25.10.2019

Vorne Schminke, anderswo nicht so hübsch

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Anna Kolosyuk
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Berliner Schulen werden zu Krisenzonen, Lehrer verzweifeln, aber für das Wegwerfen einer Kippe soll es bis zu 120€ Bußgeld geben. – 1.: Lächerlich. 2.: Ob das Clanmitglied und der Rentner mit der gleichen Härte für die verlorene Kippe bestraft werden?!
Vorne Schminke, anderswo nicht so hübsch
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Wer in einer großen Stadt lebt, wo das Licht heller und die Schatten dunkler sind, der kennt auch die Gestrauchelten, die mit Einkaufswagen durch die Straßen schlurfen. Oft gebückt, nicht immer ganz Herr ihrer Sinne.

Betrachten wir das Beispiel einer Frau, einer Gestrauchelten, die ihren Haushalt durch die Stadt schob, und immer wieder anhielt, um ihre Augen zu schminken, ausgerechnet ihre Augen. Sie hielt einen kleinen Spiegel und irgendwoher hatte sie Schminke, einen Kajalstift, türkisblauen Lidschatten. Über den Drahtwagen mit ihren Plastiktüten gebeugt malte sie ihre Augen an, wieder und wieder.

Das restliche Erscheinungsbild dieser Frau war weit weniger gepflegt als ihre Augen. Ihre Augen mochten hübsch geschminkt sein, sie blickten dennoch traurig drein. Der Kontrast zwischen den bunt geschminkten Augen und dem verwahrlosten Rest, ihrer schäbigen Kleidung, ihren schmutzigen Fingern, ihren verfilzten Haaren, dieser Kontrast ließ das gesamte Erscheinungsbild eher noch verstörender aussehen.

Zum Spätkauf schlurfend

Eine Lehrerin berichtet aus einer Berliner Schule:

Sie erzählt von Kindern im Grundschulalter, die ihren Klassenkameraden Löcher in die Klamotten schneiden, Haare ausreißen, mit Fäusten und Stöcken aufeinander einprügeln, die sich bedrohen und auf das Übelste beschimpfen mit Ausdrücken, die so ordinär sind, dass sie nirgendwo hingehören, auf keinen Fall jedoch auf den Schulhof. „Ich töte ihn. Ich schneide ihn auseinander“ bedrohte einmal ein Elfjähriger einen Mitschüler.
(
focus.de, 25.10.2019)

Die Lehrerin, die an der Berliner Spreewald-Grundschule lehrte, aber schließlich hinwarf, notiert »unzureichende Kompetenz mancher Kollegen« und immer wieder den Mangel an politischer Unterstützung. Berlin wird von SPD, Grünen und der umbenannten SED regiert. Was tun diese Leute also den lieben Tag lang? Tun die denn gar nichts (außer »Zeichen setzen« und »Haltung beweisen«)? Nun…

Der Berliner Senat hat einen neuen Bußgeldkatalog verabschiedet! Juchu!

Für eine fallengelassene Zigarettenkippe oder ein Kaugummi soll ein Verwarnungsgeld in Höhe von 55 Euro bzw. ein Bußgeld in Höhe von 80 bis 120 Euro verhängt werden.
(
bild.de, 25.10.2019)

Schulen werden zu Krisenzonen, an denen bald nur noch die Security-Muskelberge verstehen, welche Morddrohungen die Schüler einander zurufen, bevor sie zuschlagen – aber wenigstens gibt es jetzt Bußgelder, wenn jemand eine Kippe wegwirft! (Ich habe keinen Zweifel, dass das Clanmitglied in Begleitung seiner Kollegen genauso fürs Wegwerfen einer Kippe auf der Stelle bestraft wird wie der zum Spätkauf schlurfende deutsche Rentner, der beim Fallenlassen seiner Selbstgedrehten erwischt wird – das Recht gilt ja für alle gleich.)

Man könnte ja fragen, ob das Bestrafen weggeworfener Zigarettenstummel mit der in New York erfolgreich angewandten »Broken-Windows-Theorie« (siehe Wikipedia) korrespondiert. Die Logik wäre in etwa, dass man schon kleine Beschädigungen im Rahmen einer »Nulltoleranzstrategie« rigoros ahndet, bevor zerstörerische, kriminelle Trends daraus werden. (Eine Strategie, die als biblische Weisheit in Hohelied 12:15 eine Entsprechung findet: »Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben…«) – Ich will es mal so sagen: Wir reden von der Stadt, wo man sich mit Drogendealern zum Fußballspielen trifft (siehe »Deutschland spielt Topfschlagen«). Die Ideen »Nulltoleranzstrategie«, »Weisheit«  und »Berlin« in einem gemeinsamen Satz klingen wie die absurde Prämisse eines jener Witze, die mit »Kommt ein Pferd in die Bar« beginnen. Ach nein, es ist Schminke, rot-rot-grüne Schminke.

