12.11.2019

Der guten Zeiten wegen

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Jack Anstey
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Arbeitsplätze gehen verloren, wir lesen es täglich. Wie beim Geld an der Börse gilt oft: Sie sind nicht weg, sie sind nur (bald) woanders (z.B. in Ungarn oder Asien). – Frage: Soll man wütend weinen – oder wehmütig winken und sich die Kante geben?
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Sollten wir die alten Bekanntschaften vergessen, nie wieder an sie denken? Sollten die alten Bekanntschaften vergessen werden, wie auch die guten alten Zeiten?

Sie haben es erkannt, liebe Leser, dieser Text beginnt mit meiner Übertragung der ersten Strophe von Auld Lang Syne. Anfang 2018, als ich die Nachrichten las, sprang das Lied auf meine Lippen. Der Text hieß »Nehmt Abschied, nehmt Abschied vom alten Europa«. Und nun ist es schon wieder auf meinen Lippen, in meinem Herzen – und dabei ist heute gar kein Neujahr! – »Should auld acquaintance be forgot, and never brought to mind?«

Der berühmte Titel, der auch im Lied mehrfach vorkommt, ist in der alten Sprache Scots. Man kann ihn, so die Literatur, mit »lange her seitdem« übersetzen, mit »lang, lang her« oder »die alten Zeiten«, doch wer jemals mit Briten, Schotten, Iren oder anderen Menschen von tiefem Gemüt und großem Durst das neue Jahr einläutete, was ja immer auch ein Verabschieden des alten Jahres beinhaltet, wer je mit Freunden die Kaschemme zum Mittelpunkt der Welt werden ließ, und das Jetzt zur einzig wichtigen Zeit, wer je mitsang, als sie Auld Lang Syne anstimmten, der weiß und versteht, was ich meine, wenn ich sage, dass Auld Lang Syne eben Auld Lang Syne ist.

Erlebe einmal, Arm in Arm mit Freunden und Fremden, wie es ist, mit Pint in der Hand und Wehmut im Herzen, das alte Lied zu singen – und dann diskutieren wir weiter, was und wen man vergessen sollte, und was man behalten sollte, der guten alten Zeiten wegen.

Von Ansbach nach Asien

Es ist gar nicht so lange her, konkret 2016, dass die feine Firma Adidas seine »Fabrik der Zukunft« in Deutschland eröffnete. Die Fachpresse jubelte und die Politik freute sich.

»Statt schwitzender Arbeiter in stickigen Hallen«, so hieß es etwa bei fashionunited.de, 25.5.2016, wo »die Turnschuhe größtenteils von Hand hergestellt« würden, sollte die »Speedfactory« auf Maschinen setzen: »Sie ist eigentümlich still, klinisch weiß und setzt auf Automatisierung statt Handarbeit.« Man wollte »mit bester deutscher Ingenieurskunst« arbeiten, und den Konsumenten »immer die aktuellsten und neuesten Produkte« anbieten. Von »Industrie 4.0« war die Rede, von der »vollautomatisierten Produktion« (ispo.com, 11.5.2016) »Jetzt schließt sich der Kreis und die Fertigung kommt zurück«, freute sich damals der Adidas-Chef (fashionunited.de, 25.5.2016).

Nun, man hätte ihm vom Samsara erzählen sollen, von der ewigen Wiederkehr. (Zur ewigen Wiederkehr in Politik und Gesellschaft siehe auch »Die Welle wird zurückrollen«, »Die AfD ist schuld an allem«, »Kulturschaffende 1934, 1976, 2018«)

Der Kreis, so scheint es, er schließt sich nicht, der Kreis war nämlich immer schon geschlossen – nein, es sind wir, die Karussellpassagiere, die am Kreis entlang fahren, wieder und wieder, bis wir uns den Mc Rib nochmal durch den Kopf gehen lassen, und dann mit doppeltem Tempo weiter.

Wir lesen heute, in erfrischender Knochentrockenheit: »Adidas verschifft seine Zukunft von Ansbach nach Asien« (welt.de, 12.11.2019), und weiter: »Der Traum von der Rückkehr der Produktion ist ausgeträumt.« – Erfrischend ist auch, dass um die Gründe gar nicht lang herumgeredet wird: »Es sei einfacher und wirtschaftlicher, die Erkenntnisse und Abläufe der Speedfactory dorthin [gemeint: Asien] zu verlagern, als die Maschinen nach Franken oder in die USA zu holen«, heißt es in welt.de, 12.11.2019.

Unter dem traurig-sarkastischen Hashtag »#futschi« kann man quasi in Echtzeit verfolgen, wie Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut werden und Industrie teils indirekt, teils direkt kaputtgemacht wird. 

