Einfach nur leben wollen

13. Januar 2018, von Dushan Wegner; Bild von Nicole King
Es gibt keinen „AfD-ismus“ und keinen „Trumpismus“. Ihre Wähler sagen, dass sie „einfach nur leben“ möchten – gerade deshalb wird die dritte Merkel-SPD-Regierung wie Doping für die AfD sein.
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Ein Monster lebt rechts hinten unterm Bett mancher Meinungsmacher. Das Biest hat viele Namen. Man nennt es „die Unzufriedenen“ oder „die Zukurzgekommenen“. Eine Dame, die schon mal im Visier des FBI steht, nannte das Monster „the deplorables“. Manche nennen das Monster einfach „Trumpismus“.

Nur in deren Kopf

Von Zeit zu Zeit ist es notwendig, einige Holzpflöcke ins Herz der Beklopptheit zu treiben. Es gibt keinen Nikolaus, die Rente ist keineswegs sicher und es gibt seit jeher nur zwei Geschlechter.

Außerdem: Es gibt keinen „Trumpismus“. – Und, in kleinerer, deutscherer Parallele dazu: Es gibt keinen „AfD-ismus“, zumindest nicht in dem Sinne, in dem es etwa die Erbauer des Adyton oder den Liberalismus gibt.

Man „glaubt“ nicht an Trump und man „glaubt“ nicht an die AfD.

Ich bin katholisch, also wähle ich CSU

Ein Leser erzählte mir frustriert von seiner Nachbarin, einer älteren Dame, die sagte: „Ich bin katholisch, also wähle ich CSU.“ – Die Dame befindet sich wenige Jahre vor ihrem Hundertsten. In ihrem Alter will man es sich weder mit dem Herrgott noch mit Gottes Stellvertreter im Parlament verderben. Ihre Haltung ist eine Art von „CSU-ismus“, der erfolgreich an ihren Katholizismus angedockt hat, ja, weitgehend mit ihm verschmolzen ist. Es gibt keinen „Trumpismus“ oder „AfD-ismus“.

Wenn es ein „Trump-Lebensgefühl“ gäbe, was sollte das sein? Dass man ein Leben zwischen vergoldeten Gipsstatuen bevorzugt? Dass man seine Pizza mit Plastikgabel und Plastikmesser isst?

Was sollte denn das „AfD-Lebensgefühl“ sein, das „Gefühl“ einer Partei sein, deren Wählerpotential ganz wesentlich aus desillusionierten CDU-Wählern und ehemaligen „Nichtwählern“ besteht? Sicher, es gibt innerhalb der AfD einige, die spüren noch immer Aufbruchsgefühl, aber das hat jede Gruppe, die etwas Neues beginnt. Eine andere Gruppe trägt ein eher „rustikales“ Lebensgefühl in die Partei hinein – gegen das sich wiederum etwa die ehemaligen CDU-Mitglieder und Wähler verwahren. (Anders als manche „Influencer“ behaupten, ist diese „Rustikalität“ nicht Ausdruck der gesamten Partei und aller ihrer Wähler.)

Einfach nur leben wollen

Es gibt einen bösen Satz, den Parteien derzeit fürchten wie Linke die Meinungsfreiheit: „Ich habe jahrzehntelang X gewählt, aber diesmal wählte ich die AfD.“

Ich habe diesen Satz einige Male gehört, und für X war wahlweise CDU, SPD, aber auch Die Grünen eingesetzt.

Ich kenne „Ökos“, die 120% aller Klischees erfüllen, in Funktionsjacken zum Bio-Markt radeln und dort mit Jute-Beuteln ihre krummen Möhren holen. Beispiel-Zitat: „Vom Höcke muss ich kotzen, aber ich sehe doch, was bei uns in der Schule passiert.“ (Ja, beide sind Lehrer. Seine Haare sind länger als ihre, aber beide grau. Wie gesagt: Es gibt sie noch, die 120%-Ökos.)

Ich kenne „knallharte Unternehmer“, die für Arbeitsplätze die Verantwortung tragen und Produkte in die Welt exportieren. Sie hätten sich mit obigen Öko-Herrschaften nichts zu sagen – doch bei der letzten Wahl haben sie dieselbe Partei gewählt, und auch mit Geld unterstützt.

