Butter auf Butter

Wer ein Hologramm zerschneidet, sagt man, der erhält kleinere Teile, derer jedes selbst wieder das große Bild zeigt, nur eben kleiner und schwächer.

Ähnlich ist es mit manchen Medienhäusern, ob in Deutschland oder in den USA: man kann in den Äußerungen der einzelnen schreibenden Rädchen das ganze große Bild erkennen – aber nicht immer, wie beim Hologramm, schwächer, sondern bei Gelegenheit durchaus schärfer, weil extra ehrlich.

In der letzten Woche schien die New York Times, die neben CNN wohl aggressivste mediale Freundin des Clinton-Clans, sich endlich ehrlich gemacht zu haben und ganz offen ins Kampagnen-Geschäft eingestiegen zu sein (twitter.com/archive.is).

Doch, ein anderer Tweet aus diesem Dunstkreis war noch bemerkenswerter, denn wie ein Hologramm-Fragment fasst er das ganze Verloren-Sein der linken Meinungsindustrie zusammen:

Nach 9/11 hat George W. Bush zu Toleranz aufgerufen. Heute stößt der Präsident der Vereinigten Staaten eine ganze Religion vor den Kopf.
twitter.com/archive.is (meine Übersetzung)

George W. Bush ist eigentlich dafür bekannt, dass er als Reaktion auf 9/11 noch im gleichen Jahr in Afghanistan einmarschierte und 2003 dann im Irak – ja, es wurde mindestens rhetorisch die Verbindung zu 9/11 gezogen. Unvergessen bleiben natürlich Colin Powells Ausführungen vor der UN zu »Massenvernichtungswaffen« im Irak.

Die Schätzungen für die Opfer des Irakkrieges reichen von etwa 100.000 bis über 1 Million Tote. Die heute als »ISIS« bekannte Terror-Organisation gab es zwar bereits vor 9/11, doch in ihrer heutigen Form ist sie ein Kind des Irak-Krieges, sagt selbst Tony Blair.

Das also, in sehr kurzen Worten, sind die tatsächlichen »Reaktionen« des George W. Bush auf 9/11. Ob man hundert oder hunderttausend Worte dazu schreibt – kein Satz und kein Buch können das Leid beschreiben, das die Reaktion des »W.« auf 9/11 in die islamische Welt gebracht hat.

Vergleichen Sie die Aussage der New-York-Times-Autorin: Sie sagt, W. habe mit »Toleranz« reagiert und erst Trump habe durch seine Tweets »eine ganze Religion« aufgebracht.

Auf den ersten Blick könnte man diese Einzel-Aussage als Ausrutscher einer Elfenbeinturm-Bewohnerin abtun, es ist ja die New York Times, und bei dieser scheinen in letzter Zeit die Begriffe – und einiges andere – sowieso durcheinander gefallen zu sein. Letztens erst ließ sie einen schwarzen Professor bezweifeln, ob er seinen Kindern erlauben sollte, mit weißen Kindern zu spielen.

In der Denkwelt solcher »Vordenker« zählen hunderttausende Tote moralisch weniger als ein paar Tweets. Die Schauspielerin Susan Sarandon hat Ärger von den üblichen Stellen bekommen, als sie jüngst eine vertretbare These aussprach: Hillary Clinton hätte bereits einen Krieg begonnen, wenn sie die Wahl gewonnen hätte. Und ja, einige ihrer Angreifer »argumentierten« mit den Trumpschen Grapschtapes. Was ist schon ein Krieg, gekämpft von den Söhnen armer Leute, im Vergleich zum Horror flapsiger Sprüche? (Sarandon selbst hat allerdings Jill Stein gewählt, die Kandidatin der US-Grünen.)

Die Vordenker »hüben wie drüben« sind moralisch verwirrt. Es gilt ja fast, dass im Zweifelsfall stets das Gegenteil ihres Urteils anständig zu nennen ist. Diese selbsterhobene Elite scheint buchstäblich bereit, Menschenleben für ihre Ideologie zu opfern – teils sogar die eigenen. Wir erleben bei Vordenkern eine Geisteshaltung, die wir meinten, nur noch in Geschichtsbüchern und bei ISIS zu finden. (Wen überrascht es da, dass jüngst in Berlin Terroristen als Märtyrer präsentiert wurden?)

Der Feind meines Feindes ist mein Preisträger

In der vergangenen Woche ist – neben der Ehrlichmachung als publizistischer Arm der US-Demokraten und einigen weiteren Belegen vollständiger moralischer Verwirrung ihrer Angestellten – noch etwas passiert in Bezug auf die New York Times.

