3.5.2019

Islam-Kritik im Nebensatz

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Bild von Alistair Dent
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Der Satz »Ich begrüße jede Religion, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes steht« ist ein Trick – er weicht der eigentlichen Frage aus: Was soll man tun, wenn sie es NICHT tut? (Diese Frage überlässt man den sogenannten »Populisten«.)
Islam-Kritik im Nebensatz
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Am 31. Juni 2019 werde ich mir ein Loch ins Knie bohren lassen, ich werde einen ganzen Eimer lebendiger Frösche essen und ich werde die Grünen wählen, und sollte der 31. Juni auf einen Feiertag fallen, biete ich Ihnen als alternative Daten den 31. September 2019 und den 31. November 2019 an.

Ich plädiere dafür, dass in allen Kneipen nur noch Wasser ausgeschenkt wird, solange das Wasser so süffig wie obergärig schmeckt und außerdem noch den Wassertrinker angenehm anschickert.

Ich habe wahrlich nichts gegen Dunkelheit – solange der Mond hell scheint! Es ist fein, wenn die Flur schneebedeckt ist, solange sie dabei auch grün bleibt, und auch gegen blitzesschnelle Wagen habe ich wenig einzuwenden, wenn sie nur schön langsam um die Ecke fahren.

Was, wenn nicht?

Zum ersten Mal lautet in Berlin der am häufigsten an neugeborene Jungen vergebene Vorname »Mohammed« (bild.de, 2.5.2019).

BILD-Chef Reichelt – den ich schätze – hat einen Kommentar dazu geschrieben – den ich kritisiere. Es ist nicht der Inhalt jenes Kommentars – es ist der logisch-rhetorische Trick, den er wohl in bester Absicht und womöglich unbewusst anwendet, der mir als »Zeichen der Zeit« erscheint.

Aus dem lesenswerten Kommentar:

Wir müssen Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen, Söhnen und Töchtern einfordern, die es in zu vielen muslimischen Familien nicht gibt. Wir müssen darauf drängen, dass ALLE Kinder in diesem Land dazu erzogen werden, alle Menschen gleichermaßen zu achten, egal ob Christ, Jude, Moslem, hetero- oder homosexuell, Mann oder Frau. (Julian Reichelt in bild.de, 2.5.2019)

Es sind Zeilen, die ich in der Sache ohne Bedenken unterschreiben kann. Es sind Worte, die gut und richtig klingen. Doch – was bedeuten diese Worte? Bedeuten sie überhaupt etwas?!

Betrachten wir allein den ersten Satz der zitierten Passage! – »Wir müssen Gleichberechtigung (…) einfordern, die es in zu vielen muslimischen Familien nicht gibt«, so heißt es. – Der Satz transportiert 1. eine normative Forderung und 2. eine Aussage (»die es … nicht gibt«), welche 3. selbst wiederum eine ethische Bewertung enthält (»in zu vielen«).

Wenn ich sagte: »Wir müssen von der BILD-Zeitung emotional distanzierte Berichterstattung ohne große Lettern einfordern!«, was würde mir entgegnet werden? Man würde nachhaken, ob ich die BILD-Zeitung tatsächlich kenne, und wenn ja, mit welchen Mitteln ich denn vorhabe, die BILD-Zeitung zu verändern.

Was haben Länder (und Kulturen), in denen es Frauen im Vergleich zu Männern schlecht geht, gemeinsam, außer dem häufig warmen Wetter? Wir reden von Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Katar, Somalia, Iran oder Saudi Arabien. Hmm. Wenn man eine weltweite Gleichberechtigungs-Rangliste (worldbank.org) und die Liste »Religion by Country« (en.wikipedia.org) danebenlegt, dann müsste man schon von gutmenschlicher Blindheit haltungsjournalistischer Dimension geschlagen sein, um nicht Zusammenhänge zu erkennen. Es scheint ja beinahe, also ob die dort ihre eigenen Traditionen und Schriften ernst nehmen! (Siehe etwa nzz.ch, 16.2.2019.)

All das bestreitet Reichelts Kommentar gar nicht; es wird vielmehr (wohl unbewusst) ein Trick eingesetzt, der auch schon mal in Parteiprogrammen und Äußerungen von Mainstream-Politikern vorkommt – das eigentliche Problem wird im Nebensatz untergebracht.

Wenn Sie von einem Politiker oder Publizisten hören, in Deutschland herrsche selbstredend Religionsfreiheit, solange die Religion auf dem Boden des Grundgesetzes steht, überlässt dieser es anderen Debattenteilnehmern, sich dem eigentlichen Problem zu stellen, nämlich dass womöglich in dieser oder jener Religion das Grundgesetzkonforme nicht nur in Einzelfällen etwas wacklig dasteht.