Tiegeln und Tuben

Schminke ist dafür da, Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit zu signalisieren – diese Signale sind, was wir bei Menschen, Tieren und Pflanzen gleichermaßen »Attraktivität« nennen. Ja, auch bei Pflanzen: Ein Blumenstrauß ist ein Arrangement abgeschnittener Geschlechtsorgane der Pflanzen. Schminke signalisiert: »Mit mir ist alles in Ordnung!« – Berlin hat jetzt Bußgelder, welche die Funktion von Schminke erfüllen.

Schminke kommt nicht nur in Tiegeln und Tuben daher. Der Schritt von der färbenden Schminke zur Metapher ist schnell getan. Es gibt auch Schminke in der Sprache. Wenn Menschen über die Gesellschaft reden, bestehen gewisse Kräfte darauf, die realen Probleme mit Schminke zu übertönen. Wir kennen die Schminke über der gesellschaftlichen Realität als »politische Korrektheit«. »Ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber«, ruft Jesus den Gutmenschen und politisch Korrekten entgegen (Matthäus 23:27), »die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!«

Es stünde zu vermuten, dass auch manche Regierung gern in den Schminktopf greift. Wir lesen bald täglich, wie im besten Deutschland aller Zeiten hunderte und tausende von Arbeitsplätzen abgebaut werden (aktuell etwa: »Jobabbau geht weiter: Bosch streicht weitere 1000 Stellen in Deutschland«, focus.de, 24.20.2019). Wenn man den Kommunisten einmal Glauben schenken will, sind die Zahlen der Bundesregierung zur Arbeitslosigkeit ein wenig geschminkt (meine Wortwahl). »Schlechte Meldungen kann die Bundesregierung nicht gebrauchen. Deshalb bleibt sie dabei, die Arbeitslosenzahlen schönzurechnen.« (die-linke.de, 09/2019)

Ja, wir erleben manchen Farbton politischer Schminke, von den als »politische Korrektheit« bekannten Lügen zur sozialen Realität bis hin zu Tricksereien bei den Arbeitslosenzahlen.

Deshalb schminkt er sich ja!

Wie begegnet man einem Menschen, der sich zu viel Schminke auf eine Stelle aufträgt, während er den Rest komplett verkommen lässt. Wie begegnen wir der Gescheiterten, die sich zu viel Schminke um die Augen aufträgt, über den Einkaufswagen mit ihren Plastiktüten und Habseligkeiten gebeugt?

Wenn ein Mensch seine übergroßen Probleme nicht wahrhaben will, während er sie mit absurder Detailtreue zu überschminken versucht, dann wird unser Hinweis wenig helfen – und das gilt für eine Stadt und ein Land so ähnlich! 

Man muss den sich verzweifelt Schminkenden nicht darauf hinweisen, dass woanders in seinem Leben viel wichtigere Dinge nicht stimmen – man würde ihn verletzen. In der Tiefe seiner Seele weiß er es, er tut nur sein Bestes, so wenig das auch sein mag, um sein wahres Leid zu verdrängen – deshalb schminkt er sich ja!

Da müsst ihr lügen

Es wäre ein grober Fehler, einem sich schminkenden Verrückten die Schminke aus der Hand zu nehmen. Was sollte auch das Ziel sein?

Nein, lasst den schminkenden Verrückten ihre Schminken, aber schützt euch vor ihnen. Seid höflich zu ihnen, wie auch fremde Politiker höflich zu Berlin und Deutschland sind, aber schützt euch vor ihren Taten, so wie die Nationen sich wieder vor Deutschland zu schützen beginnen. Seid höflich, doch glaubt deren Theater nicht, handelt nicht, als ob es wahr wäre.

Vor allem aber: Achtet darauf, nicht selbst zu schminken – metaphorisch gesprochen – um die großen Probleme zu übertünchen, und dann auch noch zu glauben, was ihr im Spiegel seht. Belügt euch niemals selbst.

Seid nicht wie das Deutschland von Staatsfunk und Haltungsjournalisten, seid nicht wie Berlin. Es mag Situationen geben, da müsst ihr mal die Unwahrheit sagen (etwa wenn ihr euren Job noch braucht, und sie euch fragen, auch wenn sie es nicht dürfen, welche Partei ihr wählt). Es mag Situationen geben, da müsst ihr lügen, um euch und eure Familie vor der Gewalt der Guten zu schützen, doch fallt nicht in die Falle, die notwendigen Lügen auch selbst zu glauben.

Zu euch selbst seid allezeit ehrlich. Wenigstens ihr selbst solltet jederzeit wissen, wie euer Gesicht ohne Schminke aussieht.

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