Die »Populisten« von 2015 lagen falsch – sie waren zu optimistisch!

Haben Sie je die Entwicklung einer Software beauftragt oder beaufsichtigt? Haben Sie die Programmierer um eine Schätzung gebeten, wie lange die Entwicklung dauern würde? Spätestens wenn Sie so etwas das zweite oder dritte Mal unternehmen, kennen Sie die Faustregel: Tatsächliche Dauer ist geschätzte Dauer mal drei, und dann noch ein paar Tage extra.

Programmierer, so intelligent sie auch sonst sein mögen, sind notorisch schlecht darin, die Entwicklungsdauer von Projekten abzuschätzen. (Erfahrene Programmierer wissen das über sich selbst und beziehen das mit in ihre Schätzungen ein.)

Das Missverhältnis von Schätzung und Realität hat äußere und innere Gründe. Zu den äußeren Gründen zählen sich ändernde Ziele und Vorgaben seitens des Kunden, Bugs in Frameworks oder Lücken in APIs – die inneren Gründe für Verzögerungen sind interessanter.

Eine Software zu schreiben (oder aus Bausteinen zusammenzusetzen) bedeutet, ein Problem der realen Welt in abstrakte, identisch und endlos wiederholbare Schritte zu formalisieren. Eine adäquate Formalisierung kann den Besitzer der Software sehr reich machen (siehe SAP, Automattic/WordPress, Microsoft etc.), während eine inadäquate Formalisierung vor allem Geld und Lebenszeit verbrennt (siehe diverse staatliche Software-Projekte). Eine Software, welche die wirklich wesentlichen Aspekte des Problems richtig herausgreift, kann diese Vorgänge nicht nur erleichtern, sondern durch die radikale Erleichterung auch die Lebenswelt der Beteiligten verändern – siehe all die Startups, die Deutschen so »magisch« vorkommen, etwa Uber, Facebook, Google oder AirBnB.

Nebenbei: Gelegentlich wird von lebensfremden Politikern vorgeschlagen, man möge doch – natürlich von Steuergeld finanziert – Geld an hippe Strippenzieher zahlen, damit die ein »deutsches/europäisches Google« oder ähnliches entwickeln. Es wird nicht funktionieren. Es kann nicht funktionieren. Die tatsächliche deutsche Leitkultur ist Den-Kopf-getätschelt-bekommen-wollen. Der tonangebende Deutsche ist bereit, mit geschlossenen Augen in den Tod zu marschieren, wenn er dabei nur den Kopf getätschelt bekommt. Mit Kopftätscheln lassen sich der Staatsfunk oder der Einmarsch in ein konsonantenreiches Nachbarland motivieren, ein neues Google oder Facebook werden Sie mit Kopftätscheln nicht anstoßen.

Sogar Menschen, die komplizierte Kalkulationen und präzise Logik beherrschen, tun sich schwer, genaue Vorhersagen auch nur in eigener Sache zu treffen. Woran liegt das? Lassen Sie uns einige folgenreiche »Vorhersagen« aus jüngerer Zeit betrachten!

Bandenmäßige Verleitung

Es ist 2018 und wir können zurückblicken, auf das Umbruchsjahr 2015 und auf die Folgen. Erstes Fazit: Die Vorhersagen der Populisten haben sich nicht bewahrheitet – die Populisten waren viel zu optimistisch!

Der Tenor der Kritik in 2015 war, dass Merkels »Wir schaffen das!« zu optimistisch sei. Dass sogenannte »Gutmenschen« die über Ungarn, Österreich oder Italien einwandernden Menschen idealisieren und so bei »bester Absicht« zu Handlangern krimineller Schlepper werden.

Stellen Sie sich vor, jemand hätte in 2015 vorhergesagt, dass die Staatsanwaltschaft wegen der »bandenmäßigen Verleitung zur missbräuchlichen Asylantragstellung« gegen die Angestellte einer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ermitteln würde – er wäre ausgelacht worden, als Rechtspopulist und Verschwörungstheoretiker beschimpft worden. Jetzt wird ermittelt. Privaträume und Kanzleien wurden durchsucht, hört man. Es wurde sogar eine Waffe gefunden, sagt die Staatsanwaltschaft. Es geht um Tausende von Fällen. Natürlich wird Merkel jetzt tun wollen, als hätte sie nicht explizit und öffentlich die Flüchtlingskoordination ins Kanzleramt gezogen. Natürlich wird man so tun, als gäbe es die anderen Fälle von »Fragen!« nicht, als würden einzelne Politiker (CDU, SPD …) nicht direkt an den Folgen der Welteinladung verdienen, als hätte nichts mit nichts zu tun. Während parallel die ersten Berichte über die brutale Realität in deutschen Schulen von freien Medien in den Mainstream dringen – viele Jahre zu spät, aber immerhin – versucht das »Team Merkel« wahrscheinlich, das Fallen der Dominosteine rechtzeitig vorm Kanzleramt aufzuhalten.

