Essays

Die Schönheit und das Gute

Die Schönheit und das Gute

Ihr werdet sein wie Gott“, versprach die Schlange, „und wissen, was gut und böse ist.“ (Genesis 3:5) Viel zu selten fragen wir: Hat die Schlange eigentlich ihr Versprechen gehalten?

Unser „Bauchgefühl“ weiß ja irgendwie, was gut ist und was böse. Zumindest bei den meisten von uns.

Nicht immer sind wir uns einig. Die Grünen haben etwa beim Thema Kinder, aber auch bei Embryos, in mehreren Punkten sehr andere Vorstellungen von „gut und böse“ als zum Beispiel Konservative, doch auch Grüne sind der Meinung, dass es ein Gut und ein Böse durchaus gibt – und besonders sie spüren es „im Bauch“.

Fragt man den Menschen, wie er das anstellt, zu wissen, was gut und was böse ist, dann verlässt ihn seine Sicherheit bald. Sie wissen, was gut ist – aber woher wissen Sie es? Da hilft selbst das bauchigste Bauchgefühl wenig. Der Bauch ist nicht der Kopf, und der Kopf wäre es gewesen, der Argumente und Begründung hätte liefern sollen.

Was ist es, um Gottes Willen, was uns der Teufel da lehrte?! Ist das Wissen ums Gute vorhanden, aber magisch und eingegeben? – Schauen wir hin, so gut wir können.

Wir sollten nicht direkt in die Sonne schauen, zumindest nicht ohne Schutz. Aber wir können an der Sonne vorbeiblicken, und hoffen, einige Erkenntnis über die Sonne aus dem Augenwinkel zu gewinnen. Mit dem Lateralblick sieht man besser.

Ich will einen dem Guten verwandten Begriff betrachten. Moral ist ja die Schönheit des Handelns. Es passt hier also, an Gut und Böse vorbei auf die Schönheit zu schauen!

Vom Schönen zum Guten

Wenn man Schönheit definieren wollte, ließe sich das über den Umweg der Wahrnehmung anstellen: Schönheit ist jener Zustand der Welt, der einen Menschen dazu bewegt, etwas als schön zu empfinden.

Das scheint zunächst zirkulär (als würde man einen Begriff durch diesen Begriff selbst erklären), ich will es aber im Folgenden vor der Zirkularität bewahren – vertrauen Sie mir, nur ein wenig, nur ein paar Zeilen lang!

Wir wollen uns der Schönheit nähern, indem wir etwas darüber sagen, wann ein Mensch etwas als schön empfindet. Wir wollen dies am Beispiel der Natur versuchen.

Es lässt sich recht genau vorhersagen, welche Art von Natur die meisten Menschen als „schön“ empfinden werden.

Wir empfinden solche Natur als „schön“, die unseren Vorfahren half, das Überleben ihrer Art zu sichern. (Was auch sonst? Hier sei auf das Buch The Art Instinct von Dennis Dutton verwiesen.)

Bäume, unter denen sich lagern lässt. Sträucher, zwischen denen leicht jagbare Tiere leben. Weite Wiesen, die von fruchtbarem Boden zeugen und die es zugleich einfacher machen, die Umgebung bis zum Horizont nach Raubtieren und Feinden abzusuchen.

Zwischendurch braucht es Stellen mit frischem Wasser. Es ist uns einprogrammiert, solche Natur als „schön“ zu empfinden. Wem dies nicht „einprogrammiert“ war, oder wer gar andere Natur als „schön“ empfand, dessen Stamm verhungerte, verdurstete oder wurde von Raubtieren gefressen.

Unsere Lebenswelt hat sich verändert seit jener Zeit, als die Evolution unsere DNA codierte. Die Zahl der in Städten lebenden Menschen wächst weiterhin, unser angeborener Schönheits-Sinn bleibt aber derselbe. Städte werden „lebenswerter“, sagen wir, wenn sie Parks und Grünflächen enthalten – also „weniger Stadt“ sind. In den Parks legen wir Seen an und darauf fahren stundenweise zu mietende Boote. Für die Schifffahrt auf Parkseen wiederum gelten eigene Regeln, auch ethische – ein ganz eigenes Thema.

Die Armen unter den Stadtmenschen hängen sich schon mal Bilder der „schönen“ Natur an die Wand. Ein Wald, ein See und ein oder zwei Berge. Frisches, klares Wasser fließt hinunter ins Tal und speist den See. Am Ufer des Sees steht ein Hirsch und röhrt. Warum röhrt er? Hat er Durst. Er ist doch schon am Wasser! Röhrt er um eine Hirschkuh, ist er also einfach nur geil?

Der Hirsch röhrt aus Verzweiflung. Der Hirsch steht in Wahrheit für den Betrachter, den Armen, der sich sein Bild übers Sofa hängte. Der gehetzte Arbeiter wäre lieber dort, an Stelle des Hirschen, in jener schönen Natur. Er ist es aber nicht. Er ist einigermaßen arm und er lebt in der Stadt.

