Der Luxus des geraden Nackens

Was eben noch selbstverständlich war, wird zum Luxus: Ruhe, Reflektion, Müßiggang, manchmal sogar sauberes Wasser. Und, seit einigen Jahren: der gerade Nacken.

Ich saß letztens in einem Strandcafé und sinnierte gemeinsam mit Elli über die Weite des Horizonts, die goldgelbe Farbe des Sandes und – wie immer – einen Text, an dem ich gerade schrieb. Unsere Kinder spielten im Sand. Mein Sohn hatte eine neue Schaufel und wollte prüfen, ob er bis zum Grundwasser graben kann. Ich erklärte ihm, im Sandstrand gebe es kein Grundwasser. Er grub dennoch und stieß selbstverständlich auf Wasser. Es war durchsickerndes Meerwasser, kein Grundwasser, aber meine wissenschaftliche Autorität nahm in seinen Augen erheblichen Schaden.

Zwei Tische weiter saß eine Familie, also Vater-Mutter-Tochter; alle drei hielten digitale Kommunikationsgeräte in den Händen und starrten durchgehend darauf. Die Eltern verwendeten irgendwelche Smartphones, die Tochter ein Tablet. Der Vater scrollte eine Stunde lang durch Facebook. Die Mutter chattete eine Stunde lang via WhatsApp. Die Tochter schaute eine Stunde lang debile Billigst-Videos auf YouTube. Dann lief der Akku der Tochter leer. Der Vater fluchte und zahlte hektisch. Unglücklich zog man los, eine Steckdose zu suchen.

Mir ist einigermaßen egal, ob diese Familie die neuesten iPhones besaß, das Stück jeweils zum Preis eines Kurzurlaubs für die Familie, oder sich nur billige Android-Mühlen leistete. Als ich diese Menschen sah, hatte ich Mitleid. Sie sahen nicht frei aus.

Sie mögen mich einen alten Mann nennen. Jemanden, der Angst vor der Veränderung hat. Zum Teil stimme ich Ihnen zu. Beim Alter sowieso, ich bin 43. Und, ja, gefährliche Veränderungen machen mir Angst. (Was mir ebenfalls Angst macht: Wenn Haltungsjournalisten die Angst vor gefährlichen aber ideologisch in Kauf genommenen Veränderungen lächerlich machen.) Hier aber geht es nicht um Angst. Hier geht es um etwas anderes.

Wer mit gebeugtem Nacken durchs Leben hastet, immerzu auf sein Smartphone starrend, immerzu hoffend auf den nächsten Dopamin-Kick, die nächste wertlose virtuelle Anerkennung, die nächste angeblich wichtige E-Mail, warum sollte man ihn nicht Junkie nennen?Immer mehr, was früher selbstverständlich war, wird zum Luxus: Ruhe, Reflektion, Müßiggang, manchmal sogar sauberes Wasser. Und, seit einigen Jahren: der gerade Nacken.

Nicht aufs Handy zu starren ist eine Form innerer Freiheit, ja, ein Luxus: Der Luxus des geraden Nackens.

Wer mit geradem Nacken durchs Leben schreitet, der ist ein freier Mensch, der sein Leben im Griff hat.

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