Die Warner und Mahner von 2015 lagen falsch – sie waren zu optimistisch! Stellen Sie sich vor, Sie hätten 2015 das vorhergesagt, was jetzt im »BAMF« herauskommt – »Aluhut« wäre noch die mildeste Beleidigung für Sie gewesen.

101 Kilogramm Bohnen

Bekanntlich tut sich der Mensch schwer damit, exponentielles Wachstum intuitiv zu begreifen. Wir verstehen, wenn sich etwas linear entwickelt, klar, also jeden Tag um die gleiche absolute Menge größer wird. Wenn Sie heute 1 Kilogramm Bohnen haben und jeden Tag 1 Kilogramm Bohnen dazu bekommen, dann haben Sie nach 100 Tagen genau 101 Kilogramm Bohnen und gewisse Herausforderungen bei der Lagerung. Wie viele Kilo hat man aber nach 100 Tagen, wenn man jeden Tag zehn Prozent der bis zum Vortag gesammelten Menge bekommt? – Eben.

Ein Problem bei Vorhersagen ist, dass wir meist nur die bisherige Entwicklung multiplizieren. Wir gehen davon aus, dass sich alles so entwickeln wird wie bisher.

Wir denken in Sprüngen, die Realität jedoch schreitet in (buchstäblich) unendlich vielen kleinen Schritten voran. Bei jedem Schritt werden auch alle die vorherigen Schritte mit einbezogen. Wir mögen eine Wanderung in gerader Luftlinie planen, doch das Gelände wird Abweichungen notwendig machen. Diese Abweichungen werden immer wieder Korrekturen der Richtung erzwingen, so wir denn am ursprünglichen Ziel ankommen möchten. Exponentielle Entwicklung ist eine Form der »Veränderung unterwegs«, und sie ist praktisch die einzige auch theoretisch berechenbare.

Übrigens, falls Sie noch immer darüber grübeln, wie viel Sie nach 100 Tagen haben, wenn Sie ausgehend von 1 Kilo Bohnen jeden Tag 10% dazu bekommen: Es wären fast 14 Tonnen Bohnen – simple Zinseszins-Mathematik.

Auf Fried- und Schulhöfen

Der Fehler der »Wir schaffen das!«-Fraktion war ähnlich dem Fehler, den Kommunisten und Sozialisten aller Zeiten begehen: Man geht davon aus, dass alle Menschen tief im Herzen »Heilige« sind. Wer das bezweifelt, den verteufelt man. Indem man per Dogma und wider alle Anschauung erklärt, dass es nichts Wölfisches im Menschen gibt, liefert man die Schafe den Wölfen aus. Nicht nur hat die Wir-schaffen-das-Vorhersage von »Team Merkel« zukünftige Entwicklungen und deren abzusehende Wechselwirkungen ignoriert, man ist zusätzlich noch von einem lächerlich idealisierten Menschenbild (inklusive dem latent rassistischen »Edlen Wilden«) ausgegangen. – Die Folgen gutmenschlicher Illusionen können auf Fried– und Schulhöfen begutachtet werden.

Der Fehler der Mahner von 2015 war, wenn man hier von einem »Fehler« sprechen will, dass sie tatsächlich nur von »Gutmenschentum« ausgingen. Auch ich bin davon ausgegangen. Ich war recht explizit in der ethischen Bewertung, doch ich ging von einer aggressiven Naivität aus, von Profiteuren und Mitläufern, von Heuchlern und Selbstbelügnern. (siehe auch: Die Schuld der Gutmenschen)

Es ist schlimmer.

Ich versuche stets, mich von Verschwörungstheorien fernzuhalten, schon aufgrund der bekannten Denkregel, nie böse Absicht zuzuschreiben, wo Dummheit als Erklärung genügt. (siehe aber auch: Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?) – Jetzt aber, wo selbst die Staatsanwaltschaft böse Worte wie »bandenmäßig« in den Mund nimmt und bei Verantwortlichen die privaten Räume durchsucht, jetzt wo Merkels tapferste Mannen wie erwischte Kinder einander die Schuld zuschieben, spätestens jetzt ist es dann doch mehr als »Verschwörungstheorie«, dass hinter dem deutschen Asylbetrieb wohl mehr als nur blauäugiges »Gutmenschentum« steckt.

