27.3.2019

Das linke Weltbild ist auf Lügen gebaut – und manchmal auch die Biographie

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Francesco Gallarotti
Das linke Weltbild ist auf Lügen gebaut – und manchmal auch die Biographie! Diese Leute sind wie jemand, der mit schmutzigen Schuhen über den Teppich stapft. Selbst wenn sie wieder fort sind, bleibt der Schmutz, den sie verbreitet haben.
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Damit der Geist, so Antike, auf und in die Welt hinein wirken kann, muss er sich mit einem gesunden Körper zu einem ebensolchen Mensch verbinden. Wer mehr den Ideen und den höheren Sphären als dem Ringkampf oder dem Wettlauf zugeneigt ist, wie etwa ein Herr Platon, der mag den Körper als Käfig des Geistes, genervt seinen Bart kraulend, in Kauf nehmen, doch schon Aristoteles begreift, dass es den Körper und das Körperliche braucht, damit das Geschäft des Denkens betrieben werden kann – und damit man überhaupt etwas zum Denken hat.

»Mens sana in corpore sano«, so heißt es, auf Latein, nicht auf Alt-Griechisch, aber ebenso gültig, und in diesem Geist will ich es gern fördern, wenn die Kinder sich etwa ballsportlich betätigen.

Dann aber passiert es – es muss passieren, es gehört einfach dazu, dass es passiert — da kommt der Herr Sohn von draußen herein, erschöpft und glücklich, seine Haare sind nass, ein Hosenbein ist angerissen, und, vor allem: seine Schuhe sind schmutzig. – Schmutzig! – Er marschiert in die Wohnung, direkt ins Wohnzimmer, erzählend und berichtend und Dreck hinterlassend.

Ich rufe: »Leo, zieh doch die Schuhe aus!«

Nach seiner dritten Umrundung des Esstisches und meiner vierten Aufforderung hebe ich ihn hoch, trage ihn in den Flur und zeige auf die Schuhe, bedeutend, dass er den Flur nicht verlassen wird, wenn er nicht die schmutzigen Schuhe auszieht.

Schließlich zieht er sie aus und marschiert wieder hinein. Ich zeige auf den Boden, und sage: »Das hast du schmutzig gemacht! Und wer soll das jetzt sauber machen?«

»Ich habe die Schuhe doch eben ausgezogen, Papa«, sagt er, sich lässig ans Klavier lehnend.

Die Schuhe hat er ausgezogen, das ist wahr, aber der Schmutz ist geblieben!

Klug und ehrlich

Da der Wähler vollständig vernünftig ist und als solcher stets jene Fürsten und Könige wählen wird, welche die präzisesten Argumente vorlegen, gilt: Demokratie lebt von Debatte!

Zur demokratischen Debatte gehört, dass man sich auch jenen stellt, die anders als man selbst Lügner, Hetzer und Verweigerer der reinen Lehre sind.

Im November letzten Jahres begründete ein Mitglied der ältesten deutschen Partei in einer Fachzeitschrift für Politikwissenschaft, aus welchem Grund er mit den neuen Ungläubigen in den Ring steigt (also außer dem Grund, dass sein Gegenüber prominent war und er selbst weitgehend unbekannt).

Der kluge Politiker fragt:

Sollen Politiker der demokratischen Parteien mit der AfD diskutieren? (Simon Vaut (SPD), huffingtonpost.de, 13.11.2018)

Ich begrüße die klare Grenzziehung des Spitzenkandidaten der Brandenburger SPD für die Europawahl 2019. Die Partei von NetzDG, Medienbeteiligungen, Rent-a-Sozi, TeamGinaLisa, Vorratsdatenspeicherung und-so-weiter ist selbstverständlich »demokratisch« – und eine Partei, die das Recht-des-Empörteren hinterfragt, kann ebenso selbstverständlich nicht »demokratisch« sein. Um so mehr müssen wir begrüßen, dass sich Herr Laut herablässt, und erklärt:

Warum ich als überzeugter Demokrat mit Beatrix von Storch diskutiere (Simon Vaut (SPD), huffingtonpost.de, 13.11.2018)

Herr Vaut ist Mitbegründer des Thinktanks »Das Progressive Zentrum« (so progressives-zentrum.org, 6.11.2018), zu dessen Partnern mehrere Ministerien sich zählen dürfen, dazu ein reicher Strauß an Stiftungen – natürlich auch die Stiftung jenes Herrn, mit dem sich dieses stets lustige Six-Degrees-Spiel spielen lässt.

In der SPD-kritischen Publikation Vorwärts wird die so kluge wie ehrliche Strategie des Herrn Vaut ausführlich erklärt, von einem Herrn Papoulias (zu dem Zeitpunkt ein SPD-Mitarbeiter im Bundestag):

Streit und Debatte gehören zu einer Demokratie ohne Wenn und Aber dazu. Das gilt auch für abwegige Dummheiten und gezielte Lügen. Die rhetorischen Tricks der AfD müssen wir dekonstruieren, ihre Lügen aufdecken und ihr Gesellschaftsbild anfechten. (vorwaerts.de, 22.11.2018)

Der Artikel trägt den Titel »Streit mit der AfD für die offene Gesellschaft«. Es ist gut, dass die sogenannte »offene Gesellschaft« (lies: hohe Mauern für die Eliten, offene Grenzen für uns, den Pöbel) solche moralisch einwandfreien Fürstreiter hat wie Herrn Vaut von der SPD.

Doch, was müssen meine müden Augen da lesen?