Auch in deutschen Schulen wird inzwischen der Islam unterrichtet, doch welcher Politiker weiß schon, was dort wirklich unterrichtet wird. Welcher Politiker bohrt schon freiwillig nach, als ob er nicht genug eigene Probleme hätte? – »Der Staat hat hier eine besondere Verantwortung. Er muss sicherstellen, dass alles, was in der Schule passiert, auf dem Boden des Grundgesetzes steht«, sagt Lehrerverbands-Chef Hans-Peter Meidinger (bild.de, 2.5.2019), da ist er wieder, der »Boden des Grundgesetzes«, doch was passiert, wenn das, was passiert, nicht das ist, was passieren soll, und dennoch daraufhin nichts passiert, und es also immer weiter passiert?! Es ist eine Frage, die man den »Bösen« und »Populisten« überlässt – manche sagen: den Realisten

Formulierungen von der Art »Ich befürworte X, solange Y«, verteidigen oft mit Vehemenz etwas, das kaum jemand in Frage stellt. Ja, wir sind uns alle einig, dass diese Gleichberechtigung in Familien eine gute Sache ist, dass es »auf dem Boden des Grundgesetzes« zu passieren hat – doch, wie genau soll das durchgesetzt werden, wenn es nicht geschieht? Wenn es nicht gelingt – wer hat den Mut, dann die Religion per se zu debattieren?

Der Trick

Stellen wir uns vor, ein Patient käme zum Arzt; der Arm ist gebrochen und der Knochen schaut hervor, doch statt sich des Problems anzunehmen, erklärt der Arzt ausgiebig, dass er heile, gerade Knochen zu schätzen weiß. – Der Patient würde in Schmerzen ausrufen: »Ja, ich weiß, aber das bestreitet ja auch niemand; das Problem ist dieser kaputte Arm!«

Der Unterschied zwischen »anständiger« Meinung und angeblichem »Populismus« besteht heute oft lediglich darin, dass der sogenannte »Populist« im Hauptsatz ausspricht, was der »Anständige« im Nebensatz versteckt.

Der Trick besteht darin, »den Islam« zu begrüßen (den es als geschlossenes Ganzes mal gibt und mal nicht), solange er nur Eigenschaft X, Y und Z mitbringt – was er, wenn er erst einmal zu Macht und Mehrheit gelangt, recht selten tut.

Der Satz »Ich begrüße jede Religion, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes steht« ist ein Trick, denn er ist zu feige, sich der eigentlichen Frage zu stellen: Was soll man tun, wenn sie es nicht tut?

»Wir müssen Gleichberechtigung (…) einfordern«, heißt es im durchaus nicht falschen Kommentar, doch das Ungesagte klingt fast lauter. Wer ist – wieder mal – das »Wir«? Die Medien? Die demokratische Gesellschaft, die via Volksvertreter und Parlament ihre Regeln als Gesetze festhält? Und dann: Was passiert, wenn dagegen verstoßen wird?

Jede Regel ist nur so stark wie ihre Sanktion. – »Wir müssen darauf drängen …«, schreibt Reichelt, doch was geschieht, wenn das Drängen fruchtlos bleibt? – »ALLE« Kinder sollen »dazu erzogen werden, alle Menschen gleichermaßen zu achten« – es ist edel und richtig, doch es klingt, als ob es nur noch um eine Minderheit ginge, die unangenehme Ausnahme – und nicht tatsächlich um ein Mammutprojekt von globalem Ausmaß. Wie soll es denn geschehen? Was soll die Strafe sein? Welches Mittel soll es anstoßen, motivieren, erzwingen?

Ein Beispiel aus der Politik! – In einem Interview mit der ZEIT erläutert der FDP-Chef Lindner seine Position zum Kopftuch und dessen möglichen Verbot, konkret bei Mädchen im Kindergartenalter:

Die rigorose Durchsetzung solcher Maßnahmen in der Praxis vor Ort brächte Probleme. Deshalb spreche ich von Empfehlungen, die man mit Eltern unter Hinzuziehung eines Imams besprechen sollte. Etwa so: „Ihr sechsjähriges Kind soll in der Schule Kopftuch tragen. Unser Staat erlaubt das. Wir finden das aber problematisch. Denn Sie wissen schon, dass Ihre Tochter dann von vornherein anders von den Kindern angeschaut wird? Wollen Sie das? Warum?“ So stelle ich mir das vor. (…) Ich bin kein Freund von staatlichem Diktat, aber vom Dialog. Zumindest darf man nie unversucht lassen, einen Stein ins Rollen zu bringen. (Christian Lindner, via zeit.de, 4.1.2019)

Es ist nicht bekannt, ob der Chefliberale für das Gespräch mit Eltern und Imam zusätzlich zum »du, lass uns mal drüber reden, du« auch Räucherkerzen, Klangschalen sowie bei Mondschein geernteten Lindenblütentee empfiehlt.

Was sagen sie dann wirklich?

Manche Politiker der etablierten Parteien fühlen sich ratlos, wie sie den sogenannten »Populisten« begegnen können. Ich habe einen Vorschlag für Sie: Holen Sie die entscheidenden Wahrheiten aus Ihren Nebensätzen in die Hauptsätze – und dann haben Sie den Mut, es weiter zu denken! Die Probleme sind zu arg, zu dringend und brisant, jetzt noch das Eigentliche im Nebensatz zu verstecken.