Und zweitens als man denkt

Wie sollen wir denn nun Vorhersagen treffen? Wie sollen wir die Zukunft gestalten, wenn wir doch nicht wissen, was sie bringt, was es kosten und wie sehr es weh tun wird?

Eine Lösung aus der Software-Entwicklung lautet: Sei agil. Wer Werte und Ziele hat, wer seinen Leuten vertraut und sie machen lässt, der wird in Iterationen schneller an einem zufriedenstellenden Punkt ankommen, nämlich ein gutes Produkt fertig zu stellen, selbst wenn man zu Beginn die Details des Produktes noch nicht kannte, als wenn er ins Unbekannte hinein Phantasie-Pläne erfindet.

Ein anderer Ansatz wäre eine bewährte Denkregel für bessere (praktische) Vorhersagen: Hoffe auf das Beste und bereite dich auf das Schlimmste vor. Es wäre maximal unverantwortlich, als Politiker grundsätzlich vom idealen Szenario auszugehen. Der Redensarten, die uns an die Ungewissheit der Zukunft erinnern, sind viele, etwa: »Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt«, oder »Vorhersagen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen«. In diesen Redensarten liegt immer etwas schmerzbeladener Humor, und wo der Humor auch Schmerz enthält, da ist es besonders wahr.

Ein dritter Ansatz, mein eigener: Analysiere ehrlich und verstehe gründlich die relevanten Strukturen aller Beteiligten – und dann setze fähige Leute dran, die wichtigen Strukturen zu stärken und ihre Schwächung zu verhindern.

Die Regierung Merkel verstößt gegen alle drei Ansätze. Sie hielt die Grenze offen, als schon längst abzusehen war, dass dadurch dem Land und seinen Bürgern ein Schaden entstehen wird. Sie predigte eisern das Propagandamärchen von »Ärzten, Wissenschaftlern und Fachkräften«, als bereits längst klar war, dass die migrationswilligen jungen Männer aus den Krisenregionen Nordafrikas nicht alle diese Qualifikation mitbringen. Und schließlich, sie schwächen die relevanten Strukturen Deutschlands (Sicherheit, öffentlicher Frieden, Sozialwesen etc.) und sie haben unfähige Leute an die Aufgabe gesetzt. (Merkel hat ja bekanntlich jeden, der etwas kann und damit zum ernsthaften Konkurrenten werden könnte, weggebissen. Sie hat Altmaier, außerdem Altmaier und zur Not noch Altmaier.)

Was sind denn die relevanten Strukturen (man kann auch sagen: Werte) der Beteiligten? Was wollen die Bürger? Was wollen die verschiedenen Gruppen der Einwanderer? (Was wollen Bürger und Einwanderer wirklich, also nicht nur in der idealisierten Denkart politischer Korrektheit?) Was muss getan werden, damit es auch in 10 und 20 Jahren noch ein Land gibt, das seinen Bürgern eine Heimat und nicht nur ein weiteres Krisengebiet ist? Könnte die Politik irgendwann bitte Leute einsetzen, die Kompetenzen außerhalb Parteipolitik und Empörung vorzuweisen haben? (Und: Wie kann der Wähler dabei »nachhelfen«? – Ich wiederhole: der Wähler…)

Die Zinseszinsen der Merkel-Politik werden noch ausgerechnet. Wenn wir uns gemeinsam anstrengen, könnte es gelingen, sie niedriger zu halten als einige befürchten. Der Wähler hat ja Mittel, den Politikern den Rechenstift in die Hand zu drücken; diese wichtigsten dieser Mittel heißen »Wahlen«. Die nächsten Wahlen finden im Oktober 2018 in Bayern statt, dann in Hessen, und 2019 gibt es eine ganze Reihe mehr. Es empfiehlt sich, Kandidaten zu wählen, denen man zutraut, nach dem Wahltag nicht plötzlich ihr Gedächtnis, ihr Gewissen und alle Rechenfähigkeiten zu verlieren.

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Den Essay »Die »Populisten« von 2015 lagen falsch – sie waren zu optimistisch!« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/die-populisten-von-2015-lagen-falsch-sie-waren-zu-optimistisch/

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