19.3.2019

Das fiese Gefühl, betrogen worden zu sein

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Bild von Jan Tinneberg
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Gutmenschen so aggressiv reagieren, wenn man sie auf Widersprüche hinweist? Diese Leute fürchten das schmerzhafte Gefühl, betrogen worden zu sein – also greifen sie den Überbringer der Nachricht an.
Das fiese Gefühl, betrogen worden zu sein
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Es war einmal ein Gefangener. Eines Tages kam ein anderer Häftling in seine Zelle, und erklärte laut: »Das Gefängnis ist ein Betrug! Die Türen sind alle offen, wir sind frei zu gehen! Die Wärter tun nur, als ob wir eingeschlossen wären!«

»Was schwätzt du für dummes Zeug!«, rief der Gefangene, sprang auf und schluf auf den ein, der ihm einen Weg aus dem Gefängnis hatte zeigen wollen. Wie Kain über Abel stand, so stand der Schlagende über dem Geschlagenen, und er sagte: »Du wirst keine Verschwörungstheorien mehr verbreiten!«

Der Gefangene beförderte den Ketzer vor die Tür, spuckte »Verräter raus!« hinterher, dann schloss er seine Zellentür wieder, von innen.

Er setzte sich auf seine Pritsche und schüttelte die Faust gen Zellenfenster: »Und du, Schreiber dieser Geschichte, hüte dich, weiterhin so frech bei Platon zu stehlen!«

Selbst wenn eine Narbe bleibt

Was schmerzt mehr noch als der Finger in der Stahltür, wenn diese ins Schloss fällt? Was zieht ärger als ein abgebrochener Zahn? Was brennt schärfer als Chilisoße im Auge?

Zu ahnen, dass man betrogen wurde, das schmerzt mehr als ein Papierschnitt zwischen den Fingern, und der schmerzt schon sehr. Die Wunde im Fleisch verheilt, wenn man gesund ist; doch das Gefühl, betrogen worden zu sein, das kann ein Leben lang brennen, und wenn es erlischt, dann kann es wieder aufflammen, noch in der nächsten und übernächsten Generation.

Veranlassung eines Irrthums

Das »Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten« von 1794 definiert den (strafbaren) Betrug so:

Jede vorsätzliche Veranlassung eines Irrthums, wodurch jemand an seinem Rechte gekränkt werden soll, ist ein strafbarer Betrug. (§1256, via opinioiuris.de)

Das Verständnis eines Begriffs wird gelegentlich verschlechtert statt verbessert, wenn man die juristische Wort-Begriff-Kombination als alltägliche nimmt (man betrachte etwa Eigentümer, glaubhaft/glaubwürdig oder den Verdacht) – genauso gut könnte man oft die zur Schraube passende Mutter fragen, wie viele Kinder sie hat. — Beim Betrug jedoch scheint es mir vertretbar, sich von jener alten Juristendefinition inspirieren zu lassen und eine eigene Arbeitsdefinition vorzulegen.

Die alte Juristendefinition (und wohl auch neuere) scheinen stets eine Absicht zu fordern, damit es Betrug ist, doch ich versuche hier herauszuarbeiten, wie wir Bürger und Wähler tatsächlich denken (oder was wir so fürs Denken halten, sprich: was sich als Betrug anfühlt).

Wir fragen:

Wann fühlen wir uns betrogen?

Unsere Arbeitshypothese für diesen Text sei:

Ein Mensch fühlt sich betrogen, wenn er zu einem Irrtum verleitet wurde, in dessen Folge (etwa durch sein Handeln oder Nichthandeln) ihm handfeste Nachteile entstehen.

Es macht für das Betrogen-Werden-Gefühl nicht immer einen Unterschied (oder den entscheidenden Unterschied), ob derjenige, der dem Opfer die falschen Informationen gab, dies absichtlich tat.

