Du bist anders, und das ist okay so!

Ich habe meine Stammkneipe. Es ist die Kneipe, wo die Nachbarschaft sich trifft. Wenn man wissen will, was in der Siedlung so los ist, dann geht man in unserer Kneipe vorbei. Wenn man Nachts noch ein frisch gemachtes Schnitzelbrötchen möchte oder am Freitag-Nachmittag ein kaltes Bier, dann geht man in unsere Kneipe. Nur sonntags geht das alles nicht. Sonntags hat unsere Kneipe zu, denn Sonntag ist der Tag des Herrn. Ich bin mir nicht sicher, was wir alle sonntags machen.

Elli ist derzeit für ein paar Tage mit den Kindern verreist. (Sie kommt heute Abend wieder.) Dieses Verreisen sollte dazu führen, dass ich mich erhole, und führte tatsächlich dazu, dass ich mich prompt überarbeitete – aber das ist ein anderes Thema – und gestern Abend ging ich in unserer Kneipe vorbei.

Die Kneipe war voll. Schön! Es waren Deutsche da, Spanier, Engländer und Menschen einer Muttersprache, die irgendwie skandinavisch klang – echtes Multikulti ist es erst, wenn es dir gar nicht auffällt, höchstens im Nachhinein, dass es Multikulti ist. Man spielte Kicker. Ein Herr war damit beschäftigt, sein Gehalt im Spielautomaten zu deponieren. Eine Handvoll schaute das Fußballspiel und feuerte enthusiastisch den Fernseher an. Die meisten quatschten, in wechselnden Gruppen. Ich aber hatte meinen Reader dabei. Ich lese aktuell ein Buch über die Geschichte Kubas (das hier), aus Gründen, die anderswo erläutert werden, und dieses Buch las ich an einem Tisch, während um mich herum unser kleines, großes Siedlungsleben passierte.

Ich grüßte freundlich und wurde gegrüßt. Zwischendurch erkundigte ich mich dann doch nach dem Wohlergehen des Nachbarn („Ja muss, Hauptsache gesund!“) und wurde von vier verschiedenen Hunden angekläfft. Keine Ahnung, warum die mich anbellen. Dabei schaue ich doch immer, um die zu beruhigen, denen extrastreng in die Augen – es hilft aber nichts; die knurren und bellen nur noch mehr! Doofe Hunde.

Niemand störte sich daran, dass ich las. Ich störte mich nicht an den Fußballguckern, nicht an den Redenden und Zuhörenden. Die Kicker kickten und die Trinker tranken. Nur die Kläffer, die wurden nicht meine Freunde – doch, was wäre alles Licht ohne etwas Schatten!

Sein dürfen, wer wir sein wollen und wer wir wirklich sind, ist das nicht schon eine oder sogar die treffendste Definition von Heimat?

Ich arbeite mich daran ab, den „großen Graben“, der sich durch die westliche Gesellschaft zieht, zumindest zu verstehen, ihn zu „kartographieren“, zum Beispiel in den Texten Mensch vs. Gehorsam, Kategorien vs. Schubladen und Eine Brücke über den großen Graben, in der Hoffnung, dass das Verstehen beim Überwinden und Überbrücken hilft.

Heute will ich versuchen, das Akzeptieren von Andersartigkeit neu anzugehen. Ich werde das Problem nicht lösen, zumindest nicht für alle Zeit. Doch, wie Wittgenstein in anderen Worten sagt, kratzt der Denker ja ein Jucken, auf dass es im Augenblick gelindert werde, wissend, dass es später wieder jucken wird.

Ich möchte die Begeisterung für die Verschiedenheit des Gegenübers aus zwei Richtungen zu wecken versuchen: Verschiedenheit im Charakter („Menschen sind halt so“) und Verschiedenheit in politischer Orientierung („Einmal Luft anhalten“)

Menschen sind halt so

Es ist ja kein Geheimnis, dass im Sprachgebrauch der selbstgerechten Klasse viele Worte ihr Gegenteil bedeuten. Deren „Diversity“ ist gedankliche Einförmigkeit und immer öfter einfach die Abwesenheit von weißer Hautfarbe, also Monotonie. Deren „Gerechtigkeit“ heißt, dass sie und ihre Freunde bevorzugt werden. Deren selbstbescheinigte Toleranz könnte intoleranter kaum sein. „Bunte“ Demos sehen auffällig un-bunt und schwarz-vermummt aus.

