Ein Land wird ausgewrungen

21. November 2018, von Dushan Wegner; Bild von Annie Spratt
Yey, mehr Rentner zahlen Steuern! Yey, Krankenhäuser arbeiten am Limit! Yey, Studenten dürfen selbst dann nicht in Asylheimen wohnen, wenn diese leerstehen! – Die da oben reden von Moral, doch es klingt wie »auswringen, bis nix mehr geht«.
Ein Land wird ausgewrungen
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Wir sind Archäologen. Der Staub der Jahrhunderte und ihrer Kriege sammelt sich in unseren Lungen. Es gilt, die kleinen Schätze der Aufklärung auszugraben; die Kunst des klaren Gedankens liegt verschüttet unterm Schutt und Abfall der Ablenkung, der anlasslosen Zufriedenheit, des linksgrünen Kults selbstgerechter Dummheit.

Ein kleines Juwel, ein Steinchen der Weisen wenn Sie so wollen, gehörte, so hört man, zum feinsten Gedankengut, von dem die Menschheit je gehört hatte. Es ist unerhört, ja, es gehört sich schlicht nicht, dass man heute so wenig davon hört! Ich rede von einem Eckstein des präzisen Denkens, der da ist: die Hypothese!

X durch Y beschrieben

Bevor die Hypothese war, war das Dogma.

Das Dogma trompetet: »X ist Y – keine Debatte, Ungläubiger!«

Die Hypothese ist eine höfliche Einladung, ihrer Begrenztheit bewusst: »Lasst uns für den Augenblick annehmen, dass X durch Y beschrieben ist – bis wir eine zuverlässigere Erklärung haben!«

Wo die Hypothese herrscht, wo sie Hypothese sein darf und wir alle ihre Prüfer, da herrscht Fortschritt, da kann Weisheit wachsen.

Wo das Dogma herrscht, wo das Dogma die Vernunft knebelt, da werden alle Menschen zu seinen Sklaven, zuletzt auch jene verlorenen Seelen, welche das Dogma in die Welt setzten.

Möglicherweise falsch

Der aufgeklärte Mensch betrachtet jede Aussage und jede Annahme als vorläufige Annahme, als möglicherweise falsch, oder, kurz: als Hypothese.

Was Mensch ist, ist fehlbar, und am meisten jene, welche meinen, sie seien es nicht. Eine meiner Denkregeln lautet: Ich wäre lieber eine Meile entfernt, und wüsste es, als nur zwei Schritt entfernt, doch in der Illusion lebend, ich sei schon da. Wir sind nie »schon da«, wir versuchen stets, so nah wie möglich zu kommen. Selbst die Klügsten von uns beschreiten allzu oft einen Weg zur Wahrheit, der mehr dem Bordsteinparkour des Schnapstrinkers ähnelt als dem geraden Pfeil, den wohlmeinende Hagiographen ihrer Erkenntnis im Nachhinein bescheinigen.

Unsere Hypothese

Auf denn, überlassen wir die absolute Sicherheit den verlässlich unsicheren Kandidaten, und wagen wir – ganz hypothetisch! – eine Hypothese, die dem Glaubenssatz gegenübersteht.

Das Dogma (und zugleich eine Anti-These zur anstehenden Hypo-These) wäre: Die Mächtigen handeln stets zum Wohle Volkes.

Nun, eine rein theoretische, wild kontrafaktische Hypothese könnte in etwa in den Debattenraum stellen, dass Deutschland samt der alten Bürgerschaft von seiner Regierung aufgegeben wurde, und nur noch auf Verschleiß gefahren wird, so lange sich noch etwas herausholen und umverteilen lässt.

Be- und Hinweise

Wenn der Laie hört, dies oder jenes sei eine »Hypothese«, könnte er einem von zwei Irrtümern unterliegen (oder beiden, klar).

Erstens: Man könnte meinen, eine »Hypothese« sei weniger »wert« als ein Fakt – doch das ist nicht per se richtig. Eine Hypothese, am besten als Teil einer Theorie, ist unsere genaueste Art und Weise, die Fakten der Welt zu beschreiben. Die jeweils bestgeprüfte Hypothese ist so nah, wie wir den Fakten da draußen in der Welt kommen.

Zweitens: Man könnte meinen, dass Hypothesen oder Theorien (also: aus Hypothesen bestehende Modelle der Realität) »bewiesen« werden können, doch dem ist nicht ganz so. Nur in rein abstrakten Denkgebäuden werden Hypothesen bewiesen, etwa indem man zeigt, dass die Annahme des Gegenteils einem allgemein anerkannten Postulat widerspricht. In Beschreibungen der Welt jedoch sind Hypothesen immer nur vorläufig – bis sich eine bessere Hypothese findet.

Eine Hypothese wird durch Beobachtungen gestützt, oder sie wird eben nicht gestützt. Eine Hypothese passt zu anderen bewährten Hypothesen und verbindet sich mit diesen zur Theorie, oder sie passt eben nicht.

Was zu prüfen ist

Betrachten wir, ganz im Geist von Wissenschaft und Aufklärung, die These, dass die deutsche Regierung ihr Volk aufgegeben hat und nur noch auf Verschleiß fährt, bis – metaphorisch gesprochen – das Benzin alle ist, der Motor runtergerockt und auch der letzte Riemen in Fetzen gerissen ist.

Die Gegenthese wäre wohlgemerkt das alte Dogma, wonach die Regierung zum Wohl ihres Volkes handelt – vergleichen Sie also selbst!

Die denkbar simple Frage, die wir prüfen wollen: Wird die Hypothese, wonach die deutsche Regierung das Land auf Verschleiß fährt, bis es aufgebraucht ist, von den vorliegenden Beobachtungen gestützt oder widerlegt?