Im Text »Darf man über „Lügen“ reden?« (2017) habe ich argumentiert, dass auch ein gesamtes System lügen kann, ohne dass ein einzelner Mensch wirklich mit Absicht die Unwahrheit sagt. (Beispiel: Eine Redaktion, in der alle Journalisten die natürliche Neigung haben, zugunsten derselben politischen Richtung zu irren, kann lügend genannt werden, ohne dass ein einzelner Akteur bewusst die Unwahrheit sagt. Es ist gar nicht notwendig, dass ein Fälscher im System entdeckt wird, damit das ganze System lügend genannt werden kann — wobei aufgedeckte Fälscher natürlich nicht »helfen«.)

Wenn ein Bürger sagt: »Ich wurde betrogen!«, meint er oft: »Ich fühle mich betrogen!« (Und so meinen wir es auch im Folgenden.)

Wenn ein Bürger sich betrogen fühlt, dann ist es wahrscheinlich, dass er aufgrund von falschen oder einseitig gewichteten Informationen handelte (oder Handlungen zu- bzw. unterließ, was ja auch eine Art des Handelns ist). Hätte der Mensch, der sich betrogen fühlt, bessere Informationen zur Verfügung gehabt, hätte er anders gehandelt, so aber handelte der sich betrogen Fühlende zu seinem Nachteil.

Gründe, sich betrogen zu fühlen

Haben wir denn Gründe, uns betrogen zu fühlen? — Um die Frage genauer beantworten zu können, fragen wir zurück: Was sind denn die Top-Themen, welche die Welt heute bewegen? Wenn ich Migrationskrise, Islam, Umwelt und EU sagte, würden mir gewiss Vertreter der wichtigsten politischen Lager zustimmen; die Themen mögen unterschiedlich bewertet und gewichtet werden, dass sie zu den Top-Themen in Berichterstattung und öffentlichem Bewusstsein gehören, darin werden auch politische Gegner übereinstimmen. (Ob diese Themen auch wirklich die für die Zukunft entscheidendsten sind, das ist wieder eine andere Frage! — Werden unsere Enkel und Urenkel sich in hundert Jahren noch mit der Frage nach »modernem Islam« oder dem EU-Exit von EU-Nettozahlern beschäftigen? Wenn sogenannte Künstliche Intelligenz nicht nur den Verkehr steuert, sondern auch Regierungsentscheidungen, Gesundheitsversorgung und den »optimalen« Tagesablauf der Bürger, dann grübeln die Menschen vermutlich mehr über die Frage, wofür zum Kuckuck es ihrer bedarf (es ist zu erwarten, dass die Maschinen auch da eine befriedigende Antwort finden). – Doch, heute ist heute, und heute diskutieren wir kurzsichtigen Geschichtsmaulwürfe eben die Themen von heute.

Utrecht

Ich war gestern drei Stunden offline. Ich weiß, »offline« klingt ja heutzutage fast wie Krankheit! — Als ich wieder ins Netz ging, da sah ich auf Twitter jenen bekannten Anblick, der Globalisierungsphoben den bekannten Nicht-schon-wieder-Schauder über den Rücken jagt: Ein Stadtname mit einem Hashtag davor. Diesmal: #Utrecht.

Nach aktuellem Informationstand (siehe etwa bild.de, 19.3.2019, gegen Mittag) hat ein in der Türkei geborener junger Mann drei Menschen niedergeschossen und einen Brief hinterlassen, der irgendwas Politisches sagte. Die Opfer waren eine 19-Jährige aus dem Utrechter Vorort Vianen, sowie zwei weitere Männer, 28 und 49 Jahre alt, dazu weitere Schwerverletzte. Lebensträume, Lebenspläne, ausgelöscht, weil Gökmen T. ein Zeichen setzen wollte.

Utrechter werden auf absehbare Zeit nicht ganz so unbeschwert in eine Straßenbahn steigen.