Ich werde an deren Willen zur „Diversität“ erst dann glauben, wenn sie auch Menschen mit verschiedener emotionaler Konstitution als selbstverständliche Partner im praktischen Wir einbeziehen. Versuchen Sie einmal, als nicht-hysterischer Mensch in einem von Grünen dominierten Forum ein rationales Argument etwa zur Klimaentwicklung unterzubringen – Sie werden schneller gesperrt, als Sie „natürlicher Zyklus“ sagen können!

So wie Mann und Frau verschieden sind und sich ergänzen sollten, so sind auch Menschen emotional verschieden – und das ist gut so! Der Emotionale sieht das Menschliche in der Situation. Der Kalkulierende berechnet die Folgen einer Handlung. Der Vorsichtige schützt die Gemeinschaft vor unnötiger Gefahr. Der Mutige motiviert die Gemeinschaft, Neues zu entdecken. Auf einem Schiff braucht es Köche und Techniker, ohne die einen verhungern die Passagiere, ohne die anderen kommt das Schiff nicht aus dem Hafen – und ohne die Schiffskapelle wäre keiner da, der aufspielt, wenn der Kapitän den Eisberg nicht wahrhaben wollte („jetzt ist er halt da“) – Nearer, My God, to Thee!

Wenn wir den großen Graben überwinden wollen, müssen die Emotionalen mit den Rationalen kooperieren, die Heißblütigen mit den kalten Rechnern. Lassen Sie uns nicht von „Toleranz“ reden, denn Toleranz läuft von oben nach unten. Es geht nicht um „Toleranz“, es geht ums Zusammenarbeiten – es geht ums Überleben.

Wenn wir die Verschiedenheit der emotionalen Konstitutionen akzeptiert haben, wenn wir „verrückt“ wieder als etwas Positives betrachten, und „tickt anders“ nicht als Gefahr betrachten, können wir den nächsten Schritt wagen: politische Verschiedenheit nicht nur zu „akzeptieren“, sondern zu feiern und praktisch zu leben!

Einmal Luft anhalten

Jeder Mensch ist, wie meine Leser wissen, in relevante Strukturen eingebunden – und über deren persönliche Gewichtung lässt sich ebenso die politische Orientierung vorhersagen. Welche Strukturen für Sie relevant sind, ist vergleichbar mit einer Art „DNA“ Ihrer politischen Überzeugung.

Betrachten wir etwa diese Strukturen:

  1. Natur
  2. Religion
  3. Wirtschaft
  4. Nation
  5. Arbeitsstelle

Der Mensch ist eingebunden in diese und weitere Strukturen. Nehmen wir einmal, wohlwollend, das Klischee-Image der Parteien an. Während (fast) jeder Mensch in die obigen Strukturen eingebunden ist, sind diese Strukturen für die unterschiedlichen Menschen doch unterschiedlich stark relevant. Wie es dazu kommen kann, dass diese ihm relevant sind, das ist eine andere Geschichte. Der eine ist mit dieser oder jener Religion aufgewachsen und meint, dass sein Leben ohne sie unvollständig wäre. Der andere schwimmt seit Jahren im Wohlstand und nimmt gar nicht mehr wahr, dass er Wirtschaft und Nation braucht, und projiziert seinen Bedarf nach Eingebundensein auf die Natur (von der er als Städter aber nur ein idealisiertes Phantasiebild hat).

Sie können ja die obige Liste durchgehen und überlegen: Wenn ein Mensch diese oder jene Struktur extrastark gewichtet, welche Partei (wieder: dem Klischee-Image der Parteien nach) wird er wohl wählen?

So wie es für die meisten (aber nicht alle) Menschen recht zufällig vorgegeben ist, in welche Religion sie geboren wurden, so ist es oft auch zufällig vorgegeben, welche politische Richtung die Menschen bevorzugen.

