Wenn Politiker sich wie Affen benehmen, um welche Wähler werben sie?

13. September 2018, von Dushan Wegner; Bild von Sharon McCutcheon
Nachdem sie wüst beleidigt wurde, verließ die AfD den Plenarsaal. Einige Linke freuten sich. Nur Un-Demokraten (und Leute, die nicht zu Ende denken), feiern es, wenn 13% der Bevölkerung ihre Vertretung im Bundestag verlieren. Traurig und arm!
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Eine Stierkampfarena. Ein muskulöser, schwarzer Bulle mit scharfen Hörnern läuft in der Arena umher. Er ist schlecht gelaunt. Wer wird sein Opfer werden?

Ein schmächtiger Wissenschaftler steigt in den Ring. In der einen Hand hält er das rote Tuch des Toreros, in der anderen ein elektronisches Gerät.

Der Wissenschaftler schüttelt das Tuch, der Bulle greift an. Der Wissenschaftler weicht nicht aus! Statt sich zur Seite zu schwingen, drückt der Wissenschaftler ein Knöpfchen auf dem Gerät, woraufhin via Radiowellen eine Elektrode ausgelöst wird, die in das Gehirn des Tieres eingepflanzt wurde und den Nucleus caudatus stimuliert. Mitten im Lauf überlegt das Tier es sich anders, entspannt sich offenbar und geht friedlich seiner Wege.

Zum Wissenschaftler

José Manuel Rodríguez Delgado wurde am 8.8.1915 in Ronda, Spanien geboren. Er studierte Medizin in Madrid, diente im Spanischen Bürgerkrieg als Arzt. Er zog in die USA. 1946 erhielt er ein Stipendium in Yale, wo er später als Professor seine bemerkenswerten neurowissenschaftlichen Experimente durchführen würde.

Keine Frage, seine Studien sind von der Qualität, die man »umstritten« zu nennen pflegt. In seinem Schlüsselwerk »Physical Control of the Mind: Toward a Psychocivilized Society« beschreibt Delgado die Steuerung menschlichen (sozialen) Verhaltens durch Stimulation des Gehirns wie eine natürliche Fortsetzung der Evolution.

Delgados Arbeit brachte ihm reichlich Kritik ein (»Apologist des technologischen Totalitarismus!«) und er zog für eine Zeit wieder nach Spanien, um später dann doch seine letzten Lebensjahre in San Diego, Kalifornien zu verbringen, wo er am 15.9.2011 verstarb. (Siehe auch: Wikipedia)

Affenrudel

Der plötzlich besänftigte Bulle ist Delgados bekanntestes Experiment, doch ein weiterer Versuch erklärt erschreckend genau, was derzeit im deutschen Parlament passiert.

Delgado manipulierte zwar Gehirne einzelner Wesen mit elektrischen Impulsen, doch seine Arbeit zielte wesentlich darauf, die Mechaniken des Gemeinwesens in Abhängigkeit von Hirnfunktionen des gehirngesteuert handelnden Individuums zu verstehen.

In einem Experiment pflanzte Delgado den Alphamännchen eines Affenrudels eine Elektrode ins Hirn ein und lehrte ein Weibchen der Gruppe, das Männchen nach Lust und Bedarf via Knopfdruck auf »sanft« zu schalten. Sobald die Elektrode den Chef-Affen besänftigte, änderte dieser seinen Gesichtsausdruck, die anderen Affen verloren ihre Angst vor ihm und gaben die Distanz zu ihm auf.

Ich übersetze (frei und straffend) eine Passage aus dem Experiment-Bericht:

Eine Äffin entdeckte bald, dass das aggressive Verhalten des Leitaffen durch das Betätigen des Hebels gemildert werden konnte. Wenn er sie bedrohte, tat sie es mehrmals. Sie schaute ihm direkt in die Augen, und das war wichtig, denn ein unterwürfiger Affe würde das nie tun. (nach: Delgado, Physical Control of the Mind)

Doch Delgado ging weiter! In weiteren Experimenten pflanzte er rangniedrigen Affen andere Elektroden ein, die ihr aggressives Verhalten förderten – prompt stieg der soziale Status der neu-aggressiven Tiere.

Es braucht mehr als nur Aggressivität, um an die Macht zu gelangen, doch der »Affe in uns« (siehe auch »Relevante Strukturen«) verbindet unbewusst Aggressivität mit Macht.

Jeder Mensch eine Stimme

Ein alter Scherz sagt: »Im Kapitalismus ist der Mensch des Menschen Wolf, in der Demokratie ist es umgekehrt.« – Damit die Menschen aber einander nicht an die Gurgel gehen, haben die Menschen in den ganz seltenen Momenten, wo Macht mit Edelmut einhergeht, sich die Demokratie gegeben.

