Kleine Taschentheorie des Glücks

Was ein Besuch im Bayerischen Wald uns über Glück und relevante Strukturen lehrt, von Elisabeth Wegner. 

Die Sommermonate verbringe ich dieses Jahr mit meinen Kindern im Bayerischen Wald bei ihren Großeltern und ihrer Urgroßmutter.  Es ist mein erster ausgedehnter Besuch in Bayern. Der weißblaue Himmel meint es gut mit uns. Wildfremde Menschen grüßen freundlich lächelnd auf der Straße mit „Grüß Gott!“ oder auch „Grüß Di!“. Gerade eben wurde der Landkreis Regen mit dem Prädikat „Fairtrade-Landkreis“ ausgezeichnet, wie mir unter anderem der Bayerische Rundfunk erfreut verkündet.

Die Wiesen werden selten gemäht. Wegen der Bienen. Es gibt unzählige Imker und Hobbyimker in der Gegend. Kleine Ortschaften werden mit Mitsprache der Einwohner erneuert, nach altem Vorbild, mit Dorfplatz, zum Treffen. Jedes Wochenende findet in einem anderen Städtchen ein Stadtfest statt, wo sich die lokalen Vereine und Gastronomen vorstellen. Im kleinen Park um die Kirche sitzen Flüchtlinge auf Bänken und lesen Bücher in deutscher Sprache. Ich verspüre ein integratives Knistern. Auffallend ist die Anzahl der Familienbetriebe in x-ter Generation. Irgendwas machen sie richtig hier.

Wer Dushans Blog mit etwas Aufmerksamkeit verfolgt, wird bereits auf das zentrale Konzept der relevanten Strukturen getroffen sein. Wir alle sind eingebunden in Strukturen, unser Körper, unser Geist, unsere Familien, unser Job, unsere Stadt, unser Land, unser Planet. Mit jeder Handlung oder Nicht-Handlung, die wir ausführen, können wir einige dieser Strukturen schwächen oder stützen. Beispielsweise mag das Stück Sahnetorte, was ich am Seeufer verspeise, meinem Körper ein Stirnrunzeln entlocken, während es für mein psychisches Wohlbefinden genau das ist, was jetzt Not tat. Oder die Extrastunde, die ich im Büro vor mich hinwerkele, mag ein zufriedenes Lächeln beim Chef hervorrufen, während mein Partner und meine Kinder zu Hause sitzen und mich vermissen.

Glücklich, richtig zutiefst glücklich bin ich, so unsere handliche Taschentheorie, wenn es mir gelingt, meine relevanten Strukturen so anzuordnen, dass ich mit jeder meiner Handlungen alle Strukturen, in die ich eingebunden bin, stärke – konzentrische Kreise, quasi.

Dazu suche ich mir vielleicht eine Arbeit, die mich nicht nur finanziell absichert, sondern die mir auch sinnvoll erscheint, die es mir vielleicht ermöglicht meine Familie mit einzubeziehen. Vielleicht engagiere ich mich ehrenamtlich, vielleicht gemeinsam mit meiner Familie, so dass aus gesellschaftlicher Teilhabe auch gleichzeitig Familienzeit wird. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Das schönste Beispiel, was ich bisher in diesem Urlaub entdeckt habe, ist die Gläserne Scheune bei Viechtach. Rudolf Schmid sen., von Beruf Glasmaler, hat diese Scheune über Jahre hinweg zu einem magischen Ort geformt. Liebevoll illustriert sind einige der lokalen Erzählungen festgehalten, etwa die vom Mühlhiasl oder die vom Räuber Heigl. Seine drei Kinder haben bei ihm ihre Lehre zum Glasmaler absolviert und sind alle drei ebenfalls künstlerisch tätig und an der Gläsernen Scheune mitbeteiligt.

Eine kurze Betrachtung anhand von relevanten Strukturen erklärt das Strahlen in den Augen Familie Schmid.

Sie haben es geschafft:

  1. Sie gehen einer Arbeit nach, die Freude macht, die sie in ihren Bann zieht, die Bleibendes und Wunderschönes hervorbringt.
  2. Sie arbeiten als Familie an etwas richtig Großem, was einer allein in dieser Form wohl nicht schaffen könnte.
  3. Sie bereichern ihr Städtchen, in dem sie eine der Haupt-Touristenattraktionen beigesteuert haben.
  4. Sie erhalten das Bewusstsein für die lokale Geschichte. Ein Bilderbuch-Beispiel, im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf ihrer Webseite könnt ihr übrigens ein 360 Grad Panorama der Scheune bewundern. Und wenn ihr mal in der Gegend seid, schaut es euch vor Ort an. Diese Familie hat ihre relevanten Strukturen tatsächlich konzentrisch angeordnet.

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