31.3.2019

Wie Herr I. von der Zeitung uns Ausländer instrumentalisiert

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Bild von Sam Haddad
Herr I. vom Tagesspiegel ist empört, weil auf den Zollstöcken im Baumarkt meist deutsche Namen stehen. Wissen Sie, wo NOCH deutschere Vornamen draufstehen? Auf den Redakteuren im Tagesspiegel-Impressum!
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Es war einmal ein deutscher Herr, und dieser deutsche Herr soll als Sinnbild einer Geisteshaltung dienen, und wir könnten diesem Herren einen Vornamen geben, »Diederich« etwa, doch einfacher ist es, wenn wir ihn nicht am Diederich packen, sondern ihn präzise, aber diskret, etwa nur »Herr H.« nennen.

Als Herr H. jung war, da hat er gar manche feine Intrige zu spinnen gewusst! Feine Schnüre spannte er auf, auf dass darüber stolpern sollte, wer sich naiv auf die gute Absicht von Schicksal und/oder Mitmenschen verließ.

Im frühen Alter dann, in den späten Jahren, wenn es dem Menschen aufgetragen ist, zurückzublicken und etwas Weisheit aus seiner Erfahrung zu ziehen, um diese seine Weisheit an die Enkel weiterzugeben, in jenen Jahren hatte Herr H. einen anderen Selbstauftrag angenommen.

An Schultagen, jeden Morgen, eine halbe Stunde bevor die Kinder des Handwerkerviertels sich auf den Schulweg begaben, trank Herr H. einen Kaffee (ein Würfel Zucker, eineinhalb Teelöffel Milch, nur kurz umgerührt, damit der Zucker sich eben nicht vollständig auflöste, denn es bereitete Herrn H. eine kleine Freude, wenn der letzte Schluck ihn mit seiner Süße überraschte). Herr H. zog seine braune Hose an, seine braunen Lederschuhe, sein weißes Hemd und seinen halblangen schwarzen Wollmantel. Er wickelte einen braunen Schal um seinen Hals, denn in diesen Straßen konnte es früh morgens durchaus frisch sein, selbst im Sommer, und Herr H. wollte nicht seinen Hals verkühlen. Herr H. steckte zwei braune Lederhandschuhe ein, zog sie aber noch nicht an.

Mal kaufte Herr H. am Morgen die neue Ausgabe des Intelligenzblattes, mal nahm er eine etwas ältere Ausgabe mit – das Blatt war ein wichtiges Werkzeug!

Also ging Herr H. mit ruhigem, aber zielgerichtetem Schritt durch die Straße. Unter dem Arm klemmte einsatzbereit das Intelligenzblatt. Schließlich würde es passieren. Schulkinder würden Herrn H. entgegenkommen, und sie würden frech sein, wie Schulkinder eben frech sind! Herr H. aber achtete auf die Hände der Schulkinder. Die meisten Hände waren unverdächtig, schmutzig vielleicht, aber nicht das, wonach Herr H. suchte.

Doch dann geschah es (später seltener, auch wegen seiner Tätigkeit), dass ein Kind ein Stück Kreide in der Hand hielt. Das war für Herrn H. das Zeichen, sein Intelligenzblatt unter Arm hervorzuziehen, und darin zu lesen beginnend, seinen Schritt verlangsamend, als wäre er abgelenkt vom Gelesenen. Er las von Konkursen, von Geburten und Toden, von Fremden in Hotels und von Zwangsversteigerungen, doch er las natürlich nur mit halber Aufmerksamkeit, und am Abend würde er genauer nachlesen, denn jetzt, im Einsatz, war sein Lesen nur Tarnung. Mit einem Auge schaute er am Blatt vorbei und beobachtete das Kind mit der Kreide.

Herr H. wusste, und er wusste richtig: Wenn ein Kind ein Stück Kreide bei sich trug, dann würde es auch mit der Kreide an eine Mauer kritzeln wollen, er braucht nur einige Schritte und ein oder zwei Ecken weit zu folgen.