Auch die reichen Stadtbewohner sehnen sich nach dieser schönen Natur. Sie belassen es aber nicht beim Traum an der Wohnzimmerwand. Die Reichen bauen sich die schöne Natur im Kompakt-Format nach. Sie erfinden ein merkwürdiges Spiel mit Stöcken und kleinen, weißen Bällen. Dieses von außen rätselhafte Spiel nutzen sie als Ausrede, ihre teuer nachgebaute Kompakt-Natur konsumieren zu „dürfen“.

Es ist dem Menschen angeboren, welche Natur er „schön“ findet. Der eine hängt sich diese Schönheit an die Wohnzimmerwand übers Sofa. Der andere geht Golf spielen. Wer heute röhrende Hirsche malt, der lebt und arbeitet wahrscheinlich in Dafen (China), wo tausende „Künstler“ Tag für Tag für den Export bekannte Bilder kopieren. Wer aber Golfkurse betreibt, der kann es bekanntlich bis zum US-Präsidenten schaffen. Schönheit ist Macht – ebenso wie Ethik.

Die Vorhersage des Erhabenen

Der Mensch unterliegt gelegentlich dem Fehlschluss, was erhaben ist, könne nicht erklärt werden. Etwas sperrt sich in uns, die Liebe auf Hormone und biologische Kompatibilität zu reduzieren. Romeo und Julia nur ein Fall unpassend passender Chemie? Nein, da muss es doch mehr geben.

Doch, die Nuance macht die Argumentation. Wir sagten nicht, Schönheit sei dies oder jenes. Wir sagten – lediglich und immerhin – dass die Wahrnehmung von Schönheit vorhergesagt werden kann. Wir mögen nicht wissen, was Schönheit ist, und doch dürfen und können wir uns dem nähern, was wann als schön empfunden wird.

Mit dieser vorsichtigen Sicherheit wagen wir den letzten Schritt. Wir ersetzen die Fragen nach dem Wesen von Gut und Böse mit der Frage nach den Momenten und Konstellationen in denen Menschen dieses als gut und jenes als böse bewerten.

Ich will Ihnen hier einige Gedanken meines Buches Relevante Strukturen skizzieren – den Bereits-Lesern zur Wiederholung, den Bald-Lesern zur Einstimmung.

So wie wir Schönheit in bestimmten Konstellationen der Welt empfinden, so empfinden wir auch das Gute und das Böse auf Grundlage dieser oder jener Konstellation der Welt, und für diese Konstellationen brauchen wir eine Sprache.

Wir wollen die Welt als Strukturen denken, in welche wir eingebettet sind. Wenn die Strukturen uns tatsächlich wichtig sind, nennen wir sie tatsächlich relevant, wenn sie sich nur oder auch so anfühlen, bezeichnen wir die Strukturen als gefühlt relevant. Was (gefühlt) relevante Strukturen stärkt, das empfinden wir als „gut“ – was sie schwächt, das empfinden wir als „böse“.

Die Schlange war listig – was haben wir erwartet?

Wir fragten, ob die Schlange dem Menschen geliefert hat, was sie versprochen hatte: Weiß der Mensch, was gut und böse ist?

Nun, von Natur aus weiß der Mensch „irgendwie intuitiv“ und „aus dem Bauch heraus“, was schön und was gut ist. Er weiß es nicht mit dem Kopf. Er meint, es zu wissen. Das ist ein Problem.

Die Schlange hat durchaus geliefert – aber nur ein Stück weit, nicht vollständig.

Die Schlange gab dem „Bauch“ ein ethisches Wissen, das im Kopf so viel besser angesiedelt gewesen wäre. Wir wissen ums Gute, aber mit dem Bauch, nicht mit dem Kopf. Wir wissen ums Gute auf eine Weise, die uns wieder und wieder das Böse hervorbringen lässt. Bei der Schönheit können wir ja noch verwinden, dass sie aus dem Bauch und aus dem Gefühl kommt – bei der Ethik wird dasselbe zum politischen Problem.

Was für eine friedliche Welt könnte es sein, wenn wir nicht nur im Bauch fühlten (und es „ethisch“ nennten), dass angeblich dieses gut und jenes böse sei, sondern wenn wir auch mit dem Kopf verstünden, wie unser Bauch zu solchem Urteil gelangt. Es wäre eine friedlichere, weniger dumme Welt, wenn das „Wissen“ um Gut und Böse eine Aufgabe des Kopfes statt des Bauches wäre!

Guter Text?

Diese Texte sind nur dank Ihrer freiwilligen Unterstützung möglich. Einfach und schnell via Kreditkarte oder PayPal – schon jetzt: Dankeschön!

Jahresbeitrag(entspricht 1€ pro Woche)52€