18.7.2019

Wenn Moralisten der Polizei erklären, dass deren Realität »verzerrt« sei

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Marta Filipczyk
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In Berlin wird Polizisten gesagt, dass die Realität, die sie täglich erleben, »verzerrt« sei, und mit Psychologen will man ihnen eine politisch korrekte Realität antrainieren. – Orwell ruft aus dem Grabe: Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?!
Wenn Moralisten der Polizei erklären, dass deren Realität »verzerrt« sei
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Ich schlage ein neues Spiel vor, es ist ein Kartenspiel mit besonderen Aktionen, und ich erkläre Ihnen gern die Regeln.

Es gibt zwei Arten von Karten: Farbtonkarten und Farbwortkarten. Außer den Karten benötigt man zum Spiel ein leeres Blatt Papier.

Die Farbtonkarten sind auf einer Seite ganzflächig jeweils mit einem Farbton bedruckt, also etwa rot, violett, blau, und so weiter. Die Farbwortkarten sind auf einer Seite jeweils mit einem Farbwort bedruckt, also etwa »gelb«, »weiß« oder »rosa«. Die beiden Kartenarten werden in zwei Stapel getrennt.

Es wird in Runden gespielt. Zu Beginn jeder Runde werden beide Kartenstapel von einem der aktiven Spieler in sich gemischt.

Zuerst werden die Farbtonkarten in eine Reihe untereinander auf dem Tisch ausgelegt. Dann wird vom zweiten Stapel jeweils eine Farbwortkarte neben jede Farbtonkarte gelegt.

Die Spieler haben 10 Sekunden Zeit, sich die Zuordnung von Farbtönen und Farbworten zu merken, dann werden die Farbwörter mit einem Blatt abgedeckt.

Das eigentliche Spiel jeder Runde beginnt damit, dass der jüngste Spieler auf eine Farbtonkarte zeigt (zum Beispiel auf die, welche die Farbe des Grases hat), woraufhin der gefragte Spieler zu seiner Rechten das diesem Farbton zufällig zugeordnete Farbwort sagen muss (zum Beispiel »rosa«).

Es kann also passieren, dass eine Farbtonkarte gezeigt wird, welche die Farbe des wolkenlosen Himmels hat, doch die zufällige Zuordnung macht es erforderlich, »grün« zu sagen. Farbtöne und Farbworte werden mit jeder Runde neu zugeordnet.

Wenn die Spieler sich einig sind, dass das richtige Farbwort genannt wurde, ist der Spieler, der die Frage richtig beantwortete, nun selbst an der Reihe, einen Farbton zu zeigen, und zu fordern, dass sein rechter Sitznachbar den zugeordneten Farbwert benennt.

Wenn es Zweifel gibt, ob ein genanntes Farbwort dem abgedeckten Farbwort entspricht, haben die Spieler laut »Das darf man so nicht sagen!« zu rufen. Durch Aufdecken des Blattes oder wahlweise Abstimmung unter den übrigen Spielern wird geprüft, was das in dieser Runde richtige Farbwort für den Farbton war.

Wenn ein Spieler das falsche Farbwort sagte, oder wenn die übrigen Spieler fühlen, dass er das Farbwort etwa in einem falschen Tonfall sagte, dann hat dieser Spieler verloren und muss das Spiel verlassen, was die übrigen Spieler mit den Rufen »Wir sind mehr!« und »Hass ist keine Meinung!« quittieren.

Mit jeder Runde des Spiels sitzt ein Spieler weniger am Tisch, bis das Spiel zum Duell wird. Erfahrungsgemäß haben sich an dem Zeitpunkt einige Zuschauer um den Spieltisch versammelt, und es ist Teil der Regeln, dass Zuschauer mit über den Sieger abstimmen dürfen. Der Sieger der letzten Runde gilt als Sieger des gesamten Spiels, wozu man sagt, er habe »Haltung bewiesen«. – Ich nenne es »Das moderne Spiel«.

Wie soll man das noch parodieren?

In Berlin regiert »Rot-Rot-Grün«. Laut einem Bericht der bz-berlin.de, 18.7.2019 wird in Berlin eine »Datenbank zu rechtsmotivierten Taten« innerhalb der Polizei geplant.

Die von der SPD eingesetzte Polizeipräsidentin Barbara Slowik, so lesen wir, will gegen »rechtsmotivierte Taten und rechtslastige Einstellungen in den eigenen Reihen vorgehen«. Ob sie gegen »linkslastige« Einstellungen vorgehen will ist nicht bekannt. Man will »Aus- und Fortbildungen« sowie Gespräche mit Psychologen als »Gegenmaßnahmen« initiieren.

Es ist seit längerer Zeit bekannt, dass Polizisten und Soldaten, also jene, welche die reale Realität kennen, dazu neigen, die AfD zu wählen (siehe auch: »Warum Demokratie?«). Wer sich in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten mit einem deutschen Polizisten unterhielt – schon vor 2015 – der erfuhr schnell, wie schmerzhaft sich die politisch korrekte Relotius-Wahrheit der Medien und die reale Wahrheit auf der Straße voneinander unterscheiden. Mit anderen Worten: Die Realität ist »rechtslastig«. Wer die Realität so erlebt wie sie ist, statt wie man sie sich in Redaktionsfluren erträumt, der könnte »rechtslastige« Ansichten entwickeln, und dagegen will man in Berlin nun mit »Gegenmaßnahmen« vorgehen.

Sie denken, meine Darstellung sei eine übertriebene Parodie? Nun, nach »Poes Gesetz« (siehe Wikipedia) sind extreme Aussagen nicht von ihrer Parodie zu unterscheiden.