Dann, wenn das Kind etwas an die Wand gekritzelt hatte, was damals verboten war und noch immer verboten sein sollte, dann schnappte Herr H. zu.

Herr H. faltete das Intelligenzblatt zusammen, steckte es nun in die Innentasche seines Halbmantels. Er zog seine Lederhandschuhe an, während er, nun rasch, aber flüssig und unauffällig, die wenigen Meter Abstand zwischen ihm und dem Kreidekritzler annullierte, und als er hinter dem kritzelnden Kind stand, rief er »Halt!«, und griff mit seinen Lederhänden das Kind im Nacken. Es galt, die Schrecksekunde zu nutzen, bevor das Kind fliehen würde, und es galt zudem, zu verhindern, dass das Kind das Gekritzelte wegwischen oder seine Hände von den Spuren der Kreide reinigen würde. Mit dem Kind im Nackengriff rief Herr H., laut und mit Autorität: »Schutzmann! Schutzmann!«

Der Schutzmann würde kommen, und das Kind würde schnell beichten. Der Schutzmann kannte Herrn H. schon, und er verkniff sich, mit den Augen zu rollen, wenn Herr H. wieder ein kritzelndes Kind gestellt hatte, doch der Moral nach war Herr H. ja im Recht, und dem Recht nach wohl auch, schließlich ist das Bekritzeln eines Gebäudes eine Sachbeschädigung, und also musste der Schutzmann sich des Kindes annehmen. Der Vater des Schutzmanns war selbst Schutzmann gewesen, und wäre Herr H. nicht so ein unwichtiges Würstchen im großen Lauf der Dinge, dann hätte der Vater dem Sohn davon erzählt, dass der junge Diederich einst einer der schlimmsten Schmierfinken im ganzen Handwerkerviertel gewesen war, und er hatte nicht nur mit Kreide kritzelt, nein, auch mit Kohle, und gelegentlich mit noch ganz anderen Farben!

Herrn H. war es gleichgültig, was mit dem Kind geschah, nachdem er es dem Schutzmann übergeben hatte. Er hatte sich die Aufgabe gegeben, auf den Fehler hinzuweisen – und wenn er seine Aufgabe getan hatte, war es Zeit fürs Frühstück. Er aß sein Frühstück lieber ein paar Straßen weiter, und immer wieder woanders. In den Cafés seiner Straße konnte es passieren, dass etwa eine Mutter eines kritzelnden Kindes bediente, und anders als Herr H. wussten diese Leute nicht zwischen Arbeit und Privatleben zu trennen, was dazu führen konnte, dass sie Herrn H. ins Rührei spuckten. Nein, Herr H. aß lieber woanders, dafür aber sehr zufrieden.

Seine Sorge um Speichel im Rührei war berechtigter als seine Selbstzufriedenheit, doch erklär das so einem!

Doch, soviel erst einmal zum fiktiven Herrn H., reden wir vom realen Herrn I., und von den schlimmen Empörungen des Tages!

Findet sich nicht

An dieser Stelle, verehrte Leser, könnte ich, nachdem ich via politischer Kurzgeschichte einen Deutungsrahmen vorschlug, von Herrn I. berichten. Herr I. ist stellvertretender Vorsitzender in einem Kleingartenverein, und er arbeitet bei einer Berliner Zeitung.

Herr I. passt gut auf, was im Land geschieht, und wo etwas geschieht, dass seiner Vorstellung von Links und Ordnung zuwidergeht, da protestiert Herr I., auf dass es schnell moralisch zulinksgebogen werde!

Herr I. war jüngst wohl im Baumarkt. Dort gab es Zollstöcke zu kaufen, auf denen Namen stehen. So kann man auf dem Bau sagen: »Das ist mein Zollstock!« – Es sind Namen wie Robert und Michael oder Thomas, und dann Uwe, Sven, Wolfgang. (Offensichtlich gibt es Eltern, die ihren Sohn »Kampftrinker« nennen.) Die Auswahl der Namen spiegelt wider, welche Namen auf Zollstöcken sich besonders gut verkaufen. Der Name »Dushan« etwa findet sich nicht (dafür musste ich beim tschechischen Anglerbedarf suchen).