Der Zweck der Demokratie ist es, dass jeder einzelne Bürger eine Stimme gegenüber der Macht erhält, sprich: dass er vertreten wird. Der demokratische Apparat hat aus gutem Grund mehrere getrennte Gewalten und oft auch mehrere gesetzgeberische Kammern, die einander kontrollieren. Ähnlich wie der Geschäftsführer einer GmbH, welcher der u.U. von ihm selbst ins Leben gerufenen Firma als Angestellter dient (bzw. dienen soll), so sind auch (anständige) demokratische Politiker zugleich Diener und Gegenüber der Macht, die sie selbst bilden.

Das Gegenstück zur Demokratie ist nicht ein bestimmtes System, sondern alle übrigen Systeme. Die Monarchie (die nicht nur eine Show-Monarchie wie oft im Westen ist), die Gottesherrschaft, die derzeit moderne postdemokratische Quasi-Diktatur oder der darwinistisch-anarchische Mob, von dem die Antifa träumen (und Linksgrüne, welche die Bedeutung der eigenen Worte nicht verstehen), sie sind zusammen ein Gegenüber zur Demokratie: Entweder der Einzelne wird im Entscheidungsprozess vertreten, wodurch die Entscheidung demokratisch legitimiert ist, und er kann Entscheidungen in der Gruppe auch gegen den Willen einzelner Eliten erzwingen – oder er wird nicht vertreten und kann selbst in der Mehrheit nicht mehr als Wünsche äußern, dann ist es eben keine Demokratie.

Es gibt ihn noch.

Wir erlebten diese Woche im Bundestag ein bemerkenswertes Schauspiel. Angela Merkel forderte, was sie selbst gefährdet, nämlich die Durchsetzung des Rechtsstaats, und auch Volker Kauder trat als Opposition zu sich selbst auf. Die Grünen verteidigten eine für die SPD arbeitende Dame, welche, wenn man den Berichten glauben darf, sich für den Einsatz von Antifa-Terroristen (sie nennt sie nicht »Terroristen) gegen die Opposition stark gemacht hatte.

Und dann war da noch etwas. Vom Horizont des sozialdemokratischen Sonnenuntergangs her hörten wir verzweifelte Schreie nach medialer Aufmerksamkeit.

Einige erinnern sich noch an Martin Schulz (Polit-Millionär, Rechtspopulist, Linkspopulist und Sängerknabe). Es gibt ihn noch. Er fand, dass es eine gute Zeit sei, im Bundestag sein rhetorisches Häufchen zu setzen, im Kampf gegen das, was er als Gestank empfindet. Der Buchhändler Martin Schulz gab gegenüber dem Juristen Alexander Gauland zu Protokoll: »Herr Gauland, die Menge von Vogelschiss ist ein Misthaufen und auf den gehören Sie in der deutschen Geschichte.« (Siehe dazu tichyseinblick.de, 12.9.2018, zum Gauland-Zitat, auf das sich Schulz bezog, aber auch meinen ausführlichen Text »Wer Schuld ernst nimmt, ringt mit ihr«.)

Schulzens Angriff war nicht ein Pfeifen auf der Suche nach irgendeinem Wald, und sei es ein dunkler. Es ist eine schöne Metapher, dieses Pfeifen im Walde, und auf gewisse Weise gleicht die öffentliche Debatte heute einem großen, panischen Pfeifkonzert von Herrschaften, die sich alle im dunklen Wald ihrer eigenen Prinzipienlosigkeit verlaufen haben.

Der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs ist bislang bekannt für – so zumindest der Bericht der FAZ, 18.4.2009 – seine nächtlichen Anrufe bei 22-jährigen weiblichen Jusos (Zitat: »Ich krieg dich, du Schlampe«), generell für seine offenen Worte zum weiblichen Geschlecht (»Schlampe halt«) und für sein eher rustikales Verhältnis zur Demokratie (siehe z.B. zeit.de, 8.1.2015: »House of Kahrs«).

Im Bundestag nun äußerte sich der lupenreine Demokrat und Frauenrechtler Kahrs zu den Damen und Herren der AfD in ausgewählten Worten.

Zuerst war es Herrn Kahrs wichtig, die AfD als »Rechtsradikale« zu framen. Er sagte Sätze wie »Rechtsradikale in diesem Parlament sind nicht nur ein Problem, sondern Rechtsradikale in diesem Parlament sind auch unappetitlich.« (Dieses und die folgenden Zitate stammen aus dem offiziellen Protokoll auf bundestag.de.)

Kahrs weiß genau, wie viele Wähler die SPD an die AfD verliert. Die AfD überholt die SPD immer häufiger in Umfragen, im Osten sowieso, und das macht Panik. Wer die AfD, die neben den Höckes eben auch Ex-CDU-ler und reguläre Bürgerliche enthält, als »rechtsradikal« bezeichnet, der trägt einfach zur Entkräftung des Begriffs »rechtsradikal« bei. Indem der politische Wüterich Kahrs die AfD »rechtsradikal« nennt, macht er die echten Rechtsradikalen salonfähig. – Kahrs scheint die Wirkungslosigkeit seines Angriffs zu spüren, doch statt sich zu bremsen, steigert er sich hinein.

