Jochen Bittner (Die Zeit, The New York Times) führt in seiner Kolumne Fünf vor Acht einen neuen Begriff ein: »Political Profiling«.

Es ist natürlich eine Reaktion auf das Instant-Skandälchen um angebliches »Racial Profiling« in Köln zu Silvester 2016.

Kernaussage seines Textes: Twitter ist ein Biotop der 140-Zeichen-Sätze. Auf Twitter gedeihen Wut und Gegen-Wut besser als in jedem anderen Medium. »Gefühl klickt da besser als Faktum.« Das könnte sich im Bundestagswahlkampf 2017 zu einem Problem entwickeln, sagt er.

Bittner sieht zwei Bruchlinien durch die Twitter-Bevölkerung.

  1. »Rassist« vs. »Linksversiffter«. (Das sind natürlich Schimpfworte. Sich selbst würden die jeweiligen Gruppen anders beschreiben, wenn es sie denn so abgegrenzt überhaupt gibt.)
  2. »Oben/Stadt« (ab fünfstellige Followerzahl) vs. »Dorf/Unten« (eher zweistellige Followerzahl)

Twitter ist, dem Text zufolge, ein Abbild der Gesellschaft.

Ich widerspreche Bittners Text in vier Punkten.

1. Stumpf ist trumpf?

War es die Freude am Reim, die Bittner bewegte, »Denn stumpf ist da Trumpf« zu formulieren? Ist Twitter-Erfolg wirklich mit »Stumpfheit« allein zu erzielen?

Nein, mit Verlaub, das wäre zu stumpf. Langfristiger Erfolg auf Polit-Twitter erfordert, jeden Tag aufs Neue die Bruchstellen öffentlicher Begriffe zu suchen und scharf hineinzustoßen. Wie Leonard Cohen sang: There is a crack in everything, that’s how the light gets in. (Ich benutze das Zitat gern, wenn ich politische Attacke erkläre.)

Also, das Gegenteil ist richtig: Schärfe, Analyse, Präzision und Gefühl fürs wirklich Relevante sind »Trumpf«. (Und das Geheimnis von Trump.)

2. Es geht um Heilung, die Attacke ist nur ein Mittel

Der Treibstoff politischer Twitter-Kämpfe ist auch – das gebe ich gerne zu – aber wahrlich nicht nur die vom Urmenschen geerbte Freude an der »Freund-Feind-Polarisierung«.

Menschen leiden unter Widersprüchen, hier vor allem den Widersprüchen zwischen politischem Anspruch und erlebter Realität. Die Attacke als »falsch« empfundener Ideen verspricht, diese Widersprüche aufzulösen. Das Ziel von Attacke ist die Heilung, die eigene Heilung und die Heilung der Gesellschaft.

Ich bekomme täglich Mails und Messages von Menschen, die mir danken, dass ich über Widersprüche spreche, die ihnen seit einiger Zeit weh tun. Nicht alle Widersprüche lassen sich auflösen. Aber es wirkt heilend, wenn man sie wenigstens benennt – und sei es in scharfen Worten und 140 Zeichen.

3. Überraschung: Nicht alles ist gleich!

Bittner spricht von »Freund-Feind-Polarisierung«.

Als jemand, der gemeinhin eher dem »konservativ-liberalen« Flügel von Twitter zugeordnet wird, kann ich Ihnen versichern: Kein »Linker« ist mein Feind. Es geht um Handlungen. Liebe Linke, Ihre Politik macht mein Leben, meine Stadt und mein Land kaputt. Hören Sie auf und ich lasse Sie in Ruhe. Was Sie in Ihrer Kommune treiben, ist Ihre Sache. Ich will da nur nicht einziehen. Sie reiben sich an meiner Freiheit, doch Ihre innere Unfreiheit ist mir entspannt egal. Sie sind nicht mein Feind, wahrscheinlich würde ich Sie privat sogar mögen, aber lassen Sie mich mit Ihren Vorschriften, Ihrer Moralisierung und Ihren Denkschächtelchen in Ruhe.

4. Debatte ist kein Demokratie-Hindernis

Im vorletzten Absatz schreibt Bittner:

Die größte Bedrohung für die Meinungsfreiheit geht heute nicht mehr vom Staat aus, sondern von der Angst vorm digitalen Schnellgericht und seinem Pranger.

Dass diese Angst vorm digitalen Pranger existiert, das ist zweifellos richtig. (Zur Wahrheit gehört: Nicht-Linke haben von den Diskurswaffen der Linken gelernt und wenden diese Waffen nun gegen sie. Empörung und Shitstorm waren eine »linke« Methode. Es ist fast niedlich, wie hilflos sie agieren, wenn diese Waffe gegen sie selbst gewendet wird.)

Ich halte es aber für unzutreffend, dass der »digitale Pranger« die »größte Bedrohung der Meinungsfreiheit« ist. Ich möchte korrigieren: Die größte Bedrohung für die Meinungsfreiheit geht vom Gefühl der Meinungsohnmacht aus. Wenn nur, um eine Zahl zu nennen, 30% der Bevölkerung überhaupt am Diskurs teilnehmen und 70% nachbeten, was der 7,5 Milliarden Euro schwere mediale Apparat vorgibt, fühlen sich die debattierenden 30% ohnmächtig. Egal zu welchem Schluss die 30% kommen, sie werden immer von ordenbehangenen medialen Dampfwalzen mit »Haltung« erdrückt werden.

Fazit

Jochen Bittner hat einen wichtigen Text geschrieben (Link). Ich halte ihn für Pflichtlektüre, um moderne digitale Debatte zu verstehen. Meinen Widerspruch in einigen Punkten bitte ich als »Weiterdenken« zu deuten.

Debatte: Diese Replik ist auf Facebook und Twitter verlinkt, dort kann man natürlich kommentieren!