Wenigstens die Brosamen

Eine ethische Frage (nicht nur für die Leser der Relevanten Strukturen): Wem gegenüber bin ich stärker ethisch verpflichtet: Meinem eigenen Kind oder einem Fremden vom anderen Ende der Welt? Und, ähnlich: Der Zukunft meiner Familie, oder wieder dem Komfort von Fremden?

Zum konkreten Fall: Seit Jahren bitten Studentenwerke darum, endlich mehr Wohnraum für Studenten zu bauen – die Politik des einstigen Bildungslandes Deutschland ignoriert sie weitgehend, natürlich auch im Rot-Rot-Grünen Berlin. Tausende Erstsemester warten auf einen Wohnheimplatz. Sollte ein Volk, das eine Zukunft haben möchte, nicht allergrößtes Interesse daran haben, seiner jungen Generation ein halbwegs würdiges Studium zu ermöglichen? Ja – außer wenn die Bundes- und Landesregierungen das Land auf Verschleiß fahren.

Während für Studenten notwendiger Wohnraum fehlt, wurden überall in Deutschland tausende Flüchtlingsunterkünfte gebaut – so viele, dass sie teilweise leerstehen. Könnten die Studenten nicht wenigstens die Brosamen haben, die von den Tischen der Flüchtlinge fallen?

Nein, können sie nicht. Im Abendland linksgrüner Prägung können übrigens ja nicht einmal die Obdachlosen die leerstehenden Wohnungen nutzen. Berlin lässt ganze Standorte lieber leerstehen, als sie deutschen Nicht-Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie selbst nach (auch z.B. bei der Berliner Morgenpost) und prüfen Sie, ob ich alles richtig wiedergegeben habe. Und dann fragen Sie sich: Würde die Hypothese, wonach die Deutschen einfach auf Verschleiß runtergefahren werden, bis der Tank leer ist, von so etwas bestätigt oder widerlegt werden?

Viele, viele Schwalben

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, soll heißen: ein Phänomen allein bestätigt eine These noch nicht. Doch, wenn auch die Schwalben den Himmel verdunkeln, als wären wir in Bodega Bay, dann dürfen wir nach dem Kalender sehen.

Deutschland erhöht erst die Renten ein wenig – und lässt dann Rentner tatsächlich Steuern zahlen, wenn sie dadurch über dem Existenzminimum liegen. Das Finanzamt freut sich nächstes Jahr auf insgesamt fast 5 Millionen steuerzahlende Rentner (laut z.B. berliner-zeitung.de, 20.11.2018) und 410 Millionen Euro mehr. Ist das fair – oder bestätigt es die These, dass der deutsche Staat auf Würde und Gerechtigkeit pfeift, und den Bürger ausnimmt, bis er zur Tafel geht, wo er mit »jungen Männern« um Reste konkurrieren darf?

Deutschland überweist hunderte Millionen an Kindergeld ins Ausland (zeit.de, 21.3.2018) – und wird es auch weiter tun (siehe bild.de, 20.11.2018) – bestätigt oder widerlegt es die These, dass Deutschland einfach nur noch ausgewrungen wird, so lange es Saft gibt?

Dieser Tage lasen wir den Hilfeschrei einer Kinderkrankenpflegerin (welt.de, 20.11.2018), von hilflos überarbeitetem Personal, von kündigenden Kollegen und von einer Pflegequalität, die einfach nicht dem entspricht, was ein zivilisierter westlicher Staat seinen eigenen Bürgern angedeihen lassen sollte – bestätigt oder widerlegt es die These, dass Deutschland einfach nur noch runtergefahren wird, bis die Karre auseinanderbricht?

Das Thermometer

Und so weiter, und so fort – nein, es ist nicht normal, dass ein Land jede Woche etwas unternimmt (oder zulässt, das ist nicht immer so genau zu unterscheiden), um seinen Bürgern das Leben zu erschweren, um sie auszunehmen und für ihre bloße Existenz zu bestrafen. Nehmen Sie etwa die Dieselfahrverbote (die womöglich auch noch wirkungslos sind), die sich gegen Bürger auf dem Weg zur Arbeit richten – das Ausland schüttelt den Kopf über Deutschland. Oder nehmen Sie den unseligen UN-Migrationspakt, der – so wie er ist! – von Schleppern als ein Werbeprospekt verteilt werden könnte – Deutsche Sozialleistungen für jeden, der es in Land schafft, als »Menschenrecht« verpackt – bestätigt oder widerlegt das die Hypothese, dass Deutschland ausgewrungen wird, immer weiter, immer mehr, so lange es noch geht?

Es wird heute viel von Moral geredet. Aus der Nähe betrachtet ist die Moral der Linken und Guten mehr ein hysterisches Weglaufen vor einem eingebildeten Bösesein denn ein kohärentes Konzept von Werten und Zielen; eine teure Gratis-Moral, motiviert von fernen Globalisten, rätselhaften NGOs und ansonsten den soyalastigen Blähungen des spontanmoralischen Bauchgefühls.

Was ist denn wirklich das Thermometer der ethischen Kerntemperatur eines Landes? Woran erkennt man die Moral einer Gesellschaft? Man wird sich schnell einigen: Die Moral der Gesellschaft erkennt man daran, wie sie ihre eigenen Schwächsten behandelt. – Deutschland wringt sich aus, um anderen Leuten etwas vom Saft zu geben – niemand wird es danken.

Wir wollen Archäologen sein. Wir wollen Dogmen abtragen, nach Hoffnung graben und den Ausweg suchen. Etwas Aufklärung, etwas Vernunft! – Wer weiß? Vielleicht, wenn wir lange genug graben, finden wir dort sogar Politik mit Moral! Nur unterirdischer, bitte, unterirdischer sollte es nicht mehr werden.

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