Populismus angeblicher Komplexität

Populismus ist ungerechtfertigte Vereinfachung. Er macht das Denken gefühlt einfacher. Es gibt aber noch einen Populismus, und der ist besonders perfide!

Wenn ich von Populismus spreche, meine ich: Die ungerechtfertigte Vereinfachung von Problembeschreibung und/oder Lösungsweg.

Am Wort ungerechtfertigt merken wir: Populistisch zu sein ist keine inhärente Eigenschaft, sondern ein Vorwurf. Man wirft einem anderen Menschen vor, Probleme ungerechtfertigt zu vereinfachen. Und ein Populist wäre demnach einer, dessen ganze Politik auf ungerechtfertigte Vereinfachung gebaut ist.

Wenn Journalisten vor den Namen einer Partei das Adjektiv „populistisch“ stellen, verlassen sie spätestens darin den Status des neutralen Beobachters. Wer „Populist“ sagt, ergreift die politische Position einer konkurrierenden Partei. Spricht ein Journalist etwa von den „linkspopulistischen Grünen“, macht er den Grünen damit den Vorwurf, wichtige Zusammenhänge zu ignorieren.

Überstarke Vereinfachung in der Politik nimmt dem Leser die gefühlte Pflicht, selbst zu denken. Wenn etwa Trump alle Schuld am Klimawandel trägt, muss ich nur noch Trump hassen, und das Klima wird wieder gut. Wenn die Russen alle Wahlen manipuliert haben, die nicht im Sinne der linken Vordenker ausgegangen sind, dann muss ich mich nicht mehr damit beschäftigen, warum die Wähler so wählen wie sie wählen.

Es gibt eine weitere Form des Populismus, die nur auf den zweiten Blick erkennbar ist. Ich nenne es: Populismus der angeblichen Komplexität.

Manchmal simulieren Politiker jene Eltern, die ihre Kindern abbügeln mit den Worten: Du bist noch zu jung das zu verstehen!

Merkel will dem Wähler weismachen, er sei zu dumm zu verstehen, warum sie das Recht ignorierte und Deutschlands Grenzen öffnete. Das sei zu komplex, das müsse man ihrer Weisheit überlassen. Merkel will dem Wähler weismachen, er sei zu dumm zu verstehen, warum man Verträge ignorierte und wiederholt Summen nach Griechenland überwies.

Wir haben gelernt, zu misstrauen, wenn Politiker viel zu einfache Weltbeschreibungen vorlegen. Wenn linke Vordenker behaupten, alle Kulturen (außer der deutschen, so es die denn überhaupt gibt) seien friedlich und gut und dem Westen an moralischem Status mindestens ebenbürtig, dann wird das inzwischen doch oft hinterfragt. Aber: Bei angeblicher Komplexität nicken wir noch zu oft  – bedächtig, beeindruckt und dankbar. Das ist ein Fehler!

Der Populismus der angeblichen Komplexität ist eben das, ein Populismus, nur eben in Verkleidung. Manche Dinge sind viel einfacher, als Politiker und Machtjournalisten uns glauben machen wollen.

Zur Medienkompetenz gehört es heute, zu erkennen, wo die Dinge unnötig kompliziert dargestellt werden. Wer Dinge als arg kompliziert darstellt, will uns nicht selten verführen, das eigene Denken einzustellen und es ihm zu überlassen. (Im Talking-Points-Buch erkläre ich den damit verwandten Kompetenz-Effekt, der diesen psychologischen Mechanismus aktiv einsetzt.)

Überstarke Vereinfachung und angebliche Komplexität haben dasselbe Ziel: Populisten wollen uns verführen, das eigene Denken einzustellen und ihnen die Macht zu geben. Vielleicht, weil sie so viel weiser und gebildeter sind als wir. Katrin Göring-Eckardt (51, Grüne, abgebrochenes Theologie-Studium) formulierte jüngst diesen ihren Anspruch so unbedarft wie entlarvend: „Wir sind die, die für das ganze Land denken.“

Ergänzung/Kommentar

Nach Veröffentlichung dieses Eintrag erreichte mich unter anderem folgender Kommentar, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte!

Als Physiker kann ich dazu nur sagen, dass ein Problem erst dann verstanden ist, wenn es mit einer einleuchtenden, relativ leicht zu formulierenden Theorie beschrieben werden kann. Solange unsere Theoretiker diesen Weg noch nicht gefunden haben, verlieren sie sich in mathematisch unübersichtlichen Konstrukten, die einige von ihnen ein Leben lang wie einen Irrgarten nicht verlassen (können oder vielleicht sogar wollen?). Die gute und richtige Beschreibung ist dann das Wesentliche, was eine einfache Wahrheit offenbart, eben das im Politischen „populistisch“ Genannte.

– Prof. Dr. Andreas Wiek (Bochum)