Man kann durchaus bezweifeln, zumindest akademisch, ob der »säkulare Islam« »auf dem Boden des Grundgesetzes« in nennenswerter Verbreitung tatsächlich existiert. (Einige Fragen wären etwa: Wer definiert ihn? Was sind seine Institutionen und wie viele Millionen Gläubige erkennen diese Institutionen an? Wo kann man die heiligen Bücher des »säkularen Islam« nachlesen? – Nebenbei: Was soll »säkularer Islam« dem Wort nach überhaupt bedeuten? – Ist »säkularer« beziehungsweise »liberaler Islam« eventuell nur die Wunschprojektion eines zur weitgehenden Beliebigkeit abgeglittenen europäischen Protestantismus? – Oder, anders gefragt: Wie viele Muslime kennen Sie, die expressis verbis von sich sagen, dass sie zwar Muslime nach voller Wortbedeutung sind, dass sie aber zugleich weder an einen Gott oder an das Primat des göttlichen Gesetzes über Menschengesetze glauben? Wie viele davon tun das nun schon seit Jahren?)

Sei es drum – selbst wenn wir annehmen, dass ein »säkularer« oder »liberaler« Islam über einzelne mutige AktivistInnen hinaus existiert, und dass es nicht nur ein »temporär ruhender« Islam einiger mit Konsum und Smartphones ausgelasteter Großstadt-Bewohner ist, selbst dann wäre es doch weltweit eine Minderheit – und in keinem einzigen Land mit muslimischer Mehrheit bildet jener mythische »säkulare« oder »liberale« Islam die Mehrheit.

Also: Wenn Meinungsmacher vom »Islam auf dem Boden des Grundgesetzes« reden (siehe etwa dw.com, 25.11.2018, cicero.de, 14.7.2018), was sagen sie damit wirklich? – Auch: Warum ist die Ergänzung denn notwendig? Ich spreche ja auch nicht von Bruchrechnung oder Fahrradfahren »auf dem Boden des Grundgesetzes« – übrigens auch nicht vom Buddhismus oder Schamanentum.

Es gäbe einige Arten, solche »Islamkritik im Nebensatz« zu Ende zu denken, und keine davon ist Anlass allzu euphorischer Hoffnung. – Vielleicht ginge eine Deutung des Unausgesprochenen so: Es wird eine Form des Islam gepriesen, die es in der Praxis so kaum gibt, die zu preisen einen aber sowohl »tolerant« als auch realistisch wirken lassen soll – damit wäre es  Fake-Toleranz und Fake-Realismus gleichzeitig. Oder: Man möchte den Islam verändern, nur man lässt offen, kraft welcher Autorität man das anzustellen gedenkt. Oder: Man flieht sich in die Vorstellung eines Phantasie-Islam, am Sozialisten-Motto entlang: Der »richtige« Islam wurde nur noch nie irgendwo richtig ausprobiert, aber wenn »wir« es in Deutschland machen, dann wird es das Paradies auf Erden. – Manches Unausgesprochene bleibt aus gutem Grund unausgesprochen.

Ich begrüße…

Man kann prinzipiell alles begrüßen und bejahen, wenn man es nur in den Nebensätzen genug einschränkt. Es ist geschickt, doch es ist auch konsequenzlos. Selbst wenn ich manche »toleranten« Aussagen in der Sache unterschreiben kann – es sind ja meist schöne Worte! – so sind sie doch von eher sparsamem Nutzwert.

Ich begrüße Wasser, solange es einen nicht nass macht. Ich begrüße Bauchweh, solange man sich nicht dabei unwohl fühlt. Ich begrüße ARD und ZDF, solange die politikfern sind und keine Zwangsgebühren einziehen.

Ich begrüße den Wald, solange dort keine Bäume stehen. Ich begrüße das Feuer, solange es nicht brennt. Ich begrüße den Schmerz, solange er nicht weh tut. Ich begrüße das Glatteis, solange es nicht glatt ist. Ich begrüße die Armut, solange stets genug Geld da ist.

Ich begrüße Flugverbote, solange ich weiter fliegen kann. Ich begrüße den Umweltschutz, solange ich weiter SUV fahren kann, und ich begrüße Opfer, solange ich keine bringen muss. 

Ich begrüße den Lärm, solange es still ist. Ich begrüße die Quantenmechanik, solange sie einfach ist. Ich begrüße Sahnetorten, solange sie schlank machen. Ich begrüße die Hitze, solange sie kalt ist, und ich begrüße die Kälte, solange sie warm ist.

Ich begrüße Spaghetti, solange sie einfach zu essen sind, und ich begrüße jede Religion, solange sie den Menschen nichts vorschreibt, was dem Grundgesetz widersprechen könnte.

Seien Sie dabei, wenn ich mir demnächst ein Loch ins Knie bohren lasse, spätestens am 30. Februar 2020 – versprochen! (Solange mir nichts dazwischenkommt.)

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