Im Internet wurde spekuliert, dass der junge Türke rasend wurde, als Merkels Flüchtlingspakt-Partner bei einer Wahlkampfveranstaltung das Video des Mörders von Christchurch zeigte und instrumentalisierte (siehe etwa nzz.ch, 18.3.2019). Wenn das stimmt, wäre das Kalkül jenes Attentäters aufgegangen: Er wollte die westliche Gesellschaft spalten, Linke und Islamisten springen über sein Stöckchen und vollenden sein Werk, jeder auf seine Weise (siehe auch »Das Attentat von Christchurch – und das Manifest«).

Die Utrechter, das wird nun betont, sind tolerant, multikulturell und was man sonst noch heute zu sein hat. Und doch werden sie ab sofort etwas zögern, wenn die Frage ansteht, ab sie das Auto oder die Straßenbahn nehmen. Einige Utrechter werden sich betrogen fühlen, und sich fragen: Was kommt noch?

Was mitgebracht wurde

Mancher Bürger, auch und besonders in Deutschland, hat die Verlautbarungen der politisch-medialen Klasse geglaubt – schon lange vor 2015 – doch er sieht die Realität vor Ort, bei sich in der Straße. Berlin versucht(e) mit rhetorischen Tricks (»Einzelfälle«, »nur regionale Bedeutung«) dem Bürger einzureden, dass seine Wahrnehmung eine Ausnahme sei, ein Irrtum gewissermaßen.

Die Migrationskrise ist aus einem einzigen, einfachen Grund eine Krise: Ein nicht unerheblicher Teil der Migrierenden stammt aus Kulturkreisen, in denen Ideologie und archaische Traditionen eine größere Rolle spielen als etwa Bildung, Arbeitsdisziplin, Aufklärung und freiheitliches Miteinander — zumindest im Vergleich zu den jeweiligen Werten im Westen.

Dem Bürger wird gesagt, mit genug Weltoffenheit und Toleranz sei das alles zu überwinden, und dann sieht er, dass das so nicht stimmt – und er fühlt sich betrogen.

Es ist ja nicht nur Migration

Der junge Mann von Utrecht kam aus der Türkei, nicht aus Nordafrika. Weiß man das noch zu unterscheiden? Man fühlt sich so oft betrogen worden zu sein, dass man auch die Unterscheidung für einen Betrug hält.

Anfangs versuchen einige Journalisten noch, es als mögliche »Beziehungstat« kleinzureden. Was für ein Zynismus! Der Bürger hört das alles. Er hört, wie sie mal so sorgfältig unterscheiden wie Aschenputtels Tauben, und mal alles in einen Topf werfen, wie es linkem Narrativ gerade passt – und der Bürger fühlt sich betrogen.

Es sind ja wahrlich nicht nur die Migrations- und Multikultilügen, die dem Bürger das Gefühl geben, betrogen worden zu sein — und täglich aufs Neue betrogen zu werden!

Spiegel-Leser fühlen sich seit dem Relotius-Skandal auch ein wenig betrogen (andere fühlen sich bestätigt). Der Ruf »Lügenpresse« ist ein Schmerzensschrei jener, die sich betrogen fühlen von Haltungsjournalisten, die an den Quellen der Informationen sitzen und doch nur gefärbtes Wasser durchreichen.

Die Oberbürgermeisterin von Chemnitz fürchtet im Prozess um den Tod von Daniel H. einen möglichen Freispruch für den Angeklagten, wird berichtet. »Dann würde es schwierig für Chemnitz«, sagte sie (siehe welt.de, 17.3.2019). – Wir können deuten: Die Bürger würden sich um Gerechtigkeit betrogen fühlen; betrogen zu werden ist ein schmerzhaftes Gefühl, und dieses Gefühl könnte sich Kanäle suchen.

Auch beim sogenannten »Umweltschutz« wachsen Zweifel: Wer dem linksgrünen Narrativ glaubte, man müsse Landschaften mit riesigen rotierenden Metallgestellen verschandeln, um die Umwelt zu retten, der könnte allmählich das Gefühl bekommen, betrogen worden zu sein; jeden Tag sterben nicht nur Vögel, sondern auch Milliarden von Insekten durch die Rotorblätter der Windräder; Wissenschaftler fragen inzwischen, ob die geschätzt über tausend Tonnen toter Insekten jährlich nicht doch einen problematischen Eingriff in die Umwelt darstellen (siehe welt.de, 18.3.2019). Wem der Schutz der Umwelt am Herzen liegt (und nicht nur die Mitläufer-Freude daran, zu fordern, was zu fordern gerade Mode ist), der bekommt das Gefühl, von Linksgrün betrogen worden zu sein.