Herr I. von der Zeitung findet das empörend!

Wenn Du bei @ObiBaumarkt einen personalisierten Zollstock kaufst, solltest Du keine Frau sein. Und kein Mensch mit Migrationshintergrund. #diversity2019 (@ichgruesesie, 30.3.2019)

Sein Kollege Herr M. und diverse andere Empörte schließen sich an und »retweeten« diesen vermeintlichen Skandal.

Kleingärtnerempörung

Einige Eigenschaften der routiniert reflexhaften Kleingärtnerempörung sind bemerkenswert.

Herr I., Herr M. und eine ganze Reihe der Empörten finden durchaus ihren Namen auf der Liste! Robert kann einen Zollstock mit seinem Namen kaufen, Matthias ebenso.

Die Empörung der Berufsempörten ist eine stellvertretende Empörung. Er empört sich an meiner Stelle. Er empört sich für mich. – Wer hat ihn darum gebeten?

Herr I. instrumentalisiert und missbraucht das Ausländersein von Menschen wie mir, um einen billigen Anlass für seine wohlfeile Empörung zu finden.

Geht es Herrn H. wirklich um die angebliche Sachbeschädigung, um das Wohl der Kinder oder auch nur des Viertels? Sorgt sich Herr I. wirklich um all die Heimwerker, die sich ach-so-übel diskriminiert fühlen, wenn sie keinen vorgefertigten Zollstock mit ihrem Namen finden und sich mit »meiner ist 2m lang« begnügen müssen? Nun, der Blick in Köpfe und Herzen ist stets nur vorsichtig vorzunehmen, doch aus den Umständen und Begleitfakten lassen sich durchaus Rückschlüsse ziehen.

Der empörte Robert I. und der retweetende Matthias M. arbeiten beide beim Tagesspiegel. Wenn diesen Leuten so sehr an Vornamenvielfalt gelegen ist wie sie vorgeben, werden sie gewiss auch im eigenen Haus für solche sorgen! Die Namen der Funktionsträger in Gartenverein des Herrn I. klingen noch »deutscher« als die Zollstock-Namen (ich habe nachgeschaut), doch wie steht die Gelinkichkeit bei den gewiss ultradiversen Meinungsmachern vom Tagesspiegel?

Wir betrachten tagesspiegel.de/impressum/ (prüfen Sie es selbst!), und tatsächlich finden wir, nach nur kurzem Suchen, drei Vornamen, die es so nicht im Baumarkt auf dem Zollstock gab: Ein Farhad in der Verlagsgeschäftsführung, ein Amir im Produktmanagement (die Leitung hat dann wieder ein Christian), und ein Atila für das Social-Media-Gedöns. Doch, wer macht da wirklich die Meinung, bei den Diversionsempörten? Kühle Technokraten-Formulierungen wie »Menschen mit Migrationshintergrund« lassen vermuten, dass wir Ausländer denen so fremd sind wie uns Landbewohnern die exotischen Fische der Tiefe.

Ich liste Ihnen hier alle Vornamen derer, die im Online-Impressum als für die gedruckte Ausgabe verantwortlich angegeben sind, Stand 31.3.2019, beginnend mit dem Verleger, bis hin zur Fotoredaktion: Dieter (von Holtzbrink, klar), Stephan-Andreas, Giovanni (ja, der), Sebastian, Lorenz, Matthias, Anna, Christian, Christoph, Stephan, Robert (der Zollstockprüfer), Antje, Ingrid, Gerd, Gerd, Malte, Harald, Lutz, Katrin, Christiane, Rüdiger, Esther, Julia, Katja, Ariane, Sidney, Kevin, Anja, Richard, Sascha, Joachim, Tanja, Silke, Ulrich, Ingo, Stephan, Ruth, Peter, Elisabeth, Armin, Bernd, Jost, Harald, Helmut, Andreas, Werner, Robert Birnbaum, Deike (ob sie sich empört, dass sie keinen Zollstock kriegt?), Caroline, Sven, Frank, Jansen, Sebastian, Juliane, Thorsten, Patricia, Ursula, Bettina, und schließlich Kai-Uwe. (»Und die Online-Ausgabe?!«, mögen Sie fragen? Nun, die Leitung hat ein Christian, weitere Namen für Online-Inhalte finde ich im Impressum aktuell nicht. Bei den Nachnamen allerdings sind immerhin vier mit dem Adelsprädikat »von« – unausländerischer wird’s kaum.)