Neuschwanstein in Zahlung

An der Börse sagt man manchmal, zweifelsohne flapsig: »Das Geld ist nicht fort, es ist jetzt nur woanders.« – Man könnte es so ähnlich über Arbeitsplätze formulieren, die dieser Tage »futschi gehen«. Die Arbeitsplätze sind nicht fort, sie sind nur woanders. (Zum Beispiel in Ungarn.)

Man könnte, und sollte vielleicht auch, fragen, was die Wirtschaftsexperten in Kanzleramt, Ministerien und Kreuzberger Kifferstuben mit den hunderttausenden Fachkräften anzustellen gedenken, die man nach Deutschland einlud? Man muss es ja nicht gleich so rassistisch und entmenschlichend ausdrücken wie Claudia Roth, wonach einige der Neumitmenschen »nicht unmittelbar verwertbar sind« (»verwertbar« – das ist doch kurz vor »Bodensatz«!!!), aber eine Antwort sollte man schon finden.

Wenn es so weitergeht, wie wird es danach weitergehen? Nun, ich bin guter Dinge, dass China uns etwas Geld leiht. Notfalls geben wir Neuschwanstein in Zahlung, dazu ein oder zwei Autohersteller als Bonus (wollte man in der SPD nicht sowieso BMW »sozialisieren«?), und den Großraum Berlin als weiteren Bonus dazu, schon aus eigenem Interesse. Wenn die Chinesen freundlich sind, reißen sie den BER ab und stellen in sechs Monaten einen neuen und funktionierenden Flughafen hin.

Wer sich wünscht, dass es »wieder wird wie früher«, der sollte für eine Sekunde darüber nachdenken, was es dafür bräuchte. Ein Bauer kann nicht beschließen, nächste Woche zu ernten, wenn er nicht viele Monate vorher gesät hat. Der richtige Zeitpunkt, eine Wirtschaftsnation zu stärken, ist vor zehn und zwanzig Jahren. Deutschland zehrt noch heute von Schröders »Agenda 2010« – und wird noch in zehn und zwanzig Jahren an Merkels »Agenda Nach-mir-die-Sintflut« leiden.

Zweier Dinge bin ich gewiss: Erstens wird es einen neuen Morgen geben – und zweitens wird das Morgen sehr viel anders aussehen als die Gegenwart.

Recht freundlich sein

Ein Land im Griff von Unverstand und Staatsfunk nimmt Abschied. Wir nehmen Abschied, nicht nur von den Opfern neuer Gewalt, nicht nur von der Stabilität, für die unsere Eltern und Großeltern so hart schufteten, sondern auch täglich von den Arbeitsplätzen, die wir für sicher hielten. Wir nehmen Abschied von alter Hoffnung – und weil wir Menschen sind, weil wir eben wir sind, machen wir uns sogleich an die Arbeit, eine neue Hoffnung zu entwickeln.

Im März 2018 schrieb ich:

Ich respektiere jeden, der »noch nicht aufgeben« will. Ich respektiere jeden, der »für seine Art zu Leben« kämpfen will. Ich respektiere und verstehe das. Doch er muss sich fragen, wie sinnvoll es ist, einen verlorenen Kampf zu kämpfen.

Ich kämpfe heute, noch immer, so wie 2018 schon, so wie seit Jahren nun, so weit und viel wie man mit Worten überhaupt kämpfen kann (für mehr von der sentimentalen Variante des Kämpfens siehe etwa »Made in Germany – wissen Sie noch?« oder »Sag etwas, denn ich beginne, dich aufzugeben«) – mehr als Worte habe ich nicht, mehr will ich auch nicht haben. Doch ich kämpfe heute mehr und zuerst darum, dass Sie und ich am Irrsinn nicht selbst noch irre werden. Ihre Mails und lieben Worte geben mir Anlass zu Hoffnung, dass es gelingen könnte – zumindest das, zumindest etwas, das ist nicht nichts!

Die letzte Strophe von Auld Lang Syne lautet auf Deutsch, in etwa: »Hier ist meine Hand, mein treuer Freund – schlag mit deiner Hand ein! Lass uns einen ordentlichen Schluck trinken, der alten Zeiten wegen.«

Mancher, der heute seinen Arbeitsplatz verliert, wird erstmal »einen ordentlichen Schluck trinken« wollen. Und dann wird er für sich eine neue Zukunft erfinden müssen. Ohne »Speedfactories« und auch sonst eher einfacher, als einst erdacht und erhofft.

Im Refrain jenes Liedes heißt es ja, und es ist gewiss ein guter Rat: »Lasst uns zueinander recht freundlich sein, der alten Zeiten wegen« – auf Englisch: »we’ll take a cup o’kindness yet, for auld lang syne.«

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