Die Welle wird zurückrollen

Leser fragen mich: Wird es besser werden? Wird es schlimmer sein? Wird es schlimmer werden, bevor es besser wird, wie eine Wolke, die sich ausregnen muss, bevor sie weiterziehen kann? Was raten Sie, Herr Wegner?

Ich habe selten Tarotkarten zur Hand und das Lesen aus den Eingeweiden geopferter Schafe könnte die Nachbarn stören, welche noch immer verärgert sind über meine Versuche, Indra herbeizurufen.

Es bleibt mir nichts übrig, als etwas Räucherwerk anzuzünden und mich in Theorie und Weltmodelle zu versenken! Welche Weltgeometrie hätten Sie denn gern? Kreis, Spirale, Pfeil oder Chaos?

In Asien sehen sie die Zeit als Kreis. Ewige Wiederkehr. Samsara. Die Rabbiner lesen die Zeit als Spirale. Es geht im Kreis herum, Woche für Woche, Jahr für Jahr; es ist aber nicht dieselbe Woche und nicht dasselbe Jahr. Die Christen glauben an den Pfeil. Die Welt hat einen Anfang und ein Ziel. Selbst Atheisten, die im christlichen Kontext groß wurden, fragen nach dem Ziel der Dinge. Eine Chaos-Theorie des Schicksals würde davon ausgehen, dass Kreis, Spirale und Pfeil allesamt Illusionen sind. Es ergibt alles keinen Sinn und wir torkeln verloren durch die Existenz. Die einzige Frage ist nur, ob es noch Leben auf diesem Planeten geben wird, wenn die Sonne dereinst verlischt.

Wie Sie wissen, halte ich mich in der Moral an die Theorie der konzentrischen Kreise (»Relevante Strukturen«); beim Weltbild neige ich der Welle zu.

Wer am Strand steht, der sieht die Welle, wie sie auf den Sand rollt. Und dann die nächste Welle. Und die nächste. Doch, wo gehen all die Wellen hin?

Wenn Sie eine Stunde am Strand verbrachten und tausend Wellen sahen – wo sind all die Wellen hin? Tausend Mal ist etwas an den Strand gerollt und hat sich Ihnen vor die Füße gelegt, doch Sie können kein einziges davon vorweisen!

Was wir für Wellen halten, ist eine Bewegung des Meeres. Wir meinen, dass wir tausend neue Wellen sehen, doch es ist nur das eine, selbe Meer, das sich tausend Mal vor unseren Füßen ausbreitete.

Gesellschaften sind wie das Meer, nur stürmen sie nicht gegen weichen Sand an. Wir sind wie Wellen, die wieder und wieder an den scharfen Klippen des eigenen Unverstandes zerschellen. Vor den Felsen menschlicher Dummheit liegen die Wracks alter Schiffe, drei Lagen hoch. All die Völker und Nationen, die meinten, dass die Folgen ihrer Dummheit ausgerechnet sie selbst nicht treffen könnten. Die anderen, ja, die Heiden und Fremden, jene mussten ins Badewasser steigen, dass sie sich selbst eingeschüttet hatten, sie nicht! Sie seien ja die Günstlinge der Götter. Oder der Vorsehung. Oder der Moral. Ihre Wracks liegen am Meeresgrund und Atlantis ist noch immer nicht wiedergefunden.

Es ist stets eine Form von Macht, an der wir praktisch scheitern. Wir haben den Falschen die Macht gegeben. Oder den Richtigen nicht genug Macht. Oder wir gaben den Richtigen die richtige Macht, doch hatten keine Macht über uns selbst. Oder wir meinten, wir übten Macht über die Natur und Mitmenschen aus, doch was wir Macht nannten, war Gewalt.

In Deutschland gelingt es der Polizei anscheinend nicht mehr, alle Gewalt auch nur zu erfassen. Weil man sie nicht erfassen kann, sinkt die Zahl der Verbrechen in der Statistik. Politiker zitieren diese Statistiken. Kindern, die so dreist lügen, gehört das Taschengeld gestrichen. Politikern, die so lügen, ebenso. Journalisten lügen nicht, Journalisten bekommen Preise.

In Paris wurde am Wochenende ein Mensch von einem brüllenden Terroristen erstochen. Der Täter brüllte etwas Religiöses. Ich habe vergessen, was es war. Die Meldung schaffte es nicht einmal mehr hinüber in die Arbeitswoche. Man musste sich ja aufregen über etwas, das ein Oppositionspolitiker gesagt hat. Ich rede von jenem Herrn, der uns einen Untersuchungsausschuss gegen die Kanzlerin versprochen hat, aber bislang keine Zeit dazu fand.