Politische Gräben ziehen sich entlang dieser Struktur-Gewichtungen. Dabei ist doch jeder Mensch in praktisch alle diese Strukturen eingebunden. Auch der Wirtschaft-Fan braucht eine saubere Luft zum Atmen. Und nicht selten sind es gerade jene, welche die Nation „verrecken“ sehen möchten, welche mangels anderer Qualifikation als Vollzeit-Politiker von eben dieser Nation ihr reiches Gehalt beziehen – sprich: die in sie eingebunden sind.

Alles politische Schädeleinschlagen lässt sich umformulieren als: Wir sind beide in ähnliche Strukturen eingebunden, aber mir ist diese Struktur etwas wichtiger als dir – und deswegen bist du ein „Nazi“, „Kommunist“ (oder so ähnlich).

Wir erleben heute eine einseitige Debattenverweigerung von Links. Während Liberale, Konservative und Rechte meist sagen: „Hier ist, was uns wichtig ist, und das sind die Gründe, wieso es uns wichtig ist, lasst uns reden“, haben Linke – aus einer Position der Macht heraus – diverse Versteckworte wie „keine Plattform geben“, „Hass ist keine Meinung“ und „safe spaces“ erfunden, um Andersdenkende aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen. Linke verhalten sich wie eine Religion, die „tolerant“ tut, solange sie nicht die Mehrheit stellt – doch sobald man es in Machtpositionen schafft, lässt man von jetzt auf gleich das Toleranztheater fallen und geht abgestuft rabiat gegen Abweichler vor.

Politischer Austausch beginnt damit, unterschiedliche Gewichtung von Relevanzen als legitim anzuerkennen – und dann nach Kompromissen und gemeinsamen Lösungen zu suchen.

Ausfallschritt

Man möchte ja beinahe sagen, die Zusammenarbeit von Menschen verschiedener emotionaler Konstitution sei „alternativlos“, doch das ist falsch: wir erleben ja derzeit die Alternative, nämlich eine Abwärtsspirale ins ungefilterte emotionale Es, beispielhaft vorgeführt etwa von Tina Hassel (Leiterin ARD-Hauptstadtstudio) – es ist schon erstaunlich, dass jene, welche noch immer gegen Hitler zu kämpfen meinen, täglich sein wichtigstes Werkzeug, die Hyper-Emotionalisierung, einsetzen.

Die Gemeinschaft braucht verschiedene Rollen, und zusammen bringen wir das Menschheitsprojekt voran. Sogar der Dorf-Clown erfüllt eine wichtige Rolle! Es wird nur zum Problem, wenn – aus welchen Gründen auch immer – der traurige Clown zum Bürgermeister erklärt wird, und sein Clown-Kumpel in der Dorf-Zeitung immerfort schreibt, wie klug der Bürgermeister doch ist, und alle, die keine Clowns sind, für verrückt erklärt werden, wonach man sie aus dem Dorf verbannt, damit die Clowns unter sich bleiben können.

Lässt sich ein Staat wie eine Kneipe organisieren? Eher nicht. Doch um Staats-Organisation geht es hier auch (noch) nicht. Es geht darum, wie wir einander begegnen – und welche Art der Begegnung wir von anderen als okay akzeptieren.

Nun stehen wir hier, an diesem Ufer, bombardiert von diesem merkwürdigen, gleichförmigen Mix hyperemotionaler Empathielosigkeit aus Berliner Redaktionsstuben. Wir wollen hinüber, ans andere Ufer, zu einem Miteinander der Verschiedenen.

Wie kommen wir hinüber? Ich versuche es mit Texten, die Argumente und Motivation liefern, aber da muss es mehr geben, und ich weiß auch nicht, was genau. Was ich aber sehr gut weiß, ist, was und wohin ich will: zu einem Miteinander der Verschiedenen, das fast so schön ist wie das in meiner Stammkneipe. (Ohne die mich anknurrenden Hunde. Weiß der Himmel, warum die mich anknurren.)

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