Essays

Die Realität hat Flecken

Die Realität hat Flecken

Meine Mutter erzählt gern, wie sie als Jugendliche zum ersten Mal eine Brille bekam: „Ich hatte die Welt bis dahin etwas verschwommen gesehen. Dann bekam ich die Brille, und ich sah die Menschen scharf, mit all ihren Falten und Pickeln, und ich dachte erst: Meine Güte, was sind wir alle hässlich!“ – Ich weiß nicht, wie ernst sie die Geschichte meint. Es soll ja gelegentlich geschehen, dass man die Stories seines Lebens im Lauf der Jahre zuspitzt. Etwas Wahres ist aber schon dabei. Eine leichte Sehunschärfe ist das Photoshop der kleinen Leute.

Schönheit braucht Lüge

Wer verliebt ist, oder betrunken, dem erscheint das Gegenüber schön wie Aphrodite. Die Warze wird zum Schönheitsmal, die beginnende Glatze zum Symbol der Klugheit und Beständigkeit. Doch hat die Leber erst Hormone und Schnaps abgebaut, trifft die Realität den Schwärmer wie der Bolzen das zu verwurstende Rindvieh. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, heißt es. Das ist richtig, doch genauer, wenn auch holpriger, wäre: Indem er vom Hässlichen wegschaut, erschafft der Betrachter die Schönheit.

Fotographie ist Wahrheit, ließ Godard sagen, Film ist Wahrheit vierundzwanzig mal die Sekunde – und jeder Schnitt ist eine Lüge. Der Film kann nur Wahrheit und Schönheit sein, weil der Schnitt das Hässliche rechtzeitig entfernt.

Die Äpfel beim Gemüsehändler sind allesamt schön, weil der Händler zuvor die fleckigen aussortiert hat. Hätte er die angestoßenen Äpfel nicht entfernt, wären die angebotenen Äpfel nicht allesamt schön. Das Kundenauge aber unterscheidet nur mit Mühe zwischen nicht allesamt schön und allesamt nicht schön.

Unter Palmen

Wenn Sie einen neuen Ort besuchen, etwa im Rahmen einer Urlaubsreise, dann lernen Sie diesen Ort in drei Stufen kennen:

  1. Sie sehen aus der Ferne die idealisierten Touristenfotos. Darauf sind keine Mülltonnen und keine Bauruinen, nur Strand und Meer, Kultur und glückliche Menschen. Wären Sie nicht so zynisch, pardon: so welterfahren, könnten Sie meinen, das makellose Paradies gefunden zu haben, zum Preis eines Pauschalurlaubs.

Die zweite Stufe des Kennenlernens erreicht nur, wer sich nicht in All-Inclusive-Schwitzkästen gefangen halten lässt, sondern seine Augen und auch seine Reisekasse mit ausreichend viel Realität außerhalb der Hotelanlage konfrontiert:

  1. Sie lernen den tatsächlichen Ort kennen. Es ist ja wahr, es gibt dort tatsächlich goldenen Strand und blaues Meer, aber auch Algen und Autos, Bierflaschen und Bettler. So (zer-)bricht das Bild der ersten Schönheit. Wenn Sie auf dieser Stufe stehen bleiben, werden Sie enttäuscht zurückkehren.

Die dritte Stufe zu erreichen gelingt nicht jedem, und es gelingt nicht überall. Doch wenn es gelingt, kann es eine Liebe fürs Leben werden:

  1. Sie finden hinter der Schönheit und hinter den Hässlichkeiten eine weitere Ebene, etwas Magisches. Der Ort selbst lässt in Ihnen etwas anklingen, das durch den Strand, die Menschen und die Kultur allein jeweils ungenügend beschrieben wäre.

Es wäre illusorisch, zu glauben, dass jeder Ort nach einer Zeit diese Magie für jeden entwickelt, dass jeder Ort jedem Menschen seinen Zauber jenseits des Schmutzes und der Attraktionen offenbart. In Hamburg habe ich die Magie innerhalb von Minuten begriffen, in Berlin begreife ich sie bis heute nicht, in Köln ist sie ein Teil von mir geworden, ganz egal wo ich gerade in der Welt bin.

Schönheit als Lüge

Die Erzählung von Schönheit beginnt mit einer Lüge. Das ahnt schon das kleine Kind, wenn es im Märchen hört von einer Prinzessin, „sie sei so schön, wie keine andere je gewesen“ – sie können nicht alle die allerschönsten sein. Das Mädchen, das zu Karneval im Kostümchen vorm Spiegel steht, weiß: Jede Prinzessin ist die schönste, wenn sie nur all die anderen Prinzessinnen ignoriert!