Diese Jahre sind nicht rational. Wenn die Welle auf die Klippen schlägt, schäumt und kocht sie. Weiße Gischt spritzt, und wenn man in der Nähe steht, wird man nass im Gesicht und es schmeckt salzig auf der Zunge. Das Aufgeben aller Ratio in der Hauptdebatte, die Messergewalt auf den Plätzen, die Hasspropaganda im Fernsehen – es ist alles Gischt und Schaum.

Die Welle wird zurückrollen. Wir sehen Anzeichen dafür, dass die Welle nah an in ihrem höchsten Punkt ist.

Der Abstand zwischen den Vorhersagen der angeblichen Populisten, und dem Zeitpunkt, an welchem die angeblichen Guten dieselben Dinge sagen, wird immer kürzer. In Bayern ist er aktuell auf Null geschmolzen: Die CSU kopiert die AfD eins zu eins, während sie gleichzeitig auf die AfD schimpft. Was von solchen Wahlkampfpirouetten zu halten ist, können wir anhand zweier Fakten prüfen: 1. die CSU hätte jede einzelne für Deutschland und Europa verheerende Entscheidung der Frau M. durch simplen Regierungsaustritt zumindest verzögern können, wenn nicht sogar ganz aufhalten – die CSU hat es nicht getan, im Gegenteil. 2. In NRW hat in 2017 die CDU kurz vor den Wahlen ebenfalls die AfD-Positionen kopiert und plakatiert – jetzt, nach der Wahl, wanzt sich die CDU-FDP-Regierung an den deutschen Arm der türkischen Religionsbehörde heran. Das ist Gischt. Schlangenlinienpolitik. Schaum auf der Welle der Zeit.

Die Welle wird zurückrollen. Hier und da ist sie schon zum Stillstand gekommen, an einigen Stellen strömt das Wasser bereits zurück. Die neue linke Religion des Nichts-hat-mit-nichts-zu-tun ließ ein großes Erklärungsvakuum entstehen. Die Feinde Galileis weigerten sich einst, durch das Fernrohr des Wissenschaftlers zu sehen. Die Feinde der Reformation wollten den Menschen verbieten, selbst in die Heilige Schrift zu schauen. Die Feinde des Westens wollen den Bürgern verbieten, zu fragen, was das für eine Ideologie ist, die mich und meine Freunde »Hunde«, »Affen«, »Schweine« und »Ungläubige« nennt. Schweig, zahl Steuern und unterwirf dich. – Es ist alles Schaum und Gischt.

Die Welle wird zurückrollen. Die eine Frage ist, wie lange die Welle an diesem Scheitelpunkt bleiben kann. Die andere Frage ist, was sie zurücklassen wird.

Wenn ein Sturm die Wellen an den Strand jagt, bleibt später, wenn es aufklart, einiges zurück. Schauen Sie in die Zeitungen, in die Meldungen, die es durch die Zensur schafften, weil sie sich gar nicht mehr leugnen ließen. Davon wird einiges bleiben. Wieviel? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es, denn es liegt auch an uns selbst. Der Mensch ist dem Schicksal unterworfen, doch das heißt nicht, dass er nicht ein Wörtchen dabei mitzureden hätte! Noch reden wir, noch können wir reden.

Wie lange wird es andauern, diese Gischt, diese Zeit, in der die Worte ihr Gegenteil bedeuten, in der die Regierung den Hass zur Liebe erklärt, und andersherum? Ich fürchte, eine Weile noch. Wenn eine Person oder eine Nation lange Zeit umsichtig gehandelt haben, dann haben sie Momentum angesammelt, Schwung, und wenn sie dann beschließt, die Felsen anzusteuern, dann nehmen sie darin den Schwung mit, und das erzeugt reichlich Gischt.

Leser fragen mich: Wird es besser werden? Wird es schlimmer sein? Und ich antworte: Ja, beides. Die Welle des Wahnsinns wird eine gute Zeit lang schäumen. Sie wird weitere Opfer kosten. Dann wird sie zurückrollen. Sie wird einiges zurücklassen, das Teil Ihrer Lebenszeit und der Lebenszeit Ihrer Kinder und derer Kinder sein wird.

Die Welle wird zurückrollen. Die Leutchen von der Art, die immer oben schwimmt, werden schon immer dagegen gewesen sein, doch diese Leute können Ihnen egal sein. Ich rate dazu, den Kopf einzuziehen und sich festzuhalten an dem, was fest ist. Versuchen Sie, jetzt nicht mitgerissen zu werden gegen die Felsen, und später, wenn die Welle zurückrollt, nicht aufs offene Meer zu treiben. Bereiten Sie sich auf das vor, was am Strand liegen bleiben wird.

Die Wellen rollen ans Land, ob wir zusehen oder nicht. Mein Räucherwerk ist abgebrannt. Ich werde jetzt lüften und einen neuen Tee aufbrühen. Ich werde Elli fragen, ob sie mit mir zum Meer geht.

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Den Essay »Die Welle wird zurückrollen« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/die-welle-wird-zurueckrollen/

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