40 Jahre Zähneziehen: das vierte Kabinett Merkel

Seit Tagen wollen Sie es nicht wahr haben, dieses Ziepen im Zahn. Sie reden sich ein, dass es bestimmt bald vorbeigehen wird. Kratzer verheilen, Knochen wachsen wieder zusammen, warum nicht auch ein Zahn? – Aber nein, Zähne heilen nicht von selbst. Das Ziepen wird bald zum Schmerz. Es hilft alles nichts. Sie schleppen sich zum Zahnarzt. Sie sitzen im Zahnarztstuhl. Der übliche Arzt ist nicht da, sondern nur einer, der sich als Vertretungsarzt ausgibt. Na gut. Er setzt eine Spritze. Seine Hand wackelt ein wenig, aber noch denken Sie sich nichts dabei. Während Sie warten, dass die Spritze zu wirken beginnt, erzählt der Neue: „Läuft ganz gut, heute! Wenn Sie bedenken, dass ich eigentlich Buchhalter gelernt habe. Mein Bruder hat sich den Knöchel verstaucht und so probiere ich mich auch mal als Zahnarzt aus. Das klappt bestimmt auch ohne Studium! Mein erster Tag heute. Spannend alles! Wenn man von außen kommt, ist man ja auch unvoreingenommen und sieht ganz neue Lösungsansätze. Jetzt machen Sie aber mal wieder weit auf…“

Natürlich machen Sie den Mund nicht erneut auf. Schmerz oder kein Schmerz, das ist jetzt egal – Sie fragen sich: Spinnt dieser Kerl?! Der ist kein richtiger Zahnarzt?! – Sie springen aus dem Sessel auf und fliehen.

Nun, so furchteinflößend die Vorstellung sein mag, von einem Hobbyisten die Zähne aufgebohrt zu bekommen, es bliebe doch nur ein Zahn.

Wofür brauchen wir Minister?

In Deutschland wird in diesen Wochen eine neue Regierung zusammengestellt. Wobei, so wirklich neu ist sie ja nicht, und man möchte alt-neu sagen, aber das würde an die Altneu-Synagoge in Prag erinnern, doch das passt nicht, denn dieser Regierung geht nun wirklich alle Heiligkeit ab – davon, dass sie ein freundliches Gesicht zeigend den Antisemitismus importiert, wiedermal ganz abgesehen.

Die Zusammenstellung der Minister erinnert an die Mannschaftswahlen vorm Fußballspiel, früher in der Schule, nur umgekehrt. Die, welche früher bis zuletzt warten mussten, um dann mit Seufzen und Schulterzucken einer Mannschaft zugeteilt zu werden, die bekommen von Merkel heute Dienstwagen und Fürstensalär zugeteilt. Die Nasenbohrer werden berufen, das Spiel zu leiten. Eine seit nun schon Jahren an den Leitplanken der Rechtsstaatlichkeit funkensprühend entlangschrammende Kanzlerin stellt ihre Koalition der Turnbeutelvergesser zusammen. Wer unter uns der seltsamen Spezies der verzweifelt Positiven angehört, der könnte sich ja zu überzeugen versuchen, immerhin würde das biblische Versprechen erfüllt, „die Letzten werden die Ersten sein“ (Matthäus 19:30).

Die Gesunden wie Kranken haben Besseres verdient als einen Minister Jens Spahn, für den das Gesundheitsministerium eher seine persönliche Strafkolonie darstellt, und nicht Auftrag und Mission. Ich fürchte, selbst eine politische Sparlampe wie Heiko Maas wird peinlich erwischt kichern, wenn er als deutscher Außenminister in China, Iran oder der Türkei über Demokratie und Meinungsfreiheit reden soll. Die designierte Bildungsministerin, Anja Karliczek, die sich um den Wissenschaftsstandort Deutschland kümmern wird, hat wie zu erwarten keinen Schimmer vom Wissenschaftsbetrieb und würde wohl, vom Auftritt her, selbst beim Bewerbungsgespräch zum stellvertretenden Supermarktleiter in Ibbenbüren-Püsselbüren lachend der Tür verwiesen werden. Deutschland war einst Europas kranker Mann, dann die kräftige Lokomotive, und jetzt eben der seltsame Clown.

Wenn man nun auf die bemerkenswerte Mangelqualifikation der Merkelminister deutet, dann heißt es oft: Kein Problem, die Arbeit in den Ministerien erledigen sowieso die Beamten! Das mag ja sein, das glaube ich gern. Doch das bedeutet eben auch: Die CDU-geführte Regierung in Berlin degradiert Ministerämter endgültig zu Parkplätzen und Versorgungsposten für Parteikader, damit diese nicht bei der eigentlichen Arbeit im Weg rumstehen – und ich dachte bislang, dafür sei doch Brüssel da.