Bei SPD und SED wird applaudiert, als Kahrs gegen die AfD ausruft: »Hass macht hässlich. Schauen Sie doch in den Spiegel.«

Die Beleidigungen vom SPD-Mann Kahrs gehen so lange weiter, bis es der AfD reicht und sie geschlossen den Plenarsaal verlässt.

Beifall bei Abgeordneten der SPD

Das »Hass macht Hässlich«-Zitat wird von der Presse zitiert, teils in der Überschrift (welt.de, 12.9.2018). In der BILD schreibt Ralf Schuler einen klugen Kommentar: »Man kann Hass nicht mit Hass bekämpfen« (bild.de, 12.9.2018). (Mich erinnert es an den Buddha, der im Dhammapada sagt: »Hass hat noch nie den Hass gestillt.«)

Bemerkenswert scheint mir ein Detail, das der hasserfüllte Kahrs zum Applaus seiner Parteikollegen als Reaktion auf den Abgang der AfD sagte. Aus dem Plenarprotokoll: »Man merkt doch, dass es im Bundestag auch wieder sachlich zugehen kann; immer dann, wenn die AfD weg ist. (Beifall bei Abgeordneten der SPD)«

In den sozialen Medien bekam Kahrs tatsächlich von den letzten Anhängern der SPD viel Beifall für die Beleidigungen. Sie gratulierten ihm, mit teils sogar noch derberen Worten als er, dafür, die AfD vertrieben zu haben.

Demokratie oder Nicht

Für Kahrs und seine ihm applaudierende SPD ist es offenkundig zu begrüßen, wenn knapp 13% der Stimmen der letzten Wahl (und 16%-17% der potentiellen laut aktuellen Umfrage) keine Vertretung im Parlament haben.

Nennen Sie mich einen Träumer, doch nach meinem Verständnis ist es nicht die erste Aufgabe der Demokratie, die bestehende Elite an der Macht zu halten, sondern dem einzelnen Bürger in politischen Entscheidungsprozessen eine Stimme zu verleihen.

ARD und ZDF trommeln wenigstens noch so lange auf den Wähler ein, bis er vor lauter Gewissenspein für eine ihnen genehme Macht stimmt, die SPD verzichtet selbst darauf – wer falsch wählt, der soll eben keine Vertretung haben. Das wollen Demokraten sein? (Es passt wie die Antifa-Faust aufs Oppositions-Auge, dass die SPD gerade heute fordert, den Chef des Verfassungsschutzes zu feuern; siehe z.B. bild,de 13.9.2018.)

Wenn Demokratie bedeutet, dass der Bürger bestimmt, wer ihn im Parlament vertritt, dann muss man der SPD gewisse anti-demokratische Tendenzen bescheinigen. Die Regierungspartei SPD hätte lieber ein »bereinigtes« Parlament, das nicht den Wählerwillen, sondern nichts als den Machtanspruch der alten Elite abbildet.

Wenn der Politiker mit dem Rücken zur Wand steht, eingezwängt zwischen 5%-Hürde und Ratlosigkeit, gefangen wie Kafkas Affe Rotpeter in seinem ersten Käfig, dann ist es ja durchaus verständlich, wenn der Politiker in seiner Verzweiflung dieses tut und jenes um sich wirft. Man meint ja, das Äffische hinter sich gelassen zu haben, doch hat man es wirklich? »An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den großen Achilles«, sagt Rotpeter im Bericht für eine Akademie.

Zurück zum Affen

Die Forschung Delgados hat nicht nur gezeigt, dass das Gehirn von Säugetieren mit elektrischer Stimulierung manipuliert werden kann; er hat quasi nebenbei auch vorgeführt, wie Primaten ein aggressives Gehabe mit Machtanspruch verbinden.

Je tiefer der Stern mancher Demokraten sinkt, um so primatenhafter wird ihr Benehmen. Wer keine Argumente hat, der brüllt, trommelt sich gegen die Brust und wirft rhetorischen Kot um sich.

Die Politiker der deutschen Regierungsparteien nehmen die Demokratie von zwei Seiten unter Beschuss; von der einen Seite schießt die Manipulation (»Nudging« etc.) und Propaganda (»Kampf gegen Rechts«), von der anderen Seite die Pöbelei und der Populismus (»Pack!«, »Hass macht hässlich!«).

Wenn Politiker sich wie Affen benehmen und zugleich »Experimente« am Volk durchführen, als wäre auch der Bürger ein Versuchstier, zwingt das den Bürger zur grundsätzlichen demokratischen Positionierung. Der Wähler wird sich im Wahllokal entscheiden müssen: Bin ich ein Affe? Werde ich Leute wählen, die sich wie Affen benehmen? Ich fürchte, die Antwort könnte manchen Politiker die Kokospalme hochjagen.

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