Wahlkampf ist keine Seminararbeit

Der AfD-Sptzenkandidat tut, als sei Wahlkampf eine Seminararbeit, wo man Thesen in den Raum stellt. Wahlkampf ist etwas anderes.

Alexander Gauland ist wieder in den Schlagzeilen. Wieder mit einer „Provokation“. Wieder scheint er zu tun, als hätte er missverstanden, was Wahlkampf ist. Wieder klingt es nach Extra-Rechts, und zwar nicht nur jenen Linksgläubigen, für die alles rechts von Göring-Merkel-Eckardt schon als extrem gilt.

Nein, diese Äußerung von Gauland hat auch für uns Frauen und Männer der Mitte ein verdorbenes Gschmäckle.

Diesmal handelt es sich um Aussagen zur Gesamtbewertung von Drittem Reich und der Wehrmacht. „Wir“ hätten das „Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. (Quelle: Welt)

Gauland sagte dies bei einem „Kyffhäuser-Treffen“ der AfD in Thüringen, also einer nach erstem Augenschein eher internen Veranstaltung. Ans mediale Tageslicht wurde es gebracht von Buzzfeed, einer Internetpublikation, die übrigens gerade auch Artikel bringt wie 9 Bezeichnungen für BHs, die so viel passender sind, aber auch 100 Fotos von Christian Lindner in schwarz-weiß, sortiert nach ihrer Hotness. Nun gut, was auch immer man von Seriosität und Neutralität dieser Publikation hält, jene Aussagen Gaulands sind mit Video belegt.

Nach Veröffentlichung dieser Sätze setzten die üblichen Reflexe ein.

Erstens: Leitmedien wie Welt, FAZ, Zeit etc. griffen es auf. Ein weiterer AfD-Skandal. Immerhin: Anders als bei den wackligen Boateng-Vorwürfen kann man der Empörung hier durchaus Substanz bescheinigen.

Zweitens: Gauland-nahe Politiker und Social-Media Accounts suchten nach Spin, um diese Äußerungen Gaulands zu relativieren.

Prominent dabei, wieder, Erika Steinbach. Sie setzte eine Reihe von Tweets zum Thema ab, etwa diesen: „Alle die gerade über Gauland herfallen, sollten diese Zitate verinnerlichen, ehe sie sich in unübertroffenem deutschem Sündenstolz baden!!“ Teil dieses Tweets war ein Screenshot von 3 Zitaten anerkannter Vordenker, die dazu aufforderten, auch positive Leistungen deutscher Soldaten zu würdigen, namentlich Francois Mitterand, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker.

Wären Frau Steinbach und Herr Gauland nicht Profis, hätte man vermuten können, dass sie hier einem Denkfehler zum Opfer fallen. Da sie aber Profis sind, könnte man ihnen vorwerfen, hier bewusst falsch zu verstehen, was Wahlkampf ist.

Wenn ein Denker einen öffentlichen Denkbeitrag leistet und als Randnotiz innerhalb einer langen Rede oder gar eines Aufsatzes eine Forderung in den Raum stellt, dann ist das in der Qualität etwas ganz anderes, als wenn ein Partei-Spitzenkandidat dies in einer Rede (egal wo) innerhalb der Wahlkampf-Zeit tut.

Ein solcher Absatz einer geschichtlichen Rede (oder eines Talkshow-Auftritts) außerhalb des Wahlkampfs wird implizit eingeleitet mit: „In einer ruhigen Minute könnten wir auch abwägen, ob…“

Jede Aussage im Wahlkampf wird dagegen implizit eingeleitet mit: „Wählen Sie mich, wenn Sie ebenfalls dieser Meinung sind und wenn Ihnen diese Angelegenheit ganz dringend auf dem Herzen liegt. Wer mich wählt, für den sind meine Aussagen ein Teil seiner vordersten Identität.“

Wenn Gauland innerhalb des Wahlkampfs dazu aufruft, die deutsche Schuld weniger und die „Leistungen“ der Wehrmacht mehr zu betonen, dann ist das keine historische Randbemerkung. Jede Rede im Wahlkampf ruft Menschen auf, den Kandidaten zu stützen, diese Forderungen nach Berlin zu tragen.

Wer Gauland wählt, der sagt durch sein Kreuz, ihm seien diese Aussagen extra wichtig und es treibe ihn als Wähler nachts um, dass die Wehrmacht wieder positiver bewertet wird.

Dies ist der Punkt, wo „bürgerliche“ Wähler mit dem Kopf schütteln.

Wahlkampf ist keine Seminararbeit. Im Wahlkampf geht es nicht um historische Thesen, Randbemerkungen und Fußnoten.

Im Wahlkampf geht es um eine einzige Frage: Welchem Kandidaten ist extra wichtig, was mir extra wichtig ist?

Wir werden sehen, wie vielen Wählern wichtig ist, was Herrn Gauland wohl wichtig ist.

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