Nun, vielleicht stimmt es aber wirklich mit den kompetenten Beamten, welche den Hohlraum im Chefbüro nebenbei und leichthändig ausfüllen. Ich nehme es an, ich hoffe es. Nein, mich treibt eine andere Sorge, eine, die heute beinah esoterisch klingen mag.

Was wirklich fehlt

Es ist ein „Running Gag“, also ein Witz der einen Teil seiner Witzigkeit aus seiner Wiederholung bezieht, in politischen Debatten einzuwerfen: Aber wer denkt an die Kinder!

Man möchte ein weiteres Aber-wer! einwerfen: Aber wer denkt an die Weisheit!

Zeigen Sie mir einen einzigen Menschen in der neuen Regierung, den man selbst mit viel Wohlwollen in die Nähe von Weisheit rücken könnte!

Weisheit bedeutet, in weiten Zusammenhängen denken zu können, vom Großen zum Kleinen, vom Abstrakten zum Konkreten. Weisheit bedeutet, Ursachen zu verstehen und Wirkungen richtig vorherzusagen. Der Weise lernt täglich hinzu, berechnet stets seinen möglichen Irrtum mit ein und irrt doch recht selten. Weisheit ohne Güte gibt es nicht, denn das wäre Perfidie.

Wer in der neuen Regierung brächte denn auch nur einen Ansatz von Weisheit mit ein?

Zuerst: Merkel gewiss nicht. „Wenn das der Kaiser wüsste!“, riefen sie in Frankreich. „Wenn das der Zar wüsste!“, riefen sie in Russland. Heute in Deutschland ruft man nicht mehr. Dank Internet kann jeder alles wissen. Sie brauchte ein ganzes Jahr, um den Breitscheidplatz nach dem Terror-Anschlag zu besuchen, und dort probierte sie dann Bratwurst und ließ schräg grinsend debile Selfies knipsen. Ob Merkel nun weiß oder ob sie es nicht weiß, was in Folge ihrer Politik in Deutschland passiert, die Frage ist eher, ob sie es überhaupt noch mitbekommt. Es ist beides bedrohlich: Sie bekommt es mit und nimmt es in Kauf – oder sie bekommt es gar nicht mehr mit. Nein, bei Merkel ist keine Weisheit zu holen.

Wo soll denn Weisheit zu finden sein in der neuen Ministerriege? Beim Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz, dem Verantwortlichen für das G20-Desaster, dem man jetzt zum Danke die Verantwortung für Deutschlands Finanzen übergibt? Bei Katarina Barley, Mitglied im ZDF-Fernsehrat und Interims-Ministerin hier und dort, unter anderm beim für seine Meinungspolizei-Kampagnen berüchtigten Familienministerium? Bei Heiko Maas, dessen gegebenes Wort die Mindesthaltbarkeit einer toten Makrele in der Sommersonne hat? Bei Peter Altmaier, dessen über Jahre durchgehaltene Bücklingshaltung ihn selbst schon ganz kugelförmig werden ließ? (Ein Kreis ist eine Kurve mit überall gleicher Krümmung.) Bei Julia „nennt mich nicht Weinkönigin“ Klöckner, nach deren politischer Theorie die AfD zu wählen das linke Lager stärkt, und die mal einen Wahlkampf damit bestritt, keinen Bart zu haben? Bei Zensursula von der Leyen, die nichts kann außer auf höchstem Level nichts zu können? Immerhin haben wir von der Leyens Maßarbeit als Verteidigungsministerin die Wiederbelebung eines alten Witzes zu verdanken: „Die Bundeswehr ist dafür da, den Feind an der Grenze so lange aufzuhalten, bis Militär kommt.“

40 Jahre Merkel

Es ist eine Wüste, bar aller Weisheit, dieses neue Kabinett. Durch die Wüste ziehen die treuen Kamele, Haltung auf den Höckern und Journalismuspreise um den Hals.

Die Hebräer zogen einst 40 Jahre lang durch die Wüste, auf der Suche nach dem gelobten Land. Dann fanden sie es endlich und bauten dort überall Kibbuzim. Wenn die angebrochene Wahlperiode durch ist, hat Deutschland 16 Jahre Merkel hinter sich. Da heutzutage eh nichts mehr einen Sinn ergibt, können wir anschließend von 24 weiteren Jahren Merkel ausgehen.

Wir werden unsere Oasen der Weisheit anderswo als in Berlin suchen müssen. Wir werden sie selbst bepflanzen und wässern müssen. Die nächsten Jahre aber werden sich anfühlen, als würde ein Buchhalter mit zittrigen Händen uns die Zähne ziehen. Wir werden stärkere Scherzmittel brauchen.

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