Im Russischen gibt es die Redensart, »Butter auf Butter schmieren«. Man möchte ja sagen, das, was passiert war, sei Futter für Verschwörungstheoretiker, doch kann es Verschwörung sein, wenn es in aller Öffentlichkeit passiert – und in seiner absurden Verstandesverachtung uns fast (aber nur fast) sprachlos zurücklässt?

Die deutsche Wochenzeitung Die Zeit hat der New York Times den Marion—Dönhoff-Preis verliehen, ein Preis für jene, die sich um »internationale Verständigung« verdient gemacht haben. Die Zeit ist bekannt dafür, einerseits noch immer ein paar sehr kluge Köpfe schreiben zu lassen – andererseits auch dafür, schon mal mit dem Ex-Stasi-Projekt »Amadeu Antonio Stiftung« kooperiert zu haben oder etwa dem Menschenhass des Jan Böhmermann zu huldigen, also meines Erachtens auf diese Weise direkt am Gewebe demokratischen Zusammenhalts zu schnippeln. Wenn also Die Zeit einen Preis vergibt, hat er damit bereits einen bestimmten Grundakkord.

Die Absurditäten bei diesem Ereignis sind aber, um im Russischen Sprachbild zu bleiben, eine Buttertorte mit Butter in der Mitte und doppelt Extrabutter obendrauf.

Die New York Times war im Wahlkampf gefühlt aggressiver auf Hillary Clintons Seite als Hillary Clinton selbst, im Kampf gegen Bernie Sanders und im Kampf gegen Trump sowieso – bis heute. Ihre Voraussagen zu Hillary Clintons angeblich übergroßen Wahlchancen, bis zum bitteren Ende, hatten etwas von Meldungen aus dem Führerbunker.

Für den Leser erscheint die New York Times wie mit Die Zeit befreundet. Die Zeit veröffentlicht Artikel der New York Times, Die Zeit-Journalisten kommentieren in der New York Times das deutsche Geschehen.

Und nun verleiht eben Die Zeit einen Preis an die New York Times.

Sie könnten nun denken, mehr Haltungs-Inzest sei gar nicht denkbar, doch Sie würden irren.

Die Rolle des Deutschen Bundespräsidenten spielt derzeit, falls es Ihnen entfallen ist, ganz offiziell ein Herr Steinmeier. Dieser Herr Steinmeier war unter anderem in den Schlagzeilen, als er – noch vor seiner »Wahl« – Herrn Donald J. Trump als »Hassprediger« beleidigte, mindestens von der Berliner SPD dann ganz gezielt als SPD-Bundespräsident vorgestellt wurde und augenscheinlich auch als Bundespräsident nicht ganz aus dem Wahlkampf-Modus herauskommt.

Wenn nun eine Publikation, die böse Zungen als »Parteiblatt der Grünen« bezeichnen könnten, dem Hausblatt der US-Demokraten einen Preis gibt, ist das selbst schon fette Butter. Wenn ausgerechnet Steinmeier diesen Preis verleiht, ist das definitiv »Butter auf Butter«! Wenn Steinmeier die New York Times als »Leuchtturm der Vernunft in einem Zeitalter grassierender Unvernunft« bezeichnet, ist das – verzeihen Sie die schräge Metapher – eine zum Weinen lustige Butterbutter.

Aber halt, das war noch nicht alles! Es ist wird noch butteriger.

Am selben Abend wurde auch »Pulse of Europe« geehrt, eine der vielen Gruppen von »Aktivisten«, die von wem auch immer als Meinungsphalanx um die EU gestellt zu werden scheinen. Jüngst wurden Pulse of Europe von George Soros explizit gelobt – und jetzt eben auch von Die Zeit. Die geschmackliche Einordnung dieser weiteren Butterschicht überlasse ich Ihnen selbst.

Allerdringendst

Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir – als Individuen, als Bürger und als Gesellschaft – zu ethischen Urteilen kommen. Wir erleben allabendlich ein Feuerwerk der ethischen Verwirrung unserer »Eliten«. Es wird nicht genügen, der Verwirrung der Eliten ein »Bauchgefühl« entgegenzusetzen. Wir müssen strukturiert vorgehen.

Mein Vorschlag im Kampf gegen moralische Verwirrung heißt übrigens »Relevante Strukturen« – mein neues Buch.


Wie ich denke

Relevante Strukturen

Wenn dieser Text Ihnen zugesagt hat, möchten Sie unbedingt mein neues Buch lesen: Relevante Strukturen


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