Sie haben wenig gemeinsames Lebensgefühl, kaum kulturelle Schnittmenge. Sie wählen „pragmatisch“, sagen sie. Sie wollen einfach nur leben.

Wähler, die „einfach nur leben wollen“ brauchten eine Alternative zum Suizidalismus von Merkel, SPD und Grünen. Einige sehen – spätestens seit dem Jamaika-Ausstieg – auch die FDP in der Rolle einer Alternative zum Ritt in den Abgrund mit der FDJ-Kultursekretärin.

Es gibt keinen Trumpismus. Millionen wählten Trump, weil Trump über die Strukturen sprach, die ihnen relevant waren – das war alles, aber genug. (Siehe auch mein Text „Des Wählers Sündenfall“ zum ersten Jahrestag der Trump-Wahl.)

Es gibt keinen AfD-ismus. was sollte es auch sein? Ein Kult um grüne Krawatten mit goldenen Jagdhunden? Nein.

Unterschreiben gar die Millionen von AfD-Wählern die wirr-bis-widerlichen Aussagen eines Gedeon, eines Höcke? I am not convinced. Etwa von der CDU kommende Wähler entschieden sich für die AfD nicht wegen Höcke, nicht trotz Höcke, sondern Höcke ignorierend. AfD-Kritiker (auch ich) richten ihre Kritik gern besonders oft und scharf auf das mindestens unappetitliche Gerede gewissen Man-wird-ja-noch-sagen—dürfen-Personals. Von den Wählern hört man dann zurück: Stimmt, aber darauf kommt es nicht an. Was nutzt uns sprachliche Reinheit, wenn wir wieder Angst haben, nachts auf die Straße oder in den Park zu gehen, wenn öffentliche Feste nur noch militärartig gesichert stattfinden können? (Es ist ein Phänomen der unterschiedlichen Relevanz, die ich in Relevante Strukturen näher erkläre.)

Erster gemeinsamer Nenner der AfD-Wählerschaft ist der eine Wunsch, nicht vom verrückten Treiben einer moralisch entkernten Pseudo-Elite (Merkel, Schulz, Juncker – ich bitte Sie!) in Europas nächste Katastrophe getrieben zu werden – und wenn es schon unausweichlich scheint, dann wenigstens zu denen zu gehören, die dagegen waren und ein Minimum an Widerstand leisteten, und sei es nur durch das Kreuzchen in der Wahlkabine.

All die schwülstigen Moralreden in Bundestag und Staats-TV nützen wenig, wenn man tot ist, wenn man nur noch mit Angst auf die Straße geht.

Es gibt den Wunsch, einfach nur zu leben. Zu bewahren, was gut ist. Zu verhindern, was uns schaden kann. Die eigenen Kinder sicher und glücklich aufwachsen zu sehen. Das ist alles.

Es gibt keinen Trumpismus und es gibt keinen AfD-ismus. AfD-ismus wäre ein ausgedachtes Monster – und doch scheint es zu existieren und von Wahl zu Wahl stärker zu werden. Dieses Monster wird wachsen, solange CDU und CSU sich weiter von Merkel knebeln lassen, solange die SPD die Partei der Prinzipienlosigkeit bleibt – und auch solange die Grünen ihre inkohärente Ideologie von Deutschlands Redaktionsstuben aus verbreiten können. Diese sind es letzten Endes, die durch ihre „alternativlose“ Politik den Boden dafür schufen, dass etwa ein Wolfgang Gedeon zum Landtagsabgeordneten samt aller Diäten und sonstigen Vorteile wurde.

Wenn man die Ergebnisse der „Sondierungen“ zur dritten „Großen Koalition“ betrachtet (unter anderem: keine „Obergrenze“, Rechtsstaat bleibt weiterhin teilweise ausgesetzt) wird allerdings auch klar, dass dieses „Monster“ noch viel, viel größer werden wird. Man sollte nicht unterschätzen, was Menschen alles in Kauf nehmen, wenn sie um ihr Leben, um ihr Land und um die Zukunft ihrer Kinder fürchten.

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