In der Zukunft ist alles ironisch gemeint

„Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten“, schrieb Karl Kraus in der Fackel. Es wird Zeit gemeinsam wieder die Kunst der Ironie zu üben.

Es war 1993, wir waren zu einem Roadtrip durch die USA aufgebrochen. Ein Freund, der sich bereits länger in den Staaten aufhielt, erzählte uns beim Burger-Essen: „Dieses Internet, das ist heiß, das müsst ihr euch anschauen!“ – Heute muss ich lachen, wenn ich an das Gespräch zurückdenke.

Meine Kinder werden nicht die Freiheit kennen, die wir damals im frühen Internet gefunden zu haben glaubten. Heute sind wenig helle Mächte am Werk, die Freiheit des Internet wieder einzuhegen. Mitten im Wahlkampf der Bundestagswahl hat die deutsche Regierung das Netzwerkdurchsetzungs-Gesetz beschlossen. In Amerika scheint Google geradezu stolz darauf, dass Videos auf YouTube demnächst durch eine Kommission von Geschmackskontrolleuren bewertet werden. „There is a war“, sang Leonard Cohen.

„Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten“, schrieb Karl Kraus in der Fackel.

Wer in der Zukunft sich äußern will und dabei nicht nur dem öffentlich genehmigten Zeitgeist ein lautes „Hurra!“ nachzubrüllen gedenkt, der muss wieder dem Zensor einen Schritt voraus sein.

Codes können decodiert und geheime Winke können gedeutet werden. Eine elegante Ironie wird aber nur durch Kontext verstanden. Vor allem aber ist Ironie noch immer bestreitbar.

Nun, auf: Alles kann gut werden, der Karren ist nicht im Dreck festgefahren und die Räder sind nicht abgefallen. Wenn im September gewählt ist, ein Ergebnis das jetzt noch gar nicht abzusehen ist, dann ist das in jedem Fall ein Grund zur großen Freude. (Man könnte fragen, für wen, aber das wäre schon wieder wenig ironisch.)

Die einen sagen, Deutschland würde sich ändern und sie freuten sich darauf. Andere sagen, Deutschland würde Deutschland bleiben, mit allem, was uns lieb und teuer sei. Ich glaube beiden, und bleibe optimistisch, denn Optimismus ist erste Bürgerpflicht.

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