Ich zitiere aus dem erwähnten Artikel:

Sorge bereite ihr aber, dass die Belastung mancher Polizisten in schwierigen Kiezen Berlins zu problematischen politischen Meinungen führen könne, sagte Slowik. „Etwa in bestimmten Stadtteilen, wo die Polizisten immer wieder mit denselben Problemen wie Respektlosigkeit, Widerstand konfrontiert sind.“ Daraus könne sich eine bestimmte Einstellung entwickeln. „Das prägt, wenn man da über Jahre ist. Das kann ja nicht ausbleiben. Und das ergibt dann ein gewisses Zerrbild der Realität, weil man das alltäglich erlebt.“ (bz-berlin.de, 18.7.2019)

Die Polizeipräsidentin ist eine politische Beamtin, und sie war meines Wissens nie Polizistin, sondern immer nur in politischen Fluren unterwegs. Die Polizeipräsidentin hat offenbar eine eigene Vorstellung davon, was die »richtige« Realität ist, und die Realität, welche die Polizisten außerhalb der klimatisierten Büros politischer Korrektheit erleben, ist für sie wohl eine »verzerrte Realität«.

Die Polizeipräsidentin erklärt nun, der Kontakt mit der Realität würde ein »Zerrbild der Realität« entstehen lassen, und deshalb sollen, wenn ich den Text richtig deute, nun »Psychologen« in »Aus- und Weiterbildung« den Polizisten beibringen, was wirklich die Realität sei. – Wörtlich heißt es: »das ergibt dann ein gewisses Zerrbild der Realität, weil man das alltäglich erlebt«. – Wie soll man das noch parodieren? Kann man orwellscher als Orwell sein? Man könnte sich an jene Praxis im Sozialismus erinnert fühlen, als Andersdenkende zum Psychiater geschickt wurden, denn ein Mangel an sozialistischer Überzeugung konnte doch nur mit Verrücktsein erklärbar sein. (Soll ich der Berliner Polizei anbieten, »Das moderne Spiel« fürs Polizeitraining zu lizenzieren?)

Wer seinen Job braucht

Unter den Szenarien, die ich mir einst für die Zukunft Deutschlands ausgemalt habe, war nicht ein Abgleiten in einen kaum-noch-zu-parodiierenden Orwell-Staat, wo ganz unverhohlen von oben erklärt wird, was die »Realität« sei, und Psychologen drauf angesetzt werden, wenn jemand sich erdreistet, eine andere Realität mit seinen eigenen Augen wahrzunehmen.

Es ist ja nicht nur die Polizeipräsidentin von Berlin! Wir alle kennen Nachbarn, Kollegen oder sogar Familienmitglieder (siehe auch: »Hast du deinem Verräter die Windeln gewechselt?«), die im Namen sogenannter »Toleranz« bereit sind, sich selbst, ihre Mitmenschen und sogar ihre Kinder zu opfern (siehe etwa auch: »Gutmenschen riskieren das Leben anderer Leute«). Für die ist abweichende Meinung stets »Hass« und damit »keine Meinung«, sie argumentieren nicht, sondern blocken und beschimpfen, ihr Blick wird schnell gläsern und man hat das Gefühl, mit programmierten Zombies zu reden (siehe auch: »Non-Player Characters (NPCs) und das automatisierte politische Denken«) – und sie verlangen von Polizisten, dass diese es ebenso tun.

Wer heute in der deutschen Gesellschaft mitspielen will, wer seinen Job braucht oder ihn einfach nur gern tut, wer sein Häusle abbezahlen und seine Kinder noch durch die Schule bringen will, der tut klug daran, für eine Weile noch das moderne Spiel mitzuspielen.

Nicht im Spiel verlieren

Ist denn einem Mitbürger, der das moderne Spiel mitspielt, daraus ein Vorwurf zu machen? Ich weiß es nicht, ich würde es generell weder verneinen noch bejahen.

Ich kenne Menschen, die sich geradezu darin suhlen, wissentlich die profitablen Lügen zu behaupten und alle zu verpfeifen, deren Gewissen es nicht erlaubt, mitzuspielen. Ich kenne andere, die spielen mit, weil nicht mitzuspielen sie die wirtschaftliche und soziale Existenz kosten würde.

Doch, ich kenne auch Individuuen, die sich so im Spiel verloren haben, dass sie nicht mehr herauskommen. Es gibt Mitbürger, die halten die modernen, politisch korrekten Lügen für Realität, und selbst wenn man es ihnen zeigt und belegt, dass ihre Realitätsvorstellung so nicht der Fall ist und nicht der Fall sein kann, werden ihre Augen glasig, sie murmeln »rechte Hetze« und wenden sich ab.

Spiel und Wirklichkeit

Selbst wenn wir dazu in der Lage wären, weiß ich nicht, ob es unsere Aufgabe wäre, unsere Mitmenschen aus der Spielrealität in die reale Realität zu holen.

Ich sage nicht: »Spielt nicht!« – Ich sage: »Spielt mit, wenn nicht mitzuspielen eure relevanten Strukturen bedrohen würde. Spielt mit, wenn ihr mitspielen müsst, doch vergesst nie, was Realität ist und was Spiel.

Spiel und Realität zu verwechseln ist ein Wahn, und ja, er kann ein ganzes Volk und eine ganze Nation befallen – es wäre nicht das erste Mal.

Spiel mit, doch verwechsle nie das Spiel und die Realität, selbst und gerade wenn es Teil des Spieles ist, so zu tun, als sei Spielrealität und reale Realität dasselbe.

Es gilt, auch weiterhin: Wenn dein Weltbild und die Realität im Widerspruch stehen, dann wird am Ende die Realität gewinnen – immer.

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