheit ist keine Frage körperlicher Beeinträchtigung; Dummheit ist eine im Geiste beginnende Handlung, so wie Kopfrechnen und sinnlose Grübelei. Dummheit ist der in die Tat umgesetzte Entschluss, die Konsequenzen der eigenen Handlung nicht zu bedenken – ist das denn nicht eklig?

Lautstärke und Lauterkeit

Ja, ich empfinde Ekel, doch das Ziel meines Ekels sind niemals Menschen – Menschen sind höchstens Quelle und Empfänger meines Genervtseins.

Ich empfinde Ekel vor Denkfaulheit. Ich empfinde Ekel vor Verantwortungslosigkeit. Ich empfinde Ekel, wenn Lautstärke und nicht Lauterkeit übers angeblich bessere Argument entscheidet – entscheiden soll, ja, und Ekel, wenn Wort und Tat gar nicht mehr zueinander finden wollen, und extra viel Ekel, ganz großen Ekel, wenn Worte zum Geräusch statt zum Träger von Wahrheit verkommen.

Ihr Wahnsinn hieße Wahrheit

Die Liebe, der Sonnenuntergang überm Meer und der Ekel haben gemeinsam, dass auch tausend Worte sie nicht angemessen beschreiben könnten; du kannst die Liebe nur dem erklären, der sie ohnehin kennt – den Sonnenuntergang und den Ekel genauso.

»Vieles an euren Guten macht mir Ekel«, schreibt Nietzsche im Zarathustra, »und wahrlich nicht ihr Böses.«

Es gibt wenige wahrere Sätze heute – vieles an den Guten macht mir Ekel, und gewiss nicht ihre bösen Seiten, ihre Schwächen also, die sie selbst zugeben würden, nein, das Böse der Guten wäre noch ihr Bestes, es ist das Gute, das sie vor sich hertragen, diese Monstranz der Ungläubigen, welche so stinkt, dass es einen ekelt.

»Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hieße Wahrheit oder Treue oder Gerechtigkeit«, so Nietzsche später – und wie wahr auch dies! – und dann: »aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in einem erbärmlichen Behagen.« – Dieses eklige, erbärmliche Behagen an sich selbst – es riecht … nicht gut.

Dröhnend tickend herunterzählen

Damals, als ich den Fleischwolf zu reinigen hatte, würgte es mich in jedem Moment, ein körperlicher Ekel – doch langweilig war es nicht.

Heute, wenn ich manches inkohärente Gewäsch höre, gesellt sich zum Ekel noch Langeweile dazu. Mich ergreift, wenn ich diese immergleichen linken Stanzen höre, zusätzlich zum Ekel eine tiefe, brennende Langeweile.

Wenn ich heute die Propagandisten und Gehirngewaschenen höre, meine ich eine große Uhr über uns allen schweben zu sehen, deren Zeiger dröhnend tickend herunterzählen, wie unser aller Lebenszeit verrinnt.

Es stehen Wahlen in Deutschland an, im Durchgriffbereich der EU ebenso, nicht nur die demnächst ins EU-Parlament. Es stehen wichtige Wahlen und Entscheidungen an – und mancher will sich angeekelt zurückzuziehen, daheimbleiben, nicht mehr »legitimieren«, was sein Gewissen nicht tragen kann.

Ich kann verstehen, wenn und warum Bürger gewissen Ekel empfinden und sich abwenden, und ich würde nicht einmal bestreiten, dass im »Lied der Innenhöfe« neben der Hoffnung auf Glück auch ein oder zwei Obertöne des Ekels mitschwingen – und doch gilt es, gerade heute, seinen Ekel zu überwinden, so man denn auch nur die Hoffnung auf Nicht-weiter-Verschlimmerung noch nicht aufgeben will.

Damals, als ich den Fleischwolf zu reinigen hatte, da überwand ich meinen Ekel und tat meinen Job – irgendwann wurde ich fertig – und am nächsten Tag dann nochmal, und irgendwann war der Job rum und ich erhielt das Geld.

Die Dummheit wird nicht weniger werden, sondern mehr, wenn wir uns angeekelt zurückziehen.

Es kann klebrig und eklig und schmerzhaft langweilig sein, zum hundertsten Mal und tausendsten Mal die gleichen Nichtargumente zu hören.

Ich kann verstehen, wenn einer sich angeekelt zurückzieht, der gar nicht erst zur Wahl geht, der nicht im Traum daran denkt, sich in der Politik zu engagieren – das Leben ist, anders als die Dummheit, endlich.

Jedoch, der angewiderte Rückzug, so verständlich und menschlich er sein mag, er wird wenig besser machen.

Ich verstehe den Ekel, doch ich bewundere den, der dennoch handelt. Wenn die Dummheit stinkt wie verrottendes Fleisch, dann braucht es eben Argumente, stark wie ein Hochdruckreiniger.

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