Die euch die Wahrheit sagten

Wenn Sie einem Bürger, der dem Fernsehen (und der Kanzlerin) glaubt, eine kritische Frage stellen, kann es passieren, dass dieser brutal zurückschlägt, dass er Sie sogar zu vernichten sucht, beruflich oder sozial. Warum ist das so?

Gutmenschen fürchten das Gefühl, betrogen worden zu sein, und offensichtlich sehen sie Gründe, dass dieses Gefühl eintreten könnte. Das Weltbild der Linken ist auf Lügen gebaut, und ihre Lügen müssen gegen den Ansturm der Fakten verteidigt werden.

So wie das Krisenpotential der Migrationskrise einen einfachen (aber sehr schwer zu lösenden) Grund hat (Migranten bringen eine Ursache ihrer Probleme mit), so hat auch der Riss zwischen Gehorsamen (Linken) und Ungehorsamen (»Rechten«) eine einfache, aber schwer zu knackende Ursache: Der Betrogene fürchtet es, sich selbst einzugestehen, dass er betrogen wurde, völlig richtig befürchtend, dass das Eingeständnis schmerzen würde.

Wie ein Junkie, der sich das Heroin irgendwann nicht deshalb spritzt, weil es Freude bereitet, sondern weil er die Schmerzen des Entzugs fürchtet, so kämpft der Gutmensch in heiligem Zorn gegen den, der ihm aufzeigt, dass, und wie er möglicherweise betrogen wurde. Der Gutmensch kämpft heute nicht mehr, weil er das »Wir schaffen das« glaubt, sondern weil er das Eingeständnis fürchtet, sich selbst betrogen zu haben.

Die Propagandisten rufen ihren Opfern zu: »Ihr fühlt euch betrogen und seid wütend? Wer brachte euch denn dieses schmerzhafte Gefühl? Es waren die ›Rechten‹! Wenn ihr den Schmerz des Betrogenwordenseins loswerden wollt, schließt euch dem ›Kampf gegen Rechts‹ an!«

Der »Kampf gegen Rechts« ist im Kern ein Kampf gegen das Gefühl, von den eigenen Leuten betrogen worden zu sein. Gutmenschen fürchten das Eingeständnis, dass sie sich eigentlich betrogen fühlen, so sehr, dass sie buchstäblich eher bereit sind, ihre Familie und ihre Freunde zu verraten. Manche derer, die sich »gut« nennen, sind sogar bereit, sich und ihre eigenen Kinder in Gefahr zu bringen, bloß um sich nicht einzugestehen, dass sie sich eigentlich betrogen fühlen.

Ein Mensch, der Schmerzen fürchtet, ist gefährlich. Es ist ein guter Rat, nicht derjenige zu sein, der dem Gutmenschen das Gefühl nahebringt, dass er betrogen wurde.

Der Gutmensch sitzt in der Zelle des Sich-nicht-eingestehen-Wollens. Die Haltungswärter sagen ihm, dass er eingesperrt ist, also glaubt er ihnen.

Wir können es ja versuchen, den Gutmenschen aus seinem selbstgezimmerten Gefängnis zu befreien – solange es ohne Gefahr für uns selbst möglich ist. Manchmal gelingt es sogar! – Aber: Ich habe Verständnis für alle, die »strategisch den Mund halten«.

Wir sind nicht dazu verpflichtet, uns in Gefahr zu bringen, indem wir den Gutmenschen von seinem Selbstbetrug zu befreien versuchen — doch wir sind auch nicht verpflichtet, uns mit ihm in seiner Zelle einzusperren.

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