Da wird doch glatt sowas geschrieben:

SPD-Europakandidat Simon Vaut ist ein Hochstapler (schreibt skb-tv.de, 25.3.2019)

Ein Text mit mehr Details dazu in der Bild, da lesen wir, unter anderem:

Der Brandenburger SPD-Spitzenkandidat für Europa, Simon Vaut, wollte sich nach Europa schummeln (…) Die Brandenburger SPD erlebt gerade einen Super-GAU: Ihr Spitzenkandidat für die Europawahl, Simon Vaut, gab sich als vor Ort verankerter Lokalpolitiker – in Wirklichkeit wohnt er aber in Berlin-Mitte. (…) Mit der Lebenslüge konfrontiert, gab Vaut zu, Teile seiner Biografie für den Wahlkampf erfunden zu haben … (bild.de, 26.3.2019)

So etwas aber auch! Herr Vaut, der sich zu urteilen anmaßt, wer demokratisch sei und wer nicht, der sich die klebrige Dreistigkeit anmaßt, das Gespräch mit Oppositionspolitikern als Herablassung zu inszenieren, dieser so auffällig gut vernetzte Herr (der nebenbei auch noch Beamter im Wirtschaftsministerium ist), dieser Herr soll ein Lügner sein?

Passgenau

Wer heute der Einheitsmeinung widerspricht, weil er schlicht anderer Meinung ist, hat es oft mit Gestalten zu tun, die alles sagen werden, was es braucht, um an der Macht zu bleiben.

Herr Vaut hat eine Beziehung erfunden, die ihn angeblich an Brandeburg gebunden hätte. Von einer »Freundin« war die Rede, und tatsächlich gab es wohl eine Bekannte, die er zum Landesparteitag mitnahm, und sie dann zu ihrer Überraschung bat, »ab und zu« seine Hand zu halten. Bei Tichys Einblick bringt es Olaf Opitz auf den Punkt:

Freundin ist ein weit gefasster Begriff. Er hat eine Bekannte arglistig getäuscht und die Partnerschaft regelrecht erfunden. (tichyseinblick.de, 27.3.2019)

Der SPD-Mann hat Teile seiner Biographie erfunden, er hat gelogen, weil es seiner Karriere nützlich war. Was sagt das über den Rest seiner Positionen, die passgenau jenen Positionen entsprachen, welche es braucht, um Partner und Förderer im Berlin der linken Einheitsmeinung zu finden?

Der Fehler des Herrn Vaut (oder des Herrn Relotius) besteht zuerst darin, sich bei der Lüge erwischen zu lassen. Es gibt weit dreistere und gefährlichere politische Unwahrheiten als eine erfundene Freundin in der Biographie, etwa »wir schaffen das« oder gewisse Variationen von »x hat nichts mit y zu tun« – sein Vergehen war, nicht zwischen »guten« und »schlechten« Lügen unterschieden zu haben.

Manchmal auch die Biographien

Die Fake-Biographie eines SPD-Politikers ist nicht die einzige linke Lüge, die diese Woche implodiert – gerade erst hörten wir das krachende In-Sich-Zusammenfallen der linken Russland-Verschwörungstheorie (siehe »Trump, der Mueller-Report … und wir«).

Das Problem bleibt: Wenn eine Lüge und ein Lügner entlarvt werden, bleibt viel von der Stimmung, welche diese Lüge und dieser Lügner erzeugt haben.

Ich mag meinen Sohn mit seinen schmutzigen Schuhen aus dem Wohnzimmer herausgetragen haben, doch der Schmutz blieb erst einmal da. Und, noch während ich den Schmutz entfernte, rollte sein Ball durchs Zimmer. So ist es mit den politischen Schrägwahrheiten: Man mag den Lügner entlarven, doch die emotionale Wirkung der Lüge bleibt – siehe die Relotius-Lüge über die Weiße-Rose-Überlebende, und was sie angeblich über deutsche Innenpolitik gesagt hatte. Während wir noch damit beschäftigt sind, die emotionalen Folgen linker Lügen bei unseren Nachbarn und Freunden abzufedern, werden die nächsten Lügen nachgeschoben.

In Berlin mag es an Bildung und Verstand fehlen, doch Meinungstagelöhner, die sagen werden, was man gerade sagen muss, solange sie damit an Posten, Geld oder eine warme Suppe kommen, von diesen finden sich in Berlin vier pro Cafétisch, und Cafés samt Tischen gibt es dort viele. Das linke Weltbild ist auf Lügen gebaut – und manchmal auch die Biographie.

Selbst wenn in diesen Tagen diverse linke Kartenhäuser vom kalten Luftzug der Realität umgepustet werden (siehe auch »Ein merkwürdiger Zeitpunkt in unserem Leben«), so sollten wir uns nicht allzu optimistischen Illusionen hingeben.

Die Taschen der Lügner sind tief, ihre Netzwerke reichen weit, und wenn einer fällt, stehen zehn aus dem Berliner Prekariat bereit, ihn zu ersetzen.

Es gilt, sich nicht kirre machen zu lassen. Was wahr ist bleibt wahr, und wenn man für eine Zeit der Einzige ist, der es sagt. Eine Lüge bleibt eine Lüge, selbst wenn sie tausendmal wiederholt wird.

Sagt, was wahr ist, egal was SPD, Staatsfunk oder Der Spiegel behaupten. – Hat die Lüge kurze Beine? Nun, zumindest hat sie krumme Beine. Früher oder später stolpert die Lüge. Wenn die Lüge vor statt nach den Wahlen stolpert, um so besser!

Uns bleibt nur, unser Bestes zu geben, um Lügen und Lügner gar nicht erst ins Haus zu lassen.

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