Was wäre aber, wenn eine erwachsene Frau sich ein Prinzessinnenkostüm anzöge und tatsächlich glaubte, sie wäre eine Prinzessin. Wäre sie wirklich eine Prinzessin, oder eher eine harmlose Exzentrikerin? Und was wäre mit einem Mann, der mit einer Karnevalsplastikpistole, als Cowboy verkleidet, in die Bank marschiert?

Im Brautkleid

Die Künstlerin Pippa Bacca sah in der Welt und in den Menschen eine Schönheit, die sie uns nahebringen wollte.

Bei ihrer letzten Kunstaktion zog sie ein selbstgenähtes Brautkleid an und setzte an, durch den Nahen Osten zu trampen.

Die New York Times schreibt:

“She thought that in the world there were more positive than negative people, and that it was right to be trusting,” said Rosalia Pasqualino, a sister of Ms. Bacca, whose real name was Giuseppina Pasqualino di Marineo. “Trust is a very human factor, and she believed that to understand people, you had to get to know them.”
New York Times, 19.4.2008

Übersetzung: „Sie glaubte, dass es in der Welt mehr positive als negative Menschen gäbe, und dass es richtig sei, zu vertrauen“, sagte Rosalia Pasqualino, eine Schwester von Frau Bacca, deren richtiger Name Giuseppina Pasqualino di Marineo war. „Vertrauen ist ein sehr menschlicher Faktor und sie glaubte, dass um die Menschen zu verstehen, man sie kennenlernen muss.“

Sie wollte ihr Brautkleid bis zum Ziel, Tel Aviv, ungewaschen lassen. Es sollte die Flecken ihrer Reise sammeln. Es ist ja eine der Aufgaben der Kunst (nicht die einzige, sonst wird es Kitsch!), die Schönheit hinter dem Schmutz auch den weniger empfindsamen Seelen aufzuzeigen.

Ihre Reise fand ein brutales Ende. In der Türkei wurde sie vergewaltigt und ermordet. Die türkischen Behörden fanden den Täter schnell.

Pippa Bacca hatte einen Fehler begangen, den Linke häufig begehen, und den ich gestern beschrieben habe: den Kategorienfehler. Die Schönheit hinter allem ist das eine, die Sicherheitslage das andere. Ein Land kann auf seine Art wunderschön und dennoch brandgefährlich sein, siehe Afghanistan. Eine Kultur kann wunderbare Kunst und Schönheit hervorgebracht haben, und dennoch Frauen wie Objekte behandeln.

Wer nicht die Schönheit hinter der Realität sieht, dessen Leben ist ärmer – wer nicht die Realität hinter der Schönheit sieht, dessen Leben ist in Gefahr.

Mustererkennung

Alle Menschen sind gleich an Würde geschaffen, aber nicht gleich an Neigungen und Fähigkeiten. Es gibt Menschen, die sind besonders gut im Erkennen von abstrakten Mustern und logischen Zusammenhängen. Wir finden sie besonders häufig etwa in der Informatik oder in den Ingenieurswissenschaften. Und es gibt Menschen, die werden dafür bezahlt, Muster selbst dann nicht zu erkennen, wenn diese ihnen entgegenkommen mit der Wucht eines Lastkraftwagens. Wir finden sie in Hauptstadtredaktionen und gewissen Think Tanks, und es ist gefährlich, wenn wir ihren musterblinden Willen zur Schönheit als letzte oder auch nur annähernd vollständige Wahrheit akzeptieren.

Die Realität hat Flecken. Die Realität ist nicht weiß und rein wie ein Brautkleid, nicht bunt und harmlos wie ein vegan-queeres Multikulti-Stadtteilfest, nicht beliebig wie ein Politikerversprechen. Die Realität ist fleckig und kompliziert, schmutzig und gefährlich. Nur dem Kurzsichtigen ist die Welt allezeit in Gänze schön, wenn auch leicht verschwommen.

Wer nur die Gefahr sieht, aber nicht die Schönheit, der mag ein ärmeres Leben haben, als einer, der die Gleichzeitigkeit von Gefahr und Schönheit bewusst ertragen kann und will. Doch wer nur die Schönheit predigt, aber die Gefahr leugnet, der mag sich für einen Träumer halten, er ist aber einfach ein gefährlicher Lügner.

Guter Text?

Diese Texte sind nur dank Ihrer freiwilligen Unterstützung möglich. Einfach und schnell via Kreditkarte oder PayPal – schon jetzt: Dankeschön!

Jahresbeitrag(entspricht 1€ pro Woche)52€