Das Prinzip der tausend Tropfen

Welcher Tropfen hat Schuld daran, dass das Fass überläuft? Der erste? Der letzte?

Wer ist verantwortlich, wenn das Fass überläuft? Der erste Tropfen? Der letzte Tropfen? Einer der vielen Tropfen dazwischen?

Die Metapher hinkt, zweifellos. Ebenso, wie es hinkt, zu sagen, eine Metapher könne hinken. Menschen sind keine Tropfen und Metaphern haben keine Beine. Menschen haben Bewusstsein. Menschen können denken. Menschen sind mit Gewissen und einem Gefühl der Verantwortung geboren. Wer aber mit Gewissen geboren ist, also die allermeisten Menschen, der muss dieses Gewissen einsetzen, um ganz Mensch zu sein. (So wie man alle Räume seines Hauses bewohnen muss, um sein Haus ganz zu nutzen. Lässt man einen Raum abgesperrt, bewohnt man eben nicht das ganze Haus.) Sein Gewissen nicht zu nutzen, würde bedeuten, einen ganz wesentlichen Teil seines angeborenen Menschseins freiwillig verkümmern zu lassen.

Gut, bedenken wir ein weiteres Bild! Es geschieht schon mal, dass auf einer Wiese ein Trampelpfad auftaucht. Nicht alle Betrachter der Wiese sind dann überrascht. Einige Beobachter haben es schon Monate oder sogar Jahre vorher kommen sehen. Wieder und wieder nahmen Menschen diesen Weg über die Wiese als Abkürzung. Der wirklich aufmerksame Beobachter merkt es aber nicht erst durch die Beobachtung anderer. Der wirklich Aufmerksame lief selbst schon einmal über die Wiese, und ahnte damals, dass genau dort ein Trampelpfad entstehen würde. Er wusste, dass er gewissermaßen nur ein Tropfen ist. Eines Tages dann, als der Trampelpfad die Wiese entzwei geschnitten hat, weiß der Aufmerksame, dass auch seine Fußsohlen beigetragen haben, die Grashalme erst zu knicken und dann schließlich sterben zu lassen.

Wer trägt Schuld für gesellschaftliche Entwicklungen? Wenn eine Regierung regiert, wer trägt die Schuld für ihr Regieren, wer die Verantwortung? Der, welcher die Entscheidung traf? Der, welcher ihn gewähren ließ? Der, welcher sie ausführt?

In der Praxis kommt es darauf an, ob ein Effekt allgemein als opportun oder als inopportun eingeschätzt wird. Wenn etwa die Wirtschaft gut läuft, dann fühlen sich die Regierung, die Verbände und alle Behörden bis hinunter zum letzten Kaffeekocher gern verantwortlich. Stolz schlagen sie sich in die eingefallene Brust. Die Opposition meint, nur durch ihre umsichtige Kritik sei es gelungen, trotz der vollständigen Inkompetenz des Kanzleramtes, die Wirtschaft auf den Pfad von Vernunft und Erfolg zu führen.

Doch, wenn ein Unglück passiert oder gar die erwähnte Wirtschaft sich mit dem Positivwachstum schwertut, dann ist neuerdings niemand mehr an nichts Schuld. Das erste Opfer der Krise ist das Bewusstsein für Kausalität. Wenn eine Regierung konkrete Anweisungen gibt, die zu konkretem Schaden führen, gilt es geradezu als Frevel, ihr auch die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns zuzuschreiben.

Ich selbst neige zur Verantwortungsethik. Der Mensch ist verantwortlich für die Folgen seines Handelns. Er ist verpflichtet, sein Bestes zu geben, um möglichst alle Folgen abzusehen. (Extra viel Verantwortung ist hier Publizisten und Journalisten auferlegt, die von der Gesellschaft beauftragt sind, nach vorne zu denken. Deshalb tragen sie, wenn sie das Banner der Regierung priesen, statt sie zu hinterfragen, vielfache Mitschuld an den Folgen der Regierungshandelns – und deshalb schimpfe ich so oft über sie.) Insgesamt gilt aber: Alle Tropfen, vom ersten zögerlichen Träufeln bis hin zum letzten frechen Platsch, alle tragen sie mit einen Teil der Schuld – mindestens aber einen Teil der Verantwortung. Ich nenne es das „Prinzip der tausend Tropfen“.