Ich schlage vor, dass der Zollstock-Hersteller seine Namen-Auswahl an der (stolz online präsentierten) Redaktion des Tagesspiegels ausrichtet; Mohammed, Aishe, Ali und Dushan bekommen dann immer noch keinen eigenen Zollstock, aber zumindest hätten dann Deike und Kevin einen, und das wäre doch ein hochdiverser Anfang.

Splitter im Auge

Massenmedien leben von Propaganda oder von moralischem Feuer – nicht selten von beidem zugleich. Es ist die Aufgabe des Haltungsjournalisten, seine Leserschaft immerfort über dem Feuer moralischer Empörung zu foltern. (Wenn der Leser nicht moralisch gesteuert würde, könnte er auf krumme Ideen kommen, wie etwa nachzudenken oder gar zu widersprechen!)

Nein, ich denke nicht, dass Leute wie Herr I. den Zwist bewusst wollen; das Schlüsselwort ist aber »bewusst«. Wer im automatisierten Reflex nach dem kleinsten Anlass sucht, den Splitter im Auge der Gesellschaft zu finden und diesen sogleich tiefer hineinzudrücken, bis es schmerzt, bis das Volk zerstritten und gespalten ist, so einer findet eher eine Anstellung als Haltungsjournalist.

Wo andere Menschen über das mit Kreide kritzelnde Kind lachen, da empfindet Herr H. eine befriedigende Lust daran, das Kind festzuhalten und zu melden. Wo andere über die für Heimwerker typischen Namen schmunzeln, und sich, wie ich, denken: »Ja, genauso liebe ich die Deutschen!«, da findet Herr H. den dünnestmöglichen Grund zur Empörung.

Die Zerrissenheit der Linken hat viele Dimensionen, eine davon ist diese: Linke wollen alles gleichmachen, doch in ihren Taten suchen sie immerfort Zwist, Streit und Spaltung – entscheidet Euch!

Ich finde die Zollstöcke gut und lustig. Ich kann wunderbar damit leben, dass es keinen Dushan-Zollstock gibt, dann messe ich halt mit »Ein Kerl wie ein Baum«!

Lasst uns mehr schmunzeln, und die Streitsüchtigen auf Abstand halten. Deren Geschäft ist der Unfrieden, deren Tonart die humorlose Lieblosigkeit.

Das Leben ist zu kurz, zu schön, zu wertvoll, um es sich von Biestigkeit verderben zu lassen. Ich lasse den Michaels und Mikes ihre Zollstöcke, und den Haltungsjournalisten lasse ich ihre Streitsucht und Bitterkeit, und mir lasse ich mein Schmunzeln über uns Menschen und über unsere Verschiedenheit nicht nehmen. Und meinen Zollstock, den lasse ich mir auch nicht nehmen, nicht von Herrn H. und von Herrn I. auch nicht.

Wo ist mein Zollstock eigentlich?

Ich sollte Elli fragen. Die wird das wissen; sie ist sowieso die handwerklich Begabtere von uns beiden, wobei für Philosophen »handwerklich begabt« ein durchaus relativer Ausdruck ist, wie Ihnen mein Vater, diverse Nachbarn und unser Hausmeister bestätigen werden. – Die haben auch Zollstöcke, allesamt namenlos.

Guter Text?

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